Full text: Arbeiter-Jugend - 8.1916 (8)

 
 
  
 
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Preis der Einzel «Nummer 16 Pfennig. 
Nr. 8 | 
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Eingetragen in die Poſt - Zeitungsliſte. 
Hic Rhodus! 
Zur Sc<hulentlajjung. 
anf 1 forinthiſcher Tänzer, der von einer Gaſtſpielrei)e ZzUrüc- 
RY, Tchrte, wußte ſeinen Freunden und Berufskollegen nicht 
„ genug von den wunderbaren Erfolgen zu erzählen, die er 
„da drainßen in der Provinz“ davongetragen habe. Zumal auf der 
Anſel Rhodo38 ſei er wie ein Gott geehrt worden. Er habe aber 
auch wie ein Gott getanzt. „Weißt Du wa3,“ wandie ein etwas 
ſpöttiſch dreinſchauender Zuhörer ein, „dies wenigſtens könnteſt 
- Du 1138 vormachen. Nimm an, hier, der Marktplaß von Korinth, 
iet Rhodo8. Und nun tanze „wie ein Gott!“ 
Das Anekdöthen iſt uns in römiſcher Faſſung überliefert, 
und die „Moral“, auf die e3 hinausläuft, formulierten die Römer, 
die ſchon im Altertum gern Sprüche machten, in den kurzen Saß: 
Hic Rhodus, hic Salta -- hier (iſt) Rhodu3, hier tanze! Und 
bi38 auf den heutigen Tag pflegt man" einem, der uns mit jeinen 
vergangenen Taten in den Ohren liegt, oder der kein Ende findet, 
uns au8zunmalen, was er alle3 tun würde, wenn die Situation 
 
 
ander3 wäre =- einem ſolchen pflegt man heute noc< in die Parade - 
zu fahren mit dem tro>enen Römerwort: Hic Rhodus! -- 
Als im Jahre 1908 die meiſten der damals exiſticrenden 
Vereine der Arbeiterjugend ſich auflöſten zugunſten der großen, 
ganz Teutſ<land umfaſſenden Jugendbewegung, die von ver 
fozialdemokratiſchen Partei und den Gewerkſchaften in3 Leben ge- 
rufen wurde, da ließen manche unſerer damaligen Freunde den 
Ropf hängem. E38 waren nicht die ſchlechteſten unſerer Jungen, 
die nur widerſtrebend das verheißung3volle Werk, das jie zum 
größten Teil ſelbſt geſchaffen hatten, in andere Bahnen gleiten 
ſahen. Aber die Notwendigkeit gebot den Schritt, und wer von 
dieſer Notwendigkeit im jenen erſten Anfängen unjerer neuen 
Zugendbewegung nicht überzeugt geweſen war, dem wurde der 
Star geſtochen, al8 die preußiſche Regierung in den folgenden 
Jahren dic noch beſtehenden Jugendvereine bis auf einen gering- 
fügigen Roſt einen nach dem andern auflöſte. Der proletariſchen 
Jugendbewegung iſt bekanntlich die neue, vereinsloſe Form au8- 
gezeichnet befommen. Nicht zum wenigſten dank dem Eifer und 
der Pflichttreue jener „Jugendvereinler“, der freiwilligen wie der 
ziwangsweiſe aufgelöſten, hat ſie in der Zeit vor dem Krieg jenen 
Aufſtieg genommen, auf den wir jede3 Jahr, wenn ünſere Zentral- 
ſtelle die Zahl unſerer Anhänger bekanntgab, aufs neue ſtolz 
waren ind ſtolz zu ſein alle Urſache hatten. Nichtsdeſtoweniger 
gab c3, beſonders in den großen Städten Norddeutſchlands, zu 
allen Zeiten, auch dann, als 28 uns8 am beſten ging, vereinzelte 
Kameraden, die die Erinnerung an ihren Verein nicht verwinden 
konnten. Hielt man ihnen die erreichten Erfolge vor, ſo meinten 
ſie: Ja, wenn wir unſern Verein noc< hätten, ſtänden wir noch viel 
beſſer da. Selbſtändigkeit, Selbſtverwaltung, ſagten ſie, iſt das 
Element der Jugend, und die Erwachſenen, die uns jetzt ſoviel 
in unſere Sachen dreinreden, können höchſtens den jugendlichen 
Feuereifer dampfen. | 
Die IJrrigkeit dieſer Anſicht ſoll heute nicht weitläufig nach- 
gewieſen werden. E38 genüge, daran zu erinnern, daß vie Vereine 
ja nicht „aus Pläſier“ aufgegeben wurden, ſondern aus Not, weil 
eben cine vom ſozialiſtiſchen Geiſt getragene Jugendbewegung 
-- und nur auf eine ſolche kann e8 der organiſierten Arbeiterſchaft 
anfommen =- in Vereins8form nicht möglich war. Und auch das 
fei nur kurz erwähnt, daß der beiſpielloje Aufſties unſerer Be- 
wegung nicht nur dem Eifer der Jungen, ſondern in mindeſtens 
gleichen? Maße der Mitarbeit ſo zahlloſer Erwachſener, die ſich 
Berlin, 8. April 
  
Expedition: Buchhandlung Vorwärts, Paul 
Singer G. m. 8. H, Lindenſtraße 3. Alle ZuU- 
ſchriften für die Redaktion ſind zu richten 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW. 68 
 
1916 
unferer Jugendbewegung ovferwillig widmeten, und nicht zulezt 
auch den gewaltigen Mitteln zu danken war, die die orgamſierte 
Arbeiterſchaft der Bewegung zur Verfügung ſtellte. Bloß er- 
innert ſoll, wie geſagt, an dieſe Dinge werden. Nichts vergißt 
ja der Menſc< leichteren Herzen3, als wa38 er anderen ſchuldet. 
Worauf wir in dieſem Zuſammenhang den Nachdru> legen, iſt 
vielmehr folgendes: 
E3 kam der Krieg; und mit ihm war dem unauſhaltfamen 
Aufftieg unſerer Jugendbewegung ein Ziel geſeßt. Das ging 
nicht un3 allein ſo, auch die ſtarken Organijationen der kon- 
feiſionellen Jugendbewegung haben unter dem jetzigen Au3- 
nahmezuſtand fſ<wer zu leiden. In immer ſteigendem Maße 
wurden im Laufe dieſer lezken Monate unſferer Bewegung die 
älteren Leiter und Führer durch die Einberufung entzogen. 34, 
auch zahlreiche Zugendfameraden, die als Siebzehn- bis Achizehn- 
jährige zu Beginn des Krieges die Kerntruppe unſerer Anhänger 
gebildet hatten, ſind na<Ggerade zu den Fahnen gerufen worden. 
Man darf beinahe ſagen, und an manchen Orien iſt es cine blanke 
Tatſache, daß wir jezt eine Jugendbewegung fair ohne 
Erwachſene haben. Und nun merki Ihr wohl, worauf? ein- 
gangs das griechtſ<e Anekdöotlein und jpäier die Crinneriung ait 
die Jugendvereine abzielten: Das „Dic Rhodus, Dic 
<Salta"“äiſt hentedie Situation unferer Jugend- 
bewegung. 
Ihr alle, die ihr euren felbſtändigen Vereinen nachtrauert, 
Jollt jekt zeigen, was ihr könnt. Selbijtändig ſeid ihr heute in 
unſerer Nugendbewegung, joweit ihr den Mut und die Kraft habt, 
ſelbſtändig zu ſein. Eure erwachſenen Freunde werden euch an 
der Arbeit nicht hindern; fic verrichten jezt andere Arbeit, drüben 
in Flandern und in der Champagne, droben in Kurland, drunien 
in Polen und Galizien bis hinab zu den Tälern des Wardar in 
Mazedomen. 
In der Tat, ein „NRhod1us“ habt ihr =- e3 kommt bloß darauf 
an, ob ihr tanzen wollt . . . oder könnt. Das Rhodus, die Auſ- 
gabe, die unſerer Jugendbewegung geſtellt ii, ſind die ungezählten 
Scharen unſerer Jugendkameraden, die der Bewegung nod) fern 
ſtehen und die gewonnen werden ſollen. In dieſer ihrer wichtig- 
ſten Aufgabe wird unſere Jugendbewegung durch den Krieg durch- 
aus nicht matt gefeßt, das Hauptziel unſerer Bewegung liegt im 
Bereich unferer Hände heute wie vor dem Krieg. Nach oben allor- 
ding38, ſozuſagen in der Spiße der Bewegung, wo dieſe in die 
älteren Jahrgänge unſerer Kameraden und die uns nabeſtehenden 
Kreiſe der Erwachſenen ausläuft, bröckelt unſer Beſiand durch die 
Einberufungen immer mehr ab. Aber in mindeſtens domjelben 
Umfang wachſen der Bewegung von unten, aus den jüngeren 
Jahrgängen, fortwährend neue Anhänger zu. Freilich, „ZU- 
wachſen“ iſt kaum der richtige Ausdruk: dieſe Anhänger wollen 
durch planmäßige Arbeit, durc< unſeren Eifer, durc unjer Ge- 
Ichi, gewonnen werden. 
Gerade jeht, zur Zeit der Schulentlaſſung, muß dieſe 
Werbearbeit zur Ergänzung unſerer Reihen, zur Rekrutierung 
unſerer Bewegung mit beſonderem Nac<hdru> betrieben werden. 
Ueberall in Stadt und Land, im kleinſten Neſt wie in der Jn- 
„duſtriemetropole, treten Dußende, Hunderte, Tauſende, Zehn- 
tauſende proletariſcher Jungen und Mädchen ins werktätige Leben 
ein. Werden dieſe unüberſehbaren Scharen nicht in unſere Reiben 
geleitet, ſo fallen ſie den rührig agitierenden bürgerlichen Vor- 
einen zu und ſind nicht nur jekt für die freie Jugendbewegung, 
- fondern vielleicht auf immer für die Sache ihrer Klaſſe, des um 
Freiheit und Kultur kämpfenden Proletariats verloren.
	        
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