Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

 
   
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Nr. 13 
Gibk es gemeinſame Wege? 
u haſt al38 kleines Kind einen großen Teil deiner Zeit auf 
D „der Straße und auf Spielplätzen, auf den ſelbſtgeſuchten 
Ww und auf den öffentlichen, zugebracht. Deine Spielkameraden 
“und -Fameradinnen waren Kinder au38 den Nachbarhäujern und 
Nachbarſtraßen; zumeiſt waren e3 Arbeiterkinder, wie du auch eines 
warſt, wohl au< Kinder von Keinen Beamten und Geſchäftsleuten, 
vereinzelt wohl auch von wohlhabenden Leuten. 
Sind die Kinder waren, ob ihre Väter religiö3 oder nicht religis8 
waren, ob ſie eine ſozialdemokratiſche Geſinnung oder eine liberale 
oder eine katholiſche oder eine konſervative 9der gar keine hatten, 
danach haſt du nicht gefragt, und dana< haben die andern nicht 
gefragt. Ihr habt euch im kindlichen Spiel gefunden, habt euch 
vertragen, habt euc< geſhlagen, und oft genug waret ihr Kinder 
verſchiedenartigſter geiſtiger Abſtammung untereinander die di>- 
ſten Freunde. Seid e3 auch oft genug im ſpäteren Leben geblieben. 
- Dann biſt du in kie Schule gekommen. Hier war e3 ähnlich 
wie auf dem Spielplaß. Links neben dir ſaß der Sohn eines 
Krämers3, der bei der Wahl. einem liberalen Kandidaten ſeine 
Stimme gab; recht8 von dir ſaß der Sohn- eines ShußmannS, 
der konſervativ wählte; vor* dir und hinter dir ſaßen die Söhne 
- von Fabrikarbeitern und Maurern, die ſozialdemokratiſch wählten. 
Vielleicht j<lug in Wahlzeiten einmal eine kleine politiſche Spriß- 
-. welle bis in „eure Schulſtube und bis auf. den Schulhof und ver» 
Ulſächte. daß. ihr euh:etwas higiger indie Daare- gerietet als ſonſt. 
- Aber im allgemeinen ſpieltet ihr miteinander und 'verfehrtet ihr 
miteinänder, ohne daß da3 politiſche oder religiöſe Glauben3=- 
befennini8 eurer Väter oder die größere oder geringere Leiſtung3- 
fähigkeit der väterlichen Geldtaſchen dabei irgendwelche Rolle 
ſpielte. 
lieben ShHulfameraden und Freund, dem dieſe enge Berührung 
mit euc< und eurem Elternhauſe auh für ſein ſpätere3 Leben 
nicht geſ<adet hat. Oft genug hat dieſe Freundſchaft au< noch 
- Jpätere Jahre überdauert. . 
Als die Schulzeit beendet war, kamſt du in die Lehre oder in 
die Fabrik oder auf den Nolwagen. Wieder konnteſt du dir deine 
Arbeit3kameraden nicht auSwählen. Wieder waren unter ihnen 
alle Schattierungen vertreten, wie auf dem Kinderſpielplaß und 
in der Schule. Und ebenſo war es in der Fortbildung8- und 
Fachſ<ule. | . 
Aber bis dahin warſt du immer mehr oder weniger der Ge- 
ſHobene. Du mußteſt mit dem zufrieden ſein, wa38 der Zufall 
neben dich ſtellte. Du konnteſt nur in beſcheidenem Maße ſelber 
wählen. Jett aber, nach der Schulzeit, da hat auch deine eigene 
Perſönlichkeit ihr Recht, da haſt du freie Stunden an Werktagen 
. und noGH mehr an Sonn- und Feiertagen, über die du ſelbſtändig 
verfügen kannſt. Da haſt du das Recht, die eigene Kameradichaft 
zu ſuchen, dich Vereinigungen anzuſchließen, zu denen du nach 
deiner eigenen Ueberzeugung und Entſc<eidung zu gehören glaubſt. 
Und jekt trennen ſich die Wege. Der Shußmannsſohn ſc<ließt ſich 
- Dem evangeliſchen Jünglings8verein an, der Sohn des Krämers3 
tritt dem Jungdeutſ<landbund bei, du aber trittſt in die freie 
Zugendorganiſationzund :in die Jugendſektion deiner Gewerkſchaft 
ein. Sie entſprechen den Geſinnungen, die du von Kind an in 
dich aufgenommen haſt, teils unbewüßt, indem der Geiſt deines 
Vaterhauſes auf dich wirkte, teils bewußt, indem dein Vater und 
deine Mutter und deine älteren Geſchwiſter oft genug mit dir in 
dieſem Sinne geſprochen hatten. | .- 
Jett triffſt du aber gelegentlich wieder mit deinen: Schul- 
kameraden, die andere Wege gegangen ſind, zuſammen. Jhr er- 
Berlin, 29. Juni 
We3 Geiſtes. 
Oft genug fandet ihr in dem Sc<hußmannsſohn einen - 
„fragſt du. 
 
 
Expedition: Buchhandlung Vorwärts, Paul 
Singer G. m. b. H, Lindenſtraße 3. Alle Zu- 
ſchriften für die Redaktion ſind zu richten 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW. 68 
1918 
 
zählt euch gegenſeitig, was ihr tut und treibt und wo und wie ihr 
nach de8 Tages Laſt und Arbeit eure freien Stunden verbringt. 
Und ſiehe da, du hörſt, daß der andere vieles ebenſo macht wie du. 
Er geht in ein Jugendheim, wo Zeitungen und Zeitſ<riften au3- 
liegen, wo Geſellſ<aftsſpiele zur Verfügung ſtehen, wo gejungen 
und geſcherzt wird, wo aber auch von Zeit zu Zeit Vorträge ge- 
halten werden. Oder er geht wie du in den Turnverein oder auf 
'den Spielplaß. Und er wandert Sonntag38 mit anderen jungen 
Freunden hinaus in die Natur, badet die Sinne in frijcher Luft 
und ſammelt Kraft für das Fronwerk der Woche. 
Da iſt dir vielleicht ſ<on oft der Gedanke gekommen: warum 
muß das alles getrennt ſein? Könnten wir nicht in dasſelbe 
AJügendheim und in dieſelbe Turnhalle und auf denjelben Spiel- 
plaß geben? No< dazu, wo die andern viel ſhönere Heime und 
Hallen: und Plätze haben? . 
Du haſt ſicherlich den Gedanken ebenſo ſ<nell wieder ver- 
worfen wie er dir gefommen iſt; denn wenn du dir wirklich ſelber 
noh nicht völlig darüber klar geworden ſein ſollteſt, warum die 
Trennung iſt, ſo ſc<hließeſt du einfa; und mit Recht aus dem 
Umſtand, daß deine Eltern und älteren Freunde getrennte ECin- 
richtungen geſchaffen haben, daß es eben aus triftigen Gründen 
wohl ſo ſein muß. | | 
Und dennoch hatte deine Frage ihre Berechtigung. E3 brauchte 
in der Tat nicht zu ſein, daß auf allen Gebieten der Zugendbewe- 
-.gung folche ſcharfe Trennung: aufrechterhalten wird. . Daß ſie ein- 
"mal da iſt, liegt an politiſchen und geſellſchaftlichen Urſachen, liegt 
an der ungleichen und ungerechten Behandlung, denen die Ar- 
beiterbewegung, zu der dein Vater gehört, aus8geſe8t war und zum 
Teil noG auS8geſeßt iſt, liegt daran, daß man verſuchen wollie, 
euch Arbeiterjungen und -mädc<hen dur< die bürgerliche Jugend- 
bewegung euren Vätern und ihrer ſozialiſtiſchen Weoltanſchauung 
abwendig zu machen. Auf Gebieten aber, auf denen dieſe Urſachen 
der Trennung keine Rolle ſpielen, iſt auch eine gemeinſame Arbeit 
für manche Gebiete der Jugendbewegung möglich. Ja, ſie iſt f9gar 
wünſchen3wert, weil dann dur<g Zuſammenfaſſung der Kräfte 
viel mehr und viel beſſere3 geleiſtet werden kann, als wenn ſich 
die einzelnen Vereine ſelber helfen müſſen. 
Wenn die Gemeinde ein Jugendheim einrichtet oder, fall8 
e3 eine größere Stadt iſt, gleich mehrere, ſo können wir uns geri 
daran beteiligen, ſobald uns Gewähr geboten wird, daß es in 
dieſem Jugendheim ganz gereht und unparteiiſc; zugeht und Die 
ſozialiſtiſ<e Arbeiterbewegung nicht im ſtillen oder von hinten 
- berum bekämpft wird. Wenn gemeinſame Turnhallen und Spiel- 
pläße geſchaffen werden, die unparteiiſcher, gemeinſamer Leitung 
unterſtehen, ſo können ſie zwe>dmäßiger und ſ<öner eingerichtet 
werden, als wenn wir mit unſeren eigenen, ſ<wächeren Kräften ſie 
ſchaffen müſſen. Daß du aber in gemeinſamen Jugendheimen und 
Turnſälen mit Jünglingen und Mädchen anderer Weltanſchauung 
zuſammentriffft, iſt kein Schade, jo wenig wie einſt auf der Schul- 
bank oder jeßt im Jabriffaal, ſofern nur von oben her kein Einfluß 
ausgeübt wird. Wenn ihr euch untereinander unterhaltet und 
die Güte und Richtigkeit eurer werdenden Geſinnungen anein- 
ander erprobt, ſo iſt das nur zu begrüßen. Jhr lernt euch kennen. 
die fremde Geſinnung achten, und eure eigene werdet ihr bei jol- 
<4en Kämpfen nur befeſtigen. 
Aber iſt dann die eigene Jugendbewegung nicht überflüſſig? ſo 
O nein, im Gegenteil! Gerade aus ſolchen Auzein- 
anderſegungen werdet ihr offene Fragen mit heim bringen. Außer- 
dem braucht ihr Rat und Hilfe für den Aufbau und die Feſtigung 
eurer eigenen Weltanſchauung. Da3 kann euch nur die eigene 
  
 
 

	        
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