Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

dern. 
8 Arbeiker-Jugend 
veiligung, des Alkoholverbot3, den Widerſprueß ohne 
weſentliche Unterſtüzung von anderer Seite allein aushalten mußten. 
Für uns iſt an dieſen Erklärungen nur wichtig, daß eine gegneriſche 
. Jugendorganiſation, die biSher im großen und ganzen herzlich unbe- 
deutend war, nunmehr beträchtliche Lirc<hliche Unterſtüßung finden ſoll. 
[SEI Aus der Jugendbewegung [585] 
 
 
  
Die „Wilden“, 
Hier iſt nicht von den verehrten Mitmenſchen die Rede, die im 
Innern Afrikas.und auf den Südſceinſeln ihr Leben lang nichts anderes 
zu tun brauchen als Luft- und Sonnenbäder zu nehmen. Wir ſprechen 
jeßt von „wilden“ Europäern. JInde3 nicht von denen, die fic draußen 
auf den Schlachtfeldern mit 'Mordwaffen zerfleiſchen, ſondern von 
„Wilden“, die täglich mit uns zuſammenleben. Von welchen alſo? 
Wenn im Deutſchen Reichstag ein Abgeordneter ſich keiner der Pars 
teigruppen anfchließt, die dort Fraktionen heißen, ſo nennt man den 
Mann parlamentariſch einen „Wilden“, Er ſteht außerhalb der Frak- 
tionen, wie der Wilde im fernen Afrika außerhalb des Kulturkreiſes der 
Ziviliſation. =- Wenn ein Turnverein ſich nicht den großen Verbänden 
cingliedert, die ſich über das ganze Reich erſtre>en, ſo iſt er ein „wilder“ 
Verein. =- Wenn junge Wanierer nicht zu irgendeinem geordneten 
Wandervogelhund oder zu einer ſonſtigen Vereinigung mit feſten Wan- 
derregeln gehören, ſo ſind dies „wilde“ Wandervögel. Leider benehmen 
ſie ſich oft genug in Wirklichkeit wie Wilde. 
Solche „Wilde“ ſind jeht gemeint. Sie treiben ihr Weſen in iden 
wilden Turn= und Sportvereinen, Freumdſchaftskreiſen und Unterhal- 
tungsklub3, und wie ſonſt die Vereine für Kraftverwüſtung und Geld= , 
verſchwendung heißen. Anſtatt der Freien Jugend ſich einzureihen, die 
alles bietet, was Burſchen amid Mädchen an Erziehung und Erholung für 
Körper und Geiſt ſich wünſchen können, tummeln ſich allzuviele junge 
Leute in wilden Vereinen. Die haben wir aufs Korn zu nehmen, 
Zu iden Wilden in fernen Ländern gehen Iriſtliche Miſſionare, pre- 
digen ihnen aus der Bibel vor, taufen ſie und nehmen ſie in die Kirche 
auf. Ueber den Wert dieſer Bekehrungsarbeit ſind die Meinungen fehr 
verſchieden, aber (das geht uns hier nicht8 an. Um ſo mehr muß uns die 
Methode ihre8 Vorgehens vorbildlich ſein. Wir müſſen die „wilden“ 
jungen Leute aus ihren Sumpf- und Klimbimvereinen herausholen und 
der „freien Jugend“ zuführen. So müſſen wir alle Miſſionare und 
Miſſionarinnen unſerer großen Sache ſein, Ungezählte „Wilde“ ſind noch 
zu unſercr Ueberzeugung zu „bekehren“, zahlloſe konnen aunſere Jugend 
bewegung nicht einmal dem Namen nach, und wenn ſie davon hören, 
können ſie ſich nichts Rechtes darunter vorſtellen, Ueberall auf der Ar- 
beitsſtätte und in der Fortbildungsſchule kommen wir an ſolche „Wilde“ 
heran. Predigien brauchen wir ihnen nicht zu halten, Llber reden wir 
mit ihnen von unſerer Jugendbewegung und ihrer Zeitung, nehmen wir 
ſie mit zu uns und q1achen wir ſie aus „Wilden“ zu Organiſierten, zu 
Anhängern unſerer Bewegung! 
Die Jugend tut nicht mehr mit! 
Da3 darf man von der militäriſchen Vorbildung der Jugend im 
vierten Krieg3winter behaupten. Von allen Seiten kommen Klagen, 
daß die einſtige Begeiſterung für die militariſtiſche Jugenderziehung 
nur ein Strohfeuer geweſen ſei. Aus faſt allen Lande3tcilen wird Über 
Rückgang der: Teilnehmerzahlen geklagt, und dies troß der mannige- 
fac<ßen Vergünſtigungen,'«die dew Teilnehmern beim Eintritt in das 
Heer in Ausſicht geſtellt werden. Der Kern der militäriſchen Jugend- 
fompagmien beſteht wohl überhaupt mur noch aus höheren Schülern. Den 
jungen Arbeitern treibt ſchon die überlange Anſpannung in der Muni- 
tionöSinduſtrie und die knappe Ernährung die Luſt an vorzeitigen mili- 
järiſchen Strapazen aus. Gin Major 3. D, F. Brandenburg in 
Minden in Weſtfalen veröffentlicht jeht Vorſchläge über eine „Neus= 
belebungdermilitäriſchen Vorbildung der Jugend“. 
Er ſtellt ihnen folgende Bemerkungen voran: 
„Wir ſtehen im vierten Kriegs8jahr und können uns nicht ver- 
behlen, daß die Schwierigkeiten, gegen die unſere Sache zu kämpfen 
hat, während des Kriegs gewachſen ſind, Faſt überall im Reich iſt ein 
Abflauen der Jugendbewegung feſtzuſtellen. . . . Seit 1915 haben 
ganze Jugendkompagnien ihre Tätigkeit eingeſtellt, Gründe für dieſe 
bedauerliche Tatſache ſind: Nachlaſſen der Begeiſterung, EGinberufungen 
der Führer, Ausbilder und Jungmannen der älteren Jahrgänge der 
Jugendabteilungen zum Heer und zum Hilfsdienſt, Arbeitsüberlaſtung 
in der Landwirtſchaft, in der Induſtrie, im Handel und Gewerbe, . 
Die Haupturſache für den bedauerlichen Nüdgang in der Zahl und in 
der Teilnahme der Jungmannen an den Uebungen beſteht aber darin, 
daß die Jugendlichen ſelbſt ihre freie Zeit hierfür nur ungern opfern 
und ihnen der Zwang und die Diſziplin nicht mehr behagen . . „“ 
Der Krieg hat alſo die anfängliche Krieg8begeiſberung vieler „Jung- 
.; mannen“ toigeſchlagen. Das iſt etwas von dem Wenigen, was uns am 
Krieg gefällt, Wenn der Major Brandenburg, wie angeblich die „geſamte 
Führerſchaft“, die geſebliche Verpflichtung zur Teilnahme an der mili- 
täriſchen Jugenderziehung eingeführt wiſſen will, ſo wird er uns zu ent=- 
ſHiedenen Gegnern haben. 
 
. Eing Aufgabe für. unfere Mädchen. 
Die Löhne der jungen Arbeiterinnen ſind überall geringer als di 
ihrer männlichen Arbeitskollegen. Manchmal erreichen die Mädchen be 
gleicher Arbeitsleiſtung nur die Hälfte des Lohnes. Dieſes Mißverhältni 
iſt fo kraß, daß ſogar die katholiſchen Jungfrauenverein 
dagegen auftreten, die ſich ſonſt nie mit Lohnfragen beſchäftigt haber 
Der Vorſtand des Zentralverbandes der katholijcen Jungfrauenver 
einigungen fordert ſeine Mitglieder auf, ſich dur< Selbſthilfe in wir! 
ſchaftlichen Organiſationen, und zwar in den <riſtlihen Gewerkſchafter 
gegen die Lohndrüderei zu wehren. In allen Betrieben müßten wenig 
itens einige <riſtlich organiſierte junge Arbeiterinnen ſein, um „au 
-.die anderen Arbeiterinnen einen führenden Einfluß zu gewinnen un 
der ſozialdemokratiſchen Agitation wirkſam entgegenzutreten“. Mit Be 
ſorgnis weiſt der katholiſ<e Aufruf darauf hin, daß die freien Gewer] 
ſchaften im Jahr 1914 über 210 000 weibliche Mitglieder hatten, di 
<rijtlichen dagegen nur 25.624. ' 
Wir müſſen leider bezweifeln, daß die Behauptung der katholiſche: 
Jungfrauenvereine, in allen Betrieben ſei ein Stab von unſeren Agi 
tatorinnen, richtig iſt. 'Noch iſt auc<h bei unſeren Jugendgenoſſinnen de 
Mangel an Verſtändnis für die gewerkſchaftlichen Aufgaben bedauerlic 
groß. Wir müſſen ihnen immer wieder ſagen, daß ſie nur dann aus 
reichende Löhne und kürzere Arbeits8zeit erreichen können, wenn ſie ſic 
in den Gewerkſchaften zuſammenſchließen. Die großen freien Gewerl 
ſchaften ſind an Macht und Erfolgen allen anderen Getwerkſchaftsrich 
tungen überlegen, 
* 
Sozialdemokratiſche Jugendbewegung in Livland. 
Aus Riga wird ams geſchrieben: An den revolutionären Kämpfe! 
der Sozialdemokratie Lettlands hat mit den erwachſenen Genoſſen ſtct 
auch die proletariſche Jugend aktiv teilgenommen. Dieſe Kampfge 
noſſenſchaft bewährte ſich in der Revolution vom Jahre 1905, wie auc 
während der ſchweren Neaktion3periode 1907--1910. Doch bekam di. 
Organiſierung der Jugend den Charakter einer Maſſenbewegung erſ 
nach der Revolution de8 Jahres 1917, nach der Einführung der politi 
ichen Freiheiten. Schom unmittelbar im Gefolge der berühmten März 
tage wurde der Sozialdemokratiſche Jugendverban. 
Lettland3 gegründet, der bald eine große Anhängerſchaft in allei 
Teilen lde3 Landes um ſich ſcharte. Kurz vor dem Einmarſch der deut 
ſichen Truppen zählte der Verband 1500 Mitglieder, die in dre 
Bezirksorganiſationen mit 20 Orts8veoreinen verteilt waren. 
Vom 4. bis 5, Juni 1917 tagte in Riga der erſte Kongreß dei 
Verbandes mit 41 anweſenden Delegierten. (Es wurde Über die wichtig 
ſten organiſatoriſchen und politiſchen Fragen verhandelt, u. a, Über dt 
Stellung ide3 Verbandes zum Kriege und über die Zukunft Lettland? 
Ueber die erſte Frage wurde eine Entſchließung angenommen, ldie ſo 
fortigen demokratiſchen Frieden nach der bekannten Sowjetformel, de 
Auffaſſung der Arbeiter= und Soldatenräte, forderte. Jn der andere! 
Frage wurde beſchloſſen, ſich ver Forderung der politiſchen Autonott“ 
(Selbſtändigkeit) Lettland3 in den Grenzen des republikaniſchen Nuß 
lands anzuſchlicßen. Der Kongreß wählte das Zentralkomitee des Ver 
bande8, das eine eigene zweimal wöchentlich erſcheinende Zeitſchrif 
„Darba Jaunatne“ (Arbeitende Jugend) herausgab, die in ide 
Zahl von 3000 Exemplaren gedru>t wurde, Das Zentralkomitce dei 
Verbandes trat auch in Verbindung mit den ſozialiſtiſchen Jugendorga 
niſationen Rußlands. Der Verband entwickelte nun in der kurzen Friſ 
ſeiner freien Exiſtenz nicht nur eine rege Tütigkeit auf dem Gebiet ide 
Selbſtbildung und theoretiſchen Aufklärung, ſondern er beteiligte ſic 
auch aktiv am politiſchen Leben. So entfaltete der Verband eine um 
faſſende Agitation zu iden Stadtduma- und Landtagswahlen, und dt 
jeßt in Rußland alle Bürger von 20 Jahren an das Wahlrecht beſißen 
fo wurden auch mehrere Mitglieder des Verbandes im jene wichtig: 
Körperſchaften gewählt. Die Vertreter des Verbandes beteiligten ſid 
fernex an den Sißungen des Nigaer Arbeiterdelegiertenrat8s. Auch a 
den Maſſendemonſtrationen am 1. Mai und am 13. Juli nahmen di: 
Vereiae des Verbandes teil und gaben als exſte die Loſung de8 allge 
meinen Waffenſtillſtand3 aus. 
Die Beziehungen zwiſchen dem Jugenvverband und der ſozialdemo 
fratiſchen Partei wurden auf den Kongreſſen beider Organiſationen ge 
vegelt. Danach wird der Verband als Beſtandteil der Sozialidemokrativ 
Lettland3 amerfannt, und es wird ihm vie Aufgabe zugewieſen, div 
ſozialiſtiſc<e Jdee unter der proletariſchen Jugend zu verbreiten; ihn 
gehören die jungen Arbeiter vom 14, bis zum 21, Jahre an. Der Ver 
band delegiert ſeine Vertreter zu iden Parteikongreſſen und in das Zen 
iralkomitee der Partei, ., 
Dieſe allſeitige Tätigkeit der Arbeiterjugend Lettlands wurde nad 
dem Ginmarſch der deutſchen Truppemw in Riga eingeſtellt. Die ſozial 
demokratiſche Jugendorganiſation wartet auf die Zeit des Friedens, un 
ihre erſprießliche Tätigkeit wieder aufzunehmen. , 
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/ : INGE SOGSENMEN NA: 
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Aeſthetik (griech, Ton auf der zweiten Silbe), Lehre vom künſtleriſc> 
Schönen. Aeſthetiſch = künjtleriſch ſchön. . 
Enthuſiaſtiſch (griecdh.), hingeriſſen, begeiſtert. 
Kathedräle (griech.), Dom. 
RPhyſiſc< (griech.), körperlich, | 
Problem (griech, Ton auf der Endſilbe), gu löſende Aufgabe. 
Protegieren (frang,.), begönnern, begünſtigen. 
Symbol (griech., Ton auf der Endſilbe), Sinnbild. 
 
   
 
 
 
  
  
 
   
 
 
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Berantivortlich für die Redaktion: Karl Korn == Verlag! Fr. Ebert (Zentralſtelle für die arbeitende Jugend Deutſc<hland3), -- Dru>: Vorwärts Buchdruc>erei u, Verlag3- 
anſtalt Paul Singer & Co. Säumtlich in Berlin,
	        
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