Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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Arbeiter- Iugend 
 
Auch den Dichtern mochte die Eiſenbahn nicht gefallen. Der 
Oeſterreicher Grillparzer ſang: 
„Wir fuhren ſ<nell, nicht aber gut, 
Den alten Weg zum Staatsbankruit: 
Doh kommt man gar zu langſam an, 
Dann baut man eine -- Eiſenbahn!“ 
Auch ſonſt gabs mancherlei Klagen. So entrüſtete man ſich über 
die Grobheit der Schaffner. Die Zeitung „Leipzig-Dresdener Eiſen- 
bahn“ ſchrieb in einer Nummer: „Man wird einſt zu der Einſicht 
kommen, daß cs lächerlich iſt, ſchwere Verbrecher in das Zuchtgaus zu 
ſieden. Man wird ſie 14 Tage lang von Leipzig nach Halle und von 
da zurü& auf der Eiſenbahn fahren laſſen, und für jeden einen 
Gg. Engelbert Graf: 
urman, das klingt ſchon beinahe <ineſiſch; und doch ſte>t 
ein gut deutſches Wort darin. „Murmanküſte", das be- 
doutet „Normannenküſte“. Die Normannen, dieſe unruhigen, 
wagehalſigen Seeräuber des frühen Mittelalters, die alle der Dda- 
maligen Zeit bekannten Meere unſicher machten, tauchten eines Tages 
auch im äußerſten Norden des europäiſchen Feſtlandes jenſeit3 des 
Polarkreiſes auf; und die Art, wie die Eingeborenen den Namen 
der kühnen Seefahrer ausſprachen =- Murman ſtatt Normann =, 
iſt im Namen der Küſte bis auf die . 
 
 
 
 
 
 
vernachläſſigt. Vor allem war aber 
der Verkehr zur See ſo gut wie aus- | 
ſchloſſen. Das Drängen nach dem Meer hin war ja bezeichnend 
für die Politik Rußlands. Das Kartenbild täuſcht in dieſer Rich- 
tung ſehr. Die Oſtſee- und Schwarze-Meer-Häfen öffnen ſich nicht 
nach dem offenen Dzean, die wenigen Häfen am Stillen Ozean ſind 
viel zu entlegen für das europäiſche Rußland; und die langgeſtreckte 
Küſte im Norden führt ihren Namen eigentlich zu Unrecht, da ſich 
hier die Polarwüſte des Landes faſt durchgängig in der EisSwüſte 
' des gefrorenen Polarmeeres fortſeßt. Die meiſten Häfen Ruß- 
land3 waren überhaupt alljährlih Wochen und Monate hindurch 
vom Ei8 blodiert. - Obendrein war die Verbindung zwiſchen den 
EE 
 
 
 
Schaffner beſorgen. Das überlebt kein Vatermörder!“ Und als ein 
Student, der von Leipzig nach Dres8den gekommen war, in der Haupt- 
ſtadt in einer „Tabagic“ (Gaſtwirtſchaft) ſeine Müße nicht abnahm, 
entrüfteten ſich die Philiſter über dic Sittenverderbnis, die dur< die 
Eiſenbahnen gefördert werde! -- G 
Heute hat die Eiſenbahn kaum einen ernſtlihen Gegner mehr. 
Da und dort auf .entiegenen Dörfern mag cs noh alte Mütterchen 
geben, die noh nie in ihrem Leben die „neumodiſche Erfindung“ be- 
nußt haben und die ein gelinde8 Grauen befällt, wenn ſie einen Bahn- 
ſteig betreten ſollen. Mancher Großſtädter ſlüchtet wohl auch ge- 
legentlich in die Einſamkeit, wo kein Dampfroß ſc<naiubt. Aber miſſen 
möchte auch er die Eiſenbahn ſchwerlich! 
Die Murmanbahn. 
einzelnen Hafengruppen und Meeren, zwiſchen DOſtjee, Schwarzem 
Meer und Stillem Ozean derart umſtändlich, daß ſie für den Ver- 
kehr nicht in Betracht kam, . 
Nur im Norden des europäiſchen Rußlands beſtand die Mög- 
lichkeit, unmittelbar den offenen Ozean zu erreichen. Hier wurde an 
der Stelle, wo das Weiße Meer am tiefſten ſich ins Land hinein er- 
ſtre>t, bereit8 im 16. Jahrhundert die Hafenſtadt Arc<angelsk ange- 
legt. Aber bis zum Beginn unſere8 Jahrhunderts hatte auc dieſer 
| Hafen nur ganz geringfügige Bedeut- 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Gegenwart erhalten geblicben und zm tung. Es fehlte ihm ein Hinterland, 
heute infolge der Ereigniſſe im OQjten | x ZEE=<ZE für das ſich ein ausgiebiger Voriehr 
in aller Munde. .7- IS 77,2 „. 7. gelohnt hätte, ſowie einc ausreichende 
Vor wonigen Jahren noch kannte |! SS <=“ FES vrdlbickes Verbindung mit dem Innern Nuß- 
niemand außer den paar Geographen |B , » &iNexandramig S TSM Ler lands; denn die Dwina reicht mit 
und den Seclouten, die ſich in das 6 “*** es Ww MY, > ihrem Lauf nicht weit genug nach 
nördliche Polarmoor vorwagten, die ae Sarzekh Ww =. Süden und iſt außerdem die größere 
Murmanküſte. Aber es wäre auch | OY F ö » Hälfte des Jahres hindurc< zugeſroxen. 
falſch zu behaupten, daß erſt der Welt- Y O-) I ZTE Erſt die Eiſenbahn hat hier eine Wen- 
frieg kommen mußte, um ſie zu ent- 2 FE] & „2 dung hervorgebracht. Allerdings erſt 
deden; er hat nur, wie in ſo manchen Yes ) WZ 2 ziemlich ſpät; denn nördlich des 60. 
Dingen, die Entwieklung beſchleunigt. = Qltandalaks K o | eo BVreitekreiſes iſt Rußland ſo gut wie 
Denn wa heute an der Murmanküſte S <= ä tot, eine Wald- und nod) weiter nörd- 
und auf dem Weg dahin verwirklicht 2 R BSAu TTZLoad lich eine Moosſteppeneinöde, die nur 
worden iſt, das reicht in ſeinen Plä- Yj' % 1.4 „Scrtech 1) <-> 1 wenige Menſchen kümmerlich zu er- 
nen und Beſchlüſſen noch in die letzten er R is 1 == 22 Yoann <= nähren vermag. Die Eiſenbahn diente 
Triedensjahre zurüd. Der ungliüick- Kurzer LS ( <= ZZZZS LE alfo hier nicht dazu, ein Land zu er- 
liche Au8gang de38 Kriegs mit Japan AEKSEIND EI VD WEISSES MEET: Ichließen, Jondern es ſozuſagen zu 
veranlaßte die ruſſiſche Regierung, | OD „AN .. M überbrücken. | 
dem Ausbau ihres europäiſchen Eiſen- || >> '»“ | Se Zunächſt war die gegebene Bahn- 
bahnneße38 beſonder38 nach Norden hin V Kem 1 E= = verbindung die Linie Moskau--Ar- 
erhöhte Aufmerkſamkeit zuzuwenden. ST | <= Xu <hangels?k. Die Bahn wurde in den 
Die Murmanbahn iſt einzig und ; D GI "a lebten Jahren des 19. Jahrhunderts 
allein durch die Murmanküſte bedingt; |f x * GLIEN an 2 gebaut. Der Schwierigkeiten und der 
ohne ſie hätte kein Menſc< daran ge- & ? | <= Archangelek zweifelhaften Rentabilität halber zu- 
dacht, eine Bahnlinie durc< die nörd- by Parandowekaja - S<E 07809 nächſt nur eingleiſig und als Sc<hmal- 
liche Polarwüſte zu führen. Die Y R " | 2 ſpurbahn. Troßdem iſt ſie ein Meiſter- 
Murmanküſte wird einmal für Nuß- Eu IG % werk der Ingenieurkunſt. Sie führt 
land eine Bedeutung haben, dic heute DO KR ' D auf einer Stre>e von mehr al8 1118 
nur geahnt werden kann. Rußland Po jener EN Aevef Kilometer größtenteils durd unwirt- 
-- wir ſprechen jezt von Rußland in LY 2“. * - liches Gebiet. Die größten Hindexr- 
den Grenzen, wie es vor den öſtlichen ZD RAY ; niſſe bereiteten deim Bau Klima und 
Frieden3Sſchlüſſen beſtand und wie e3, Feglorg Boden. Arbeiter und Materialien 
deſſen können wir ſicher ſein, bis auf ö( mußten von weither geholt werden; 
wenige Abſplitterungen über kurz die langen Nächte beſchränkten die 
oder lang von neuem erſtehen wird -- gtr opol Arbeitszeit; die Kälte erforderte ganz 
hatte ſich in kurzer Zeit zu einem rie- Woteop beſondere Vorkehrungen. Auf lange 
ſigen und ganz geſchloſſenen Reich Negra Streken hin waren Torfmoore zu 
entwidelt. Aber vergeben38 waren überwinden, bei denen nur eine dünne 
ſeine Bemühungen, alle Teile mit- Bjelow 7 o feſtere Dee den moraſtigen Unter- 
einander in Verbindung zu bringen SEES wohegg JZ grund überzog. Der Erfolg dieſes 
und ſie, ſo zuſammenzuhalten. Das - Bielnerck Bahnbaues zeigte ſich aber ſofort in 
Eiſenbahn- und Straßenneß im In- eD dem ungeheuren Aufſchwung, den 
nern gear gend ABLE die na- amin Wolog 435 | Archangelst na in wenigen She 
ürlichen Waſſerſtraßen un anäle 100 50 Bim Qa 2 ' entwickelte e8 ſi) zu einem großen 
In> WTE SOT 22200 GandelShafen mit ungefähr 40 00( 
. Einwohnern. 
Und doch iſt die Lage von Ar<hangel3?k durchaus nicht ſo günſtig 
wie es auf den erſten Bli ſc<einen mag. Die ſüdliche Lage täuſcht 
Der Hafen iſt während der Hälfte des Jahres vom Eije verſchloſſen 
Zwar hält ein Seitenarm des warmen Golfſtromes, der ſich in de 
Gegend de8 Nordkaps abzweigt, das ganze Jahr hindurch eine Fahr: 
ſtraße im Nördlichen Eismeer vom Atlantiſchen Ozean her faſt bis 
Nowaja Semlja eisfrei; aber der Eingang des Weißen Meeres lieg 
nicht in der Richtung des Golſſtromes; der draußen vorbeigeht, ohn 
hineinzukommen. Zudem iſt das Weiße Moer. von den aus den 
Polargebiet kommenden Flüſſen durchkältet. und ſtark ausgeſüßt; da:
	        
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