Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

Arbeiter» Iugend 
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Ei3 bildet ſich bei Archangel3k ſhon bei einer Temperatur, die das 
Meerwaſſer no<h nicht gefrieren ließe, und bleibt länger feſt als 
da8 Meereis des offenen Ozeans. 
Ein ganz fleiner Küſtenſtreifen de8 nördlichen Nußland8 in 
wider Erwarten viel weit nördlicherer Lage weiſt dieſe Nachteile nicht 
auf. Es iſt die Murmankfüſte, die Nordküſte Ruſſiſch-Lapplands, der 
Halbinſel Kola. Sie liegt in ihrer ganzen Erſtre>ung jenſeits des 
nördlichen Polarkreiſes, da ſie aber von dem weſtoſtwärt3 ſtreichen- 
den Arm des8 Golfſtromes berührt wird, ſind ihre Häfen ſelbſt im 
ſtrengſten Winter eisfrei, und der Verkehr nach dem offenen Atlanti- 
ichen Ozean kann ſich, ungehindert durc< das Ei8, abwi>eln. BiSher 
war dieſe Küſte wentg beachtet; die einheinnſche Lappenbevölkerung 
war äußerſt gering an Zahl, und nur während de8 Sommer3 übten 
hier ruſſiſche Fiſcher aus ſüdlichen Bezirken ihr Gewerbe aus. Die 
Entfernung von den Verkehr3mittelpunkten und den Produktion3- 
gebieten Rußland8 war zu groß, der Weg noc<h weiter und ſchwieriger 
al8 nach Archangelsk. Trozdem war man ſich in ruſſiſchen Negie- 
rungsfroeiſen der Wichtigkeit der Murmanküſte bewußt; ſie war ein- 
gebend erforſcht, genaue Scekarten von ihr waren hergeſtellt worden. 
Und bereits im ruſſiſch-japaniſchen Krieg war hier eine wichtige 
Operations8baſi8, von der aus auf dem Sceweg in den wenigen 
Sommerwochen ein Verkehr mit der Jeniſſeimündung in Sibirien 
eingerichtet wurde. Die Erfahrungen, die man damals machte, 
drängten denn auch zur Anlage der Murntanbahn, die vor allem 
Peter8burg und mittelbar auch Moskau direkt mit dem offenen 
Ozean in Verbindung bringen ſollte. 
Die eigentliche Murmanbahn beginnt 120 Kilometer öſtlich von 
Peotersburg, wo ſie ſich von der Hauptſtrecke Peotersburg--Wiatka-- 
Porm abzweigt; von hier aus hält ſie faſt durc<gängig die Richtung 
nach Norden ein. Zunächſt führt ſie zwiſchen Ladoga- und Dnegaſee 
hindurch nac Petroſawodsk, der Hauptſtadt des waldreichen Go1- 
vernement8 Olonez, in dem ſich ſeit alteröher auch eine für den 
Norden nicht unbeträchtliche Eiſeninduſtrie befindet; bei Soroka er- 
reicht ſie die Weſtküſte de3 Weißen Meeres, der ſie über den Hafenort 
Kem bi38 zu ihrem Nordende, dem Hafen von Kandalakſcha, folgt. 
Eine natürliche Senke bei der Durchquerung der Halbinſel Kola be- 
nußend, erreicht ſie ihren nördlichen Endpunkt. Die Geſamtlänge 
der Murnanbahn beträgt 1500 Kilometer; das iſt ungefähr die Ent- 
fernung von Genua bis Tilſit. Sie iſt von vornherein normal- 
ſpurig und zweigleiſig angelegt. Begonnen wurde mit dem Bau 
Ende 1914 gleichzeitig von beiden Endpunkten aus; täglich wurden 
durchſchnittlich 3 Kilometer fertiggeſtellt, und Mitte 1916 waren die 
Hauptſtre>en bereits im Betrieb. 
Das iſt eine techniſche Meiſterleiſtung, wie ſie im Bahnbau biS- 
her kaum erreicht worden iſt, befonder35 wenn man die Schwierig- 
keiten der Anlage in Betracht zieht. Aber der Krieg hat den Bau 
der Murmanbahn n'<t allein erzwungen; er hat ihn auch ermöglicht. 
Xn den deutſchen und öſterreichiſchen Krieg8gefangenen hatte Ruß- 
land eine Armee von geſchulten und obendrein rückſichts8lo3 verwend- 
baren Arbeits3kräften zur Hand, die nichts koſtete und deren Lücken 
ſtet8 von neuem auns8gefüllt werden konnten. 
Zwar ergab das Bodenrelief keine großen Schwierigkeiten; der 
höchſte Punkt der Bahn liegt 138 Meter über dem Meeresſpiegel; 
und auf weite Strecken lieferte der granitene Untergrund guten 
Schotter und Widerhalt. Aber dann waren wieder mächtige Torf- 
moore und Sümpfe, in denen der Bahnkörper erſt durch Sandauf- 
ſchüttungen gewonnen werden mußte, zu überwinden. Vor allem 
aber waren die Schre>en des Polarklimas, die langen Nächte und 
die Winter mit ihrer entſetzlichen Kälte, die feuchtheißen, ungeſunden 
Sommermonate mit ihren unabſehbaren Stechmücenſchwärmen, zu 
beſiegen. So hat der Bau der Murmanbahn mehr Opfer gekoſtet 
als manche Sc<lacht. 
WelHe Wichtigkeit die Murmanbahn heute bereits hat, ergibt 
ſich au8 der Bedeutung, die die Engländer ihr beilegen, indem ſie 
ihre Hauptpunkte beſetzt halten. Die Murmanbahn, ebenſo wie die 
Linie Moskau--Archangelsk, iſt der Anfang eines nordruſſiſchen 
Eifenbahnnetes8, das ſobald als möglich weiter auszubauen eine 
Leben8frage für Rußland iſt, und zwar nicht allein für das europäiſche 
Rußland, ſondern auch für das ganze weſtliche Sibirien; das iſt der 
einzige Weg, auf dem ſih Rußland der drohenden Einſc<hnürung und 
Erdroſſelung entziehen kann. Die Wege zur Oſtſee und zunt 
Schwarzen Meer ſind heute ſogar fiir den gewöhnlichen Handels- 
verkehr ſo gut wie verſperrt, da ſie ſich unter fremdem Einfluß und 
fremder Kontrolle befinden. E3 ſind daher auch bereit3 eine Anzahl 
weiterer Bahnlinien geplant, teilweiſe ſogar ſchon im Bau... Die 
Qinie Reter3burg--Wijatka--Perm hatte der Sibiriſchen Bahn einen 
neuen Aus8gang nach Weſten hin geſchaffen; von Wjatka aus wurde 
bereit8 im Jahr 1914 eins neue Linie in ſchräger Richtung nad) 
Archangel8?k zu abgezweigt, die bei Kotlas endigt, von wo, allerdings 
nur im Sommer, Dampferverbindung auf der Dwina mit dem 
450 Kilometer entfernten Ar<angels8k beſteht. Da eine Weiter- 
führung der Bahn der Dwina entlang dem Sciffsverkehr im Sommer 
mir Konkurrenz gemacht haben würde, ſoll die Linie in nordweſtlicher 
Richtung bi8 Soroka verlängert werden, wo ſie mit der Murmanbahn 
zuſammentrifft. Auf dieſe Weiſe würde die Sibiriſc<e Bahn an das 
Nördliche Ei3meer und an einen ſtet38 eisfreien Hafen angeſchloſſen. 
Das iſt für die wirtſchaftliche Entwieklung de8 Ural38 und Weſt- 
ſibiriens von ausſchlaggebender Bedeutung. Der Ural mit ſeinen 
Mineralien, Erzen und den Produkten der dortigen Eiſenhütten- 
induſtrie, Weſtſibirien mit ſeinen Uoberſchüſſen an Getreide, Eiern, 
Jleiſch und vor allem Molkereiprodukten, Turkeſtan mit ſeiner Baums- 
wolle, ſie litten biSher alle unter dem Fehlen ausreichender Ver- 
fehr3verbindungen und infolgedeſſen unter dem Fehlen von Abſaß- 
möglichkeiten. Dazu kommt, daß durch die nordruſſiſcßen Bahn- 
linien die rieſigen Wälder in den Gouvernement53 Olonez, Wologda, 
Wijatka uſw. erſt der Ausbeutung erſchloſſen werden, und gerade der 
Mangel an Holz wird ſich in allen Ländern nach dem Krieg bejonderz5 
fühlbar machen. . 
(SEE Aus der Jugendbeweguns 
Da3 Waldfeſt der Berliner Arbeiterjugend, 
Am Sonntag, den 4. Auguſt, feierte die Berliner Arbeiterjugend wie 
alljährlich ihr Waldfeſt. Zu früher Morgenſtunde wanderten die Scha- 
ren hinaus, die Nachzügler mußten ſich in die Überfüllten Stadtbahnzüge 
bequemen. Im Forjt bei Sadowa, vicht beim Reſtaurant Sansjc.tei, 
liegen die großen Wieſen, die fich ſo rec<t für ein fröhliches Austummeln 
eignen. Im ſchönſten Blau wölbte ſich dex Sommerhimmel, Lauten und 
Mandolinen klangen zu Liedern und lachenden Zurufen. 
Gegen Nachmittag ſammelte ſich die Jugend im Kreiſe. Mit einem 
Prolog wurde die Feier eröffnet; daran ſc<loß ſich eine Anſprache des 
Genoſſen Domni> an. Mit Freude und Verſtändnis folgten die juU- 
gendlichen Hörer den mit Ernſt und Begeiſterung erfüllten Ausführun 
gen des Redners über den Aufſticg dex Menſchheit durc< Not und Grauen, 
jenen hohen Zielen zu, für die wir als Sozialiſten werben und fämpfen 
wollen. 
. Zwiſchen allgemeinen Geſängen wechſelten die rezitatoriſchen und 
muſikaliſchen Darbietungen, von denen vor allem die feinempfundenen 
Lieder zur Laute, vorgetragen von zwei Genvſjſinnen, Erwähnung ver- 
dienen, 
Nach eincm Sc<lußgeſang fand ſich alle3 zu Reigentänzen und 
Spielen zuſammen, und erſt die ſinkende Sonne mahnte zum Aufbruch. 
Noch ein Stü> Weg durch den grunen Wald, dann der Kampf um einen 
  
  
 
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Plaß im Zuge, und wir landen wieder im Häuſermeer Berlins. Im 
grauen Alltag; und doc -- „Sonne im Herzen“! A. Z 
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Sculentlaſſungsfeier im Freien, 
Au3 Nürnberg wird berichtet: Die Schulentlaſſungsfeicr der Ar- 
beiterjugend nahm, von warmem Sommerweiter begünitigt, einen ſchönen 
Verlauf. Der Beſuch war ganz ausgezeichnet. Auf dem Waldplatz der 
Gartenſtadt hatten ſich zirka 15 000 Beſucher eingefunden, Manner, 
Frauen und Kinder, die den arbeitsfreien Sonntagnachmittag in der be- 
ſcheiden vergnügten Weiſe zubrachten, die der Zeit angemeſſen iſt. Mai 
hörte Muſik und zwei vom Arbeiter-Sängerfartell wirkſam vorgotragene 
Chöre. Genoſſin Grünberg hielt die Feſtrede. Sie wies auf die Bede1U- 
tung der Jugendorganiſation im Rahmen der Arbeiterbrwegung Hin uud 
forderte die Eltern auf, ihre ſchulentlaſſenen Kinder ins Zugendheim ZU 
chien. Bei Muſik, Theaterſpiel und gemeinſamem Geſang verliefen die 
Stunden angeregt. Als Zeichen der Zeit konnte man „Büfettſchlangen“ 
ſchen, die an Länge dor ſchönſten Lebensmittelprozeſſion nicht3 nacßgaben. 
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Eröffnung eines Jugendheims in Sorau, 
, Aus Sorau wird uns geſchrieben: Zu giner ſc<hlic<hien Feier 
hatten ſic am 28. Juli, nachmittags, die hiejigen Jugendgenoſjen und 
-genoſſinnen, ler Jugendausſchuß ſowie auch Partei- und Gewerkſchaft2- 
mitglieder zuſammengefunden: das ncue Jugendheint: in der Saganuer 
Straße 11 ſollte eingeweiht werden. Die Geſangvereine Concordia- 
Sorau und Licedeslujt-Seifer8dorf eröffneten die Feier mit zwei gut 
vorgetragewen, der Bödeutung de8 Tages entſpredz;ender Liedern, denen 
Mandolinen- und Gleſang3vorträge ſowie Rezitationen der Jugend ſfolg- 
ten. Die Feſtrede hielt Genoſſe Emil Müll ev, Geſchäftzführ2x 1des 
Deutſchen Textilarbeiterverbandes. Er warf einen Rücdbli> auf die 
Geſchichte dex Sorauer proletariſchen Jugendbewegung, die bis ins 
Jahr 1904 zurückreicht, und gedachte aller, vie im dieſem Zeitraum die 
Bewegung nach beſten Kräften gefördert haben. Auch den gefallenen 
Jugendgenoſſen 'Ewald Lehmann, Feliz Schiller, Richard Neumann, 
Paul Reich, Max Alker und Paul Walter widmete er warme Worte der 
Grinnerung und gab dem Wunſ<e Ausdruc, daß den noch im Felde 
ſteh nden Jugendgenoſſen eizwe baldige und glü>liche Heimkehr beſchieden 
fein möge, damit fie dann wieder tatkräftig in unſeren Reihen am Aus- 
bau der Bewegung mitwirken könnten. Die Bewegung ſelbſt und der 
Abonnentenſtand der „Arbeiter-Jugend“ ſei im Aufſtieg begriffen, ältere 
Parteigenoſſen hätten. ſich in idankens8werter Weiſe als Leiter zur Ver- 
fügung geſtellt. Die zur Feier des Tages angeregbe Schaffung eines 
Grundfond8 für die Jugendbewegung habe einen anſehnlichen Betrag 
ergeben, der ginstragend angelegt werden foll. Der Redner ſchloß ſeine 
Ausführungen mit einem lebhaften Appell an die Jugendlichen, das 
neue Heim als eine gern beſuchte Stätte der Erholung und ldes ka meradz 
ſchaftlichen Beiſammenſeins eifrig zu benußen, 
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