Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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GEannaiihneineet 
 
- Der Sozialdemokrat für den katholiſchen Jugendführer, 
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gründete der Kölner Prie- 
ſter Kolping die katholiſchen Geſellenvereine. Kolping, ein früherer 
Schuhmachergeſelle, verſtand e8 ausgezeichnet, die jungen Leute um ſich 
zu ſcharen. Ein religiöſer Eiferer war er nicht, Auch Proteſtanien 
fühlten ſich in ſeinen Vereinen wohl, wie dies Auguſt Bebel, der in Frei- 
burg und in Salzburg Mitglied war, in ſeinen Lebenserinnerungen ge- 
miüt- und humorvoll ſchildert. Vor der Minoritenkirche in Köln haben 
die katholiſchen Geſellen ihrem „Vater Kolping“ ein wirklich ſchönes 
Denkmal geſeßt. Die Koſten haben ſie groſchenweiſe aufgobracht. Al3 
e3 nun jüngſt auch in Köln an das Ginſchmelzen von Denkmälern für 
dis MunitionSherſtellung gehen ſollte, ſhonte man, wie überall, die zgahl- 
reichen und dabei häßlichen Kaiſerſtandbilder, aber der Geſellenvater 
Kolping ſollte geopfert werden. Da trat im Kölner Stadtverordneten- 
kollegium als erſter ein Sozialdemokrat, unſer Genoſſe Soll- 
mann, für das Standbild des katholiſchen Jugendführer3s ein. Soll- 
mann führte u. a.* aus: 
Seine Weltanſchauung iſt nicht die meinige, aber man ſoll hervor- 
-xagende Verdienſte auch bei dem Gegner anerkennen. Die Gründung 
und Förderung der Geſellenvereine war für Kolpings Zeit eine Tat 
von geſchichtlicher Bedeutung, und es iſt dur<haus berechtigt, daß ſein 
Denkmal in der Stadt ſeines Wirkens ſteht, . . . Man fragt ſich, wes- 
halb gerade das Andenken dex Männer verleßt werden ſoll, die nicht 
durch den Zufall der Geburt, ſondern durch die Kraft eines vorbildlichen 
Leben3 zu Führern de38 Volks8 emporgeſtiegen und im wahren Sinn 
des Worts geadelt worden ſind, ? 
Die geſamte Stadtverordnetenverſammlung ſtimmte dem Sozial 
demokraten in dankbarer Anerkennung zu. 
Unſere katholiſchen Gegner werden ja ſ<werlich jemals Gelegenheit 
haben, das Denkmal eines ſozialiſtiſchen Jugendführers retten zu helfen, 
ſintemalcn Sozialdemokraten weder in Stein ausgehauen noch in Bronze 
gegoſſen zu werden pflegen. -Trobdem aber könnten die ſ<warzen Herr- 
ſchaften aus dem Kölner Vorgang die Mahnung heraushören: Gehet hin 
und tuet desgleichen! , 
 
X 
Jugendherbergen in Großſtädten. 
Im November vorigen Jahres ſchrieben wir in einem Leitauffaß 
der „Arbeiter-Jugend“: 
Die Stadtjugend drängt auf8 Land, aber die Landjugend kommt 
nicht minder gern zur Stadt. Sie will ab und zu Teil haben an 
' dem, was3 ſie auf dem Land entbehren muß: Theater und Muſeen, 
Konzerte und Vorträge, Wie oft haben wir Großſtädter ſchon Freis 
quartiere für die jugendlichen Beſucher aus der Kleinſtadt und vom 
Lande beſorgen müſſen! Auch dafür mußten dauernde Ginrichtunge a 
geſchaffen werden: beſcheidene Unterfunftzräume mit Maſſen- 
verpflzgung für die un3 beſuchende ländliche Jugend. 
Daß wir mit dieſer Anregung auf dem rechten Weg waren und 
auch andre Kreiſe der Jugendpflege zu denſelben Gedanken gekommen 
find, wird durch die Tatſache gezeigt, daß Berlin die Abſicht hat, jedem 
Schulneubau eine Herberge für 20 Schüler oder Schülerinnen anzuglie=- 
dern, wie e3 bereits bei dem Neubau einer Gemeindeſchule und für eine 
Realſchule im Norden der Stadt geſchehem iſt. 
Hoffemtlich folgen dieſen Anfängen nicht nur in Berlin, ſondern 
auß in anderen größeren Städten Deutſchlands zahlreiche weitere Her» 
ergen, 
X 
Als Opfer des Weltkriegs 
erlag einer ſchweren Verwundung durch einen Granatſplitter am 16. Juli 
dieſes Jahres der Genoſſe Richard Rebhbo>=Berlin, der im 
Alter von 23% Jahren ſtand. Ev ſaß gerade bei ſeinem Kompagnie- 
führer, um Ordonnanzgbefehle zu empfangen, als ihn der Tödliche 
Schuß traf, . 
- Richard Rehbo> war viele Jahre lang mit Erfolg in der Groß-Bers 
liner Juügendbewegunf tätig. Er gewann bald das Vertrauen der Jugend 
und hat die verſchiedenſten Ehrenämter bekleidet. Kange Zeit war er 
Mitglied de3 Bezirk3jugendausſchuſſe3 Groß-Berlins und der Zentralſtelle 
für die arbeitende Jugend Deutſchland8, Rehbo> wax ein ſeltenex Menſc<<, 
den man erſt näher kennen lernen mußte, wollte man ihn verſtehen: 
unter einem manchmal etwas rauhen Aeußeren verbarg ſich ein guter, 
jtet3 hilfsbereiter Charakter. Und wenn auch, als vor anderthalb 
Jahren die Spaltung der Berliner Jugendbewegung eintrat, ſein 
Weg ein anderer ward als der unſere, ſo wiſſen wir doch: was er 
tat, tat er aus eigener innerer Uebergeugung.. Sein Andenken werden 
wir darum ſtets in Ehren halten, RB. W 
* 
Weitere Verluſte, 
Aus Mörs3 wird unz geſchrieben: Wiederum hat die Arbeiter- 
jugend des hieſigen Kreiſe3 einen herben Verluſt erlitten. Der 
Jugendgenoſſe und Mitbegründer der Ort8gruppe Lintfort, Willy 
Lagemann, iſt als Artilleriſt in Frankveich gefallen; er ſtand 
im Alter von 19 Jahren und war erſt kürzlich ins Feld gerüdt, 
Ferner fand in ſeinem Beruf al8 Gnruübenſc<loſſer Willy 
Stefan aus Rechelen auf der Zeche „Nheinpreußen“ ſeinen Tod; 
auh- ex ſtand im 19, Lebensjahr. Beide warem eifrige Anhänger und 
Förderer unſerer Jugendſache, und ſo wird ihnew die Jugend des 
Kreiſes Mör3 ein treues Andenken bewahren, 4 
En Arbeiter-Zugend . " - 
. Reaktionär (lat.), rü>kſchrittlich. 
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eſas aa ' 7 vu5A-ZS ed 4-4 .. 94 
1) Die Gegner an der Arbeit WPI 
| * Ein paar Zahlen für Phariſäer. - 
. In katholiſchen Gegenden, wo unſere freie Jugendbewegung beſon- 
ders hefitig befämpft wird, beliebew manche katholiſche Geiſtliche ihve 
Religion - als einziges "und beſtes Grziehungsmittel anzupreiſen. 
Unſere Jugenderzwiehung wird als völlig verfehlt und wirkungslos, 
ja als verderblic<h hingeſtellt. Dabei hätten doh auh unſere katholiſchen 
Wogner allen Grund, vor der eigenen Tür zu kehren. 'Manche von 
ihnen tum e8 auch. So wirft im Juniheft der katholiſchen Zeitſchrift 
„Stimmen. der Zeit“ der Jeſuitenpater Konſtantin No ppel die Fr1ige 
auf: „Katholiſche8 Volk, kümmern dich deine Söhne?“ 
 
 
 
Der Jeſuitenpater muß die für ihn betrübliche Feſtſtellung machen, daß 
die Zahl der jugendl:hen Verbrecher bei den Katholiken größer iſt 
als bei den übrigen driſtlihen Hauptbeßenntniſſen. 
Laut der preußiſchen Kriminalſtatiſtik entfielen nämlich auf je 
100 000 Jugendliche zwiſchen 12 und 18 Jahren Verurteilungen wegen 
Vergehen und Verbrechen: bei den evangelii<en Mädchen 199, 
bei den evangeliſchen Burſchen 977, dagegen bei dem fathos- 
liſchen Mädchen 212 und bei den katholiſc<en Burſchen 1294. 
Dabei iſt zu berückſichtigen, wie der Jeſuitenpater ausdrüclich hervor» 
bebt, daß die weitaus meiſten verurteilten jungen Katholiken aus 
ländlichen Gebieten ſtammen, wo bekanntlich Sozialdemokratie und 
ſveie Jugendbewegung keinen oder nur ſehr geringen Einfluß haben, 
Wir halten uns gewiß nicht zur Löſung der Frage berufen, welche 
ver beiden <riſtlichen Konfeſſionen den größeren oder geringeren Er- 
ziehungs5wert beſikt. Offenbar haben aber beide in der Erziehung ihres 
jungen Nachwuchſes noh ſo viel zu tun, daß ſie ſich über uns nicht 
Phar fderval zu erheben brauchen. 
: Peter Konſtantin Noppel zieht aus den düſteren Zahlen die Er- 
enntnis: : . 
- Wenn man auch Zahlen nur recht bedingten Wert beimeſſen will, 
ſo lautew ſie doch in jeder Hinſicht und bei jedem Vergleich ſ9 un- 
günſtig für unſere katholiſc<en Burſc<en, daß wir 
wohl mit Recht die Frage . aufwerfen: „Katholiſches Volk, kümmerſt 
du dich um deine Söhne?“ 
Na, alſo! 
Wir geben gern zu, daß auch in unſern Reihen noch ſehr viel zu 
beſſern iſt und ſind entſprechend bemüht. Den Phariſäern ober, die ſich 
al38 die allein berufenen Jugendbildner ausgeben, dürfen wir die vora 
itehenden Tatſachen getroſt entgegenhalten. 
* * 
Michel und der Spucknapf. 
Der Barmer Verein für Volk3- und Jugendſpiele vertreibt ein , 
„Wanderbuch für die Barmer Jugend“, das auf der erſten Seite eine 
Reimerei des „Dichter38“ Nehfeldt „Michel, ſeiauf dem Poſten“ 
bringt. Dieſer gute Mann und ſchlechte Jugenderzieher hab ſeine dich- 
teriſche Eingebung aus dem Spucknapf geholt. Er fingt: 
„Miel, mein Junge, ich ſag' dir, halt feſt, 
noch einmal in. die Hände, 
Spuk ins Geſicht den Feinwvemnm den Reſt, 
Und dann -- -- friſch durc< -- -- bis zum Ende. 
Jeßt muß es glücken, denn fon glückt es nie, 
Sonſt geht Alldeutſchland in Scherben. 
Ringeundzwinge ſie niederaufs Knie, 
BiSſieverröchelnd verderben“ 
Wahrſcheinlich iſt Herr Rehfeldt weder als Speiteufel noch al3 Ring- 
kämpfer ſo fürchterlich, wie er ſich den Anſchein gibt. Sonſt würde er 
wohl längſt ſich an den gefährlichſten, Frontſtellen au2toben. Er ſoll 
aber mit ſeiner Spucnapftheorig unſrer Jugend vom Leibe bleiben! 
G3 fann die viel beklagte Verrohung der Jugend nur erhöhen, wenn 
man ihr mit derart gemeinen Kriegsgedichten kommt, wie es in Barmen 
ſogar in der Schule geſchehen iſt. | 
* 
Der Jugendpfarrer. 
Ein neues Amt und einen neuen. Titel hat die <riſtlich-evangeliſche 
Jugendpflege geſchaffen. Schon bisher waren die Pfarrer die eigent» 
lichen Träger und Leiter dieſer Jugendpflege, aber ſie übten ihre Tätig. 
keit nur ehrenamtlich aus neben ihrem eigentlichen Beruf al3 „Seel ““ 
ſorger“. Jett geht man dazu über, beſondere „Jugendpfarrämter“ zu 
errichten, die ausſchließlich der Pflege der heranwachſenden Jugend 
dienen. ſollen, Der Anfang wurde für den Stadt- und Konſiſtorialbezirk 
Wie'8baden gemacht. Für dieſen Bezirk iſt ein „Jugendpfarrer“ bes 
ſtellt worden, deſſen Hauptaufgabe die kir<liche Jugendfürſorge ſein ſoll, 
17h Man ſieht, unſere Gegner ſind rührig -und verſtehen großzügig zu 
arbeiten. 
ſiven an den gefüllten Fleiſchtöpfen, während die proletariſche Jugend» 
bewegung ganz auf den Jdeali3zmu3 ihver Anhänger angewieſen iſt. 
 
 
  
 
 
  
 
 
 
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Definitiv (lat.), abſchließend, endgültig, . 
Epidemie (griech., vierſilbig, Ton auf der (Gndſilbe), Volksſeuche. = 
Gouvernement (franz., ſprich ungefähr guvernemang, Ton auf der End» 
ſilbe), Verwaltung, Regierung. - In Rußland: Regierungsbezirk,. 
Narkoſe (grieh.), Betäubung, künſtlicher Schlaf. 
Beranitworllich für die Redattion: Karl Korn. -- Verlag: Fr. Ebert (Zentralſtelle für die arbeitende Jugend Deutſchlands), -- Druck: Vorwärts Buchdruckerei u, Verlags . 
änſtalt Paul Singer & Co, Sät.itlich in Berlin, 
Sie fönnen ſichs freilih auch etwa3 koſten laſſen, denn ſie 
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