Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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| Arbeiter-Iugend 
 
 
bergen von der Großſtadtjugend bereit8 an den Sonnabendabenden 
auſgeſucht und benußt werden. 
auch hierbei um billige und einfache Uebernachtung8gelegenheiten, 
in ähnlicher Weiſe wie bei den ſchon beſtehenden Jugendherbergen. 
In dieſem Zuſammenhang ſei bemerkt, wie dies bereit38 in der 
„Arbeiter-Jugend“ berichtet wurde, daß die Stadt Berlin aud) in 
Berlin ſelbſt Shülerherbergen eingerichtet hat, die im Schulgebäu- 
den untergebracht ſind. Für die Zukunft beſteht die Abſicht, jedem 
Schulneubau eine ſolche Herberge anzugliedern. Auch- dieſe Ein- 
richtung hat ihre Berechtigung und Bedeutung. Die Jugend vom 
Lande und aus den Kleinſtädten hat dann mel als biSher die Mög- 
lichkeit, die Sehen3würdigkeiten der Großſtadt, ſowie ihre Bildung3- 
gelegenheiten (Muſcen, Gemäldegalerien, Konzerte, 
zu beſichtigen und von ihnen Nuten zu ziehen. 
Das Beiſpiel von Berlin bedeutet erſt einen Anfang auf dieſem 
Gebiet. Den Jugendämtern, die gegenwärtig in den größeren 
Städten Deutſchlands im Entſtehen begriffen ſind, eröffnet ſich hier 
ein lohnendes Betätigungsfeld. Solc<e Jugendherbergen zu ſchaffen, 
achört ohme Zweifel ebenſo zu den ſozialen Aufgaben der Gemeinde, 
vie die Einrichtung von Jugendheimen. Die Tätigkeit de8 AuZ3- 
Duſſes für Jugendherbergen wird dadurch nicht überflüſſig, jon- 
Jexrn würde im Gegenteil die notwendige Ergänzung dieſer kommu- 
nalen Einrichtungen bilden. Denn die Jugendherbergen der Ge- 
meinden könnten natürlich nur in deren nächſter Umgebung errichtet 
verden. Damit wäre aber ſchon viel Gutes geſchaffen, denn ſolche 
Vnterkunftsſtätten vor den Toren der Großſtadt bedeuten für die 
mibeitende Jugend ein gut Teil mehr Licht, Luft und Sonne, Le- 
Lensfreude und Geſundheit. 
Wir haben daher alle Urſache, uns für die Errichtung von 
Zugendherbergen ins Zeug zu legen. ES eröffnet ſich hier eines 
ver wenigen Gebiete, auf denen wir getroſt mit den „Bürgerlichen“ 
zuſammenarbeiten können. Ein Schaden kann für unſere Jugend 
bewegung hieraus nicht entſtehen. Prinzipielle Bedenken kommen 
erſt recht nicht in Frage. Aus eigener Kraft können wir Jugend- 
herbergen nicht ſchaffen, unſere Mittel reichen dazu nicht aus, ganz 
abgeſehen davon, daß wir ſie für andere Zweeke brauchen. Soweit 
unſere Arbeiter-Sportve reiß e, wie die Naturfreunde, 
ſich bereits eigene Heime geſchaffen haben, werden wir natürlich 
auch dieſe gern mitbenutzen. Aber darüber hinaus wollen wir im 
wohlverſtandenen Intereſſe der Arbeiterjugend alle Beſtrebungen 
unterſtüßen, die der Errichtung von Jugendherbergen dienen, und 
inSbeſondere den großſtädtiſchen Genreinden rufen wir zu: 
Schafft Jugendherbergen in ausreichender Anzahl vor den Toren 
'. der Großſtädte! 
Richard“ Weimann. 
Selbſtverſtändlich handelt 23 ſich" 
Theater uſw.) ' 
Die jugendlichen Arbeiker in der Reichs- 
verſiherungsordnung. | 
n der „Arbeiter-Jugend“ wurde ſeinerzeit das Rundſ<reiben 
des Rceichskanzler3s vom 11. Auguſt 1917, worin ein erhöhter 
Schut der jugendlichen Arbeiterinnen und Arbeiter gefordert 
wurde, einer kritiſchen Würdigung unterzogen. Vor allem wurden 
ſtraffere, gefeßliche Beſtimmungen verlangt, da ſic die Schwer- 
mönſtrie um fjol<e Rundſchreiben und Erlaſſe ſ<werlic kümmern 
ipbürde 
Wa38 damals befür<tet wurde, iſt eingetroffen, und zwar in 
einem Maße, daß ſich dem unbefangenen Beobachter die Ueber- 
zeugung aufdrängen muß, als wenn es jekt heißen foll: „Nun erſt 
recht!“ Die Beſchäftigung jugendlicher Arbeiter in den Knochen- 
mühlen und Giftbuden geht ungeſtört weiter, im zwölf-, fünfzehn- 
und vierundzwanzigſtündigen Tag- und Rachtſchichten. Die For- 
derung, daß in den Betrieböräumen eine Abſchrift der Au38nahme- 
bewilligung und der dabei vorgeſchriebenen Bedingungen au8zu- 
hängen iſt -- wo wird ſie exfüllt? Jn den Betrieben der rheiniſc<h- 
weſtfäliſchen Schwerinduſtrie pfeift man darauf. Die Folge aber 
iſt, daß die Zahl der jugendlichen Znduſtriefrüppel und Juvaliden 
nicht ab-, ſondern zunimmt. 
Dies alſo iſt die Wirkung eines dringenden Rundſchreibens3 
unſeres oberſten Neichsbeamten! = Hier *"iſt wohl die Frage 
berechtigt: Wer hat denn nun eigentlich zu beſtinunen über das 
Schi>fal unferer Jugend in körperlicher und geiſtiger Hinſicht 
=- wer über die Wiederherſtellung und Erweiterung de3. geſech= 
lichen Jugendſchuße8? Der Reichskanzler oder die Herren von 
Stahl und Eiſen? Um Antwort wird gebeten. 
Billiger- und gereh<terweiſe muß unter dieſen Umitänden von 
der Regierung verlangt werden, daß ſie die Entſ<hadigung der 
jugendlichen Induſtriekrüppel und „Znvaliden einer ſcharfen, reichs» 
geſetzlichen Regelung unterwirft, für die Gegenwart wie ſür die 
Zukunft. Die. Notwendigkeit dieſer Forderung werden nad 
folgende Ausführungen erweijen: ' 
Sofort mit Beginn ſeiner Erwerbsunfähigkeit und Erkran- 
kung muß der ledige jugendliche Arbeiter erfahren, wie man mit 
ihm umſpringt. Er komat ins Krankenhaus, ohne einen Pfennig 
Barunterſtüßzung von ſeiner Krankenkaſſe zu erhalten. Die meiſten 
Krankenkaſſen haben nämlich das Geſch vom 4. Auguſt 1914, dems- 
zufolge ſie Verſicherten, für die kein Hausgeld zu zahlen äſt, neben 
der Krankenhauspflege ein Krankengeld bis zur Hälfte des geſeß- 
lichen Betrags zubilligen können , für ſich dahin aus8genußt, daß 
ſie die Auszahlung dieſes Betrages vollſtändig eingeſtellt haben. 
Nicht einmal der überſchüſſige Teil des Krankengeldes wird au8- 
gezahlt. „Unfallzuſ<uß wird im Krieg nur verheirateten Ver- 
ſicherten gewährt“, wird vielfach den jugendlichen Arbeitern ent- 
gegengehalten. Dabei ſind die meiſten Krankenkaſſen durc< den 
Krieg zu erhöhten Einnahmen und größerer Leiſtungsfähigkeit 
 
 
Praktiſche Nationalökonomie 
oder: 10 Zigaretten = 5 Eier, 
Von Robert Albert, im Felde. 
as war in unſerer Jugend immer eine ſchwierige Sache geweſen, 
4) zu begreifen, weshalb eine Ware heute den; morgen einen anz 
deren Preis hatte, wes8halb ihr Wert heute ſo, mergen um ſoviel 
höher oder wiedriger ſtand. Und gar erſt der Tauſchwert einer Ware! 
Da gab's. in unſercm Kurſen immer viel Kopfzerbrechen. 
Der Krieg hat nun tauſenden jungen Kriegern wie auf vielen 
anteren Gebieten ſos auch über, dieſe Fragen wertvollen Anſc<hauungs- 
anterricht erteilt. Gar mancher bekam Gelegenheit, ſeine national- 
ö3fonomiſchen Kenntniſſe aufzufriſchen, ander wieder, an der Praxis 
zu erproben, ob dis Theorie richtig begriffen war. 
Das ſah ich, 13 ich jüngſt monatelang mit einigen Kameraden 
weitab von allem Verkehr in einem ruſſiſchen Walde lag. Schußwache 
ivaren wir fünf Mann, gang auf uns allein geſtelt. Weit und breit 
wohnte kein Menſ<. Unſerm „Proviant bekamen wir im Nohzuſtand 
alle ſeicß3 Tage bis zur „nächſten“ Bahnſtation gebracht, von wo wir ihn 
uns in ſtundenweiten Märſchen holen mußten. 
Soweit ging alles leidlich. Man gewöhnt ſich ja an vieles. Nur 
wenn wir mal Extrowünſche hatten, gab's Schwierigkeiten. So fanden 
wir wohl bei unſeren vielſtündigen Wandevungen hier und da ein 
Bauernhaus, wo -- erſchre>t nicht, ihr Städter, die ihr dieſe Dinge 
zaum mehr kennt! -- Butter und Eier zu haben waren, 
„Bitte, wat koſtet bei Ihn'n de Butter 't Pfund?“ fragte ein Ber- 
liner Kamerad die Bäuerin, die! gerade im Schweiße ihres Angeſicht3 
vie Zentrifuge drehte. Da ſie kein Wort Deutſch verſtand, ſah ſie uns 
nur ängſtlich an. Seit dem Durchzug unferer Truppen vor drei Jahren 
war nur noch ſelten ein; Soldat in dieſe Einöde gekommen. 
„Was ſie koſtet?“ fragte ſie dann, al8 wir unſere polniſchen Kennt- 
niſſe mühſam ausgekramt hatten. „Wir verkaufen keine Butter. Wir 
das Stüc, 
rein verdient? 
liefern beim nächſten Krei3amt ab, wa38 uns auferlegt iſt, aind das 
andere bleibt für uns. Wir ſind ſieben Perſonen.“ 
„Nicht3 verfaufen? Aud) nicht für viel Geld?“ 
„Rein, denn was ſoll uns hier drauſen Geld?“ Aha, da hatiz er's: 
Wir waren in ein Larid gekommen, wo nicht einmal bare8 Geld einen 
Wert hat. Kaufen konnte man hier überhaupt nicht. „Der Urzuſtand 
der Natur kehrt wieder,“ zitierte mein Freud. =- Alfo tauſchen! 
Aber was? Da kam des Bauern älteſter Sohn, und froh, uns zu ſchen, 
rief ex ſcon von weitem, ob wir nicht „Papyroſſen“ (Zigareiten) hätten, 
Ja, diu hatten wir noch. Was ſie koſteten? Uns koſteten ſie etwa 7 Pf. 
Schnell aber hatten wir für dieſen Fall einen beſonderen Wert- 
geſchaffen: „10 Papyroſſe koſteten 5 Cier.“ Cin lange3 Hin und Her 
folgte. Schließlich einigten wir uns auf vier Eier. Damals zahlten 
wir im der nächſten Stadt für Gier 60 Pf. das Stü. Alſo hätten wir 
für unſere 70 Pf. 2,40 Mk. bekommen? J wo! Uns waven die vier 
Eier ſo viel wert wie dem Bauern die 10 Zigaretten. 
Aber nun die Butter? Für vie Bäuerein hatten wir doch nichts 
zu tauſchen. Aber ſie war eine gute Ehefrau und ſorgte auch für ihren * 
Mann, obwohl der weit fort bei der Feldarbeit war: Tabak wollte ſie 
haben. - Da war guter Rat teuer, denn wir hatten jeder nur knapp 
150 Gramm bei un38, und mit Tabak hatte das Zeug außer dem Namen. 
nicht3 gemein. Aber e3 qualinte. Wir zeigen unſete beiden Pääc<hen 
hin: „Wieviel Butter dafür?“ . Da ging die Bäuerim hinein und kam 
mit einem ruſſiſchen Pfund ſchöner, gelber Butter zurü>. „Ein Pfund 
nur? 400 Gramm? Zu wenig!" Alſo holte ſie ein zweites Pfund und 
wollte es halbieren. Nach langem Handeln legten wir ihrem Sohn noch 
ein paar „Papyroſſe“ DAZU und erhielten ſo unſere zwei Pfund Butter. - 
Für den „Tabak“ hatten“ wir nichts bezahlt, außer einigen kräftigen 
Flüchen, al8 nämlich mein Kamerad verſucht hatte, davon zu rauchen. 
Alſo die Rechnung: Zwei Pfund Butter uanſonſt? Da Butter in der 
Stadt 6 Rubel das Pfund koſtete, hätem wir alſo 12 Rubel (24 Mk.) 
Nein, wir hatt:m der Bäuerin gegeben, wa38 ihr den
	        
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