Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

Arbeiter- Jugend 
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gelangt! Unbedingt müßte e8 darum in jenem Geijek vom 
4. Auguſt 1914 ſtatt „können“ „müſſen“ heißen. 
Betrachten wir uns doch einmal die Kehrſeite der Medaille! 
Der jugendliche Arbeiter wird nach langem 8&strankſein | entlaſſen. 
Ohne einen Pfennig kommt er wieder ins Getriebe. Sein altes 
Logis iſt beſeßt. Ohne Angeld zu zahlen, wird er ſ<werlich ein 
neues finden. Seine letzte Zuflucht iſt die Menage, die moderne 
Abfütterungsſtelle für ledige Arbeiter. In dieſen Jammerbuden 
findet er außer Koſt und Logis no< allerhand auf Konto. Aber 
die hier gewonnenen Eindrücke ſind übelſter Art und üben ihre 
Wirkungen bis in38 hohe Alter. 
Die weitere «anhaltende Beſchäftigung der Jugendlichen in 
den Gifthöllen, wie Zink- und Verzinkereien, beſonder3 auch in 
den eigentlichen Munitionsfabriken muß fürs ganze Leben eine 
Schwächung und Schädigung des noc< nicht gefeſtigten jugendlichen 
Organismus zur Folge haben. Zumal die Atmung3- und Ver- 
dauungs8organe, Luft- und Speiſeröhre, Herz, Lunge, Leber werden 
dur< die gifthaltigen Subſtanzen ſchwer angegriffen, und eine 
nachhaltige Heilung gehört zu den Seltenheiten, denn die Alltag83- 
ſorgen und die mangelnden Geldmittel laſſen eine dauernde Ver- 
pflanzung in geſunde Gegenden nicht zu. Wir worden alſo damit 
zu rechnen haben, daß in zehn bis zwanzig Jahren gnaſſen haft 
Invaliden herumlaufen, die im Hochſtfall monatlich 18,50 Mk. 
Reonte beziehen. Hier muß Abhilfe geſchaffen werden, und zwar 
durc< Erhöhung de8 Reich8zuſchuſſes ſowie Heranziehung der Be- 
triebe, in denen ſich die jugendlichen Invaliden den Krankheit3- 
keim geholt haben, denn beide, das Reich und die Privatinduſtric, haben 
aus dem Raubbau, aus den jungen Arbeitskräften Nußen gezogen. 
Hinzukommt, daß erhebliche geſundheitliche Schädigungen in 
zahlreichen Fällen vorkommen, für die biSher ein verſicherung8- 
rechtlicher Anſpruch überhaupt nicht beſtand. Namentlich in den 
Betrieben der <hemiſchen Induſtrie treten bei der Herſtellung von 
Munitionsſtoffen häufig Vergiftungen ein, die nach der Recht- 
ſprechung der Unfallverſicherung als Gewerbekrankheiten, nicht 
aber „als Einwirkungen eines in kurzen Zeiträumen eingeſchloſſe- 
nen Ereigniſſe8, eine3 ſogenannten Betriebsunfalles“, anzuſehen 
ſind. Der Bundesrat hat nunmehr dur< eine Verordnung vom 
12. Oktober 1917 beſtimmt, daß, wenn die Herſtellung von KricgSs- 
bedarf Geſundheits8ſchädigung durch gewiſſe Stoffe den Tod des 
Verſicherten zur Folge hat, Sterbegeld und Hinterblicebenenrente 
zu gewähren iſt. E38 braucht alſo der Tod nicht die Folge einc3 
direkten Unfalls zu fein. Auch der als Folge einer allmählichen 
Einwirkung der genannten Stoffe eingetretene Tod zicht den 
Entſchädigungsanſpruch ndb ſich. Zweifello8 bedeutet dieſe Ver- 
ordnung einen Fortſchritt. Aber aus welchen Gründen ſind die Ver- 
ſicherten felbſt von dem Schußbe dieſer Beſtimmung ausgeſchloſſen, 
und warum wird die Entſc<ädigung im Todesfall lediglich ihren 
Hinterbliebenen gewährt? Auch daß nur beſtimmte, in jener Verord- 
nung angeführte Stoffe Anſpruch auf Entſchädigung geben ſollen, 
 
Wert der Butter erſeßte. Da ſie im nächſten Augenblik mit der 
dampfenden Tabakpfeife gurückkam, ſahen wir auch, daß. die Licbe zu 
ihrem Mann doch nicht ſo weit her war, wie wir gedacht hatten. -- 
Auf der Weide fahen wir bei den Kühen aud) ein paar Schafe. Aha, 
wo Schafe, da Wolle! Und wir begannen, für Wolle einen Preis aus- 
findig zu machen. Wir boten der Bäuerin für ein Pfund Rohwolle fünf 
Pakete Tabak an und für ihren Jungen noch 10 Papyroſſe. Darauf 
ging ſie ſofort ein, ein Beweis, vaßß wir zu viel gelboten hatten, denn 
die Rauchleidenſchaft dieſer Ruſſin (wenn ſie etwas haben, rauchen 
ſie ja faſt alle) ſchien ganz beſonder3 ſtark zu ſein. Kurz: für etwa 
5,70 Mk. hatten wir mithin 400 Gramm Wolle, die in der Stadt mit 
16 bis 18 Mk. berechnet wurde. Der Preis richtet ſich eben nah An- 
gebot und Nachfrage. Da die Frau ſonſt gar keine Gelegenheit hatte, 
etwas Rauchbares zu bekommen (zum Laubtrocnen uſw, haben Die 
Leute meiſt Feine Geduld und kenn Geſchid), opferte ſie eben ein wert- 
volles Stü> ihrer Wirtſchaft dafür. Ja, als wir nach einiger Zeit den 
Tabak brachten und die Frau emtdete, daß mein Kamerad Schnaps in 
der Feldflaſche hatte -- S<hnap31 -- da wurde ſic noch viel freigebiger, 
und ehe wir ans verfahen, waren wir im Beſitz von z we i Pfund Wolle, 
die uns, ſpäter ein Urlauber in die Heimat zum Spinnen mitnahm. 
Aehnlich erging's uns auf anderem Bauernhöfen. 
hätte die Tochter zu gern einmal einen Brief an ihrem Liebſten, den ſie 
auf der Schüle in der Stadt kennen gelernt Hatte, geſchrieben. 
woher in diefer Wildni3 Papier nehmen? I< gab ihr einem Bogen und 
einen Umſchlag dazu -- und erhielt dafür, ohne zu fordern, zwei Eier. 
Dem Vater dieſer Tochter ſchrieb ich ſpäter ein Geſuch an die Militär- 
inſpektion wegen ſeines Sohnes38, der in Gefangenſchaft war. Dafür 
drängte er mir ein Pfund Butter geradezu auf, obwohl. i< meine 
Sdcreiberei nur als Gefälligkeit betrachtete. Geld hätte in dieſem Fall 
ich wiederum unter keinen Umſtänden angenommen. Denn auch uns 
war Geld nußloſer Ballaſt. Wo hätten wir wohl hier zwiſchen Füchſen 
and Krähen etwas Faufen können? 
Auf dem einen 
Aber 
andere, den Körper und Geiſt ebenſo ſchwer zerrüttende Krieg3- 
gifte aber nicht berückſichtigt werden, iſt ſ<wer zu verſtehen. Wird 
die Verordnung nicht .in dieſem doppelten Sinn ergänzt, ſo iſt ſie 
nur eine der Halbheiten mehr, mit denen man die auacnfälligſten 
Lücken (hier 8 547) der Reichsverſicherungsardnung zu fücken beliebt. 
Erwähnen wollen wir noh den 8 602 der Reichsverſicherung8- 
ordnung, wonac<h „bei Bedürftigkeit“ dem Verletzten, der in einer 
Heilanſtalt untergebracht iſt, die Genoſſenſchaft Unterſtüßung ge- 
währen „kann“. Dieſes „kann“, wie wird es aus8gelegt2 Man 
zeige uns die verletzten Jugendlichen, die bei Heilanſtalt3pflege je 
Unterſtüßung bekommen haben! Gerade dieſe „Kann“-Para- 
graphen müſſen verſchwinden, will man die jugendlichen Induſtrie- 
Früppel nicht der Willkür der Berufsgenoſſenſ<haften ausliefern. 
Aber auch die jungen Arbeiter leiber können zur Beſſerung dieſer 
Zuſtände beitragen, indem ſie den Organiſationen ihrer erwach- 
jenen Arbeit8genofſen beitreten und ihre jugendlichen Kameraden 
der Arbeiterjugendbeiwegung zuführen, in der ſie über ihre Lage 
und über die Notwendigkeit des Zujammenſchluſſe3 aufgeklärt 
werden. Heermann, 
L- 
Abjſeiks. 
Es iſt ſo ſtill; die Heide liegt 
Im warmen Mittagsſonnenſtrahle, 
Cin roſenroter Schimmer fliegt 
Um ihre alten Gräbermole; 
Die Kräuter blüh'n; der Heideduft 
Steigt in die blaue Sommerluft. 
Laufkäfer haſten durch's Geſträuch 
In ihren goldnen Panzerröc>kchen, 
Die Bienen hängen Zweig um Zweig 
Sich an der Edelheide GlöF<hen; 
Die Vögel ſchwirren aus dem Kraut -- 
Die Luft iſt voller Lerchenlaut. 
Ein halbverfallen, niedrig Haus 
Steht einſam hier und ſonnbeſchienen; 
Der Kätner lehnt zur Tür hinaus, - 
Behaglich blinzelnd nach den Bienen; 
Sein Junge auf dem Stein davor 
Schnigt Pfeifen ſich aus Kälberrohr. 
Kaum Zittert durc< die Mittagsruh 
Ein Schlag der Dorfuhr, der en:fernten; 
Dem Alten fällt die Wimper zu, 
Er träumt von ſeinen Honigernten. 
-- Kein Klang der aufgeregten Zeit 
Drang noch in dieſe Einſamkeit. Theodor Storm. 
Nac) und nach entde&ten wir ſo, daß wir die drci Warengattungen, 
die e3 bier gab: Butter, Eier und gelcgentlich. etwa38 We:<käſe, auf die 
allerverſchiedenſte Weiſe erlangen konnten. An einem Pac alter Zei- 
tungen, die ich in der Taſche hatte, fand ein Bauer Gefallen, der in der 
Gefangenſchaft Deutſch gelernt hatte; er vezahlte ſie mit ſo<s Eiern. 
Dasſelbe tat ſei:te Frau, die Papier nötig hatte zum Einpacken „der 
Butter und zur Verzierung ihrer Wandbrettor. Wir Kulturmenſchen 
brauchen alte Zeitungen ja auch noh für beſtimmte andere Zwecke = 
aber die ſind. hier draußen gänzlich unbekannt. 
Nicht, daß wir nun „'n Laden uffgemacht“ hätten. Nein, alle die 
Dinge des täglichen Bedarfs, die man meiſt bei ſich in der Taſche trägt. 
dienten uns nur gelegentlich dazu, uns Zuſchüſſe zu unſerem Proviant 
zu verſchaffen. Ein StüF<hen Bleifeder, etwas Bindfaden, eine Bryisf- 
marfe (die Poſt wurde dur<h die Gendarmerie beſtellt, wöchentlich zwei- 
mal), etwa3 Salz, Zueker oder Sacharin -- für alles gab es Butter, 
Eier und Käſe. =S. -/ 
Man glaube aber nikt, daß wir bei dieſer praktiſchen National- 
ökonomie beſonder3 gut gelebt hätten. Dazu reichten ja. unſere „Vor- 
räte“ nicht aus. Soweit aber reichten ſie, uns vor Augen zu führen, 
wie ſehr der Preis einer Vare heute von dem Bedürfnis und dem An- 
gebot abhängt. -- 
In der Heimat ſoll man ja ähnliche Erfahrungen machen. Wenig- 
ſton3 erzählte uns neulich unſer Feldwebel, der uns hier draußen be=- 
ſuchts, daß er in einer deutſ<en Großſtadt mehrfa<h vergebens verſucht 
habe, beſtimmte Waren zu kaufen, daß er ſie aber jede3mal ſofort be- 
kam, wenn er neben Gebd -- Butter aus Rußland vorzeigte! Alſo auch 
hier die Rückkehr zu der Tauſchwirtſchaft der Urzeit. Und wenn der 
Krieg noc< lange dauert, wird am Ende noc< in manchen ſogenannten 
Kulturländern das Geld überhaupt überflüſſig werden. Wertloſex wird 
e3 ohnehin von Tag zu Tag. Hoffentlich fehlt uns dann nicht der nötige 
Kleiſter, um mit unſeren Banknoten und Kaſſenſheinen unſexe Dach- 
kammern zu tapezieren!
	        
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