Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

Arbeiter-JIugend 
Das „Pulvermädchen“. 
eine Redaktion8poſt war wieder einmal troſtlos. Briefe zu 
NN Dutßenden, aber nirgends eine brauchbare Mitarbeit. Angebe- 
reien, Verdächtigungen, Marktgeſchwäß, Berichte über Miß- 
ſtände, die vorgekommen ſein „ſollen“ und andres Zeug, da3 ein er- 
fahrener Redakteux, der auf das Anſehen und die Zuverläſſigkeit ſeiner 
Zeitung hält, ohne viel Beſinnen in den großen Papierkorb wirft. Da=- 
zwiſchen Anfragen, Bitten um RechtSauskünfte, Beſchwerden über er- 
litilenes Unrecht und mancerlei kleine und kleinſte Sorgen. Und immer 
betraf der Inhalt nur das liebe Ich des Briefſchreibers oder der Brief- 
ſhreiberin. Seine Sorgen, ſein Wohl und ſein Wehe beſchäftigen jeden. 
Fein Gedanke gilt den vielen, die neben ihm und mit ihm leiden. 
Da kommt mir zuleßt ein langer Brief zwiſchen die Finger. Das 
erſte Wort, das mir mitten in der Seite auffällt, iſt: „Pulvermädchen“, 
und gleich aus den erſten Zeilen ſche ich, daß hier eine „von der Mus=- 
nition“ geſchrieben hat. -Ein junges „Pulvermädc<en“, wie es jich 
ſelber nennt, ſchreibt einen Auffaß über den Munitionsarbeiter. Wohl- 
verſtanden: nicht über ſich und ihre perſönlicen Sorgen und Leiden, 
ſondern über den Munitions8arbeiter al8 Maſſenerſ<einung, über die 
Maſſen von Arbeitern und Arbeiterinnen, die vor Tagesanbruch in über- 
füllten. Zügen hinausfahreit zu den rieſigen MunitionsSberwieben, dort 
umdroht von Gefahren in körperverwüſtender Arbeit den Tag oder auch 
die Nacht zubringen und todmüde und hungrig in ihr Heim zurüdkehren. 
Diefe junge Arbeiterin, das Pulvermädchen, führt die Feder nicht 
für ſich, ſondern für ihre Klaſſe. Das iſt e8, was mich beim Leſen ihres 
ſchlichten Auffaßes mit einer ſtarken Freude erfüllt. Von ihrer Arbeit 
und ihren Erfahrungen ausgehend, erhebt die junge Proletarierin ihre 
Forderungen für die Maſſe ihrer Klaſſengenoſſen, klagt die geſellſchaft= 
lichen Zuſtände an, bekennt ſich zu ihrer mißachteten Arbeit, iſt klaſſen- 
bewußt und flaſſenſtolz. Am andern Tag ſteht auf 50 000 Zeitungs- 
blättern ihr Auffaß: Der Munitions3arbeitex (von einem „Pulver- 
mädchen“). ' | - 
I< bitte die junge Genoſſin um ihren Beſu<, Am nächſten Mittag 
tritt ſie zur feſtgeſezten Zeit faſt auf die Minute in mein Redaktions- 
zimmer. Ein Arbeitermädhen ohne Schmud> und Ziererei mit den 
grüngoldenen Farben ihrer gefahrvollen Arbeit an den Händen und 
im Haar. Sie geſteht, ſchon mancherlei geſchrieben, aber es auch wieder 
vernichtet zu haben, weil ſie nicht gewagt habe, es an eine Zeitung ein= 
„zuſenden. Nun will ſie es noch einmal verſuchen, und ich gebe ihr als 
Rat auf den Weg: ſtreng wahrheitsgetreu und keine Phantaſie! Dann 
nimmt fie das Buch, das ihr die Redaktion für die erſte Mitarbeit ge- 
jtiſtet hat, gibt mix ihre harte Arbeitöshand und geht, 
Ich weiß, ſie muß ſchwer mit dem Leben ringen. Die Augen 
. fämpften wohl mandjmal mit dem Sdclaf, wenn ſie ſich in ein Buch ver=- 
ſenkten, die Finger mit der Müdigkeit, wenn ſie die Feder hielten. Lb 
das mutige Mädchen mit den ernſten Gedanken ſich durchjekt? Ob fie 
ver Begeiſterung ikrer Jugend treu bleibt und in reifen Jahren den 
Kampf ihrer Klaſſe lebt? 
Feſt geht mein Wunſch mit ihr, denn ſtarke Kämpferinnen tun der 
Arbeiterklaſſe not. Die hunderttauſende Mädchen, die die Blüte ihrer 
Jugend der Ausbeutung in Induſtrie und Handel opfern müſſen, mögen 
ſich zufammenſcharen und für Frgiheit und Frohſinn, für Lebensfonne 
und Lebens3glü> zuſammenſtehen. Die Führerinnen aber in3 ferne Land 
der Zukunft müſſen und werden aus ihnen ſelber erwachſen. Das 
„Pulvermädchen“ hat mir dafür wieder ein Stü Gewißheit mehr ge- 
geben. ' Ww. 8., 
| Aus der Jugendbewegung [352 
Wandert krieg8gemäß! 
Dex Redakteur eines Parteiblatt3 erhielt neulich folgende Zuſchrift: 
Sie würven ſich um die Soldaten ſehr verdient machen, wenn 
Sie wiederholt darauf hinwieſen, wie ſehr die Bahnen durc 
dieſogenannten Wandervögel an Sonntagen über- 
laſtet werden, Seit kurzem iſt den Soldaten des Heimats- 
heere3 die . Möglichkeit gegeben, allmonatlich einmal an Lxinem 
Sonntag auf 36 Stunden in die Heimat zu fahren; die Aufhebung 
dieſer Erlaubnis iſt jedoch für den Fall in Ausficht geſtellt, daß ſich 
wieder eine Ueberlaſtung der Eiſenbahn zeigen würde. Geſtern war 
ich zum erſtenmal ſeit Oktober im Sonntags8urlaub daheim. 
Die Züge waren voll, übervoll, Aber wer ſaß darin? Faſt durchweg 
Vergnügungsreiſende, viele halbwüchſige Burſchen und Mädchen in 
 
  
 
CA 
ET au 
ß "EEN EE 
  
Wanderkleidern, lärmend und ſich vordrängend = ein außerxordenilich . 
unſchönes Btld! Kein Menſc<) wird etwas ſagen, weun die Jugend 
wandert, muſiziert und ſingt, obwohl heute manchem dieſes Muſizieren 
und Singen nicht gerade angenehm in die Ohren klingt, aber 
dannmögendoc<hdie Wanderluſtigenaufder Straße 
bleiben und ni<ht die Wandertouren fahrend 
machen! Es iſt hart geweſen, daß wir Soldaten des Heimatheeres, 
die wir in einigen Stunden Fahrt zu Frau und Kindern hätten ge- 
langen und von kurzem Aufenthalt. daheim au< ſonſt Vorteile hätten 
haben können, Monate hindurc< nicht daheim ſein konnten; es würde 
arg verſtimmen, wenn dieſex Zuſtand wieder eintreten ſollte, weil 
t 
% 
143 
 
andere Menſchen ungeſtörb ihrer rüdſichtsöloſen Vergnüz- 
gungsſudt"noadhgehen. | . 
Rüdſichtsloſe Vergnügungsſucht?“ Das iſt do& wohl ein etwas 
gar zu unrichtiger AusSdrud für den geſunden Willen der Jugend, den 
Sonntag möglichſt weit außerhalb der Städte zuzubringen. Der Rat: 
„auf der Straße bleiben und nicht die Wandertouren fahrend machen“, 
lieſt ſich gut und wäre dringend der Befolgung zu empfehlen, wenn die“ 
Sorge um die Stiefelſohlen nicht wäre. Immerhin haben die 
Soldaten mit ihrer Mahnung an die wandernde Jugend bis zu einem 
gewiſſen Grade recht, wenn ſie etwa ſo zu uns8 ſprechen: 
Macht im vierten Kriegsjahre keine weiten Wanderfahrten! Laßt 
am Sonntag die überfüllten Eiſenbahnzüge möglichſt denen, die reiſen 
müſſen. Auch den kleinen „Hamjtern“ in der vierten und dritten Klaſſe, 
die nur an den Sonntagen hinausfahren können, um auch ſich von den 
Schäßen des Landes etwas zu retten. Macht auch keine weiten Fuß- 
wanderungen! Eure Mutter haben rec<t, wenn ſie in banger Sorge 
um. das Schuhwerf ausſchweifende Wanderluſt bekämpfen. Und dann 
erſt die Beorgkraxelei! Sie iſt das Verderben der Kriegsſ<uhe und der 
&riegshoſen. Yber gar der Mundvorrat! Mit Entſetzen ſieht vie 
Mutter, wie in dem Yucſad, deſſen Taſchen noch auf Friedensrationen 
zugeſchnitten ſind, in der Frühe des Sonntags Brotſchnitten in un- 
heimlicher Zahl verſchwinden und der als Brot-Erſat beliebte Kartoffel- 
jalat dazu. 
Wenn ſo der Soldat ſpricht, hätte er ein Rec<t darauf, gehört zu 
werden. In der Tat macht ſich ein heitiger Widerijtand gegen die großen 
Sonntagä8wanderungen bemeribar, und die freie Jugendheivegung hat 
den Schaden davon, wenn ſie die Gunſt der Erwachſenen verliert. 
Unternehmt alſo nur noch kurze Wanderungen! Auch in der Nähe iſt 
es ſchön. Auf einer Wieje oder im nahen Wäldchen zu ſingen und zu 
muſizieren, zu ſcherzen und zu ſpielen, das mag uns die Wanderungen 
erſezen, bis hoffentlic) bald dex Ruckſa> wiedce kräftig gefüllt werden 
fann und wir uns wicder auf derbe Wanderſtiefel verlaſſen können. 
X 
Jugendherbergen al3 Kriegsdenkmäler, 
Au2 dem Verband ſKeutſcher Gebirg3-= und Wanderverein» kommt 
die Anregung, mittlere und leine Gemeinden möchien Jugendherberg:n 
als Krieg3denfmäler errichten. Auch Gedirg3-, Wander-, Heimat-, Ver- 
ſ<önerungs-, Verkehr3- und Jugendvereine könnten zum Andenken an 
. nefallene Weitgliedexr Herbergen für die wandernde Jugend ſchaffen. 
Daß ſich um die Ausſtaſtung ſolcher Herbergen das Reich verdient 
machen fönnte, baben wir -ſchon vor längerer Zeit in unjecem Blatte 
nachgewieſen. Werden doc) mit dem Friedensichluß viele Feldbetten, 
Metraßzen, Deen und cimfache Möbel frei, die bisher zu Heere5- oder 
Lazarettziwe>en benutzt worden ſimd. 
Aus den Herbergsbericen qeht hervor, daß ſic) im Jahr 1917 die 
Zahl der nächtigenden Jugendlichen um faſt ein Drittel vermehrt hat. 
Beinah) die Hälfte der jungen Wandevox war noh ſchulpflichtig, alſo 
wohl meiſt höhere Schüler; die ſc<ulewtlaſſenew junger Arbeiter werden. 
durch dic Arbeitsanſpannung und andere Schwiertafeiten mehr und 
niehr an größeren Wamderungen gelindert. Die Herbergs8berichte laſſeit 
überhaupt erfennen, daß die Luſt an ausg2dehnten Fernfahrten tatjäch- 
ch geſchwunden iſt. Nahrung3-, Kleidungs- undd Stifelſorgen jind 
wohl die Hauptſacbe. Man benutzt dio Jugendherberge Uever als 
„Stübpunkte für das Sammelw begehrenz5werter Nahrung3mittel in 
havter Kriegs8zeit“. Alſo man hamjtert, wenn man «twas bekommen 
fann. 
Aber auch dieſes Uebel wird doch wohl einmal vorübergehen. Dann 
wird wieder um de3 Wandern3 willen hinausgezogen. Wie ſchön wäre 
es, wenn uns hohe Staats8= und Gemeindebehörden b!i8 dahin Jugend- 
Gberbergen al38 „Kriegsdenkmäler“ bereit gemacht hätten! Das wäre 
doch ganz etwa8 Anderes und Vernünftigeres als die theatraliſchen 
Kriegerdenfmäler, die von Anno dazumal her bis in kleinſte Orte hinein 
die Gegend verunzieren. % 
Abſchied vom Sparzwang, 
So plößlich und ſo freudig von zahlreichen Erziehern begrüßt der 
Sparzwang gekommen iſt, ſo gründlich hat er in kaum zwei Jahren ab=- 
gewirtſ<aftet. Dafür iſt nichts bezeichnender als die Tatſache, daß ſich 
ſogar die katholiſche Geiſtlichkeit, die doch gewiß gegen das Sparen nichts 
einzuwenden hat, ſo gut wie cinmütig von dem Sparzwange abwendet. 
So ſpricht ſich neuerdings der heſſiſc<e Jugendführer Prof. Seipel in dem 
arößten katholiſchen Blatte Deutſchlands, der „Kölniſchen Volks8zeitung“ 
iNr. 604) ſehr entſchieden gegen jeglichen Zwang zum Sparen aus, Er 
„vill jeden Gedanken an einen geſeßlichen Sparzwang ganz fallen laſſen. 
Dagegen ſolle man in dem kommenden Jugendſ<ußbgeſeß jene 
mit ſtrengen Strafen belegen, die die Jugend zu unſinnigem Geldaus- 
weben verleiten ader in gewinnſüchtiger Weiſe ihnen davei behilflich ſind. 
Da3 geht wohl in erſter Linie gegen Wirte und die Inhaber von Ver- 
qnügungsſtättemn, Wir verſprechen uns von einem joichen Geſeße3para- 
graphen nicht viel. Er würde wohl auch nur gegen Wirte in Arbeiter- 
vierteln angewendet werden, Die zahlreichen Studentenkneipen und 
Weinſtuben, in denen die Söhne der Beſitenden das Geld ihror Väter 
durchbringen, würden wohl unbehelligt bleiben, 
Gegenüber dem von jeher üblichen und geduldeten, ja ſogar oft im 
Liede verherrlihten „Uebermut“ unſerer ſtudierenden Jugend hat der 
katholiſche Profeſſor Seipel ganz vecht, wenn er vor Verallgemeinerungen 
der bei einzelnen jungen Arbeitern vorkommenden Geldverſ<wendung 
dringend warnt. Er will die katholiſche Jugend dur eine Verbindung 
der Füngling3vereine mit den Sparkaſſen zur Sparſamkeit erziehen. 
Kaſſierer ſollen die einzelnen jugendlichen Mitglieder aufſuchen und 
groſchen- oder markweiſe die Sparbeträge abholen. Das läßt ſich eher 
hören als Zwangsabzüge vom Lohn dur< die Unternehmer unter dem 
mächtigen Dru&e dex kommandierenden Generäle!
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.