Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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. .. Wenn der kätholiſche Jugendführer abzr verſichert, daß die katho- 
liſ<en Jugendvereine gegen Genußſucht, Vergnügungswut und Ver- 
ſchwendungsfucht auftreten, ſo dürfen wir in aller Beſcheidenheit ſagen, 
daß wir glawben, uns in dieſer Erziehungsarbeit mit der katholiſchen Ju- 
gendbewegung meſſen zu können, wenn Wir auch mit anderen Mitteln 
wirken. Die freie Jugendbewegung will ihre Anhänger zu geſundem 
Lebensgcpuß erziehen, der iſt allerdings ſo gut wie nie dort zu finden, 
wo man ſich nach dem landläufigen Ausdruc> heute „amüſiert“, um mor- 
gen mit einem Brummſchädel und einem moraliſchen Kaßenjammer auf- 
zuwachen. N - 
Aus unſerer Verluſtliſte, 
Au38 Plaaten im Vogtland wird uns geſchrieben: 
- Schwere Verluſte hatten wir wieder in gang kurzer Zeit zu beklagen. 
Am 23. April fielen Genoſſe Kurt Albert und Cnde vorigen Monats 
der ehcmalige Jugendleiter Genoſſe Walter Teichert dem Bölker- 
ringen auf dein Schlachtfeld zum Opfer. 
Dur eine ſchwere, kurze Krankheit verſchied am 14, Juli die 
Jugendgemoſſin Elſa Stübler. 
Wenige Tage darauf, am 19. Juli, büßten wir dur< das ſchred>liche 
Brandunglüc> (Exploſion) die Jugendgenoſſinnen Gretel Beier-. 
lein, Frida Heidrich und Johanna Weiß ein. An den ers 
littenen ſchiveren Wunden ſtarben kurze: Zeit darauf die Genoſſinnen 
Dora Wolframm und Klara Löwel. In der zuleßt an= 
geführten Genoſſin verlieren wir eine tüchtige Jugemndhelferin. 
Allen Dahingeſchiedenen, die in ſo jungen Jahren ihr Leben hin- 
geben mußten, wird der Verein für ihvei treue Mitarbeit im Dienſt de3 
gemeinſamen Jdcals ein dankbare8 Andenken bewahren, 
Der Jugendbildung3verein zu Plauen im Vogtl, 
SB Zur wirtschaftlichen Lage A 
Der hohe Lohn einer Munition3arbeiterin. 
Die jungen Arbeiter, die ihre Zigavetten mit: Kaſſenſcheinen an- 
zünden, und die MunitionSarbeiterinnen, die Koſtüme zu 500 Mk. das 
Stü> zu tragen pflegen, ſtehen noch immer im Mittelpunkt der Auf- 
ſäge über die hohen Löhne, die in den vielem arbeiterfeindlichen Blättern 
zu beſen ſind. Mag es immerhin Jugendliche geben, die ihr Geld ver- 
- plempern, fo gibt es doch anderſeit3 auch Burſchen und Mädchen ge- 
nug, die auch bei fogenannten hohen Löhnen ſich ſelbſt kaum eine be- 
ſc<eidene Freude leiſten können, weil die Krieg3not ihrer Familie alles 
- verſchlingt. Reden wir an einem Beiſpiele auch einmal von dieſen Tat- 
ſachen. | 
Da iſt eine lungenfranke Mutter mit fünf Kindern in einer nord»=- 
deutſchen Stadt. Unterſtüßung und Gehalt der zwanzigjährigen Tochter, 
einer jungen Kontoriſtin, reichew nicht zum Notwendigſten; dieſe muß in 
eine ferne Stadt mit großer MunitionSinduſtrie. Dort verdient ſie in 
raſender Akkfordarbeit 100 bis 110 Mk. die Woche. Treulich ſchi>t ſie, 
was. ſie irgendwie entbehren kann, an ihre kranke Mutter und behält für 
ſich nur das zu dem beſcheidenſten Leben Notwendige. Jhre Erholung 
findet das Mädchen im Jugendheim und auf den Wanderungen der 
Freien Jugend. E3 lieſt und lernt und arbeitet an den Lücken ſeiner 
Bildung. “ 
Da hört die Akkordarbeit auf, und im Tagelohn kann die Arbeiterin 
nur 6-7 Mkt. verdienen. In den Augen derer, die immer von den zu 
hohen Löhnen veden, iſt dieſer Verdienſt für ein junges Mädchen nalür- 
lich noch immer ein glänzendes Einkommen. Was aber ſoll unſere 
Jugendgenoſſin damit anfangen? Sie muß das Doppelte ver- 
dienen, wenn Mutter und Geſchwiſter nicht darben 
ſollen, ' un 
So faßt ſie denn einen ſchweren Entſ<luß. Sie will von der 
Pikrinſäuve zur Blauſäure übergehen. Die Fabrikärgzte warnen zwar 
vor dieſem Uebergang, und zudem iſt unſere Freundin auf der Lunge 
nicht ganz feſt, abex e38 lo>t ein hoher Lohn: bis zu 85 Mk. den Tag 
haben Frauen „in der Blauſäure“ verdient, und unſere Jugendgenöſſin 
traut ſich zu, e8 den beſten und fleißigſten Arbeiterinnen gleich zu tun. 
 
„BiS2 zu 35 Mt. den Tag!“ Glaubt auch der fühnſte Phantaſt, eine ſolche 
Lodſpeiſe würde ausgeworfen, wenw man nicht ganz genau wüßte, daß 
e3 ſich. hier um eine Mor darbeit handelt? Daß nux ein außergewöhn- 
li; hoher Lohn Arbeiter und Arbeiterinnen verleiten kann, ihren Kör- 
pör dem gefährlichen Gift au2zuſeßen und ihn vielleicht für immer zu 
ruinieren? Wie viele mag die drängende Not in dieſe Gifthütten 
treiben! . | - 
Auch unſere Jugendg2noſſin treibt ſie. Nicht nur körperliche, 
ſondern auch geiſtige Not treibt ſie „in die Blauſäure“. : Sig hofft in 
mehrmonatiger Arbeit --- ſo lange glaubt ſie e3 aushalten zu können --- 
fo viel für ihre kranke Mutter zu verdienen, daß ſie ſich durch eine größere 
Summe von ihren Kindespflichten' für längere Zeit befreien kann. Danr 
will ſie ſi gern mit geringerem Verdienſt begnügen, um Zeit und 
Kraft zu geiſtiger Ausbildung und damit vielleicht zum Vebergang in 
einen anderen Beruf zu findem = | = 
7 T1.- Arbeiter- Jugend 
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OB Ttemdwörle BEESSS) 
Es gelingt hoffentlich, dieſe Jugendgenofſin vor der Blauſäurc zu 
rctten und ihr Arbeit zu verſchaffen, die ihr doh noch die genügende 
Unterſtüzung ihver Mutter ermöglicht. Den redeſeligen Freunden der 
Arbeiterjugend, die ſich in Predigten über deren Verſc<hwendungsSjucht 
nicht genug tun können, möge aber unſer Bericht die Lehre geben, daß 
mander hohe Lohn ſich amwders8 erklärt und ander3 verwendet wird, als 
ſie glauben. Nur ein Einzelfall? Gewiß, aber ein ſehr bemerkens- 
werter, und er hat.den Vorzug, buchſtäblißs und erweislieh wahr zu 
ſein, was man bekanntlih von den Biertiſcherzählungen und dem | 
Kränz<henklatſch über Sektgelage und Kleiderpracht jugendlicher: Muni- | 
tion3arbeiter und MunitionZarbeiterinnen bei weitem nicht immer" be- 
haupten fann. - 
4“ . 
. Lehrlinge in der Landwirtſchaft, 
Ein Herr Rudolf v. Koſchükßki hat eine Bewogung für Lehrſtellen 
in landwirtſchaftlichen Betrieben ins Leven gerufen. Landwirtſchafts- 
lehrlinge gab es biSher nicht. | 
Der Bauernjunge erlernt ſcjyon von Kinde3beinen an die landwirt- 
ſchaftlich! Arbeit, ſo daß er ſpäter den eigenen Hof übernehmen oder 
ſich al8 Landarbeiter verdingen kann, al8 „Knecht“, wie es auf dem 
Lande immer noc< heißt. Außerdem kennt man auf großen Gut3- 
höfen GCleven oder Volontäre; das ſind junge Leute aus „höheren“ Stän- 
den, die ſich für die leitenden Stellen im landwirtſchaftlichen Groß- 
betriebe auzdilden. Dazu iſt, wie zum Studium für alle höheren Be- 
rufe, viel Geld und lange Zeit erforderlich; weder das eine noch da3 
andere ſteht unbemittelten . jungen Leuten, „die ſich der Landwirtſchafi 
widmen wollen, zur. Verfügung. 2 
Für einen jungen Städter, der zur Landwirtſchaft übergehen will, 
und dem alle Handgriffe und Vorkenntniſſe fehlen, gibt es jezt aller- 
ding3 kaum einen Weg. DeShalb will v. Koſc<üßli eine Lehre „ohne 
gegenſeitige Vergütung“. Alſo der Lehrling ſoll ſeine Koſt befommen, 
umd weder ſollen ſeine Eltern dafür etzwvas bezahlen noch der Landwirt 
für die Arbeit, die der Iunge leiſtet, etivas vergüten. : 
Der Vorſchlag des Herrn v. Koſchüßki hat bei vielen Landwirten 
großen Anklang gefunden. Ob das jedoc<; dem unocigennüßigen Be= 
ſtreben entſpringt, junge Leute gewiſſenhaft au3zubilden, muß man 
ſehr bezweifelr. Man hofft eben, Arbeitsfräfte aus den Städten heran- 
* 
-„. 
. augiehen, und an Arbeitern iſt in ver Landwirtſchaft ſeit lingen Jahren 
Mangel. Die Gefahr iſt groß, daß die Lehrlinge in vielen Fällen 
nach kurzer Zeit auch nicht8 andre3 ſein würden al3 junge „Knechte“, 
nur daß ſie keinen Lohn bekämen, Die 'Erfahrurgen, die in mönchen 
andern Berufen mit ver Lehrlingszüchtzrei gemacht werden, mahnen 
jedenfall3 zur Vorſicht. Die beſten Abſichten werden durch den Drang . 
nah Ausbeutung, der dem landwirtſchaftiichen Kapital genau ſo eigen 
iſt, wie dem de8 Handel3 und der Induſtrie, gunichte gemacht, 
KE 
Der junge Schiffer. 
Dort bläht ein Schiff die Segel, 
Friſch ſauſt hinein der Wind; 
Der Anker wird gelichtet, 
Das Steuer flugs gerichtet, 
Nun fliegt's hinaus geſchwind. 
Ein kühner Waſſeryogel 
Kreiſt grüßend um den Maſt, 
Die Sonne brennt herunter, * - 
Manc< Fiſchlein, blank und munter, 
Umgautkelt ke> den Gaſt. 
Wär' gern hineingeſprungen, 
Da draußen iſt mein Reich! 
I< bin ja jung von Jahren, 
Da iſt's mir nur ums Fahren, 
Wohin? Das iſt mir gleich! 
ENES A, EERLAREN DOI 
7 4 I IEEE DES 
Friedrich Hebbel, 
 
  
  
 
 
 
 
 
 
 
 
ZN PELSNAM NE WANG 
PREN EEN ISE AL) S2 
 
  
 
Honorar: (vom lat, honos = Ehre), Bezahlung für geiſtige Arbeit, 
„Ehrenlohn“, „Ehrenſold“, ' 
Kampieren (vom lat. campus = Feld), im Freien lagern, 
Legitimation (lat.), Beglaubigung, Ausweis. - 
Naturalien (lat.), Naturerzgeugniſſe, | 
Situiert (lat.), meiſt mit näherer Beſtimmung, gut oder Leſſer ſituiert, 
in guter uſw. Verfaſſung, Lebenslage; gut geſtellt, 
Theorie (gried., dreiſilbig, Ton auf der Endſilbe), wiſſenſchaftliche Be- 
trachtung, Lehrmeinung; Gegenſaß: Praxis, 
Zentrifuge (vom lat. centrum = Mittelpunkt und fugere = fliehen), 
Schwungmaſc<hine, Schleuder. 
Zitieren“ (lat.), wörtlich anführen. 
 
Berantworllich für die Redaktion: Karl Korn. = Verlag: Fr. Ebert (Zentralſtelle für die arbeitende. Jugend Deutſchlands), -- Druck: Vorwärts Buchdruderei u. Berlags- 
anſtalt Vaul Singer & Co. Sätntlich in Berlin,
	        
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