Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

Bd ZES“ 
“ zer 
M 
152 
- - Dieſer Herr Reſerveleutnant Roggenthien iſt am unrechten Platz. 
Er iſt zum Inſpeltor einer Strafanſtalt- eher geeignet als zum Jugend» 
führer. Man ſollte den Herrn Kriegsminiſter auf da38 Treiben des 
Herrn aufmerkſam machen, damit er ihm ein anderes Tätigkeitsgebiet 
anweiſt. 
. Dem Verdienſt ſeine K Krone. 
“ Die Badeverwaltung von Bad Oeynhauſen hat angeordnet, daß 
ſich Erholungfuchende und Kurgäſte nur höchſtens eine Woche dort auf- 
halten dürfen. “Eine Ausnahme machen ſolche Gäſte, denegWin amtsärzt- 
liches Atteſt einen längeren Aufenthalt unter allen Umſtänden zubilligt, 
ferner Militärperſonen, die unentgeltlih aufgenommen werden und 
IcGließlich > Jungmannen. 
b jolche Ausnahmen wohl auch für die jungen Arbeiter gemacht 
würden? In dieſe Verlegenheit käme freilich keine Behörde, denn Ex- 
holungsurlaub und Badeaufenthalt ſind unſerer Arbeiterjugend unbe 
kannte Dinge. Für ſie gibt es jezt nicht einmal das bißehem geſeßlichen 
Jugendſchuß, dejjen ſie ſich vor dem Kriege „erfreuten“. 
Aber die Jungmannen! Sie ſtehen zwar nicht im Felde, ſie arbeiten 
zwar nicht in den Borgwerken oder in dunſterfüllten Fabriken, um 
Kriegsbedarf und Munition zu erzeugen, ſie brauchen den jungen Körper 
nicht ins harte Arbeitsjoch zu zwängen, aber ſie haben doc< eben offenbar 
gang anidere Verdienſte ums Vaterland. 
% 
Jung-Flieger, 
Der neueſte Zweig der militäriſchen Jugendbewegung iſt wohl eine 
„JUNg= Flieger-Abteilung“, die in Bonn von der Bundesleitung des 
Deutſchen Fliegerbundes gegründet worden iſt. Die Abteilung bezwedt 
Belehrung der Jugend in eigenen Lehrfurfen und Ausbildung von 
geeigneten Jungfliegern in Fliegerfachſhulen, Sie verfügt über drei 
Maſchinen und will nicht nur der Zufiwaffe, ſondern auch dem zu“ 
künftigen friedlichen Luftverkehr geeigneten Nachwuchs erziehen. 
Alle „Flugintereſſierte“ werden zum Beitritt eingeladen. Jede politiſche 
Betätigung wird nach den Saßungen de8 Deutſchen Jliegerbundes als 
ausgeſchloſſen bezeichnet. Mitglieder bis zu 18 Jahren zahlen 4 Mk., 
ältere Mitglieder 20 Mk. JahresSbeitrag. Dafür bekommen ſie die 
alle 14 Tage erſcheinende Zeitſchrift „Der Flug“ geliefert. 
5 . T| 
(WW) Aus der Praxis der Bewegung (67 
In einer der nächſten Nummern wird über den Stand der Be- 
Hört mal zu! 
wegung, wie er fich nach den von den Bezirksleitungen an unſere Zen 
tralſtelle eingeſandten Berichten darſtellt, Mitteilung gemac<ht werden, 
Schon heute aber kann als einer dex hervorſtechenden Züge dieſes Ge- 
ſamtbildes folgende Beobachtung fejtgejtelt werden: Ueberall da, bes 
ſonder3 an den Zentren der Bewegung, in den größeren Städten, wo 
 
 
 
 
noch Helfer aus den Kreiſen der Erwachſenen unſerer Jugend zur Seite 
Teßten Kriegsjahr, Fortſchritte gemacht, 
ſtehen, hat ſich die Bewegung gehalten, ja zum Teil, und gerade im 
In vielen kleineren und mitt- 
leren Orten aber, wo alle unſere erwachſenen Leiter und Freunde ein- 
gezogen ſind, iſt die Bewegung ſtark zurückgegangen, ja haufig ganz 
verſandet. 
Jugendgenoſſen, dieſes Ergebnis iſt eigenlich recht beſchämend für 
uns! Wir legten doch immer den höchſten Wert auf eine möglichſt 
weitgehende Selbſtäntigkeit der Jugend, Mancher von uns 
hat darüber ſchon große Worte risfkiert undi über die „Gängelei der Alten“ 
gemurrt. Jebt aber, wo uns die Aelteren vielerorts notgedrungen uns 
jelbſt überlaſſen müſſen, jeht, wo uns .die Bahn zu freiem, ſelbſtändigem 
Handeln ſo offen iſt wie nur irgend denkbar, wo wir zeigen können, 
was wir aus eigener Kraft zu leiſten imſtande ſind, jeßt ſollten wir 
auf der ganzen Linie verſagen und reſigniert eingeſtehen, daß es ohne 
die Grwachſenen nicht geht? 
Jugendgenoſſen, dieſes Armutszeugnis dürfen wir uns nicht aus8- 
ſtellen. Daß es möglich iſt, auh ohne [Hilfe der Erwachſenen die Be- 
wegung dur<zuhalten, zeigt ſo mancher hier veröffentlichte Bericht aus 
Orten, die mit Kräften und Mitteln durchaus nicht günſtig geſtellt ſind. 
Aber dort ſpringen eben Überall mit dem ganzen Wagemut und Selbſt- 
vertrauen der Jugend die Jugendgenoſſen ſelbſt, vor allem auch die 
Mädchen, in die Breſche. Solche Beiſpiele dürfen nicht vereinzelt 
bleiben, ſie müſſen vorbildlich für die ganze Bewegung ſein. Je länger 
der Krieg dauert, um ſo entſchloſſener und konſequenter muß ſich auch 
unſere Bewegung auf die Selbſtändigkeit der Jugend einſtellen, Jett 
fommtf wieder ein Krieg38winter, in dem wir in unſeren Heimen, un- 
ſeren Verein3- und Verſammlungs8zimmern vielfach nur auf uns HEN 
angewieſen ſind und ſehen müſſen, wie wir mit unſeren eigenen Hilfs- 
mitteln unſere freie Zeit im Sinne unſerer Bewegung am beſten aus- 
nüßen. Möglichſt anregend und geiſtig vewegt unſere Zuſammen 
fünfte zu geſtalten, muß unſer Beſtreben ſein, damit es wieder wird, 
"wie e3 früher geweſen, daß jede ſolche Zuſammenkunft von der Jugend 
mit Spannung erwartet wird, wie ein Feſt. 
Nur wird gewiß an manchem Ort auch in diefer Richtung tüchtig 
und erfolgreich gearbeitet, 'Zahlreicher aber ſind leider die Gruppen, 
die den immer ſchwieriger werdenden Verhältniſſen der Kriegszeit 
ziemlich ratlo8 gegenüberſtehen. Dieſen würde zweifello38 ein großer 
Gefallen erwieſen, wenn ſie aus anderen Orten Anregungen evtielten, 
wie ſie zu arbeiten haben, Aber auch die Gefamtbewegung fönnte bloß 
Vorteil davon haben, wenn die Erfahrungen, die die Ausſchüſſe auf 
dem Gebiete der Ausgeſtaltung unſere3 Verſammlungs5weſens, des tag- 
 
| Arbeiter-Zugend | u | “ ie . „ue 
täglichen Lebens8 : und Treibens8 in unſeren Gleimen ſammeln, möglichſt 
der Allgemeinheit zugänglich gemacht würden. Ueberall wird doch auk 
dieſem Gebiet experimentiert, und ſo mancher neue Verſuch iſt ein- 
geſchlagen, iſt in die Praxis unſerer Vereins8arbeit aufgenommen wor» 
en und verdient desShalb auch anderwärt3 nachgeahmt zu werden. 'In 
der „Arbeiter-Jugend“ ſind denn auch im Laufe der Zeit eine Menge 
folcher Anregungen veröffentlicht worden. Aber jett tut es mehr als je 
not, daß die Jugendgenojjen aus ſich herausgehen und hier, auf dieſer 
vor unſerer ganzen Jugend errichteten Tribüne über: ihre Erfahrungen 
berichten, auch etwaige neue Vorſchläge zur Diskuſſion ſtellen, Der Ver- 
öffentlichung jolcher Einſendungen ſoll die Rubrikf „Aus der Praxis 
unſerer Bewegung“ dienen. Nicht wahllos foll hier über alle möglichen 
Dinge geredet werden, die mit unſerer Bewegung in Zuſammengang 
ſteißen, ſondern es ſollen vor allem Zwei Fragen, die jet beſonder3 
„brennend“ geworden ſind, behandelt werden: 
1. wenn wir auch ohne Hilfe der Erwachſenen und mit den 
beſhräntten Mitteln der Kriegszeit unfere Zuſammenkünfte möglichſt 
anregend und gehaltvoll geſtalten; 
2. wie wir in der Krieg3zeit am erfolgreichſten für unſere Be- 
wegung agitieren. 
Aljo horauf auf die Tribüne, Jhr Praktiker der Bewegung! Jeder, 
“der etwas zu ſagen hat, iſt als M; tarbeiter willfommen, Und damit Ihr 
ſofort an einem Beiſpiel ſeht, wie die Aufforderung gemeint iſt, laſſen 
wir eine Sinfendung, die hierher gehört, gleich folgen. 
Referentenmangel, 
Gin Berliner ZIugendgenoſſe ichreibt uns: Einer der größten Uebei- 
ſtände, die der Krieg für unſere Bewegung im Gefolge hat, iſt wohl der 
Vieferentenmangel, Gelingt e3 uns in der Großſtadt doch faum, für 
jeden im Programm vorgeſehenen Vortrag35- oder Diskutieräbend einen 
geeigneten Jiedner aufzutreiben. Die wenigen Erwachſenen, dic noch 
in Frage kommen, ſind mit anderen 1 Arbeiten ſo überlaſtet, daß man oft 
mit einer Abfage rechnen muß. Da entſteht denn immer wieder die 
Frage: Wie unterhalten wir die Jugendlichen? Gewöhnlich ſchlägt 
dann der Leiter (bei uns in Berlin find es ausſchließlich Jugendliche) 
nad) ein paar bedauernden Worten einen Spielabend vor. Abgeſehen 
davon, daſz das immerwährende Spielen verflachend wirkt, laſſen ſich 
das die Jugendlichen auch nicht auf die Dauer gefallen. Gin- 
zweimal geht es. Dann werden aber bald Stimmen laut, die dem 
Leiter Unfähigkeit vorwerfen, und zum Schluß heißt es dann 1vomög= 
lich: „Wir fommen nit mehr wieder, hier iſt ja doch nicht3 loS8.“ 
Was ſoll da der jugendliche Leiter tun? Nun, macht es ſo, wie 
wir es ſchon ein; ge Male mit Erfolg ausgeführt haben, Laßt einen 
Jugendlichen einen Vortrag halten oder einen Diskutierabend leiten. 
Manch “älterer Genoſſe wird zwar' den Kopf ſchütteln, wenn er hört: 
jugendliche Referenten! Auch mancher jugendliche Leiter wird zweifeln, 
daß ſo etwas Geſcheites zuwege kommt, Aber nur Mut -- die Sache 
ijt nicht ſo ſchlimm, wie ſie ausſieht! Freilich, das erſte und. zweite 
Mal wird nicht gleich alles klappen -- ex3 iſt eben noch kein Meiſter vom 
Himmel gefallen. Dafür ſind wir ja jung, um nicht ſo leicht den Mut 
zu verlieren, und ſind auf ſo manchem Gebiete ans Lernen gewöhnt. 
Gins8 rate ic eu aber vor allem: wählt leichte und einfache 
Themen! G3 gibt ja ſo viele praktiſche Fragen aus der Jugendbveive- 
gung, Berichſe über Wanderungen, über ein gutes Buch, das mailt qe- 
leiten hat, Reiſeſchilderungen uſw. Ferner bietet unſere „Arbeiter- 
IUugend“ (auch in ihren älteren Jahrgängen) einen vortrefflichen und 
reichhaltigen Stoff zum Diskutieren, Wan leſe einen Artikel vor, 
[nüpfe daran an und bald wird ſich auch ein Jugendgenoſſe zum Wort 
melden und ein lebhafter Gedanfenauztauſ<& wird einſetzen. Pflicht 
der älteren Jgendlichen iſt es, den jungen Redner nach Kräften zu 
unterſtüßen und nicht, wie es leider noch oft gefenteht, zu denfen: „Ach, 
das weiß ich ja alles -ſchon, was brauche ich mich da zum Wort zu 
melden.“ Wenn jeder mit hilft, geht -es ſchon. 
Selbſtverſtändlich muß ſich unfer Referent gut vorbereiten. Ant 
beſten iſt e8, vorher alles, zum mindeſten den Gedankenaufbau, ſchrift- 
lich zu fixieren, „Man denkt dann Über das Thema viel gründlicher 
nach, und e3 iſt auch eine gute Uebung im ſchriftlichen Ausdruck. S<ließ- 
lich iſt es auch nicht ſo ſchlimm, wenn man eine Frage nicht beant- 
worten kann. Sich ſeiner Unwiſſenheit etwa zu ſc<hämen, liegt fein 
Grund vor, denn man iſt ja noh jung und will felbſt noch lernen, 
Von einem ſolhen Abend wird jeder einen geiſtigen Gewinn mit 
nach Hauſe nehmen und die Jugendlichen werden mit Gifer dabei ſein, 
Wir haben jedenfalls ganz nette Erfolge erzielt. =- Verſucht es alſo 
einmal, und mancher Abend, der ſonſt eintönig verlaufen wäre, wird 
euch zum Genuß werden, H, T. 
 
 
 
 
 
 
 
  
 
(WI 2 Stemdwörler ZES 24 
SIEBEN N 
. DINE 
MI IICDIER ae 
METIN ACHIPES 
 
 
BXCO.45: 5 IAO IE | 
Dialog (griech, Ton auf der Endſilbe), Zwiegeſpräch, Unterredung. 
Frivol (frang,, Ton auf der Endſilbe), leichtfertig. 
Individuum (lat., Ton auf der dritten Silbe; wörklich: das Unteilbare), 
Einzgelweſen, Perſönlichkeit, | 
Kriſis (griech.), Wendepunkt, entſcheidender Zeitpunkt, 
Peſſimiſt (vom lat. pessimus == dar ſchlechteſte), einer, dex alles von der 
ſchlimmſten Seite nimmt, . Schwarzſeher. | 
Naffiniert (frang.), ausgaklügelt; verſchmißt, 
Stadium (lab.), Entwidlungsſtufe. 
Tenvenz (lat,.), Richtung, Abſicht, Streben, 
Veranda (portug.), laubemnartiger Vorbau an Gebäuden, 
 
 
 
Berantwortlich für die Redattion: Karl Korn, -- Verlag: Fr. Ebert (Zentralſtelle für die arbeitende Jugend Deutſ<lands), =“ Druck: Vorwärts. Buchdruckerei u. Verlags- 
. anſtalt Paul Singer & Co. Sätmtlich in Berlin, | 
(. 
oder .
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.