Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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Eingetragen in die Poſt- „Zeitungsliſte 
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Die proletariſche Jugendbewegung im 
Geſc<häftsjahr 1917/1918. 
nſere Jiügendbewegung hat nun das vierte Kriegsjahr über- 
MH ſtanden. Sind auch dfe Schwierigkeiten für unſere Arbeit ins 
Unermeßliche gewachſen, ſo können wir doch ſagen, daß; wir 
uns mit dem, was geleiſtet wurde, ſehen laſſen dürfen. 
Zu Beginn des Jahre38 waren die Vorbedingungen für ine cr- 
ſpricßliche Tätigkeit der Jugendausſchüſſe die denkbar ungiinſtigſten, 
Der innere Streit batte ſeinen Höhepunkt erreicht. Die Partei- 
ſpaltung übertrug ſich auf die Jugend, und von unabhängiger Seite 
ward alles aufgeboten, um die Jugendlichen zum Voykott der „Ar- 
boeiter-Jugen5d“ und zu=Lo3ſagung von der Zentralſtelle zu veran- 
laſien. Die Folge dieſer Treiberzien war, daß in einigen großen 
Orten, in denen die Unabhängigen das Feld beherrſchten, unſere Be- 
wegung nahezu vollſtändig lahmgelegt wurde und erſt mit der Zeit 
wieder mühſelig aufgebaut werden konnte. Zur Klärung der 
Situation fand am Sonntag, den 24. Juni 1917, in Berlin eine 
Konferenz der BezirkS3leitungen Deutſchlands 
ſtatt, an dor 28 Bezirk8leiter und 10 Mitglieder der Zentralſtelle teil- 
nahmen. Die Verhandlungen dieſer unter dem Vorſikß des Genoſſen 
Eb ert abgehaltenen Konferenz wurden eingeleitet durch einen Vor- 
trag de3 Genoſſen K o rn über die allgemeine Situation und einen 
Vortrag des Genoſſen Weimann über: Geſchäftliches und Organi- 
jatoriſches. An der ſehr lebhaften Ausſprache beteiligten ſich die 
meiſten der anweſenden Bezirksleiter. Die Konferenz endigte 
mit der einſtimmigen Annahme einer Entſchließung, die die 
Jugendausſ<üſſe verpflichtete, für die Einheit und Geſchloſſen- 
heit unſerer Jugendbewegung energiſch einzutreten und den 
für unſere Jugendarbeit naM wie vor maßgebenden Beſchlüſſen 
des Nürnberger Parteitags ſowie des Hamburger Gewerkſchafts- 
kongreſſes Geltung zu verſchaffen. Die Entſchließung, die ſeiner- 
zeit aich in der „Arbeiter-Jugend“ zum Abdru> gelangte, ſtellte 
ferner die Richtlinien für unſere künftige Jugendarbeit auf. 
Nach der Konferenz trat dann auch die erwartete Klärung ein. 
Der innere Zwiſt, der jahrelang jede wirklich fruchtbare Tätigkeit 
unmöglic< gemacht und ſo manchen tüctigen Jugendgenoſſen weg- 
Jograult hatte, hörte auf. Wir konnten uns wieder mit friſcher Kraft 
unſeren eigentlichen Aufgaben zuwenden. 
Deſto größer waren die ſonſtigen Schwierigkeiten, mit denen 
unſere Bewegqiffg zu kämpfen hatte. Die lange Dauer des Kriegs 
macht ſic) mehr und mehr fühlbar. Daß natürlich wiederum in einer 
Anzahl kleinerer Orte die Bewegung vollſtändig einging, weil ſämt- 
liche leitenden Kräfte eingezogen wurden, iſt nichts Neues mehr. 
Aber auch von den Jugendlichen ſelbſt wird ein Jahrgang nach dem 
anderen zu den Waffen gerufen. Während e8 in den Vorjahren 
immer noch gelang, gentigend Erſaßkräfte zu ſchaffen und heranzu1- 
bilden, iſt dies mit der Zeit immer ſ<wieriger geworden. Aus allen 
Berichten der Jugendausſchüſſe ertönt die Klage über den Mangel 
an Funktionären. 
no< Orte gibt, die uns berichten, „daß die Tätigkeit der Jugend noch 
- nie ſo lebhaft war wie gegenwärtig und daß für die zum Militär ein- 
gezogenen Mitglieder immer wiedösr genügend Erſatz geſchaffen 
werden konnte“. 
Beſonder38 fühlbar war der Mangel an Referenten, wodurch 
unſere Bildungsarbeit ſehr beeinträchtigt wurde. Die ' ſportlichen 
und unterhaltenden Veranſtaltungen nahmen. infolgedeſſen mehr 
Raum in unſerem Programm ein als früher. Ein Ausſchuß be- 
richtet, daß die Bewegung nur noch durch die Veranſtaltung von 
Wanderungen aufrechterhalten werde, während ein. anderer ſich von 
Berlin, 5. Oktober 
 
Man wundert ſich geradezu, wenn e3 troßdem - 
Eipedieion: D Buchbandlun Vorwärts, Paul 
S G. m. b. H., Lindenſtraße 3. Alle Zu- 
ſchriften für die Redaktion ſind u & ten 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin 
einer Verbindung mit der Arbeiterwanderorganiſation, den Natur- 
freunden, ſehr viel verſpricht. 
Auch die wirtſ<aftlic<hen Nöte der Arbeiter- 
jugend ſpielen ſic in den Berichten wider. Der Schichtwechſel, 
die Ueberſtunden- und Nachtarbeit vieler Jugendlichen beeinträchtigen 
den Beſuch der Veranſtaltungen. Ein Ort berichtet, daß infolge der 
Einberufung ſämtlicher tätigen Jugendausſ<ußmitglieder und in- 
folge der Nachtarbeit der Jugendlichen unſere Arbeit eingeſtellt wer- 
den mußte. Viele Jugendliche können ſich infolge dieſer ungünſtigen 
Arbeit8verhältniſſe um die Bewegung nur ſehr wenig bekümmern, 
Wiederholt haben Jugendausſc<hüſſe verſucht, der übermäßigen Aus- 
beutung der jugendlichen Arbeitskräfte entgegenzuwirken dur< Vor- 
ſtellungen bei den Unternehmern, um dadurch die ſchlimmſten Miß- 
ſtände der Nacht» und Ueberarbeit Jugendlicher zu beſeitigen. Indes 
waren dieſe Bemühungen in der Negel erfolglos, da ſic die Unter- 
nehmer auf die Aufhebung der Jugendſchußbeſtimmungen beriefen. 
In einem Fall wird ſogar berichtet, daß von dem leitenden Betricb3- 
ingenieur dem Vater eine3 Lehrlings, der ſich weigerte, den Sohn 
Nachtarbeit verrichten zu laſſen, mit Anzeige wegen LandesSverrats5 
gedroht worden iſt. 
Die Abwanderung der Jugend in die Kriegsinduſtrie und der 
Rückgang der Lehrling3zahl wird auch von den Jugendausſchüſſei 
feſtgeſtellt. Zwei Jugendausſchüe berichten über Schritte, die jie 
getan haben, um der Lehrlingsfludt entgegenzuwirfen. Sn 
einem Fall wurden durch die Vermittlung des Schlichtungö3ausſ<uſſes 
Zulagen für die Lehrlinge angeſtrebt. Die Vorhandlungen ſind noch 
im Gang, doch ſoll nad) einer Mitteilung des Vorſikenden dos 
Schlichtung8au8i<uſſes eine entſprechende Regelung für die jamt= 
lichen Induſtricbetricbe de38 Bezirks erfolgen. Zm zweiten Sal jind 
die aleichen Bemühungen geſcheitert. Erreicht "wurde nur, daß die 
zuſtändige Handwerkskammer beſchloß, neue Lehrverträge auszu“ 
arbeiten, in denen in Zukunft eine ſofortige Lohnzahlung an Lohr- 
linge vorgejehen ſein ſoll, während biSher in verſchiedenen Jällen 
Lehrverträge immer noc<h ohne jede Entſchädigung für die Lehrling2 
abgeſ<loſſen wurden. Ueber die Zugenderlaſſe der Generalkommandos3 
(Wirtshausverbot und Straßenverbot des Abends) wird im Gegen- 
ſaß zum Vorjahr übereinſtimmend verichtet, daß unjerer Jugend- 
bewegung irgendwelche Schwierigkeiten nicht entſtanden. In ent- 
gegenkommender Weiſe wurde von der Behörde dafür gejorgt, daß 
die Jugendlichen ungehindert unſere Veranſtaltungen beſuch en 
konnten. Ein Ort berichtet ſogar, daß dieſes Verbot unſerer Bewe- 
gung förderlich geweſen ſei, indem ſic) dadurc<h die Beſucherzahl un- 
ſerer Veranſtaltungen gehoben habe. 
In einer Reihe von Orten iſt der Jugendwehrzwang auf 
dem Umweg über die Fortbildungsſchule eingeführt worden, inſofern 
die militäriſchen Uebungen als Teil des Unterrichts angeſehen und 
die Fortbildungsſchüler infolgedeſſen gezwungen wurden, an dieſen 
Vebungen teilzunehmen. Dies geſchah u. a. in Sorau, Rathenow, 
Kirchhain, Brandenburg, Finſterwalde, Breslau, Waldefiburg, 
Bochum, Elbing. 
„. Sugendausſ<hüſſe beſtehen „zurzeit etwa 200. Genau 
läßt Tich deren Zahl unter den jebigen Verhältniſſen nicht feſtſtellen. 
Von den Zugendausſchüſſen haben 115 Tragebogen eingeſandt. Da- 
nach beſtehen in 90 Orten 117 Jugendheime, die man allerdings 
nicht immer al8 wirkliche. „Heime“ anſprechen kann, da es ſich zum 
Teil um Wirt8hausräume handelt. Nun ſind zwar in dieſen Fällen 
die Räume an beſtimmten Abenden gemietet und ein Ausſchank findet 
nichtſtatt, aber al3 ideal kann man dieſe Löſung der Heimfrage natür- 
li< nicht bezeichnen. Von den 117 Heimen wieſen 79 einen Raum 
„auf; 19 hatten zwei, 9 drei, 4 vier, 4 fünf und 2 Heime ſe<s5 Räume,
	        
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