Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

154 
 
Gantnamenmemmeentneemtnh 
Arbeiter» Jugend 
 
T 
"Ww 
Die jährliche Miete betrug bei 23 Jugendheimen bi38 100 Mk., bei 
27 bi38 200 Mk., bei aht bis 300 Mk., bei ſechs bis 400 MLX., bei drei 
bi3 500 Mkf., bei aht bi3 1000 ML., bei drei über 1000 Mk. Jn ein» 
- zelnen Orten wurden für Mieten aus8gegeben: Chemnitz 5000 MT[., 
"Ss 
Kiel 3690 Mk., Hamburg 3000 Mk., Frankfurt a. M. 2000 Mk., Köln 
1200 Mk., Breslau und Hamm je 1000 Mk. Für die Jugend ge- 
öffnet waren einmal wöchentlich 31 Heime, zweimal 41, dreimal 20, 
viermal 5, fünfmal 1, ſechömal 2 und ſiebenmal 7 Heime. 
Der Durchichnitt8beſuch der Heime wird in 101 Fällen ango- 
geben und iſt im allgemeinen al3 recht gut zu bezeichnen. Er betrug 
bet zwei Heimen bi8 zu 10 Perſonen, bei elf bi8 20, bei 21 bis 30, 
bei 16 bi8 40, bei 13 bi3 50, bei 19 bis 60, bei elf bis 70, bei drei 
bis 80, bei vier bis 9, bei fünf über 100 Perſonen. Bemerken5wert 
iſt auc der Anteil der weiblichen Jugend am Beſuch der Jugend 
heime. Er betrug in ie einem Fal 14, 16 und %5, in 5 Fällen 8 
in 20 Fällen 15, in 5 Fällen 245, in 51 Fällen %, in 5 Fällen ? 
und in 7 Fällen 8 der Beſucher. 
Ueber die Bildung3arbeit liegen folgende Zahlen vor. In acht 
Orten wurden 12 Vortrag38kurſe veranſtaltet, die in8geſamt 1783 
Teilnehmer zählten, davon 1024 männliche und 759 weibliche. Einzel- 
vorträge fanden in 75 Orten 977 ſtatt, die ſich auf folgende Gebiete 
verteilen: Geſchichte und Volk3wirtſc<haft 124, Naturwiſſenſ<haften 91, 
Staat3- und Verfaſſungslehre 44, Arbeiterbewegung, 1oziale Verſiche- 
rung 133, Kunſt und Literatur 140, Sport, Körper- und Geſund- 
heit3pfloge 56, Schundliteratur und Alkohol 45, Wandern und Reiſen 
122, Allgemeines, Verſchiedenes 144. Dieſe Zählen beweiſen, daß - 
das Streben der Arbeiterjugend nach ernſter wiſſenſ<aftlicher Be- 
lehrung auch im vierten Krieg8jahr nicht nachgelaſſen Yat. Das 
einzig Bedauerliche iſt nur, daß der Bildung3hunger der Jugend 
nicht in ausreichendeim Maße befriedigt werden kann; dazu fehlt es 
leider allzuſehr an Referenten. Die Beſucherzahl iſt bei 815 Vor- 
trägen angegeben, ſie betrug 39 178, davon 21 550 männliche, 17 628 
weibliche. 
In 43 Orten fanden 97 Führungen dur Muſeen uſw. ſtatt, an 
denen ſich 2551 Jugendliche, darunter 1657 männliche und 1094 weib- 
liche beteiligten. . 
70 Orte berichten über 239 künſtleriſche Veranſtaltungen. Dar- 
unter waren 112 Elternabende und 49 Feiern für die ſchulentlaſſene 
Zugend. Die Beſucherzahl iſt bei 191 Voranſtaltungen angegeben. 
Sie betrug 60 900 Perſonen, 30 868 männliche, 30 032 woibliche. 
- „zn 83 Orten wurden 1249 Wanderungen unternommen: 604 
HSalbtag3-, 583 Tage3- und 62 mehrtägige Wanderungen. An 1142 
Wanderungen beteiligien ſich 31 982 Jugendliche, 17 647 männliche 
und 14 385 weibliche. Spiele im Freien in der Sommerzeit wurden 
faſt überall veranſtaltet; ein gut Teil Orte berichtet, daß ihnen zu 
dieſem Zwe> ein paſſender Spielplaß von der Gemeinde zur Ver- 
fügung geſtellt wurde. 
Von verſchiedenen Orten wird no<h eine große Anzahl jonſtiger 
Veranſtaltungen angegeben, die zum Teil einen recht guten Beſuch 
aufwieſen. Jedenfalls war das Organiſation8leben und das ZInter- 
eſſe der Jugend an unſeren Veranſtaltungen teilweiſe ſehr rege. Be- 
ſonders wird die ſtarke Beteiligung der weiblichen Jugend hervor- 
gehoben. Elf Jugendausſchüſſe veranſtalteten 176 Mäd<enabende 
mit 3784 Beſucherinnen. 
Jugendvereine beſtanden in 31 Orten. Aud von der Tätigkeit 
beſonderer Zugendſ<hutzkommiſſionen wird in 11 Fällen berichtet. 
an allen ſonſtigen Fällen wurden die Jugendſ<hußangelegenheiten 
durch die Arbeitorſekretariate und Geworkſchaftstartelle erledigt. 
Jugendbibliotheken gab es in 79 Orten, davon befanden ſich 57 in 
den Jugendheimen. 
Die Zahl der jugendlichen Funktionäre betrug in 88 Orten 925, 
darunter 380 weibliche. Die Einnahmen und Au3gaben gaben 70 
Orte an. Jn3geſamt beziffern ſich die Einnahmen auf 76 458,97 Mk., 
die Nusgaben auf 65 857,58 Mk. Die Aus8gaben verteilen ſich wie 
folgt: Jugendheime 26 385,85 Mk., BildungsSarbeit 17 598,04 Mk., 
Jgitation 6297,45 Wk., Körperpflege 1570,34 Mk. (Scluß folgt.) 
Lehrlinge ohne Enfgelkt. 
a8 Lehrling8wefen hat im Laufe der lezten Jahrhunderte 
viele Veränderungen erfahren. Früher, namentlich in der 
Blütezeit des Handwerks, genoß faſt ausnahmslo38: der 
Lehrling im Haushalt des Lehrmeiſter3 freien Unterhalt. Die 
Aufreibung des kleinen Handwerk8, die Entſtehung größerer Be- 
tricbe, die veränderten Wohnungsverhältmniſſe, überhaupt der Zug 
der Zeit, haben dalyin geführt, daß jenes Ueberbleibſel aus dem 
Meittelalter niehr und mehr verſ<wunden iſt. Heute muß, nament- 
lic in den Städten, der größte Teil der Lehrlinge anderweitig, 
in erſter Linie von den Eltern ſelbſt, verpflegt werden. » Teilweiſe 
wird dieſen Lohrlingen eine geringe Vergütung, ein „Taſchen- 
geld“, gezahlt, das meiſt nur wenige Mark im Monat beträgt, 
häufig erhalten ſie aber überhaupt nichts. 
Einen ſtatiſtiſchen Nac<weis darüber, wie zahlreich no< die 
Lehrlinge ſind, die nicht die geringſte Ent ſi<ädigung erhalten, 
liefern uns die Geſchäftsberichte der Granfenkaſſen. Der 8 165 
der Reichsverſicherungsordnung ſtellt ausdrüdlich feſt, daß auch 
jolche Lehrlinge der BVerſicherung5pflicht unterliegen, die ohne 
Entgelt beſchäftigt. werden. Die „SGeſhäftzanweiſungen der 
Krankenkaſſen tehen vor, daß dieſe Lehrlinge beſonder3 gezählt 
und in den Mitgliederüberſichten getrennt auſgeführt werden; in 
 
Milloſſar 3ivulowitkſch. 
Von Paul Selke, 
eim Kramen in alten Briefſchaften falt mir eine Poſtfarte mit 
einer ſerbiſchen Briefmarke in die Hände, Sie trägt den Stempel 
Belgrad 1910, und die offenbar mühſelig geſchricbene Adreſſe verrät 
eine ſehr unvollfommene Beherrſchung der lateiniſchen Schrift. Auf der 
Rücſeite zeigt die Karte eine photographiſche Aufnahme des erſten; Re- 
dafteur3 der Belgrader „Axbeiter- Beitung“, eines früheren Schreiner- 
geſellen, in feinem Redattionszimmer. Jm Hintergrund des primitiven 
Ranms ſteht ein Seßerkaſten; darüber hängt ein Bild der deutſchen 
- ſozialdemofkratiſc<en Reichstagsfraktion, offenbar aus dem Jahr 1903. 
„Eralide glilwinſch for dein kleiner ſenken (Söhn<hen),. 
kunft! Dein Freind Milloſſar“, leſe ic). auf dem Kärtcben, 
E35 war der Glüdwunſch auf die Mitteilung, daß mir cain kleiner 
Sohn geboren worden ſei. Nod) einen Brief bekam ich von Milloſſars: 
dann habe ich nicht3 mehr von ihm gehört. 
Das alte Kärtchen mit den ſ>wer zu entziffernden, aber vielſagens 
den Worten ruft in mir die Erinnerung wach an jene traurige und dod) 
wieder ſ<öne Zeit, die mich mit Milloſſar bekanntgemacht hat. 
Zur Heilung unſerer erkrankten Lungen waren wir in die Lungen2 
heilſtätte Beeliß gekommen, Dort war mir die hagere Geſtalt mit dem 
unverkennbar ſlawiſchen Geſichtsſ<hnitt ſchon längſt aufgefallen. Die 
lebhaften, dunffen Augen in dem hohlwangigen, ſtarkfnochigen Antlitz 
verrieten einen nicht gewöhnlich Geiſt. Yl3 . ich gelegentlich mit anz 
hörte, wie Millpſſar einem ſerbiſchen Land8mann Vorwürfe machte, daß 
er durch ſein läppiſche3 Betragen den ſerbiſchen Arbeiter, in den Augen 
der deutſchen Kameraden herabſeße, vermutete ich gleich in ihm einen 
Geſinnung8genoſſen. Dieſe Annahme ſollt) ſehr bald zur Gewißheit 
werden, 
Die Patienten der Heilſtätte durftem nämlich nach mehr als vier- 
wöchigem Aufenthalt unter Obhut eines Wärters eine ſogenannte Land» 
gutte zU- 
 
 
partie in die nähre Umgebung maden. Milloſſar- war auch dabei. 
Bald hatte ich mich ihm angeſchloſſen, und nicht lange, da wußte ic, 
wes Geiſteskind .er war. Die Verhältniſſe ſeiner weiteren Heimat, de3 
Balfans, ergaben ungezwungene Anknüpfungspunlite und den Hauptgegemn- 
ſtand unſeres Geſprächs. Nod) nachträglich muß ich zu meiner Schande 
geſtchen, daß auch ih, troß einer für einem Arbeiter immerhin annehms- 
baren Beleſenheit, die Borſtelungen nod) nic<t gang überwunden hatte, 
die die Volksſ<ule über ſolc<e „halbwilden“ Völker, wie die de3 Balkan, 
in den naiven Kindesſeelen hervorzurufen fic) bemüht. Wurden doch 
immer =- und heute leider mehr als je -- die erhabenſten Tugenden, 
Treue, Fleiß, Wahrhaftigkeit, al8 dem deutſchen Volf ganz beſonder3 
cigen, yingeſtellt, fo daß es hiervurc) alle andern Völker turmhod 
überrage. In Frankreich und England uſw, wird den Kindern natürlich 
ganz die gleiche Weisheit über das eigene Volk eingetrichtert. 
Es war alſo zum großen Teil geiſtiges Neuland, das mir Milloſſar 
erichloß, während wir in der warmen Septemberſonne die blühende 
mäctiſche Heide durc<wanderten. I< erfuhr von ſerbiſchen Schulen, 
vow einein Wahlrecht, das dem deutſchen Reichstag8wahlreht an Freiz= 
heit. nicht nachſtehe. I< lernte auch die Bemühungen der ſerbiſchen 
Negierung auf ſozialem Gebiet kennen. Vor allem aber wußte Milloſſar 
mir anſchaulich die Not des ſerbiſchen Volks zu ſchildern, die -- ſo 
widerſinnig es klingt --= durch ſeine hervorragende landwirtſchaftliche 
Produktion verürſacht ſei, dvenn Serbien könne die Erzeugniſſe ſeines 
Bodens und ſeiner Viehzuc<t nicht ausführen, da es keinen eigenen See= 
hafen beſitze, Dober Serbiens Drang zum Meer, den Seſterreich immer 
wieder durchfreuzt babe. 
Und dann ergählte er mir von dem Soziali8mus auf dem Balkan, 
in3veſordere natürlich dem ſerbiſhen. Aber er kannte auch ſehr gut 
die Arbeiterbewegung in Rumänien, Bulgarien: und der europäiſchen 
Türkei. Bei dieſen Schilderungen wurde ex warm. Hier ſprach nicht 
niehr der Scrve, hier jprach der glühende Anhänger des internationalen 
Sozialiemus, Er beberrſchte die deutſche Sprache nur ſehr mangelhaft
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.