Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

Arbeiter- Iugend 
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der Regel iſt für ſie eine beſondere Mitgliederklaſſe gebildet. Nach 
AusSwei3s dieſer Geſchäft5berichte waren im Jahr 1917 Lehrlinge 
ohne Entgelt vorhanden bei den Allgemeinen Ortskrankenkaſſen 
Berlin 1531 (und zwar 916 männliche und 615 weibliche), 
Münden 2402 (1614 und 788), Leipzig 2096 (1728 und 368), 
Frankfurt a. M. 3488 (1735 und 1753), Nürnberg 2574 
(1944 und 630), Dre3den 1974 (1608 und 366), Straß- 
burg i. E. 1123 (729 und 394), Sannover 1177 (1070 und 
107), Wie38baden 1077 (702 und 375), Kiel 461 (271 und 
190), Mainz 618 (614 und 4), Altona 331 (274 und 57), 
Braunſchweig 639, Spandau 474 Weimar 148, 
Marburg 229, Magdeburg 68383, Nordhauſen 83844, 
Neumünſter 162, Krefeld 180, Dortmund 1139, 
Julda 178, Hameln 128, Bochum 4839, Reichenbach 
7. V. 205 uſw. . | 
Berückſichtigt man in dieſer Zuſammenſtellung die Größe der 
. Städte, ſo ergeben ſich beträchtliche Unterſchiede. So hat 3. B. 
die Ortskranfkenkaſſe in» Pot38dam 145 folder „unentgelt- 
licher“ Lehrlinge aufzuweiſen, die Stadt Freiberg aber mit 
n1o<h nicht halb ſoviel Einwohnern 225. Die Ortskrankenkaſſe für 
das Handel8gewerbe in Düſſeldorf zählte 2695, dagegen die 
Ortskrankenkaſſe für da8 Handel3gewerbe in Mannheim 230 
und die bedeutend größere Ortskrankenkaſſe für Kaufleute>in 
Bre3lau nur 57. Die große Orkskrankenkaſſe für da3 Be- 
Fleidungö8gewörbe in Hamburg zählt nur 16 männliche und 
- 288 weibliche Lehrlinge ohne Entgelt. 
. Mit Bedauern iſt feſtzuſtellen, daß in manchen Orten ſogar 
eine Zunahme der ohne Entgelt beſchäftigten Lehrlinge ein- 
trat, ſo 3. B. bei den Allgemeinen Ort8krankenkaſſen Kaſſel von 
792 im Jahr 1916 auf 1096 im Jahr 1917, in O8nabrüd von 
547 auf 669 in der gleichen Zeit, in“»Offen ba< von 84 auf 185, 
in Halle a. S. von 1393 auf 1723 im Jahr 1917 und 2018 am 
1. Juli 1918. Achnlich liegen die Verhältniſſe in vielen anderen 
Städten. Manchmal wird auc<h eine Abnahme verzeichnet, wie 
3. B. in Köln von 947 im Jahr 1916 auf 449 im Jahr 1917, in 
KottbuS8 von 200 auf 186. 
- Der Sauptverband Deutſcher Ortskrankenkaſſen weiſt in 
ſeinen Jahre3berichten nach, daß die ihm angeſchloſjenen Kaſſen 
im Jahr 1916 im Durchſchnitt 45 786 männliche und 19 714 weib- 
liche Lehrlinge ohne Entgelt als Mitglieder führten. Bi8 zum 
Jahr 1917 erhöhte ſich die Zahl der männlichen auf 46 693, die der 
weiblichen verminderte ſich auf 19 259; die Geſamtzahl erhöhte ſich 
von 65 500 auf 65 952. Kamen im Jahr 1916 auf 100 männliche 
Mitglieder 2,5 Lehrlinge ohne Entgelt, ſo erhöhte ſich dieſer An- 
teil auf 2,6 im Jahr 1917. Bei den weiblichen Mitgliedern kamen 
auf je 100 in beiden Jahren 0,8 Lehrlinge ohne Entgelt. Dabei 
iſt zu bedenken, daß die Kaſſen, auf deren Angaben ſich dieje Be- 
rechnungen ftüßen, nur erft etwa ein Drittel aller gegen Krank- 
heit verſicherten Perjonen umfaſſen. 
AusSdrüclich fei no<hmal38 hervorgehoben, daß e3 ſic< hier nur 
 
um ſole Lehrlinge handelt,.die überhaupt keine Entſchädigung, 
kein „Taſchengeld“, auch nicht Beköſtigung oder Wohnung, er- 
halten. Treten derartige Bezüge ein, ſo iſt..das bei der Kaſſe zu 
melden, und es erfolgt die Einreihung der Lehrlinge in Die ihrem 
Vordienſt äntſprechende Lohnklaſſe. Die ohne Entgelt beichäftigten 
Lehrlinge erhalten alle Kaſſenleiſtungen mit Ausnahme von 
Krankengeld; nach 8 494 der ReichSverſicherung8ordnung ſind für 
ſie die Kaſſenbeiträge entſprechend zu ermäßigen. In der Negel 
haben die ztrankenfaſſen das ſo eingerichtet, das für Lehrlinge nur 
zwei Drittel des Beitrags der unterſten Lohnſtufe zu entrichten ſind. 
Der geſchilderte Gang der Entwieklung hat den Arbeitgebern 
und Lehrmeiſtern zum Nachteil der Arbeiterſchaft eine große Ent-' 
laſtung gebracht. Er hat au< zu der bekannten LehrlingsSzüctereti 
geführt, die bekanntlic< darin beſteht, daß man<he „Lehrmeiſter“ 
nicht genug Lehrlinge erhalten können, ohne Rücdſicht darauf, ob 
die Lehrlinge bei ihnen auch wirklich etwas lernen. Kein Wunder 
daher, daß die Unternehmer das Lehrlingöweſen nac Möglichkeit 
noch weiter auszugeſtalten ſtreben. So wird 3. B. neuerding5 dar- 
auf gedrungen, daß die in der Schneiderei, Pußmacherei, in kauf- 
männiſchen Betrieben, ja ſogar in der Hauswirtſchaft als Dienſt- 
boten beſchäftigten weiblichen ArbeitS3kräfte erſt eine längere Lehr- 
zeit. dur<machen ſollen. Daher auc< in unſerer Statiſtik die 
großen „Zahlen weiblicher Lehrlinge ohne Entgelt. In der ge- 
ringen oder ganz fehlenden Entlohnung der Lehrlinge liegt aber 
auc<h die Haupturſache de3 Lehrlingsmangels, über den die Arbeit- 
geber ſtändig klagen. 
Darum müßte gegen. den „Lehrling ohne Entgelt“ entjchieden 
vorgegangen werden. Ganz unerträglich iſt diejer ſozialpolitiſche 
Widerſinn zumal in der Krieg3zeit, die eine ungeheure Verteue- 
rung der LebenShaltung brachte und dazu vielen Familien den 
Ernährer entriß. Die Erſcheinung iſt aber auch eine große Un - 
gere<htigkeit, denn der Lehrling leijtet unter allen Um- 
ſtänden nußbringende Arbeit. E3 wäre nur eine Selbſtverſtänd- 
lichfeit, dieje Arbeit auch zu bezahlen. 
Die berufenen Stellen, um gegen dieſen Unfug vorzugehen, 
wären die Handwerk8- und Handelskammern. Durch entiprechende 
nachdrücflihe Belehrung ihrer Wiäitglieder, aljo der Arbeitgeber, 
ließe ſich ſ<on viel erreichen. Haben do< die Handwerk5fammern 
im Lehrlingsweſen weitgehende Befugniſſe, die ſie zur Beſeitigung 
dieſes Mißſtandes anwenden könnten. Ferner könnten zur öffent- 
lihen Aufklärung der Beteiligten auch die Gewerkſchaften manches 
beitragen. Vor allem ſind die Arbeitereltern darauf aufſmerkjam 
zu machen, daß ſie Lehrverträge, die eine Vergütung der Lehrlinge 
nicht vorſehen, einfach niht unterſchreiben. Ir. Kleeis. 
ZZ 
Das ſei dir unverloren: Feſt, tapfer allezeit 
Verdien dir deine Sporen im Dienſt der Menſchlichkeit! 
Rundum der Kampf aufs Meſſer: =- Lern du zu dieſer Friſt, 
Daß Wunden heilen beſſer als Wunden ſchlagen iſt. Freitigraty. 
 
 
und ich mußte viel feinen lebhaften Geſtikukationen entnehmen, mit 
denen er feine Worke unterſtüßte. Aber den Sozialiften verſtand 
ich ehae dieſe Gebärden; denn der Soziali8Smus fprißt eine eigene 
'SpraHh2 der kämpfenden Hoffmung, wie Jean Jaure8 bei ſeiner An«- 
weſenheit in Eerlin fich au3gedrü>t hat. Schon damals ſagte mir dieſer 
ſchlichte Arbeiter, daß ein Weltkrieg unvermeidlich ſei wenn: das Ziel 
aller Ealkanfogialiften, die Balkanftaaten zu einer föderativen Re- 
publi? zu vereinigen, nicht verwirklicht würde. Doch das ſind ja in- 
zwiſchen nur zu bekamite Dinge geworden, 
Milloſſar fchilderte mir weiter, wie die deutſche Soztaldemokratie 
mit ihren großartigen Organifationen, ihrer reichen Literatur, allen 
Balkonfogieliſien ein Vorbild ſei, das zu erreichen ihr höchftes Beſtreben 
fei. Veit wachſendem Erſtaunen mußte ich feſtſtellen, daß diefer ferbiſc<e 
Arbeiter beſſer in der deutſchen ſozialiſtiſchen Literatur Befheid wußte, 
wie leider jelbſt die meiſten der deutſchen: Parteigenoſſemr, Daß die 
wichtigſten Schriften deutſcher fogzialiſftiſcher Verfaſſer 
üblerſekt ſind, beweiſt die Wertſchäzung, die ihnen gezollt wird, ſtellt 
aber «uch den ſerbiſchen Arbeitern ein ehrendes Zougnis für ihren Er- 
fenntniädrang aus, für ihren Eifer, ihre fozialiſtiſche Weltanſchauung 
ZU. verkiefen.. | 
Dann kamen jene unvergeßliägen Abende im Brelißer Anftalts8park, 
wo wir un3 völlig in die herrlichen, befreienden Gedanken des Sozia- 
kiamu2 verſenkten. Hier war die deutſhe und ſerbiſche Sprache kein 
Hindernis mehr, denn hier hatten die fogialiſtiſch fühlenden Serben 
das Wort. Wie Zuſtimmung klong das keiſfe Rauſchen der Kiefern, 
wenn wir in feiſenfeitem Glauben an die völkerbefreiende Kraft unſerer - 
JIdeem von der Glüdfeligkeit kommender Geſchlechtex fpraßen. AH, 
wir konnten damals ja micht witffen, welche fürchterliche Prüfung der 
Menſchheit im allgemeinen, welche Belaſtungö3probe dem internationalen 
Spozialismus im beſonderen. bevorſtand. . 
Milloſſar Zivulowitfch war in einem kleinen Dörfchen geboren und 
mit ſeinen zahlreichen Geſchwiſterw in harter Arbeit aufgewacfen. Als 
„zwr 
in8 Serbiſche 
ſiebzehnjähriger Burſche ging er zum Bergmannsberuf über. . Auch der 
Bergwerksbetrieb war ganz nah deutſchem Muſter eingerichtet. GStollen, 
Stempel und andere fachtechniſc<e Ausdrüde waren in den ferbiſchen 
Sprachſchaß völlig eingegangen. Mit zwanzig Jahren fiedelte Milloſjar 
in die Hauptſtadt über, um dort in den Zud>erfabriken der Umgegend 
zu arbeitem Hier kam er zum erſtenmal mit der modernen Arbeiter- 
bewegung in Berührung. Er, der. bis dahin weder leſen no<h |<hreiben 
konnte, oder -- um ſeinen eigenen AusSdru> zu gebrauchen -- eine 
Scultür nicht einmal von draußen kennen gelernt hatte, wurde nun 
eifriger Beſucher de3 ſozialiſtiſchen Bildung5vereins. Sehr ſchnell hatte 
der lexnhungrige Jüngling die Elementarkünſte, Leſen und Schreiben, 
erlerni.aund ftürzte fih nun mit aller Begeiſterung umd unermüdlicher 
Au3dauer in das Studium der ſozialiſtiſchen Literatur, die ſeinem 
Geiſt eine völlig neue Welt erſhloß. Einige Jahre darauf ſchite ihn 
r<hon das Vertrauen der Belgrader Arbeiterſchaft in das Stadtparla= 
ment. Bei einem Ausſtand, der in den Zuderfabriken ausSbrac<h, war 
er in der Streikleitung tätig. Die Beſitßer der Fabriken waren deutſcha 
Kapitaliſten. Sie wollten eine geringe Lohnerhöhung nicht bewilligen. 
Eine ſchlecht organifierte Maſſe neigt beicht gu Ausſ<hreitungen, wenn 
ihren berechtigten Anſprüchen nicht gleich entfprohen wird. So auch 
in dieſem Fall. Die Streikenden ſuchten die Streikbreher mit Gewalt 
von der Fabrik fernzuhalten. Wis aber Überall in der kapitaliſtiſchen 
Welt, ſo traten auch die ſerbiſG;en Träger der öffentlichen Gewalt 
al8 Shüßer des ausländiſchen Kapital3 gegen die eigeren Volksgenoſſen 
auf. G8 fam zu blutigen Zuſammenſtößen, bei denen auf beiden 
Seiten Opfer fielen, und das Kapital hatte wieder einmal geſiegt, 
Millofſſar aber wanderte al3 ſogenannter Heber für ein Jahr ins Ge- 
fängni8s. Nac<h Abbüßung dieſer Strafe konnte er nirgends mehr Arbeit 
befommen. Nachdem er in Bulgarien, Rumänen, Ungarn und Jtalien 
fein. Heil verſucht hatte, kam er naH Deutſchland, um hier, arbeitend, 
den von der gangen Internationale bewunderten Organiſationsapparak 
der deutſchew Arbeiterklaſſe kennen zu lernen. (Schluß S. 158)
	        
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