Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

Arbeiter-Zugend 
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Die Zahlen ſchwirren um mich. Einexr- ſammelt nach jedem Wurf 
die Ble<hmarken ein, ſchüttelt ſie in geballter Hand und ſchleudert fie 
über den Kopf fort. Rennen, Haſchen, Streiten . . .“ Jeder lieſt laut 
ſeine Zahl ab, und beſonders hell jubelt wer die höchſte Zahl gehaſcht hat. 
Beim nächſten Wurf rollt eine Marke vor meine Füße. Raſch 
bücde ich mich und hebe ſie auf. 
„Inf. Mangold. . R.I.R. 84. 6. Kopf. Nr. 207.“ 
Eine Erkennung3marke . .. Wo kommt ſie her? Hat Kamerad 
Mangold ſie verloren? Auf welchem Umweg iſt ſie in der Hand eines 
Buben von Droüucourt gelandet? 
Die Buben haben die Fäuſte feſt in die Taſchen gejtopft und gu>ken 
halb ſcheu, halb troßig zu mir her. Sie fürchten, der feldgraue Stören- 
fried möchte ihnen auch das andere Spielzeug nehmen. 
Ich drehe unſchlüſſig die Blehmarka von einer Seite auf die andere. 
Mitnehmen? Wozu? Der Himmel weiß, wo ihr Beſiker ſtet . . . 
I<h ſchüttke die Marke in der Hand und werfe ſie in hohem Bogen 
den Buben zu. Vier Köpfe fahren zuſammen, vier Rücken wenden 
ſich blißgeſ<hwind, und hohl klappern die Holzpantoffeln über da3 
Pflaſter. 
Ic<h gehe über den Plaz. 
Hinter der Kirche höre ich ſchon wieder die Stimmen: „ZSoixante- 
neuf. . .“ -- „Treinte-trois . . .“ =- „Deux cent sept . . .“ 
Das8 Leben von Männern al38 Spiel in Bubenhandl Sela! 
v ZF 
Cs war = es wird einmal. 
Es war ginmal . . . ſo fangen Märchen an, 
Entſchwundener Kindertage denkſt du dann. 
Und wie ein Märchen liegt die Zeit entrückt, 
Als noch der Friede unſer Land beglückt. 
Da ſtand nicht morgens ſchon, verzweifelnd ſchier, 
Die Mutter jammernd: Ach, was eſſen wir? 
Da ging der Vater früh mit Sorgen nicht 
Und kam mit Sorgen von der langen Schicht. 
Da war der Kinder Land kein Schattenreich, 
Der Mund nicht ſtumm, die Wange nicht ſo bleich, 
Der Frohſinn, der aus blanken Augen blickt, 
No) nicht erſtarrt, das Lachen nicht erſti>t. . 
Da weinte nicht die Mutter oft allein: 
Ach, daß es unſer Beſter mußte ſein! 
Da blieb kein Plaß am vollen Tiſche leer, 
Und ſeufzte keines: . „Ach, der kommt nicht mehr! 
. Es war einmal . . . Entſchwunden iſt die Zeit. -- 
Trag um Geweſenes nicht ewig Leid! 
Hor in die Zukunft: Frei von Not und Qual 
: Klingt eine neve Mär: Es wird einmal! 
Carl Dang. 
* 
2) AUS der Zuggendbewegunt 
Rauchen verboten! - 
Sv ſteht auf einem großen Plakat im Jugendheim... Es iſt ſchon gut 
umd richtig, daß unſere Heime nic<t verqualmt und verräuchert werden 
wie ſchmierige Schnapsſpelunkfen. Aber muß das unſern Freunden und 
Gäſten in einem drohenden: „Es iſt verboten!" zugerufen werden? 
„Rauhen verboten!“ Das klingt nah preußiſchem Beamtenton und nach 
geſtrengen Verordnungen eine3 hochwohlweiſen Magiſtrat3. Man ſichs 
unwillkürlich noch einmal Hin, ob da nicht drunter ſteht: „Zuwiderhan- 
velnde werden nach 8 11 der Heimovdnung mit ös ME. Strafe oder im 
Nichtbeitreibung3fall mit 1 Tag Haft belegt. Der Fugendausſchuß.“" 
Aber ſo iſt es ja nic<t gemeint, Wir wollen niemandem etwa3 ver- 
bieten, und auh uns ſelbſt iſt nicht3 „verboten“. Die Sache iſt doch ein- 
fach ſo: Wir wollten im Heim nicht rauchen. E35 iſt uns zu ſchön und 
zU ſchade, auch wenn 238 nur ein ganz einfaches Zimmer ſein ſollte. Tag3- 
über ſind wir in Arbeitsräumen mit ſchlechter Luft, ida wollen wir abend3 
und am Sonntag reine Luft um un3 haben, nicht aber Zigarren und 
Zigarettenrauch in unſere Lungen atmen. Wir wiſſen auch, denn wir 
haben e3 gehört und göeleſen, daß 'da3 Nikotingift im allen Tabakarten 
 
  
 
dem jungen, ſich noch entwidelnden Körper beſonders ſchädlich iſt, und . 
wir wiſſen endlich, daß wir uns für das Geld, das in blauen Dunſt aufs= 
gebt, ſchönere, reichere Genüſſe verſchaffen. können: Bücher, Wande- 
Lungen, Reiſen, Theater- und Konzertbeſuche. DeShalb wollen wir nicht 
rauchen; im Heim nicht und auf Wanderungen nicht, am beſten überhaupt 
nicht. Wir unterlaſſen 238 aus Ueberzeugung, nict weil uns Höhere .Ge- 
walt dräuend zuruft: Es iſt verboten! " . 
Aber die Neuen, die ins Jugendheim kommen, wiſſen doch davon noch 
nicht3? Sie rüden mit brennenden Glimmſtengeln an und blaſen dem 
feierte die Dresdner Arbeiterjugend ihr dieSjähriges Waldfeſt. 
Redner den Qualm ins Geſicht, wenn ſie nicht gleich erfahren: Hier wird 
nicht gerauc<ht! -- Da3 ſoll ihnen auch ſofort geſagt wevden, nur, bitte, 
nicht im Form eines -Befehl3 oder eines Verbot3. Nehmt den angehenden 
Jüngling, der ſich unter dem zukünftigen Schnurrbart eine Zigarre oder 
eine Zigarette in das Geſicht geſte>kt hat, freundſchaftlich am Arm und 
ſagt ihm: „Wir rauchen nicht!“ Der neue Gaſt hat dann ein Necht zu 
fragen: „we3shalb nicht?“, und wir haben die Pflicht, ihm unſere Ueber 
geugung vorzutragen, jo gut wir es können. Ganz ſicher wird in 99 von 
100 Fällen auch er überzeugt wevden und ſich dem Willen ider großen 
Mehrheit fügen. Tut er es nicht, ſo iſt er einer von den Leuten, auf die 
ein Verbot ſicher noc< weniger wirken würde. 
Deshalb dreht das Plakat mit dem drohenden „Rauchen verboten!“ 
herum und malt reht ſchön auf die Rücdſeite: „Wir rauchen nicht.“ Jhr 
ſollt ſehen, e8 genügt. Ueberlegt man ſich's recht, ſo findet man in iden 
beiden ſ9 ähnlichen Aufſchriften einen Unterſchied von gewaltiger Be- 
deutung, Denn die eine gebietet Zwang und Knehtung, die andere aber 
atmet Wollen und Freiheit, 
* 
Waldfeſt der Dre8dner vereinigten Arbeiterjugend. 
Aus DreSden wird uns geſchrieben: Am Sonntag, den 8. September, 
Schon 
in den früheſten Morgenſtunden waren die Jugendgruppen Hhinau3- 
gezogen und hatten dem Häuſermeer der Stadt Valet geſagt, um ſich 
nod) einmal, ehe die rauhen Winde des Herbſtes über die Fluren ſtreifen, 
in der freien Natur zu tummeln. Und dazu war der Feſtplaß wie ge- 
ſchaffen. Große, mit blühendem Heidekraut bewachſene Waldlichtungen 
de3 Wachbergs luden zum Spiel und Tanz ein. Jn den Nachmittag3- 
ſtunden begann, nacdem alle Gruppen eingetroffen waren, ein reges 
Reben, ein buntbewegtes Treiben. . 
Gegen Abend verſammelte ſich die Jugend und Genoſſe Wic3ner 
hielt eine Anſprache. E3 waren die3mal Worte der bitterernſten Wirk- 
lichfeit, aber auch Worte der Zuverſicht, die er in einem dreifachen Hod) 
auf unſere Bewegung, in das die Verſammelten kräftig einſtimmten, 
ausklingen ließ. 
. Das Ganze aber zeigte, daß auch die Dre8dner Jugendbewegung 
auf guten Wegen iſt. Nur mutig weiter ſo zum zweiten Tauſend Mit- 
glieder, denn da3 erſte haben wir Dresdner bereits überſchritten. 
W. Sp. 
* . 
Deutſchöſterreih3 Jugendbewegung im vierten Krieg3jahr. 
Kraftvoll alle Hinderniſſe überwindend, hat der Vorband der jugend- 
licen Arbeiter Oeſterreichs ſeinen Beſitzſtand vom Jahre 1916 auch im 
vierten Krieg3jahr behauptet. Wären die wirtſchaftlichen Verhältniſſe 
Deutſ<böhmensSZ nicht ſo troſtlos -- der blanfe Hunger treibt die 
arbeitemde Bevölkerung dieſes Kronlandes in die Fremde --, ſo könnte 
auch eine Vermehrung der Zahl der Zweigvereine feſtgeſtellt werden. 
Nur das Eingehen von 36 Gruppen in Deutſchböhmen hat die Zahl der 
Organiſationen verringert. Den höchſten Stand hatte die freie Jugend» 
bewegung Deutſchöſterreic<s im Jahr 1912 mit 355 Gruppen erreicht, 
von denzw auf Deutſchböhmen allein 228 entfielen. Am 3?. Dezomber 
1917 betrug didi Zahl der Gruppen 125; Deutſchböhmen, früher das 
Muſterland de3 öſterreichiſchen Jugendverbands, zählt nunmehr bloß 
59 Zweigvereine. In den übrigen Kronländern kann jedoch ein er= 
freuliches Erſtarken der Bewegung feſtgeſtellt werden, ſo daß die Mit» 
gliederzahl, die während de3 Krieges ſtetig geſunken war, im Jahr 1917 
wieder geſtiegen iſt. Die Zunahme betrug 717 Mitglieder, die Geſamt= 
zahl rund 8000, 
Seit Krieg8beginn ſind 4549 Mitglieder zum Heevesdienſt ein» 
berufen worden. Zieht man in Betracht, daß die fähigſten Mitglieder 
durch die Muſterungen der Jugendbewegung entzogen werden, ſo gez 
winnt dieſe Zahl noh melhhr an Bedeutung. Die Gruppen meldeten 
bis Gnide 1917 bereits 281 eingerüdte Mitglieder al38 gefallen. Die 
SVlteigerung des Mitgliederſtandes konnte nur durch eine aununter- 
brochene Werbearbeit erzielt werden. Auch im Jahre 1917 weijt 
die Mitgliedergewinnung im Vergleich zum Vorjahr eine kleine Steige- 
rung auf. Seit Krieg8au3bruch bis Ende 1917 ſind -der Bewegung 
15 522 neue Mitglieder beigetreten. 
Veber wie Zuſämmenſeßung der Mitgiliedſ<aft 
wird vom Verbandsſekretariat eind genaue Statiſtik geführt. Die 
7985 Mitglieder verteilen ſich auf 5809 männlichen und 2176 weiblichen 
Geſchlecht3; 3240 ſind Lehrlinge und Lehrmädchen, 1779 Gehilfen und 
Gehilfinnen, 2227 Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen, 501 im Hauſe 
beſchäftigt, und unbekannt iſt dex Beruf von 238 Mitgliedern. Be- 
achtung vevdienbh die Alter3erhebung. Es ſtehen im Alter von 
14 bis 16 Jahren 3108, von 17 bis 18 Jahcen 2724, von 19 bis 
21 Jahren 1501, über 21 Jahre alt ſind 577 und unbekannt iſt das 
Alter von 75 Mitgliedern. Da 73 Prozent der Mitglieder weniger al3 
18 Jahre alt ſind, kann von einer wirklichew Jugendorganiſation mit 
Recht geſprochen werden. 
Dem Bildung3weſen wurde auh im Jahr 1917 veges Inter- 
eſſc. entgegengebracht, Die Zahl der Veranſtaltungen weiſt einen kleinen 
Rückgang auf, der auch in der Beſucherzahl zum Ausdruck gelangt. Im 
Jahr 1916 wurden 5736 Verſammlungen, Vorträge, Ausflüge, Bea 
ſichtigungen uſw. mit 121 356 Beſuchern, gegen 5039 Veranſtaltungen 
mit 111657 Beſuhern im Bericht3jahr gezählt. Die Verteuerung Der 
Herſtellung de3 monatlich erſcheinenden Blattes „Der jug endliche 
Arbeiter“ macte äußerſte Sparſamkeit in der Ausgabe an die 
Gruppen notwendig. Das Blatt wird allen Mitgliedern ausgehändigt, 
die ihren von 30' auf 40 Heller erhöhten Monatsbeitrag entrichtet haben, 
nu3gefolgt, Dieſe Sparſamkeit machte 23 auch notwendig, den Umfang des 
De, 28 
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