Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

14 “ Arbeiter- Iugend 
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Schilling al8 Scuhfliker, Uhrbaſtler und ſogar als Damen- 
ſchneider verdienen müjſen. ' : 
ſchinenburſche an irgendeiner der Dampfmaſchinen, wie ſie in den 
Bergwerken gebraucht wurden, und de8 Abend38 beſuchte er dann 
eine Schule, um für einige Pfennige etwas zu lernen. Stephen- 
ſon hat überhaupt erſt mit :19 Jahren ſeinen Namen ſchreiben 
können! Aber ſtet3 arbeitete er raſtlo8 weiter, und als man 
ſ<ließlich einmal auf ihn aufmerkſam geworden war, kam er raich 
vorwärt3; er ſtarb ſchließlich als einer der berühmteſten Techniker. 
Hat nun Stephenſon die Lokomotive erfunden? Nein und ja! 
Schon vor ihm hat man ſolche Maſchinen gebaut, und Stephenjon 
ſtand zunächſt ganz auf dem Boden ſeiner Vorgänger. Die erſte 
Perſonenbahn zwiſchen Sto>ton und Darlington, die Stephenſon 
im Jahr 1825 vollendete, zeigte no< Lokomotiven, die durc<aus 
an den Puffing Billy erinnerte. Aber Stephenſon8 Verdienſt be- 
ſteht entſchieden darin, ſpäter eine lebensfähige Form für den 
Dampfwagen gefunden 34, haben. Und injofern mag man 
Stephenſon al3 den Erfinder der Lokomotive feiern. 
7 Mit der „Boruſſia“ (Abb. 5) aus dem Jahre 1858 führen wir 
eine deutſche Maſchine vor. Hier liegt aber der Dampfazylinder 
vorn, und dieſe Anordnung iſt überhaupt üblich geworden. Die 
Kolbenſtange geht in einer deutlich erkennbaren Führung wage- 
recht hin und her; an ihrem Ende befindet ſich ein „Kreuzkopf“, 
der mittels einer „Pleuelſtange“ auf den „Krummzapfen“ an 
einem Treibrad einwirkt. Das Treibrad ſitt mit ſeinem Nachbar 
auf der anderen Seite feſt auf der Achſe, und die beiden Zylinder- 
arbeiten gemeinſam daran, dieſe in Umdrehung zu verſeßen. 
Man kann nicht beſtreiten, daß die Boruſſia einen recht gefälligen 
Anblick bot, und da man häufig die oberen Teile ſolcher Maſchinen 
au38 Kupfer und Meſſing fertigte, ſo gewannen dieſe ſogar etwas 
Materiſches. - 
Wir dürfen den Rahmen unſeres Artikel3 nicht überſchreiten. 
Nur kurz ſei daher auf die neueſte Entwieklung hingewieſen. Bei 
der preußiſchen Heißdampf-Schnellzugslokomotive (Abb. 4) ſind 
zwei Achſen „gekuppelt“. Der Dampf wirkt zunächſt nur auf die 
beiden großen Räder, die dem Schornſtein am nächſten liegen: die 
Kuppelſtangen nehmen aber das andere NRäderpaar mit. Dadurch 
wird an ſich keine Kraft gewonnen; aber es ſind jekt vier Räder 
da, die greifend wirken, und dadurch wird die Haftung an den 
Schienen größer. Und wa3 iſt „Heißdampf“? Iſt nicht Dampf 
überhaupt ſchon heiß? Ia, aber oft nicht heiß genug, und Über- 
dies iſt erdem Techniker vielfach noc< zu naß, zu wäſſerig. Da- 
rum leitet er den Dampf, ehe er ihn an die Arbeit ſchi>t, wohl 
noc< durch beſondere Röhren, die von ſehr heißer Glut umſpült 
werden. Dort verdampft da3 leßte Tröpfchen: der Dampf wird 
„roden“, und ſeine große Hike verleiht ihm eine geſteigerte Ar- 
beit3kraft. Oben auf der Maſchine ſieht man den ziemlich klein 
gewordenen Schornſtein, dann den Dampfdom, den Sandſtreu- 
kaſten und neben. dem Fäührerhäuschen die Röhren de8 Sicherheit8- 
pentil3. Außerdem ſinden ſich noc< zahlreiche Einzelheiten, ohne 
die die neuzeitliche Lokomotive nicht beſtehen kann. So beiſpiels8- 
weiſe eine Luftpumpe für die Bremſung =- links aufwärt3 vom 
 
Aber dazwiſchen ſtand er als Ma- 
Zylinder =- ſowie Laternen und dergleichen notwendige Apparate 
mehr. -- Wer einmal na< Berlin kommt, der findet Gelegenheit, 
alle beſchriebenen Maſchinen in gefälligen , ſogar beweglichen Mo- 
dellen im Verkehr3- und Baumuſeum nahe beim Lehrter Bahnhof 
u fehen. 
zu feh “- 
Engelberk Pernerſtorfer. 
Ein Freund der Jugend. 
hHtundſechzig Jahre iſt unſer Pernerſtorfer alt geworden und 
M4 ſchwere Krankheit hielt ihn ſeit Monaten nieder. Aber ſolange 
er aufrecht ſeinen Weg ſchritt, ſolang war ſein Herz jung, und 
mehr als ſonſt einem unter den Führern der deutſchöſterreichiſchen 
Arbeiterbewegung ſchlugen dieſem die jungen Herzen entgegen. Gr 
fam ſeinen Zuhörern nicht mit wiſſenſchaftliher Gründlichkeit, er ſprach 
zu ihnen nicht von der mühſeligen TageSarbeit für die Organiſation --- 
er entfachte ihre Begeiſterung für das Hohe und Schöne, für deutſche 
Kunſt und Dichtung, die durc< den SozgialiSmu3s zum Beſitz des ganzen 
Volkes werden ſollen -- Und das ſagte er, ſo oft es auch geſchah, immer 
in ſo edler Sprache, goß e3 in feurigem Fluſſe in die ſchönſten Formea 
der deutſchen. Rede, das alles hingeriſſen an ſeinem Munde hing. Er 
aber ſtand in ſtattliher Geſtalt vor uns, das mächtige Haupt erhoben, 
ohne viel Gebärden und ohne Haſt im Sprechen, frei von der Bindung 
an ein Manuſkript -- cin klaſſiſcher Redner all die Zeit von ſeimen 
Studentenjahren bis zuleßt. 
C3 lebte viel Künſtlertum in dieſem Mann, der einſt, als die Ar- 
beiter noch feine eigenen Vertreter* nac; Wien ins Parlament ents- 
ſenden fonnien, ihre Sache und ihr Recht in ſcharfen Kämpfen meiſter- 
lich verfocht und der unterm gleichen Wahlrecht als ſozialdemokratiſcher 
Vizepräſident ſo würdig den Vorſik in dem marmornen Saal am 
Franzensring führte. Ich glaube, daß es ihm, der in unzähligen Ver- 
ſammlungen in ganz Deutſchöſterreich und oft auch in Deutſchland. ge= 
ſprochen hat, am liebſten war, vor jungen Leuten zu ſprechen, vor den 
ſozialiſtiſchen Studenten in Wien, vor den jugendlichen Arbeitern vor 
allem, : 
Cs war nach ſeinen Verdienſten um die Arbeiterſache ſelbſtver- 
ſtändlich, daß er gleich nach ſeinem förmlichen Anſchluß an die Partei 
auch in ihre Leitung berufen ward. Aber ihm, dem unbedingten Demo- 
Fraten, lag alles „Führer“tum und alle Autorität ſo weltenfern, daß er 
dergleichen niemals für ſich ſelbſt in Anſpruch genommen haben würde. 
Er war für jeden, der ſtrebend ſich bemühte, zugänglich, und manches 
junge Gemüt hat von dem verehrten Manne dort in ſeinem Nedaktions- 
zimmerden der „Arbeiter-Zeitung“, inmitten der Maſſen aufgeſtapelter 
Feuilletonmanuſkripte, Worte vernommen, die e8 lange noch aufgerichtet 
haben, ihm ein wahrer Laitſtern geblieben ſind. 
So war e8 auch mit ſeinem ganzem! öffentlichen Auftreten, da3 
immer wieder von innerer Freiheit zeugte und dem Volk der Hörer eine 
Seelenſtärkung war. J<h kann das bekunden, denn ich habe ſchon als ganz 
junger Burſch in Wien keine Gelegenheit, „den Pernerſtorfer“ zu hören, 
verſäumt. Oft habe ich Gelegenheit gehabt, zu ſehen, welche Verehrung 
er unter den Arbeitern genoß, bLeſonder3 im Viertel unter dem Wiener- 
wald, aber auch oben in Nordböhmen. Dort konnte ich ihn ſo manches 
 
 
Nichtig, ſie fam und wollte offenbar nach Fech8heim. Wir hätten 
un3 ja nicht zu verſte>ken brauchen, wir waren noch ganz und gar 
angezogen. Aber wir hielten uns doch mu>dsmäusd<enſtill und ließen ſie 
vorbei. Als ſie ein Ende weg war,'ging's lo8: „Die ſoll heute wa3 
erleben!“ =-- „Der müſſen wir einen Schaberna> ſpielen!“ -- Eh'38 Nacht 
wird, muß ſie wieder heim!“ -- „Die ſoll uns noch mal verklatſc<hen!“ -- 
Und alle möglichen Vorſchläge wurden. laut: „An den Marterpfahl 
binden wir ſi2!“" -=- „Einen Stri> wollen wir über den Weg ſpannen, 
daß ſie drüber fällt!“ =- „Eine Fallgrube auf der Straße anlegen!“ =- 
„Sie mit Lehmpaßen ſchmeißen, bis ſie die Hoſen verliert!“ -=- 
Aber wir machten's andex8. J< wußte, da die Fränz öfters zu uns 
ins Hau3 kam, daß ſie ſehr abergläubiſch. war, und da fiel mir wa3 ein. 
Des Förſters Friß wurde :auf Poſten geſchit. Zeit hatten wir 
genügend. Und vier von uns wurden derweil au38gezogen und in Teufel 
verwandelt, Erhielten eine di>de Lehmfkruſte auf die blanke Haut ge- 
paßt und geſhmiert und: darauf ein wahrhaftiges Teufeisfel aus 
Kiefernadeln und Moo3 und Flechten. Auf den. Kopf kamen zwei ge- 
bogene Aeſtchen als Hörner. Wir gaben uns redliche Mühe mit der 
Wasferade, beſſerten und halfen immer von neuem nach und erreichten 
auch, daß das Zeug ganz erht und wahrhaft grauslich ausſah und 
einigermaßen am Leibe hielt. | 
Die Sonne war ſchon untergegangen =- die Fräng war noch nicht 
zurüd; es wurde ſchummerig, und ſchließlich war's ſo weit, daß wir 
unſere Geſichter nicht mehr exfannten, Da hörten wir endlich das ver- 
abredete Zeichen, Förſterfrißens „Kiwitt! Kiwitt!"“ Marrams Michel 
ſpielte den Oberteufel; er hatte ein Stüklein faules Pappelholz ange=- 
zündet, das glimmte und ſollte, umgekehrt zwiſchen den Zähnen im 
Munde gehalten, für die nötige hölliſche Beleuchtung ſorgen. Die Nicht- 
Teufel verteilten ſich auf ihre Zuſchauerpläze. 
- brühwarm aufgetiſcht: 
Al3 die Fränz in Sicht kam, ging der Spuk los. Fauchen, Knurren, 
erſt vor, dann hinter und neben ihr. - 
„Vater unſex!“ begann ſie laut, | 
Wütendes Geheul und Gebell, Marram38 Michel rennt, 
Teufel8fraße von innen beleuchtet, auf ſie zu. vr 
„Alle guten Geiſter!" = Jeſu8mariaundjoſef!“ Und ſie ſchrie, 
die Fränz, als ob ſie ſchon am Bratſpieß Beelzebubs ſte>&te. Dann aber 
begann ſie, den Roſenkranz ſchwingend, zu rennen, die Teufel hinter- 
drein. Marram3 Mächel ſtieß ihr noch ſeinen Kopf in den Rücken, 
vaß ſie brüllie, al8 ob der Gottſeibeiuns ſie ſchon in den Krallen halte. 
Dazu quietſchte und tobte e3 au3 allen Een, als ob die wilde Jagd lo3- 
gebrochen ſei. BiZ der lezte Lehmpaß von den Teufeln abgefallen und 
die lebte 'Ekke des ſchübenden Wäldchens erreicht war. Dann atemlos 
zum Bach und die Spuren der Untat abgeſchwemmt, ſchleunigſt in die 
notwendigſten Kleider und auf großem Umweg ums8 ganze Dorf und 
von der andern Seite aus einzeln heim. ' 
Al3 ich nach dem Abendeſſen noch Milch holte, erhielt ich'3 ſchon 
Denk, der Fränz iſt der Teufel erſchienen, 
einen glühenden Kopf hat er gehabt, und nach Bech und Schwefel ge- 
jtunfen hat er, und als ſie ihn beſchwor, da rannte er weg (ſo eine 
ſeine 
Lügnerin, die Fränz!), und im Wald ſoll dann ein fürchterlich238 hölli- 
ſches Gelächter lo38gebrochen ſein (das war wieder wahr, das waren 
- wirtl). 
Ja, und am nächſten Tag waren 23 ſchon ein paar Dußend Teufel, 
mit denen ſie ſihß herumgeſchlagen, und am übernächſten Tage eine 
ganze Legion, und Beelzebub, zwei Manns hoch, mitten unter ihnen, 
und dem hatte ſie Schwanz und Hörner ausgeriſſen, aber untertweg3 
“in dex Dunkelheit wieder verloren. 
Nur =- nach Fechz3heim ging die Fränz nie wieder,
	        
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