Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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'Erden ſtatt de3 furchtbaren Moxdens mit allen ' ſeinen grauenhaften 
Nebenerſcheinungen. Jſt dieſes Verhalten unſerer Arbeiterjugend nicht 
ein beredtes Zeugnis für den Menſchlichkeitsgehalt unſerer Jugend= 
'bildung3arbeit, zugleich aber auh für uns Aeltere ein Strahl der 
Hoffnung, der die„gewittzrdunkle Gegenwart erhellt und in die ZuU- 
*unft hinüberleuchtet ? -. Sn = 
' Dieſes erhebende Gefühl war 28, das ich von der Unterhaltung der 
Gladbe&er Jugend. mit na Hauſe "'genomnien habe. Was ſoll 1ch alle 
Einzelheiten des Gebotenen -änführen! Wie der Ton die Muſik macht, 
ſo kommt es auf den Geiſt an, "der eine Gemeinſchaft erfüllt. Und 
dieſer Geiſt iſt bei unſerer Gladbe>er Jugend muſterhaft. Das zeigte 
fich ſowohl bei den“ Deklamationen und in den Spielen, wie bei den 
Muſik- und Geſangdarbietungen, im Ernſt und im Humor gleichcr- 
maßen. Alle Nummern wurden leicht und zwanglos wie etwas Selbſt- 
verſtändliches abgewidelt. Da3 Gebotene war nicht zimperlich, aber 
gediegen. Dabei war die Unterhaltung nicht etwa eigens für einen 
beſtimmten Zwed vorbereitet, ſondern zählte zu den regelmäßigen Ver- 
anſtaltungen. Die Jugend war wie immer unter ſich. 
. Wenn ich mich frage, wie e8 möglich iſt, daß eine ſolche loſe Zu- 
ſammenkunft von rund 70 Jungen und Mädchen doch eine ſo vorzüg- 
lihe Ordnung und eine ſo harmoniſche Stimmung aufwies, ſo finde 
ich dieſe Tatſache hauptſächlich in der Leitung begründet. Seit der erſten 
Werbung für die „Arbeiter-Jugend“ im Jahr 1909 hat der Genoſſe 
Peter Boden-- ein alter Bergmann zähen Schlages =- ſeine ganze 
- Kraft in den Dienſt der Jugend geſtellt. Er hat daneben auch bis jekt 
die Führung im Kreis innegehabt. Da3 Geheimnis ſeines Erfolges iſt 
in der Weſenzart ſeiner Perſönlichkeit zu ſuchen. Peter Boden iſt einer 
von den wenigen, die, wenn ſie einmal eine Sache übernommen haben, 
troß aller Hinderniſſe in ſtiller, beharrlicher Arbeit nicht raſten und 
nicht ruhen, bis das Zier erreicht iſt.. Und wel<he privaten und behörd- 
lichen Widerſtände hat die Jugend in Gladbe> nicht überwinden 
müſſen! Einiges davon iſt ſeinerzeit ja in der „Arbeiter-Jugend“ be 
richtet worden. Aber nichts konnte unſern wadern Kämpen wankend 
machen. Dabei hat er im Umgang mit Menſchen eine Art, die aller 
Aufdringlichkeit und Bevormundung bar iſt. Von früheſter Kindheit 
an in die harte Fron gezwungen, war ſein ganze3 Daſein troß pein- 
lichſter Pflichterfüllung nichts al8 eine lange Leidenskette.. Schli2ßlich 
durch die brutale Aus8beutung3methode des Grubenfapital3 in die 
Reihen der kämpfenden Kämeraden getrieben,, ſieht er naturgemäß im 
Sozialimus den Leitſtern all ſeines Handelns, ſein Evangelium. FÜr 
ſolche Perſönlichfeiten hat gerade die Jugend ein feines Verjzundnis, 
und ſo iſt es die freudige Anhänglichkeit an ihren Leiter, die dieſen 
jugendlichen Zuſammenkünften da8 Gepräge gibt und ſie auf ein2 
höhere Cbene hebt. 
- Die Abonnentenzahl der „Arbeiter-Jugend“ hat ſich während der 
Kriegszeit in Gladbe> verdoppelt. Rund dreißig Jugendgenoſſen ſtehen 
unter den Fahnen. Jm geſelligen Kreiſe daheim wird ihrer ſtets nach 
Gebühr gedacht. Auch am zweiten Weihnachtstag. So ſage. ich wohl 
nicht zu viel“ wenn ich behaupte, daß die proletariſche Jugend in Glad- 
be> in vorbildlicher Weiſe der Zukunft entgegengeht. 
H. Salzmann. 
[GAC Diie (GGegneran der Arbeit SPI 
NM cs 0 
- "Von den katholiſchen Jungfrauenvereinen, . 
Der Zentralverband der katholiſchen Jungfrauen-Vereinigunagen 
Deutſchlands hatte zum erſtenmal eine Generalverſammlung, und zwar 
nach Duisburg einberufen. Das iſt nicht ſo zu verſtehen, daß etiva 
Vertreterinnen aus den Mädchenvereinen, von den Mitgliedern ge- 
wählt, zuſammen gefommen wären. Die Generalverſammlung beſtand 
vielmehr aus 120 Geiſtlichen, die über die weibliche Jugendpflege be- 
rieten. In dem Tägungsbericht, den der in Bochum erſcheinende 
„Jungfrauenverein“ veröffentlicht, wird die Zahl dex dem Verband an- 
geſchloſſenen Vereine mit 2095 und die Zahl ihrer Mitglieder mit 
451 046 angegeben. Der Verband nennt ſich infolgedeſſen die größte 
- Jugendpflegeorganiſation Deutſchland3. Wie viele in dieſer Rieſenzahl 
wirklich übergeugte und tätige Mitglieder ſind, ſteht dahin. Jedenfalls 
ſahen ſich auch die katholiſchen Jungfrauenvereinigungen gezivungen, 
vem Zeitgeiſt Zugeſtändniſſe zu machen. E3 wird zugegeben, daß der 
Geiſtliche leicht va3 religiöſe Gebiet zu einſeitig betont. 
Demgegenüber wird darauf verwieſen, daß man die Jugend nur dann 
 
 
 
 
für die Vereine in Anſpruch nehmen könne, wenn man ihr nach MöBög-- 
Bchfeit auch: für das natürlice Leben alles biete. Das umfaſſende 
' Bildung3programm der Vereine, das weit über das religiöfe Gebict 
hinausgreift, verdient Beachtung. Sogar auf die „Politiſierung“ der 
weiblichen Welt wird Rückſicht genommen. Die katholiſchen Jugend- 
führer wiſſen wohl, daß “auch in Deutſchland das Frauenwahlr2<t 
herannaht und ſorgen daher für „rechtzeitige ſachliche und ſtaats8bürgers- 
- Tiche Schulung“. Noch vor wenigen Jahren hätten die Führer der 
katholiſchen Jungfrauenvereine in ihrex großen Mehrheit ſolche Forde- 
Lungen glatt abgelehnt. = ' 
'Auch an den Nöten der zu Hunderttauſenden in die Kriegzinduſtrie 
geworfenen Mädchen geht der katholiſche Jungfrauenverband nicht 
 
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"gleichgültig vorüber; Aber ſie ſind ihm doch faſt ausſchließlich nür eine 
'„ſeelſorgliche“ Frage. Kein Einſpruch gegen die -Aufhebung: der Schuß- 
geſeße, fein Kampfruf gegen die ſchränfenloſe Ausbeutung der jungen 
Mädchen! --- Dieſe katholiſ<hen Geiſtlihen ſind ſicher warmherzige 
Freunde der Jugend, aber man fühlt immer wieder aus ihren ':Be- 
ſchlüſſen, “daß ſie dex wirtſchaftlichen Not des jungen Pröletariats, die 
doch die Haupturſache ſo vieler ſittliher Mängel iſt, fremd gegenüber= 
ſtehen. In dieſer Beziehung haben die katholiſchen : Jungfrauenvereine 
in den ſiebzig Jahren ihre3 Beſtehea8 nicht viel hinzugelernt, 
B Zur wirtschaftlichen Lage A 
Lehrlinge, verlangt höheren Lohn! 
Dieſer Ruf, der jüngſt ſhon in unſerem Blatt erging, verdient, 
noch einmal erhoben zu werden. Er iſt wichtig und dringend genug. 
Wieviel ſorgenvolle Mütter, in35beſondere Kriegerfrauen, mag es im 
Neiche geben, die ſich den Kopf gerbrechen und das Herz zerquälen, weil 
die Vergütung für den lernenden Sohn ſo gering iſt, daß ſich kaum 
vie Stiefelſohlen und vas troene Brot davon aufbringen laſſen, von 
ven teueren ſonſtigen Lebensmitteln und der unerſchwinglichen Kleidung 
gang zu ſchweigen. Deshalb muß immer wieder betont werden: Lehr- 
linge und Lehrlingseltern, verhandelt mit den Meiſtern um eine beſſcre 
Entlohnung! Weitbli>kende Führer der Haudwerker verlangen ſelvſt 
mehr Lohn für Lehrlinge. Auch Lehrer ſchließen ſich dieſer Forderung 
ue Eo ſc<reibt der Fortbildung3ſchüldir2ktor J. Heimann in Münſter 
i. Weſtf.: 
„Das Handwerk muß ſich zu einer, wenn auch beſcheidenen Ent- 
lohnung der Lehrlinge bequemen, . . . Der deutſche Handwerk38- und 
Gewerbekammertag ſtellt in ſeinen lezten Beſchlüſſen eine „durch- 
greifende Neuregelung einer den veränderten wirtſchaftlichen Ver- 
hältniſſen entſprechenden Entlohnung der Lehrlinge“ als nots- 
wendig hin.“ . 
- Der Fortbildungs3ſchuldirektor Heimann weiſt an Zahlen aus 
Münſter, Hagen, Köln und Hamburg nach, daß ſich für die Berufe, die 
ihre Lehrlinge ganz fümmerlich zu entlohnen pflegen, nur noch wenig 
Nachwuchs meldet. Die Verdienſtausſichten beſtimmen eben die Be- 
ruf3wahl. In den meiſten Fällen ſind aber die Handwerker und die 
ſonſtigen Betriebe jeßt derart auf die Arbeit der Lehrlinge ange- 
wieſen, daß dieſe faſt immer mit Erfolg in eine „Lohnbewegung“ ein- 
treten können. Gewerkſchaftliche Freunde werden ihnen dabei ſicher 
nit Rat und Tat beiſtehen, Der Verdienſt dex Unternehmer läßt aber 
in der Regel auch eine beträchtliche Aufbeſſerung zu. Alſo ſtellt Eure 
Forderungen! Mutter kann die Groſchen brauchen. 
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Sparzwang zugunſten de38 Arbeitgeber3, 
Ein von einem Buchdrucereibeſizer zu“ ſeinen Gunſten ang2- 
wandtes Sparzwangſyſtem erklärte das Wewerbegericht Duis2- 
burg in einer ſoeben amtlich veröffentlichten Entſcheidung für un- 
gültig. Der Kläger in dem Prozeß war vier Jahre als Lehrling und 
dann noch einige Zeit al8 Gehilfe tätig. In den lekten dreiviertel 
Jahren waren ihm vom Wochenlohn 1 Mk. und 50 Pf, zurückbehalten 
worden, die ex erſt nach fünfjähriger Tätigkeit ausbezahlt erhalten 
ſollte. Im Fall eines früheren Verlaſſens der Stellung ſollte der anz 
geſammelte Betrag als zugunſten des Arbeitgebers verfallen gelten. 
Der Kläger focht mit Erfolg dieſen Vertrag an und erreichte die 
Verurteilung de8 Beklagten zur Auzzahlung der 63 Mi. 
Spargelder. Die Abrede, ſo heißt es in der Begründung, verſtoße gegen 
die 88 115 und 117 der Gewerbeordnung. Der Sparzwang ſei hier augen=- 
ſcheinlich weniger dazu beſtimmt, die Lage des Gehilfen zu verbeſſern, 
als die Arbeitskraft möglichſt lange an den Betrieb zu feſſeln, Der 
drohende Verluſt der Spareinlagen im Fall vorzeitiger Auflöſung des 
Arbeit3verhältniſſes ſoll den Gehilfen veranlaſſen, mindeſtens fünf 
Jahre zu bleiben. Die Wohltat de3 Sparens tritt gegenüber dieſem 
Zwang völlig in den Hintergrund, und der Sparer gerät dadurch in ein 
Abhängigkeitsverhältni8s zum Arbeitgeber. Auch: die Kündigungsſreiheit 
wird dadurd< in unzulänglicher Weiſe beeinträchtigt. FG Bereinbarung 
könne darum nicht al3 re<ht3gültig angeſehetffiverden. - 
 
  
 
  
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Antiklerikal (griech.), gegen den Klerus, die al8 Machtgruppe aufs= 
tretende Geiſtlichkeit gerichtet. ' 
Autorität (lat.), der auf Anerkennung ihrer Bedeutung gegründete Gin- 
fluß einer Perſönlichkeit auf die Anſichten oder Willensentſchei- 
  
dungen anderer Rerſonen; ſolche Perſönlichkeiten werden aud) ſelbſt 
al3 Autoritäten bezeichnet, 
- Brevier (lat.), Gebetbuch der römiſch-katholiſchen Geiſtlichen. 
Exemplariſch (lat.), muſterſäft; im böſen Sinn: warnend, abſchre>end, 
Legion (lat., Ton -auf der“ Gndſilbe), römiſcher Truppenkörper von 3000 
bis 6000 Mann; allgemein: große Anzahl, Shax. 1x 
Trilogie (gried.), drei dem Inhalt nac< zuſammengehörige Bühnenſtüde. 
 
> 
Gerantwortlich ſür die- Redaktion: Karl Korr: -- Verlagt Fr. Ebert (Zentralſtelle für die arbeitende Jugend Doulſchland8), = Druc: Vorwärts Buchdruckerei u, Verlags- 
anſt“lt Paul Singer & Co, Säumtlich in Berlin, . - 
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