Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

 
richtungen zu ſchaffen, die an Wichtigkeit der Fortbildungs- und 
Gewerbeſchule gewiß niht nachſtehen. Einige Gemeinden haben 
bereit8 Ledigenheime für Erwachſene . eingerichtet. Zn England 
gibt e3 ſolche ſc<on ſeit dem Jahr 1870. So notwendig dieſe An- 
Falten ſind, um das Elend des Schlafſtellenweſens zu bekämpfen, 
ebenſo notwendig ſind aber auc< die Heime für die jungen Ar- 
beiter umd Arbeiterinnen. Die erforderlichen Koſten dürfen dabei 
gar nicht ins Gewicht fallen. Sie werden ſich in der Hauptſache 
auf die Errichtung oder den Ankauf eine8 geeigneten Gebäudes 
und einen vielleicht gar nicht ſo großen jährlichen Betrieb3zuſchuß 
beſchränken, da ja die aufzunehmenden jungen Leute ein ent- 
Sprechendes8 Entgelt zu leiſten hätten. Jedenfalls. würde das Geld, 
in dieſem Sinn an die leibliche und ſeeliſche Geſunderhaltung 
unſerer Jugend angewandt, reichliche Zinſen tragen. 
Die Not iſt groß und ſie wächſt von Tag zu Tag. Mag man 
ſich darum unverzüglich das dringende Bedürfnis ſolcher Lehrlings- 
und Arbeiterheime klarmachen und von der Erkenntnis zur Tat- 
(E3 iſt angeregt worden, Volk8häuſer als Denkmäler 
ſchreiten! 
für die Gefallenen zu errichten. Das iſt zweifellos ein guter Ge- 
danke. Aber Heime für die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen 
würden ebenſo würdige Erinnerungsſtätten darſtellen! Das ver- 
goſſene Blut der gefallenen Jugend ſoll in ihnen im lebenden Ge- 
ſchlecht und in den kommenden Generationen zu neuer Volkskraft 
erſtehen. Eine Heimat für die heimatloſe Jugend zu faffen =- 
kann es ein ſchöneres Ziel geben für alle wahren Freunde -de3s 
Volkes und ſeiner ſchwer gefährdeten Jugend? Ernſt Mehlich. 
M7 
Was iſt Philoſophie ? 
er von einem einſam vor ſeiner Glaskugel grübelnden 
Schuſter ſagt: „er philoſophiert“, oder bei der Frage des 
„Fünfjährigen: „warum fallen die Sterne nicht herunter?“ 
ausruft: „ſieh da, ein kleiner Philoſoph!“ löſt in etwas die Schale 
vom Kern. Wer aber de8 Glauben3 wäre, daß jeder Doktor der 
Philoſophie am Quell der Weltweisheit ſikt, würde allermeiſt ent- 
täuſcht ſic abwenden müſſen. -- Wie das? Ein Studierter der 
Philoſophie und doch kein Philoſoph? Nun eben darum, weil 
Philofophie mit dem Brotſtudium durchaus nicht zuſammenfällt, 
aus anderen Gründen kommt und andere Anlagen vorausſjetkt. Die 
Univerſitäten faſſen unter dem Namen der philoſophiſchen Fakul- 
tät alle möglichen Fächer zuſammen: ſprachlich-hiſtoriſche, mathe- 
matiſch-naturwiſſenſc<haftliche, kunſtgeſhichtliche und andere. Hierin 
kommt gewollt oder ungewollt zum Ausdru>, daß Philoſophie =- 
ein griechiſches Wort mit der urſprünglichen Bedeutung „Siebe 
zur Weisheit“ -- mehr iſt als ein Fachſtudium, 7al8 bewußte Be- 
Ichränfung auf ein umgrenztes Einzelgebiet, 
= aH = Arbeiter-Zugend 
« 
Alle echte Philoſophie, die man am beſten aus ihrer Geſchichte 
kennen lernt, hat mehr ſein wollen und iſt mehr als ein wiſſen- 
ſchaftliches BruchſtüF, oder gar nur ein Rezept für phyſiſche3 
Wohlbehagen, ein Knigge für den Umgang mit Menſchen, als 
Weltgewandthait. Sie 
iſt ſtet3 darauf auS8gegangen, aus 
*originärem (voraus8ſezung3loſem) Denken heraus das Geſamt- 
wiſſen, oder beſſer die Gejamtreſultate des Geſ<hehens ihrer Zeit 
zu einem Bilde im großen zu vereinen, zu einer Weltanſchauung, 
um damit eine Löſung des Welträtſels zu verſuchen, den Schleier 
des Bilde8 von Sai3 zu heben und den Menſc<en zu ſagen, wie ſie 
leben ſollen, um „Menſchen“ zu ſein, um ſich) zu erheben über die 
Stufe des nahrungſuc<henden oder dumpf hinbrütenden Tiere3. 
Mit reiner Fachgelehrſamkeit hat das nichts zu tun. Dft genuz 
kommt es vor, daß ein Gelehrter, ein „großes Licht“ auf ſeinem 
Gebiet, ſich al3' eingebildeter, kurzſichtiger Dummkopf erweiſt, ſo- 
bald er ſich ein Urteil herausnimmt über Dinge, die nur von 
weiteren Geſicht3punkten aus zu erfaſſen ſind al3 von denen ſeiner 
Käfergelehrſamkeit: Nicht anders geht es zahlloſen Menſchen, die 
ganz und gar in den trüben Kleinlichkeiten des Alltags verſumpfen, 
denen die Schwingen gelähmt ſind, oft genug aus bitterer Not. 
Darum iſt der Kampf der Sozialdemokratie um ein materiell be- 
ruhigte8s Daſein zugleich ein Kampf für die Philoſophie. Freilich) 
- hat gerade der Sozialiſt die unbedingte Pflicht, feinen Blick 
auf das Ganze gerichtet zu halten; mag er noh fo gut „das Pro- 
gramm“ am Schnürchen haben -- kümmert er ſi< nicht um den 
SozialiSmus im Geſamtprozeß des hiſtoriſc<en Werden3, ſo leidet 
er ſ<hmählichen Schiffbruch, wenn er etwa über das Weſen der 
Weltinternationale urteilt, = “ 
Kurz, Philoſophie ſtellt immer von neuem mit allen ihr zu 
Gebote ſtehenden Mitteln die lezten großen Fragen des Menſc<en- 
geſchlechts, nac< dem „Woher“ und „Wohin“. Sie grübelt: was 
iſt die Welt, und welchen Begriff ſollen wir uns von ihrem Zu- 
ſammenhang machen? Jit ſie ein ablaufende3 Uhrwerk, da8 Werk 
eines Schöpfers, eine Fata Morgana? Iſt ſie Leiden, von dem 
Erlöſung geſucht werden muß? Dder was iſt ſie? Und was iſt 
menſchlihes Erkennen? Wie kommt es überhaupt zuſtande? 
Können wir mit unſerer Erkenntnis8fähigkeit das Lekte erfaſſen, 
oder iſt alles Sinnentrug? Was iſt gut und böſe, recht und un- 
recht? Alle Menſchen berufen ſich auf ſolche Unterſcheidungen, und 
wie idieſe bi8 zur Widerlichkeit entſtellt werden können, zeigt dieſer 
Weltkrieg. -- 
Die Philoſophie beruhigt ſic) nicht bei dem Regiſtrieren des 
Tages8geſ<hehen8. Sie verſucht immer von neuem, die Fäden ſämt» 
lichen Wiſſens und Werden3 einigend zuſammenzuſpannen. Sie 
wird ſo gut die Reſultate der Naturwiſſenſc<aft, wie die der Mathe- 
matik, der Rechtſprechung, de8 Sozialen und Oekonomiſchen, die 
Ergebniſſe des Praktiſchen und Theoretiſchen zu einem großen 
Syſtem zu vereinen verſuchen. Daß ihr das immer nur ſchritt- 
weiſe und nicht lückenlos gelingen kann, daß Philoſophen aud) 
dieſer Ärt immer nur Menſchen beſtimmter Verhältniſſe ſind, weiß 
 
Mein Photographiealbum. 
Eine Jugenderinnerung von Th. Thomas: 
8 gibt Menſchen, die beſiken ein Sammelbuch, in dasſie. die Photo- 
C graphien aller, die ſie lieben (oder auch nicht lieben), die ſie ge- 
kannt (oder auh nicht gekannt) haben, al38 Bruſtbilder oder in 
Kabinettform, fein ſäuberlich nebeneinander ſte>en. Die Größe des 
Bildes iſt dafür entſcheidend, wie die Geſichter zuſammengeſtellt weriden. 
Sinn für harmoniſche Zuſammenpaſſung der Photographien je. nach 
Liebe, Freundſchaft odex Verwandtſchaft8grad darf man nicht haben, das 
verträgt ſich nicht mit der Papiergröße. - 
Auch ich beſitze ſolch ein Inſtrument. E38 ſtammt von meinem Vors 
mund, der e38 mir zur Konfirmation gab. Beim beſten Willen kann 14 
nich nicht mehr erinnern, ob ich mich über das Geſchenk gefreut habe oder 
nicht. Aber das weiß ih noch ſehr gut: ich brauchte damal3 notwendig 
.ein paar Schuhe, was ich meinen Vormunid auch wiſſen ließ. Er aber 
brachte mir Dieſes blechbeſchlagene Untier. Gleich auf der erſten Seite 
glänzte ſein Bild. Auch eine Widanung hatte er dazu geſchrieben : 
„Dies ſchenkte Dir in hoffnung5vollen Stunden 
. - Dein Vormund Guſtav Gärtner 
. 4. April 1890.“ 
E3 iſt mir nie klar geworden, ob er oder im am 4, April 1890 
Stunden der Hoffnung durchmachte, Da es ſo geſchrieben ſteht, wird 
. wohl irgend etwas daran geweſen ſein, - | 
Dieſe für mich gang nußloſe Konfirmation3gabe wäre mir oben» 
drein beinahe zum Verhängnis geworden. Das kam ſo. Das3 Bud blieb 
' entſeßlicq leer, Keine liebende Seele, niemand ſchenkte : mir ſein 
„Konterfei“. Oft ſtand ich wie verzweifelt vor dem leeren Gehäuſe mit 
dem einen Bild. Schließlich verfiel ich auf iden Gedanken, mir ſebbſt 
Photographien zu ſpenden, einerlei „wes Nam' und Art“, 
Der Zufall begünſtigte mein Vorhaben. Einſtens arbeiteten wir in 
einer Lichtbilldanſtalt, wo oben im Lagerraum ganze Käſten voller Photo» 
graphien ſtanden. E38 waren jedenfall38 Bilder, die nicht abgeholt, be- 
TIchädigt oder überzählig waren. Als ich den Lehrling, den ich aus ider 
Fortbildungsſchule gut kannte, fragte, ob ich mir davon ein paar aus- 
ſuchen könne, gab er mir mit einer großartigen Geſte die Erlaubnis: 
„Nimm ſe, aber laß Dir nicht erwiſchen!“ 
Da3 ließ ich mir natürlich nicht zweimal ſagen und ertappen ließ 
ich mid) auch nicht dabei. Ungefähr ein Dußend Bilder von Mädchen aller 
Gefellſchaft8ſchichten wanderten in meine Sammlung, wo ſic meinem 
Vormund Geſellſchaft leiſten mußten. “ 
Unz jedes Bildnis ſchrieb ich, guter Gewohnheit entſprechend, eine 
Widmung. Den paſſenden Text dazu lieferte meine Lektüre aus der 
10-Pf.-Bibliothek. So kamen Umſchriften zuſtande wie dieſe: 
„Jür köſtliche Stunden.“ 
„Als Zeugnis meiner Treue.“ 
„Dem Liebſten zum Gedenken.“ 
Dieſe Sprüche wurden in ſchönen Buchſtaben um die Mädchen» 
köpfe gemalt, wobei ich jede3mal die Handſchrift verſtellte, um eine ge- 
wiſſe Abwechſlung hineinzubringen. Wer ein bißchen auf den Kopf ge- 
fallen war, dem konnte man lange Räubergeſchichten darüber erzählen, 
wie die hübſchen Kinder ſich gerade hier ein Stelldichein gegeben hatten. 
Leute, die Beſcheid wußten, fielen natürlich auf den Schwindel nicht hin- 
ein. Jc< hütete mich übrigens, meinen Schaß zu zeigen; nur ganz, 
wenige wußten davon. I< hing an dem Futteral und verwahrte es ſo 
vorſichtig wie andere ihr Sparkaſſenbuc<, Es lag immer gut verſchloſſen 
in meiner Kiſte. Schon wegen der Meiſterin, die, wie iQ aus Erfahrung 
wußte, ziemlich neugierig war. Aber auch ihr Junge ſtrich immer um 
mein Eigentum herum. Leider beſaß i< nur eine beſcheidene Lade. 
Die war mein Wäſche- und Kleiderſchrank, oft auh meins Speiſekammer, 
* 
dazu noch Bibliothek, Geldſpind und 'Werkzeugkaſten. Alles flog hinein, 
was zu erraffen war. Sonntag nachmittags wurde ſortiert, geovdnet und
	        
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