Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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Arbeiter- Jugend 
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niemand“ beſſer al3 der an Marx und Engels geſchulte Sozialiſt. 
Aber Philoſophie iſt auch nicht Stillſtand, ſondern ein Prozeß. 
Zhr ticfites Weſen ruht auf dem Grunde unerſchro(kenſter Kritik, 
drennenden Zweifel3, immer neuer Selbſtkorrektur. Sollte jemand 
einwenden, daß bei der ungeheuren Ausdehnung der Wiſſen3- 
gebiete eine ſjol<e Philoſophie für einen einzelnen ein Ding der 
- Unmöglichkeit iſt, ſo widerſtreitet dem die Tatſache, daß e3 immer 
Menſc<en gegeben hat und geben wird, die ihr Aeußerſtes daran 
ſeen, zu einem beruhigenden Weltbild zu gelangen und es den 
andern zu übermitteln. Das iſt auch ein gar nicht zu zähmendes 
Verlangen, eine unbändige Schnſucht des Menſchen, die freilich 
auch das Höchſtmaß von Anſpannung erfordert, die nichts zu tun 
hat mit der Bequemlichkeit und der Klugheit der Satten, die 
immer wieder erbittert kämpft aus verzehrendem geiſtigen Hunger 
heraus, die durc<jaus nicht ablenkt und lahmlegt, ſondern dur 
und durch revolutionär geſtimmt auf den Willen wirkt, immer 
wahrhaftig und immer auf das Ganze. Natürlich auch ſie nur ein 
dienendes Glied, den Menſc<en zu helfen. Philoſophie muß das 
organiſch werdende Sein der Menſchen erfaſſen und ins Bewußt- 
ſein der Mitwelt bringen. Mit Beamtentum und vorgeſchriebener 
Geſinnung hat ſie nichts gemein. Siegdient allein der Wahrhaftig- 
keit. Sie will erſchöpfend in die Weite und Tiefe gehen. Wenn 
auch heute Geſchichte und Dekonomie (Volkswirtſchaft) für den 
iwwerdenden Sozialiſten den erſten Platz einnehmen, ſo iſt ihr 
Studium, „zur dann von Wert, wenn es von phitkofophiſchem Geiſt 
getragen ilt 
Philoſophie beginnt da, wo der Menſch kritiſc; ſeine Um- 
gebung und ſich betrachtet, wo er nicht aufhört, nach dem „Warum“ 
zu fragen. Wenn er jung iſt, wird er gar nicht anders können, 
al38 immer von neuem dieſe Frage zu ſtellen; um ſo mehr während 
dieſes Kriege38, der mit Blut und Schrec>en faſt gewaltſam dazu 
drängt. Wer abends über ein Schlachtfeld geht und ſieht nach 
oben in die Unendlichkeit des Raumes und um ſich die grauſige 
Frage: „Warum das Leiden, warum der Tod?" -- wen dieſe Frage 
zum erſtenmal mit ſchneidender Schärfe trifft, der ſteht am Ein- 
gangs8tor der Philoſophie. Wer zum erſtenmal bei dem Gedanken 
erſhri>t: „Sekunde um Sekunde verrinnt, was iſt die Zeit und wo 
bleibſt du?“: er hat da38 Verlangen nach Philoſophie. Er hat es 
wenn er Leiden und Elend der Welt ſieht, ihr Praſſen und ihr 
Entbehren und aufſtöhnend fragt: „Muß da3 alles ſo ſein?" --- 
wer im beiligen Schmerz der Mutter um den gefallenen Sohn die 
Frage nach gut und böſe ſtellt, mag er eintreten in das Tiefſie, 
was die Menſchheit ſchaffen kann! Aber auch, wer einen Stab ins 
Waſſer taucht und ſieht, daß dieſer Stab gebrochen erſcheint, er- 
ſcheint und doh nicht gebrochen iſt, wen zum erſtenmal Zweifel be- 
jhleichen an der Erkenntnisfährigkeit unſerer Sinnesorgane: ihm 
naht die Philoſophie. Philoſophie iſt für den Jüngling die Sehn- 
jucht, für den Mann die ſchöpferiſche Kraft, Entſagung für den 
Greis; ſie iſt vie Hoffnung der Jugend, der Glaube de3 Mannes, 
des Greiſes Liebe. 
Wafer ane MES oe ee, Sut 
So iſt alſo Philoſophie, um es nochmals zu ſagen, in ihrem 
lezten Sinn Weltanſchauung. Sie bleibt e8 auc<h, wenn ſich in 
neuerer Zeit mehr und mehr Einzelgebiete von ihr löſen, um in 
der Fülle des Materials zur Klarheit zu kommen über Einzel- 
fragen, wenn ſie ſich ihrerſeit3 auf beſtimmte Methoden und Prin- 
zipienfragen zurückzieht, etwa die nach dem Weſen der „reinen“ 
Erkenntnis, des reinen Willen3, des reinen Gefühl8 und andere. 
Immer ſucht ſie das große Syſtem. „Jede Einzeldiſziplin kann von 
ſich aus ebenfall38 dieſen Weg gehen, das heißt den Weg zur Philo- 
ſophie. Und erſt recht der Soziali3zmuS8, den geradezu jede Frage, 
ob Streik, ob Stellung zum Staat, ob politiſche Jdee oder Fragen 
der Weltwirtſchaft, ganz abgeſehen von der grundlegenden Frage 
des Internationalen, geradezu zur Philoſophie drängt. Wie aus 
dem SozialiSmus 3 Philoſophie entſpringt, ſo bedeutet ſie ihrerſeits 
für ihn kritiſche Schärfung ſeiner Waffen und Bli>weitung für 
das Geſamtgeſchehen. Riemand kann wahrhaftiger ſein als der 
Sozialiſt; ſeine Philoſophie wird erfämpft und erlebt. Verwirk- 
lichter Soziali8mus3 iſt fleiſchgewordene Philoſophie. 
Karl S<hröder. 
Wie uns aus mannigfachen Erfahrungen bekannt iſt, haben 
viele unſerer älteren Jugendgenojſen ein geradezu brennendes Inter- 
eſje für philoſophiſche Fragen. Der vorliegende Beitrag iſt der erſte 
einer Neihe von Aufſägten, die unſere Leſer in das Reich der „Königin 
der Wiſſenſchaften“ einführen ſollen. Am Schluß der Reihe wird eine 
Veberjicht über die vorhandene Riteratur gegeben werden, die als 
Lektüre aind zum weiteren Stiudium für junge Arbeiter in Betracht 
kommt. Red. 
N 4 
Erleuchtung. 
In unermeßlich tiefen Stunden 
Haſt du, in ahnungsvollem Schmerz, 
Den Geiſt des Weltalls nie empfunden, 
Der niederflammte in dein Herz? 
Jedwedes Daſein zu ergänzen 
Durch ein Gefühl, das ihn umfaßt, 
Schließt er ſich in die engen Grenzen 
Der Sterblichkeit als reichſter Gaſt. 
Da tuſt du in die dunkeln Riſſe 
Des Unerforſchten einen Blik 
Und nimmſt in deine Finſterniſſe 
Ein leuchtend Bild der Welt zurück. 
Du trinkſt das allgemeine Leben, 
Nicht mehr den Tropfen, der dir floß, 
Und ins Unendliche verſchweben 
Kann leicht, wer es im „Ih genoß. Friedrich Hebbel. 
 
 
 
Unterhaltung mit meinen Photographien gepflogen. Durch den fort- 
währenden Umgang mit den Bildarn redete ich mir beinahe ein, idie hol- 
den Geſchöpfe, die ſie darſtellten, zu kennen, Gines5 Tage3 traf ich da3 
Original de8 Bildes, (das icq „Gertrud“ genannt hatte, zufällig auf dem 
'Markt. I< ſc<rak nicht wenig zuſammen. Das war das einzige Mal, 
daß ich zu einem meiner Bilder „menſchliche Beziehungen“ anknüpfte. 
Mittlerweile war ich nachgerade in. die Sechzehn gekommen -- mir 
ſproßten ſchon die erſten Härchen auf iden Lippen, als ich wegen einer 
Reparatur über Land mußte, Alles ging ein bißchen ſehr eilig, ſo daß 
ich gum erſtenmal vergaß, meine Bundes8lade abzuſchlicßken. Schon 
während der Hinfahrt fiel mir meine Vergeßlichkeit wie ein Zentnerblo> 
aufs Herg. Am liebſten wäre ich umgekehrt, doh ich mußte drei Tage 
aushalten. = : 
Als ich am Mittwochabend nach Haus kam, fiel mir ſofort das drol- 
lige Geſicht des Dienſtmädc<hens8 auf, mit dem ſie mich emipfing. Na, und 
erſt die Meiſterin! Schnell entledigte ich mich meines Werkzeugs, ſtürzte 
in die Kammer, und richtig: meine Bildergaberie war weg. Total ver- 
ſ<wunden. Ich konnte jedoch nicht lange darüber ſinnieren, denn ſchon 
wurde ich zum Meiſter gerufen. 
Im Burcau empfing mich mein Lehrherr mit einem Geſicht wie eine 
Bulldogge. Von früheren Gelegenheiten kannte ich dieſen AuSdrud, er 
bedeutete: „Achtung, Hochſpannung =- die Berührung mit LebenSgefahr 
verbunden!“ Wie er mich zu Geſicht bebam, ſagte er nur drei Worte: 
„Fümmel,“ umd nochmals „Lümmel,“ und zum drittenmal „Lümmel!“ 
E3 fann auch „Himmel, Himmel, Himmel!" geheißen haben, ich will nicht 
darauf ſchwören. 
- Waz3 lo3 war, ſollte ich gleich erfahren, denn nach einer kleinen Atem- 
pauſe ſchrie er mich an: 
„Wie kommſt du Luder denn lvazu, de3 Bürgermeiſter3 Tochter, die 
Frau. Doktor Schloßmann und dem Kreisarzt ſeine Frau in deinem 
Album rumzuſchleppen, heb?“ 
Damals wußte man moch nichts von „Momentaufnahmen“, aber i< 
 
 
gäb was drum, wenn iM ein Bild davon beſäße, wie =- - geiſtreich ic | in 
jenem Augenbli> muß ausgeſchaut haben. 
„Ah, die hab' ich geſchenkt befommen,“ ſagte im endlich. 
„Was, du Lumich, geſchenkt haſte je bekommen? Nu meenſte denn, 
ic< bin aus Dummdorf derheeme? Da Diſte aber ſchief gewi>olt, du Flez. 
Geſchenkt bekommen . . 2?“ 
„Doch, Meeſter! Von wem Lehrling bei Engelmann, der hat ſe mir 
gegeben, wie mer dort gearbeitet hamm . 
„Nu läutet es vierzehn. Nu härt aber „alles uf, o< das no<4! Jeht 
kommt glei mei Kundſchaft mit ins Gerede, des gloob iH dir nicht, du 
KSigenbeitel. O du Vieh, Vieh, Vieh." 
Mein Meiſter hatte nämlich die Angewohnheit, in der Wut beſtimmte 
Kraftworte der Wirkung wegen dreimal zu wiederholen, 
„Nu, und wer hat denne die Gemecenheeten drum rum geſchmiert? 
Wohl o< dem Engelmann ſein Lauſejunge, häh? Die Frau Medizinal«- 
rat wird dir ſchon von wegen „Köſtlichen Stunden“ und ſo! Luder, Luder, 
Luder!“ - 
Darauf ſagte ich zunächſt gar nicht8, denn, offen geſtanden, hatte ich 
keine rechte Vorſtellung davon, was der Alte eigentlich meinte. Schließ» 
lich, al38 er ſah, daß mit mir nichts weiter anzuſtellem war, brüllte er 
mich noch einigemal an und warf mich raus. - 
Ich kletterte wieder in meine Bodenkammer. Aber 23 litt mich nicht 
lange da. In der Erlenſtraße war eine Wirtſchaft, wo iM mir ab und 
zu ein halbes Glas Bier oder ein paar Zigarren kaufte. Die di>e Wirtin 
konnte mich gut leiden. Nach dieſem Zuflucht3ort wandte ich meine 
Schritte. Der Meiſter ſah e3 nicht gern, daß ich dort verkehrte, Der 
Wirt war Sozialdemokrat, da3 bedentete zu jener Zeit keine Empfehlung. 
Al3 iH in die Gaſtſtube trat, fing die Wirt3frau ganz unbändig an 
zu lachen. Jhr Körper wurde nur ſo hin- und hergeworfen. J<h <r- 
kannte ſofort, daß dieſe Gemütserſchütterung meinem Auftreten galt. 
„Na, du Ritter Blaubart," rief ſie mir entgegen, „du machſt ja 
i<heene Sachen! Du biſt ja en ganz Gefährlicher!" (Shluß folgt.)
	        
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