Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

an dieſem Wintertag voll eiſiger Pracht im Siebengebirge wandern. 
Rodlerinnen freili<, die .mit un38 Überſeßen, 
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guden neugierige Naſen in den kalten Morgen. - 
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„Arbeiter-Iugend | | | | - 
=) Kehren der Straße ſaufen, manchmal abet 
2? "= 4 auch im Graben übereinanderpurzeln; dann 
wandern wir ſeitwärts, tiefer I in das Sieben- 
' gebirge binein. Der Jamitartag iſt kurz, 
unſer Weg aber iſt lang, und der Schnee 
wird uns auf ungebahnten Höhenpfaden 
am Ausſchreiten hindern. Die Sonne bricht 
dur< den Nebel, und der Wald bietet im 
Rauhreif ſeine ſchönſten Bilder. Jeder 
Baun, jeder Buſch, die verdorrten Blätter 
am Boden, Moo38 und welke Gräſer und 
auch die Telegraphendrähte drüben auf der 
Landſtraße ſind mit “Hlißenden Kriſtallen 
überſät. Wo wir im Vorübergehen ein 
Zweiglein ſtreifen, rieſelt flimmernder Reif 
auf uns8 herab. Langſam zerrinnt .die 
Pracht, die Sonne ſchmilzt den nächtlichen 
Schmu, den Nebel und Froſt über den 
kahlen Wald gehängt haben. 
E3 iſt bitterkalt und ein ſcharfer Nord- 
oſt bl&ſt un8 um die.Ohren. Bald ſind wir 
an der Kloſterruine von Heiſterbach. Jur 
kennt das Gedicht vom Mön von Seiſterbach. 
Dreihundert Jahre iſt er: im Kloſterwald 
 
 
 
Königswinter am Rhein. 
Ein Winkerkag im Siebengebirge. 
Köln, Mitte J Januar. 
er ſteinerne Sankt Peter am Dom. zu Köln hat ſich in einen 
Ei8mann verwandelt. Ein Strahlenkranz von ſpiten Eis» 
zapfen glikert um den Heiligen,, Es friert einen, wenn man 
ihn anſieht. Steif und weiß ſteht er auf ſeinem froſterſtarrten 
' Brunnenbed>en und bli>t hinab zum nahen Rhein, auf dem der 
König Winter ſeine große Parade hält. De38 Januar3 Eis8haud) 
hat Dampfer und Kähne vom Strom geſcheucht. Wo ſonſt die 
Schiffe die Fluten pflügten, ziehen Heere von ungezählten EiSs- 
ichollen zum fernen Meer. Nur ab und zu kämpft ein vom Ei8- 
gang überraſchter Schlepper gegen die knirſchenden und berſtenden 
Schollen, bis er im nächſten Winterhafen Schuß und Ruthe findet. 
Vor wenigen Tagen fing mit leichten Sc<haumſtücken das Treibeis 
an. Jett aber gleiten zwiſchen Stücken, ſo groß wie eine Tiſch- 
platte, auch ſchon fußdicke EisSbroden vom. Umfang einer Zimmer- 
de>e ſtromab. Der Rhein treibt in ſeiner' ganzen Breite ſtarkes 
Ei3. Mit gellenden Schreien tummeln ſic< ſeine Wintergäſte aus 
dem Norden, fiſc<hungrige Möven, über dem von Froſt dampfen- 
den Waſſer. Vom Bingerloch her iſt gemeldet, daß der Nhein 
„ſteht“. Dort hat ſich das Treibei3 zu einer feſten Decke über den 
Strom zuſammengeſchoben. Hier, am breiten Niederrhein iſt das 
Waſſer ſeit Menſchengedenken nicht mehr zugefroren. Die Kälte 
vermag dem Rhein nur eine Laſt von ſchweren Eisſc<ollen auf die 
Wellen zu legen, und immer wieder zertrümmert er die rieſigen 
. EisSbro>en an den Steinpfeilern der großen Brüden. 
Die Rheinuferbahn führt uns ſtromaufwärts. Wir wollen 
Oberhalb Bonn bringt uns die Dampffähre zum anderen Ufer. 
hr breiter Bau troßt dem Eisgang. Sonſt wäre auf ſtunden- 
weite Entfernung ein Ueberqueren de8 Rheins nicht möglich. - Vor 
Jahrzehnten waren die beiden Ufer bei Eis- 
gang. wochenlang wie zwei Welten getrennt. 
Nun ſichern eiSbrechende Fähren. den Ueber- 
gang. 
De>. Der Bart des Steuermanns iſt hne. 
weiß bereift, Unſere Mäntel und Wetterhüte 
beginnen ſich mit Eiskriſtallen zu ſchmücken. 
Die Stangen und Ketten des Schiffs ſind mit 
I<immerndem, ſchneeweißem Hau überzogen. 
Rauhreif hat ſeine Zauberpracht über das Land 
geſtreut, Bäume und Sträucher, Aeſtc<hem und 
Blättchen der kahlen Laubhölzer ſind in ſpinne- 
webenfeine weiße Schleier eingehüllt. Die 
 
juchen mehr al3 Rauhreifs; ſie brauchen für ihre 
Schlitten feſten Schnee, Wir ſteigen mit ihnen 
den Drachenfel3 hinan. Jhre>Rodelhoſen er- 
regen Aufſehen. Ein SFwarm von Schul- 
kindern folgt uns, und aus ſo manchem Zenſter. 
Raſch laſſen wir das Städt<en hinter uns und 
haben die Freude, ſchon auf halber Bergeshöhe 
in voller Schneelandſc<haft zu wandern, Eine 
Weile ſehen wir dem. Bölk<hen der-Rodler zu, 
die mit Sc<hi> und Schneid. wum die vielen 
Y 
umhergeirrt, weil er an dem Pſalmworte 
zweifelte: „Tauſend Jahre ſind. dir wie der 
Tag, der geſtern vergangen iſt“. Er glaubte nur wenige Stunden 
im Walde geweſen zu ſein, als er nach drei Jahrhunderten wieder 
an die Kloſterpforte kam. So ſc<hneidend kalt wie heute muß es 
„während der dreihundert Jahre wohl nie geweſen ſeins; ſonſt hätte 
der grübelnde Veönd), barhaupt und barfuß, doch wohl eher dic 
Erinnerung an des Kloſter3 warme Stuben wieder gefunden. 
Un8 gelüſtet ſchon jeht nach einer Raſt am Ofem, aber 
vor uns loden die verſchneiten Berge, und wir folgen ihren: 
Ruf. Ein heißer Trunk tut aber not. In einer höhlenartigen 
Einbuchtung, die Schuß vor dem Wind bietet, kochen wir ab, was 
man im vierten. Krieg8winter ſo Abkochen nennt. Als wir dann 
einige Schritte tiefer in unſeren Unterſchlupf dringen, finden wir. 
daß wir nicht ſeine eingigen Gäſte ſind. Fledermäuſe hängen, in 
ihre Flughaut eingehüllt, mit den Hinterfüßen an der Felſeii- 
dede und halten ihren todähnlichen „Winterſchlaf. Die Tierchen 
fühlen ſich. kalt an, aber ſie leben. Ürden wir ſie in der Hand 
oder in der Taſche erwärmen, ſo hätten wir ſie gewiß bald munter, 
aber ſie könnten das vorzeitige Erwachen mit dem Leben bezählen. 
DesShalb laſſen wir ſie ungeſtört in ihrem Schlafe und gehen weiter. 
. Troß der - Winterkälte regt ſich“ Leben in der nur ſc<einbar 
erſtorbenen Natur, Am Gutshof drunten ſehen wir Haubenler<en 
um die Futterkfrippen ſtreichen, hier auf den Feldern ho>en. 
Schwärme von Krähen, und an einer lang ſich hinziehenden Weiß- 
dornhede ſ<wirren Rebhühner auf. Sie haben dort, wo ſich unter 
dem Geſtrüpp noch ſ<neefreie Stellen finden, wohl nach Larven, 
Würmern, Unkrautſamen und ähnlicher karger Winterkoſt geſucht. 
Die verſchneiten Felder zeigen Spuren und Fährten von Tieren. 
Der Weg, den Meiſter Lampe und ſeine Verwandtſchaft, die 
Kaninc<en, genommen haben, iſt leicht zu erkennen. Die hungrigen 
Nager haben ſich an dem jungen Wurzelwerk und den verdorrten 
Grasſpißen, die ring3 um die Bäume aus der Sc<hneede>e lugen, 
etwas gütlich getan. Die harten Baumrinden konnten ſie einſt- 
 
- - Das Siebengebirge.
	        
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