Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

 
Arbeiter-Zuzind | H 21 
weilen verſchmähen. Der Schnee liegt no& nict ho< genug 
und läßt deShalb manche andere Nahrung frei. Die zierlichen 
Spuren in der Aderfurche laſſen auf Feldmäuſe ſchließen, die 
irgendwo in der Nähe ihr Winterlager aufgeſchlagen haben. In 
den Wäldern, die wir nun aufwärts ſteigen, darben ſich wohl auch 
Füchſe, Rehe, Eichhörn<en und anderes Getier dur< den ſtrengen 
Winter. Auch ſein eiſigſter Srofthauch kann da38 Leben der Natur 
nicht ganz ertöten. Unter Reif und Schnee keimt es und regt es 
ſich. An den Zweigen der Buchen dehnen ſich ſpike Knoſpen, in 
denen zarte Blättchen vom nahenden Frühling träumen. Die 
Birke, die Haſel und der Holunder treiben noc< mutiger. Der 
Holunderſtrauch muß uns einen kleinen Zweig überlaſſen. Wir 
ſtellen ihn zu Haus in Waſſer und werden mitten im Winter bald 
die Knoſpen ſich erſchließen ſehen. Hier im Buchenwald ſind jekt 
nur Efeu und Stechpalme grün. An den leßten tiefdunkelgrünen 
Zweigen ſiken Knäuel von roten Beeren, die allerlei Vögeln den 
Hunger ſtillen. =- Höher als vierhundert Meter ſteigen wir heute 
- nicht auf die Berge. Auch in dieſer 
Höhe ſchon geht un8 der Schner, 
der unten am Rheinufer kaum die 
Straße dec>t, bi3 über die Knöchel. 
Der ſinkende Abend zwingt uns, 
Wege in da3 Rheintal zurüczu- 
juchen. Schon von Sommernächten, 
die gern im Siebengebirge durd»- 
ichwärmt werden, ſang der Rhein- 
länder Heinrich Heine: 
Sieh nur, ntein Freund! So eine 
4 Nacht dur<wacht ich 
auf hohem Drachenfels, Io leider 
racht' ich 
den Schnupfen und den Huſten 
mit nach Haus! 
In einer Winternacht aber, 
bei 10 Grad unter Null und 
pfeifendem Nordoſt, würden aud) 
. dem! begnadetſten Dichter die Verſe 
ansgehen, 
Einſt, vor vielen taufend Jay- 
reit, gab es in dieſen Breiten weder 
E13. noch Schnee. Ju der Tertiär- 
zeit wucl ſen Lorbeer- und Palmen- 
haine, tinte die Myrihe, wo nun 
Büchen und Eichen dem Froſt 
iroßen und Fichten ihre Schneelaſt 
tragen. Beim Zerſchlagen des 
Quarzitſtein3 findet man noh jeßt 
Abdrücke von Blättern tropiſcher - 
Pflanzen, die 'untergingen, als auf 
dieſen: nun ſo. lieblichen Söhen 
Vulkate- ihre Lapagluten ſpien und 
einer“ neuen Tier- und: Pflanzen- 
welt den Boden bereiteten. Nod) 
einmal drohte dieſer Landſchaft, : 
einer der ſchönſten der Erde, die Eo 
Gefahr der Zerſtörung: diesmal ; 
vom Menſchengeiſt und ſeiner Luſt .; 
 
am Gelderwerb. Man bra<h und |: > . - wn 
 
Die Ernährungsnok. 
er Weltkrieg hat dent deutſchen Volk große Ernährungs- 
ſchwierigkeiten gebracht, die mit der Dauer des Kriegs - 
immer mehr gewachſen ſind. Wir haben nicht nur eine 
ungeheure Teuerung, ſondern au< die Nahrungs3mittelmengen, 
.die der ſtädtiſchen und induſtriellen Bevölkerung zur Verfügung 
ſtehen, ſind ganz unzureichend. 
Deutſchland hat im Frieden einen beträchtlißen Teil der für 
jeine Bevölkerung notwendigen Nahrungsmittel eingeführt: etwa 
ein Sechſtel feines Bedarf8 an Brotfrucht, ferner in bedeutendem 
Umfang tieriſche und pflanzliche Fette, und vor allem auch große 
Mengen Futtermittel, ohne die unſere Viehhaltung und unſer = 
im Durchſchnitt = ſtarker Fleiſ<verbrau< nicht möglich gewefen 
wären. Während des Kriegs iſt die Einfuhr nach Deutſchland 
immer mehr unterbunden worden. Ein ſehr groß2r Teil unſrer 
Nohrungsmittelzufuhr ſtamwte aus Rußland, das bisher durch 
die Fronten der einander gegenüber- 
ſtehenden Heere von uns getrennt 
war; ein andrer Teil kam aus über- 
ſeeiſchen Gebieten, au3 denen faſt 
nichts mehr herangebracht werden 
kann, da Deutſchlands Ueberſeever- 
bindungen faſt völlig unterbrochen 
ſind und infolge der ſcharfen Kon- 
trolle, die unſere Gegner auSsüben, 
auc< der Weg über die neutralen 
Staaten nahezu vollſtändig geſperrt 
iſt. Aus allen dieſen (Gründen ſtehen 
uns viel weniger Nahrungsmittel 
zur Verfügung als im Frieden. “ 
Eine ſolche Knappheit an Nab- 
rungsmitteln muß aber, wenn den 
Dingen freier Lauf gelaſſen wird, 
zu einer ſtarken Teuerung führen. 
Droht dem Menſchen der Hunger, 
ſo iſt er bereit, für ſeine Nahrung 
da3 Letzte hinzugeben. Auf derandern 
Seite iſt es ſelbſtverſtändlich, daß die 
Erzeuger und Händler die Möglich- 
feit, hohe Preiſe für ihre Waren zu 
bekommen, nach Kräften ausnüßen. 
In der bürgerlichen Geſellſchaft, in 
ver wir immer noch leben, betrachtet 
e3 ja ein jeder nicht nur al3 fein 
gutes Recht, ſondern geradezu als 
jeine Pflicht, möglichſt viel zu ver- 
dienen. Darum iſt es nur „natür- 
lich“, wenn Leute, die ihr ganzes 
Leben lang der Auffaſſung geweſen 
ſind, daß cin vernünftiger Menſc<) 
für feine Waren ſoviel nehmen 
darf, als er irgendwie kriegen 
kann, ſic) nun nicht auf einmal 
 
v freiwillig aus lauter PatriotiSmus 
: SEG oder Menſc<henliebe mit niedri- 
geren Preiſen begnügen, als ſie 
 
: 35 zu “ aM 8 erhalten können. So muß es ſchließ- 
 
iprengte die Trachyt- und Baſalt- 
felſen und war drauf und dran, die 
ichönſten. Berge nach und nach als | 
Bauſteine in Waggons und Schiffe zu verladen, um in den großen 
Städten Banken und Warenhäuſer aufzuführen. Zum Glück gab 
es Naturfreunde, auch reiche, genug, die hohe Summen aufbrachten, 
um das Siebengebirge vor dem Untergang zu retten, . 
E3 iſt dunkler Abend, wie wir auf eisglatten Wegen zum 
Rhein hinabgleiten. Jenſeits des Stromes, am ſüdweſtlichen 
Himmel, funkelt die Venus in ihrem feſtlichen Glanz, alles über» 
ſtrahlend, was an leuchtenden Sternen aus dem Dunkel herauf- 
zieht. Durch glikernde EiSſ<ollen trägt uns die Fähre zum 
anderen Ufer. Still ſind die Gaſſen des Städt<ens8, das uns 
aufnimmt, Wir ſehnen uns nac< Licht und Wärme und finden ſie. 
Draußen aber entfaltet der Winter in nächtlichem Schaffen mit 
Troſt und Reif neue eiſige Zauberpracht. V. Sollmann. 
nd 
Bleibe nicht am Boden haften, 
griſch gewagt und friſch hinaus! 
opf und Arm mit heitern Kräften, 
Veberall ſind ſie zu Hau3z 
Wo wir uns der Sonne freuen 
Sind wir jeder Sorge los; 
Daß wir uns in ihr zerſtreuen, 
; Darum ift die Welt ſo groß. 
 
Goethe. 
Landftraße im Rauhreif. 
Volksernährung ſicherzuſtellen, 
lich, wird den Dingen freier Lauf 
gelaſſen, dahin kommen, daß zwar 
die wohlhabenden Bevölkerungs- 
ſchichten ſich reichlic] Nahrungsmittel verſchaffen und fo weiter- 
leben können wie im Frieden, daß die beſikloſen Maſſen aber dem 
Hunger ausgeſekt ſind. Hier kann nur ein energiſche8 Eingreifen 
de3 Staates helfen. Ein ſolches wirkungsvoelles Eingreifen des 
Staate38 darf ſich aber nict nur auf Feſtſekung von Hochſt- 
vreiſen beſchränken, da die Einhaltung der Höchſtpreiſe, beſonder3 
bei landwirtſchaftlichen Erzeugniſſen, deren Produktion auf viele 
Tauſend kleinere und größere Betriebe verteilt iſt, dei freien 
Verkehr nicht überwacht werden kann. DeShalb iſt außer der 
Teſtſehung von Höchſtpreiſen gerade bei den wichtigſten LebenZ3- 
mitteln und Bedarfsgegenſtänden no eine Beſchlagnahme und 
eine planmäßige Verteilung der vorhandenen Vorräte notwendig. 
Reich und Staat haben aber nur zögernd und, wenn ſie es 
taten, häufig nur in ungenügendem Maße eingegriffen, um die 
obgleich von der ſogialdemokra- 
tiſchen - Partei und: den Gewerkſchaften gleich nac) Beginn des 
driegs entſprechende Vorſchläge gemacht worden waren. Unſre 
yohen Beamten ſind eben zum großen Teil in der Auffaſſung auf- 
Jeivachſen, daß das Wirtſchaftsleben am beſten gedeiht, wenn der 
Staat möglichſt wenig eingreift. Es war für viele von ihnen nicht 
möglich, ſ<nell genug umzulernen. Dazu kommt, daß ihnen eine 
genauere Kenntnis des Wirtſchaftslebens häufig fehlt und ſie 

	        
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