Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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Arbeiter- Jugend 
 
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für<ten mußten, mit ihren Eingriffen unter Umſtänden mehr zu 
ſchaden al8 zu nüßen. Dann ſtellte ſich einem energiſchen Zu- 
faſſen de8 Staates vielfaeß auch der große Einfluß der Groß- 
grundbeſier in den Weg, die natürlich wünſchen, daß die Nah- 
rung3mittelerzeuger an der Ausnüßzung der für ſie vorteilhaften 
Lage auf dem Nahrungs8mittelmarkt möglichſt wenig gehindert 
werden. So ſind viele Maßnahmen, zu denen man ſich entſchließen 
mußte, zu ſpät gekommen, und die erlaſſenen Beſtimmungen waren 
oft nicht nur an ſich unzureichend, ſondern ſie ſind auch mangel- 
haft durc<geführt worden. Die Beamten, die ihre Durchführung 
zu überwachen haben, ſo 3. B. die preußiſchen Landräte, haben oft 
ſehr wenig Neigung, c8 dur< eine ſcharfe Kontrolle mit den 
Grundbeſißern ihre38 Kreiſe8, aus deren Reihen ſie häufig ſelbſt 
ſtammen, zu verderben. 
Auf den agrariſchen Einfluß iſt vor allem ein verhängni8- 
voller Fohler zurückzuführen, der bei unſrer ErnährungsSpolitik 
gemacht worden iſt: e3 iſt unterlaſſen worden, rechtzeitig für eine 
genügende Verminderung unſres Viehbeſtandes zu ſorgen. Schon 
bald nach Beginn de3 Krieg3 iſt von Sachverſtändigen darauf hin- 
gewieſen worden, e3 komme vor allem darauf an, zu verhüten, daß 
zu große Mengen von Nahrungsmitteln, die für den menſchlichen 
Genuß geeignet ſind, an da38 Vieh verfüttert werden, weil bei der 
Umwandlung pflanzlicher Nahrungs5mittel in tieriſche Produkte, 
alfo Fleiſch, Milh und Fett, der größte Teil de8 vorhandenen 
Nährwert8 verloren geht. Mit 100 Kilogramm Brotgetreide 
kann man hundert Menſchen einen Tag lang ernähren. Werden 
aber dieſe 100 Kilogramm in Mil, Fleiſch oder Fett umgeſeßt, 
jo reichen ſie im günſtigſten Fall nur für 25 Menſchen. E3 hat 
nun zwar nicht an Verboten der Verfütterung von Brotgetreide 
und Kartoffeln gefehlt. Aber ſtatt dem Landwirt durc< eine Be- 
ſ<ränkung des Viehſtand8 die Gelegenheit zum Verfüttern - von 
menſchlichen Nahrungsmitteln möglichſt zu entziehen, iſt er 
geradezu dazu angereizt worden. Während nämlich für Getreide 
und Kartoffeln verhältni8mäßig niedrige Höchſtpreiſe feſtaeſekt 
wurden, ließ man .die Fleiſchpreiſe ſtark in die Höhe gehen, und 
man ließ e3 auch zu, daß die Preiſe der Futtermittel einen im Ver- 
hältnis zu den Getreide- und Kartoffelpreiſen zu hohen Stand 
erreichten. DeS38halb machte der Landwirt, der, entgegen dem be- 
ſtehenden Verbot, Brotgetreide oder Kartoffeln verfütterte, cin 
gutes Geſchäft. Mußten wir es doch erleben, daß die Bevölkerung 
in den Großſtädten und Induſtrichezirken nicht einmal genügend 
Kartoffeln bekommen konnte, troßdem die Kartoffelernte Deutſch 
' land38, auch wenn ſie ungünſtig ausfällt, den Bedarf an Speiſe- 
Fartoffeln weit überſteigt. Dabei kam das Fleiſch und das Fett, 
das. mit Hilfe der verfütterten Kartoffeln erzeugt wurde, zun 
großen Teil gar nicht der breiten Maſſe der Bevölkerung zugute, 
ſondern e38 wurde von den ländlichen Selbſtverſorgern verbraucht, 
Oe gelangte im Schleichhandel an beſonders 'zahlungs8fähige 
Käufer. : 
Die ungenügende Kartoffelverſorgung hatte aber notwendiger- 
weiſe auc<ß noch große Schwierigkeiten auf andern Gebieten der 
Verſorgung zur Folge, ſo 3. B. beim Gemüſe. Wenn ſich die 
Bevölkerung nicht einmal an Kartoffeln mehr ſatteſſen kann, ſo muß 
die Nachfrage na; Gemüſe ins Ungeheure ſteigen, und hier iſt 
ein erfolgreiches Eingreifen der Behörden beſonders ſc<wer, weil 
e8 ſich um eine Ware handelt, die täglich friſch auf den Markt 
kommt und zum großen Teil ſofort verbraucht werden muß, ſo daß 
e3 nicht ſo leicht, wie beim Getreide, möglich iſt, die vorhandenen 
Vorräte zu ſammeln und dann planmäßig zu verteilen. Jett iſt 
einiges, aber dur<aus noch nicht alle3, geſchehen, um den in der 
Vergangenheit begangenen Fehler in der Zukunft zu vermeiden, 
Die Getreidepreiſe ſind herauf-, die Fleiſchpreiſe herabgeſeßt wor- 
den, damit der Anreiz zum Verfüttern von Getreide nicht mehr ſo 
aroß iſt; ſtarke Eingriffe in die Viehhaltung ſind erfolgt, ſo vor 
„allem eine Verringerung des Schweinebeſtandes. Auf dieſe Maß» 
nahme, ſowie freilic auch auf die gute Kartoffelernte des Jahres, 
13917 iſt e8 zurückzuführen, daß wir in dieſem Jahr mit der Kar- 
toffelverſorgung wenigſtens zunächſt etwas beſſer daran ſind, als 
im vergangenen Jahr, wenn auch die gewährten Kartoffelmengen 
keineSwegs ausreichend ſind und wir nicht die Sicheryeit haben, 
daß die Kartoffelverſorgung in den lezten Monaten des Ernte- 
jahr38 nicht wieder verſagt. . nun 
Auch nach Beendigung de8 Krieg8 werden wir uns zunächſ? 
noch lange nicht wieder ſo ernähren können wie früher. Durch den 
Krieg iſt der Beſtand an Schiffen ſehr ſtark vermindert worden, 
und ſc<on de8halb wird es kaum möglich fein, daß wir bald wieder 
ſoviel Nahrungsmittel einführen wie früher. Außerdem müſſen 
wir Waren ausführen, um die Einfuhr zu bezahlen, und unſre 
Ausfuhr wird in der erſten Zeit naß dem Krieg ſehr beſchränkt 
jein, weil es uns vielfach an Nohſtoffen für unſre Induſtrie fehlen 
wird, Das8 deutſche Volk wird ſich daber noch lange empfindliche 
Beſchränkungen auferlegen müſſen. Um ſo wichtiger wird e3 ſein, 
. Ar 
daß von Reih und Staat eine den . Intereſſen der Volk3maſſen 
rechnungtragende Ernährungspolitik getrieben wird, und de3halb 
iſt e3 dringend notwendig, daß die Macht de3 Volks in Reich und 
Staat vermehrt wird. Gerade die Vorgänge auf dem Gebiet der 
Volk3ernährung Haben gezeigt, wie bitter nötig das deutſ<e Volk 
eine Erweiterung ſeines Einfluſſe3 im Staatsleben braucht. 
Mar Sachs. 
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Sämtliche bier empfohlenen Werke ſind von den Parceibuchhandlungen am Wohnort 
des Abonnenten, von den Parteikolporteuren und von der Buchhandlung Vorwärts 
(Berlin 38W. 68, Lindenſtr. 3) zu beziehen. 
Robert Größgſch, „Die Kohlenzille", Erzählungen. Berlin. 
Egon Fleiſchel u. Co. 203 Seiten. Preis 3,50 Mk. 
Robert Größſch wird den meiſten jugendlichen Arbeitern durch ſeine 
launigen Geſchichten bekannt ſein. Seine im Vorwärtsverlage er 
ſchienenen Novellen „Verſchrobene8 Volt“ zeigten etcnſo ſcine 
Jugendbücher „Nauke8 Luftreiſe“ und „Muz, der Rieſe“ 
Kaden u. Co. in Dresden veröffentlicht) ſein lachende8, urſprüngliches 
Talent. In einer eigenen Form, der e8 an Humor und gelegentlich 
recht äßender Satire nicht mangelt, weiß Größſch Lebens8geſchehniſje zu 
beleuchten, die ſcheinbar auf der Oberfläche de3 Alltags ſchwimmen, im 
Grunde genommen -- oder beſſer: durch die Art, wie der Dichter ſie 
formt --- aber do< mehr al3 Alltäglichkeiten ſind. 
Auch fein neue38 Buch „Die Kohlenzille“ gleitet auf den gleichen 
Gleiſen; nur iſt e8 weſentlich reifer, künſtleriſch erheblich feiner durchs- 
gearbeitet, al38 die erſten Bücher. Von den Lehrlingsjahren plaudert ſein 
Inhalt, von der Walze, vom Kriege und von allerlei zwei- und mehrz 
beinigem Getier. Die Epiſoden ſind durchweg38 aus der Füllz des 
Leben3 geſchöpft, und ziwar in derart lieben5würdiger, daſeinsfriſcher 
Form Feſchildert, daß ſicherlich der eine oder andere Loſer ſelbſt ähn- 
liches erlebt zu haben wähnen wird. So ſcheidet alles Gekünſtelte aus 
dieſem Buche von vornherein aus. Menſchen, wie wir ihnen in Größſch's 
neuem Buche begegnen, ſind uns vielleicht ſhon zu Dußenden in den 
Weg gelaufen. Jhre Art erſcheint uns bekannt, ihre Bew2gungen, ihr 
Denken, ihr Handeln ſind un3 nicht neu, Das prägt die Überzeugende 
Note der LebensSwahrheit für jede cinzelne Geſchichte des Buches. Aber 
Größſch meißelt mehr als Alltagstypen. Seine Figuren ſind umſonnt 
von einem gütigen Verſtehen, von einem liebevollen Beſchönigen ihrer 
Schwächen. Und wenn uns8 dieſe Erzählungen noch dazu mit ſoviel 
ſchmunzelndem Behagen an ungezählten kleinen menſchlichen Fehlern 
vorgetragen werden, wie das Größſch ſo trefflich verſteht, dänn finden 
wir ſeine neue, dichteriſch bis in die Einzelheiten hinein durchgefeilte 
Gabe doppelt leſens8wert. - 
Am wirkſamſten kommt die originelle Art de8 Autors in dem Stück 
„Die Kohlenzille“ zum Ausdrue>, die dem ganzen Buche den Titel ge- 
geben hat. Die Tragikomödie eines weltfremden Redakteur3 wird 
prikelnd erzählt, deſſen Stellung und Eheglü> an einer Briefkaſtennotiz 
Schiffbruch leiden, ſchließlich aber doch dur< den Zufall wieder in gut- 
bürgerliche Bahnen geleitet werden. Cigenartig in Form und Aufbau, 
zugleih auch beſonders <arakteriftiſ< für Größſch's liebenswürdige 
Spötterart iſt ferner die Spaßengeſchihte „Emil und Familie", die 
künſtleriſch wohl die beſte Arbeit des gangen Buches zu nennen iſt. In 
ihr und auch in anderen Erzählungen („Tonis Schikſal8tierc<hen“, „Der 
Die“, „Jule3 der Schwäßer“) kommt die ſtarke humoriſtiſche Begabung 
des Autor8 ſo recht zur Geltung. Derartige Talente ſind bei uns 
in Deutſchland bekanntlich nicht. allzu reichlich geſät. Wer ſich alſo 
einige frohe Stunden verſ<haffen will, die zugleich zum Nachdenken. über 
Menſchen und Dinge anregen, der möge getroſt zu dobert Größſch's 
„Kohlenzille“ greifen; er wird ſein neues Buch ſicherlich nicht ohne inner» 
liche Befriedigung aus der Hand legen, , 
Emma Döltz, „Jugendlieder“ Berlin. Selbſtverlag. - 
Kindergeſchichten begegnet man heutzutage ziemlich ſelten. Unſere 
Zeit hat ein zu ernſtes Geſicht, als daß ſie heiter und unbefangen in das 
Sonnenland der Kindheit zu ſchauen vermöchte. 
ſie unſere Mitarbeiterin Emma Dölß un3 reicht, nicht unwillkommen, 
Mit klingenden, ſchlichten Worten ſucht ſie das Herz der Kleinen zu g2- 
winnen. 
das Kinderohr verſteht und der Kindermund leicht na<hzuplappern ver- 
mag. Ungefkünſtelt, aus einem warmen, kinderlieben Hergen kommt 
alles, was ſie zu ſagen: hat. Jhre ſchöne Begabung, erzählen zu können, 
was die Kleinen gern hören und wie jie e3 hö 
erkennung. Mancher Mutter oder älteren Schweſter wird das hübſch 
ausgeſtattete Büchlein juſt recht zum Vorleſen für die Kleinen 
kominem; und die des Leſen3 ſchon Kundigen werden ſicherlich ſelbſt 
gern danach greifen. So wird da8 Buch ſeinen Zwed> erfüllen und 
ofſentliG vet ſtark begehrten Eingang in mit Kindern - geſegneten 
jeiterfamilien finden. L. TIT. 
KE 
Mand< artig Büchlein läßt ſich einmal leſen, 
Zu dem der Leſer nie dann wiederkehrt; 
Do<hH was nicht zweimal leſenöswert geweſen, 
Das war nicht einmal leſenswert. 
 
 
 
wie 
Rückert. 
Da iſt eine Gabe, wie 
Gedichte und Märchen ſind e3,- wa3 ſie gibt, Reime, wie ſie. 
(beide bei 
% 
hören, verdient An-'
	        
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