Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

Arbeiter» Jugend " | 23 
 
Zweierlei Maß. 
n Nr. 26 der „Arbeiter-Jugend“ vom vorigen Jahr iſt von zigaretten 
T rauchenden Mädel3 die Rede. Dabei hebt der Verfaſſer beſonders 
hervor, daß es Leute gibt, „die den Arbeiterinnen verübeln, was 
ſie an ſogenannten jungen Damen ſchid und feſch, entzükend und reizend 
finden“. Bei dieſer Gelegenheit fiel mir ein, daß es auch junge Arbeiter 
gibt, die glauben, daß junge Arbeiterinnen ander8 behandelt werden 
dürfen al38 junge „Damen“. Begegnet ihnen ein Dienſtmädchen oder 
ein andere3 junges Mädchen aus dem Arbveiterſtand, das nicht fein- 
gefleidet iſt, ſo glauben ſie e3 unbedingt mit Zudringlichkeiten 
beläſtigen zu müſſen. E38 bleibt dabei nicht immer nur bei zweideutigen 
RedenSarten, ſondern e8 kommt ſogar vor, daß der betreffende junge 
Mann glaubt, feiner Manneswürde etwas zu vergeben, wenn er ver- 
ſäumt, tätlich zu werden. 
E3 mag-ſein, daß es in den meiſten Fällen nicht ſo ſchlimm gemeint 
iſt, wie es ausſieht, und daß die meiſten jungen Leute auf-ſo etwas nur 
verfallen, wenn ſie zu mehreren ſind und ſich einbilden, einander an 
Männlichkeit übertrumpfen zu müſſen. Mir iſt aber aufgefallen, daß 
mancher ſoläer jungen Ruppſäde feiwgekleidetejunge Damen 
ſtets unbeläſtigt gehen ließ. Id habe ſolhe Burſchen ſchon 
gefragt, we3halb ſie denn einen ſolchew Unterſchied machen; ob die 
Töchter der beſißenden Klaſſen für ſie etwas Höhere8 ſeien als eine 
Proletariertochter, die durch ihrer Hände Arbeit anſtändig ihr Brot ver= 
dient. Eine klare Antwort habe ich nigmals8 erhalten; nur einmal erklärte 
- mir ein ziemlich verkommener junger Burſche unverblümt, daß man mit 
Dienſtmädchen eben „nicht viel Federleſens machen“ müſſe. Allerdings 
habe ic< in den mir zur Kenntnis gefommenen Fällen ſtet3 ſeſtſtellen 
können, daß es junge Leute waren, die mit der Arbeiterbewegung nur 
wenig oder gar keine Bekanntſchaft gemacht hatten. Junge Ur- 
beiter ſollte in der Tat ihr Klaſſenbewußtſein ab- 
halten, ihre eigenen jungen Klaſſengenoſſinnen 
zum Zielpunkt von Gemeinheiten zu machen. Wer dies 
aber dennoch tut, jedoch vor dew Töchtern der Beſitzenden Halt macht, der 
verrät damit nur, daß in ihm noch die berüchtigte Bedienten- 
haftigkeit ſte>t, ein Erbübel der Deutſhen aus früheren Zeiten. 
Die deutſche Arbeiterſchaft iſt verpflichtet, dafür zu ſorgen, daß ſelbſt der 
geringſte Reſt von dieſem Uebel beſeitigt werde. 
Auc4y in dieſem Augenbli>k gedenke ich ſehr wohl meiner eigenen 
munteren Jugend und e38 liegt mi. durchaus fern, die Jugend zu Stocs- 
fiſchen und Philiſtern erziehen zu wollen. Jeder junge Mann muß aber 
wiſſen, wie er ſich der Frau gegenüber zu benehmen hat. Den jungen 
Mädchen empfehle ich jedo<h, ſolche Männer, die dies noZ nicht wiſſen, 
zu belehren, =- wenn e3 ſein muß, mit einer wohlgezielten Ohrfeige, 
a“ " 
Vor den Schranken des Gerichts. 
vitte Straffammer ſteht an der ſchvarzew Tür im Hhalbdunklen 
Flur des Gericht8gebäudes. Als ich von einer Vernehmung vor- 
Übereilen will, rufen mich zwei Arbeiterfrauen an. Sie wollen 
Rat. Wegen „Dummereien“, wie die beiden Mütter meinen, ſoll das 
Mädel der einen und der Junge der anderen gleich vor den Straf- 
richtern erſcheinen. Jh trete mit den beiden Frauen ein. Der Staats»- 
anwalt, der Vorjißende und die Beiſitzer in ſchvarzen Noben und weißen 
Halsbinden ſizew auf erhöhter Bühne hinter ihren Akten und Geſeß- 
büchern, Unten vor dem Zeugenſtand blit ein Mädel von knapp ſec<hzehm 
Jahren angſtvoll zu den Herren auf, . 
Ein alter Geheimer Landgerichtsrat verlieſt die Anklage. Sie 
wimmelt von juriſtiſchen Fachau3drü>en und Paragraphenzahlen. I< 
verſtehe die Anklageſchrift mur halb, die Angeklagte begreift vielleicht 
noch weniger. Nur ein Wort, ein ſchwerwiegende8: „Urkundens- 
fälſchung!“ dringt immer wieder mit harter Deutlichkeit an mein 
Ohr. Was hat das Mädel verbrochen? Sie hat als Fenſterpußerin 
eines Reinigungsinſtitut3 etwas Fenſterleder, das dem Unternehmer 
gehörte, mit nach Hauſg genommen und in ihrer Familie verwendet. 
Das war Diebſtahl, oder auch Unterſchlagung, oder was ſonſt der alte 
Geheimrat aus ſeinen Paragraphenbüchern vorlieſt. Aber er behauptet 
noch mehr: die Angeklagte habe eine Unterſchrift gefälſcht. Sie hatte 
überall, wo ſie Fenſter pußte, ſich in einem Buch die: Arbeits8zeit be- 
ſcheinigen laſſen müſſen. Einmal =- hört e3: einmal! -- hatte ſie 
im Leichtſinn der Jugend das Pußen eines Schaufenſters verbummelt. 
Um der RüÜge ihres Unternehmers zu entgehen, ſchrieb ſie ſelbſt den 
Namen des Ladenbeſizer38 in das Buch. Mit kindlicher Einfalt, ſonſt 
hätte ſie gewußt, daß ihre ungeübte Hand keinen kaufmänniſchen Namens» 
zug hinzuſchreiben vermag. Der junge Staatsanwalt hält eine entrüſtete 
Anklagerede. Drei Monate will er das junge unbeſcholtene Ding in das 
Gefängnis ſteken! Ob der geſtrenge Herr nicht aud) ſchon einmal etwas 
verbummelt hat? Er war doch wohl Student. Wie manche Vorleſung 
' feiner Profeſſoren mag er geſchwänzt haben, um im Freundeskreiſe die 
Jugend zu gemießen. . Aber freilich, dex Herr Studioſus brauchte ſeinem 
Profeſſor kein Arbeit3zbuch vorgulegen, er konnte de3halbrauc keine Unter- 
 
ſchrift fälſchen und darf nun al8 Verkünder der Gerechtigkeit den Richtern. 
Sünder und Sünderinnen überliefern. 
Zum Glüd denken die3mal die Strafrichter milde. „Eine Woche 
Gefängnis“ verkündet der Vorſikende und fügt hinzu, daß die Strafe 
geſ<enft werde, wenn die Angeklagte in den nächſten Jahren brav bleibe. 
Das Mädel eilt mit ſeiner Mutter davon. 
Ein Schubmann hat inzwiſchen einen ſiebzehnjährigen Jungen in 
die Anklagebank geführt. Der Junge ſißt ſeit Wochen in Unterſuchungs- 
haft. Gefängnisluft und ſchmale Koſt haben ſeine dürftige Geſtalt noch 
knabenhafter gemacht. Er iſt des ſchweren Tiebjtahl3 in mehreren 
Fällen angeklagt. Gemeinſam mit Gleichaltrigen iſt er in Bauerngehöfte 
der Umgegend eingedrungen, hat Hühner- und Kaninchenſtälle erbrochen 
und mit etlichen leeren Braten die vielen fleiſchlojen Wochen auf- 
gefriſcht. Er geſteht alle3 ein. Der Herr Staatzanwalt hat leichte Arbeit. 
Gr hält dem „troß ſeiner Jugend und Unbeſtraftheit ſchon ganz ab- 
gefeimten Spißbuben“ eine ſc<hnarrende Strafpredigt und beantragt ſechs 
Monate Gefängnis. Der Gerichtshof ſperrt den jungen Menſchen für 
drei Monate ein. Der S>ukßmann führt den Verurteilten ab. Schluchzend 
geht die Mutter hinaus. Jugendliche Unerfahrenheit wird vielleicht für 
das ganze Leben ſchwer gebüßt! 
Die beiden jungen Leute haben Unrecht getan. Wer wollte e3 be- 
ſtreiten? Aber würde das Mädchen Fenſterleder geſtohlen und Arbeit3- 
bücher gefälſcht haben, wenn: es im Kinderzimmer eines Kommerzienrats 
aufgewachſen und al8 Sechzehnjährige im Penſionat behütet worden 
wäre? Hätts der Junge Kanin<en und Hühner geraubt, wenn er in 
guten Sileidern das Gymnaſium beſucht und mittags einen nahrhaft ge- 
Ddedten Familientiſch vorgefunden hätte? Wären beide Angeklagte auch 
nur dann vor die Strafrichter gekomnien, wenn nicht ſchon länger als 
drei Feohre der Erzieher und Ernährer im Felde ſtände? 
Jeder von uns weiß die Antwort auf dieſe Fragen. Man "Bt: die 
Jugend ſchuldig werden und ſtößt ſie dann, anſtatt ſie zurüczureißen, 
tiefer in den Abgrund. Erſtarrte Geſeße, die den Wandel der Zeiten 
überdauern, wollen e8 ſo, und junge, blutfriſOme Menſchen ſind ihre 
Opfer, 111% 
[SSE] Aus der Jugendbewegunc 
Die militäriſche Vorbereitung der Jugend ort3geſctlich geregelt, 
Aus Weimar wird uns geſchrieben: Die militäriſche Vor- 
bereitungderJugendiſt nunmehr auch hier, wie bereits in einer 
Anzahl anderer Gemeindew des Großherzogtums, dur< Orts8geſeß, 
dem merfwürdig raſch die landesSgeſekliche Beſtätigung folgte, einge- 
führt worden. Gs hgißt da im 8 1: N 
Vorr Neujahr 1918 wird in den hieſigen Fortbildungsſchulen der 
Turnunterricht auf alle Klaſſen ausgedehnt. Er wird der Milſi- 
tärijchen Jugendvorbereitung übertragen und von 
dieſer unter Lufſicht der Schele nach den Michtlinien des Kriegs- 
miniſteriums ertenlt. . 
Im 8 2 wird feſtgeſesBt, daß dieſer militäriſche Unterricht drei Jahre 
lang erteilt wird und daß zur Teilnahme ſämtliche Fortbildungsjchiler 
bis zum Schluß des Schuljahr3, in dem ſie das 17, Lebensjahr vollenden, 
verpflichtet ſind. Es bedeutet dis aljo eine Verlängerung der Fort- 
bildungsſchulpfli<t. um ein Jahr. Das tritt beſonder3 kraß in dic Exr2 
ſc<heimung, da die Oſtern 1917 aus der Fortbildung3ſchule ausgeſchiede- 
wen jungen Leute nunmehr aufgefordert wurden, noch bis Oftern dieſes 
Jahres am dem militäriſchen Turnunterricht teilzunehmen. Durch. das 
Ortsſtatut iſt weißer feſtgeſetzt worden, daß jede Woche ein zweiſtündiger 
Uebungs3abend, in der Regel von %8 bi8 410 Uhr, ſowie an zwei Sonn:- 
tagen im Monat nachmittags ein Uebungsmarſch uſw. ſtattfindet. 
Dabei iſt im Fortbildungsſchulgeſeb feſtgelegt, daß der Unterricht 
ſich nicht über 7 Uhr abends ausdehnen ſoll, und ferner heißt es aus- 
drücklich: Der Fortbildungsſ<hulunterricht darf micht auf den Sonntag 
gelegt werden! Wüvde es ſich nur um eine Auz5nahmebeſtinummung für 
die Zeit des Krieges handeln, dann könnte man es noch verſtehen (wenn 
auch nicht billigen), wie leicht man ſic über geſeßliche Beſtimmungen 
dur) Grlaß eines Ortsſtatut5 «imwfach hinwegiebt. Aber hixr handelt 
es ſich um eine dauernde Einrichtung, und eine ſolche bann nur durch 
die Geſebgebumg geſchaffen werden. Sehr bedenkbich iſt es auch, daß 
man die Uebung3ſtunden auf die Abendſtunde von 728 bis %10 Uhr 
Tegt, auf eiwe Zeit alſo, zu der der Jugend von der Militärbehörde im 
11. Armeekorp3bezirk der Aufenthalt auf den Straßen verboten iſt. 
Und dazu ſollen noch zwei ſchöne Sonntagnahmittage zu Marſc<- und 
ſonſtigen Uebungen hingegeben werden! Und dies alles, nachdem die 
freiwillige Beteiligung nicht den aw gewiſſen Stellen gewünjehten Er- 
folg gehabt hat, und nachdem ſich nachgerade alle Sachverſtändigen über 
den ſehr zweifelhaften Wert ſoldper militäriſchen Vorbereitung eing 
geworden ſind. Mit weldyer Begeiſterung die Arbeiterjugend bei dieſer 
Sache iſt, das läßt ſich leicht vorſtellen. 
* * 
Der preußiſche Unterrichtöminiſter zur Jugendheimfrage. 
Der preußiſche Unterricht3miniſter weiſt erneut auf die Bedeutung 
der Jugendheime unter den gogenwärtigen Verhältniſſen hin und 
empfiehlt den Regierung3präſidenten, dieſer wichtigen Angelegenheit 
ihre beſondere Fürſorge zu widmen. JIns3beſondere ſoll der Unterhalt 
und Au3bau der vochandenen Heime ſowie die Schaffung neuer Heime 
tatkräftig gefördert werden, 
'Die Wichtigkeit der vom Miniſter angeregten Frage ſteht außer 
Zweifel. Die Arbeiterſchaft hat bisher alles aufgeboten, um ihre 

	        
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