Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

 
 
 
  
  
 
 
 
Erſcheint alle 14 Tage. 
Preis der Einzel» » Nummer 10 Pfennig, 
„Abonnement vierteljährlich 59 Pfennig 
Eingetragen in die Poſt - Zeitungstiſte: 
Die ſozialiſtiſche Ww eltanſchauung. 
nr erſten Artifel waren wir. 1 dem Ergebnis gelangt, daß die 
Weltanſchauung ein Ansfluß des geſfellf haftlichen Denkens 
, und Wollens ſei, und vir hatten die Tatſache, daß gleichzeitig 
„verſchiedene Weltanſchauungen nebeneinander exiſtieren, auf die 
Scheidung der Gejellſchaft in Gruppen zurücgeführt, bejonder8 in 
Gruppen, die ſich in ihren wirtſchaftlichen Intereſſen, als Klaſſen, 
gegenüberſtehen. Mag auch bei gewiſſen Weltanſchauungstypen 
vieſer ihr Urſprung qus Klaſſengegenſäten nicht ohne weiteres 
zutage liegen, fo ergibt doc< eine tiefer ſchürfende Unterſuchung 
ulbſt für ſolc<e, anſcheinend rem ideologiſche (geiſtige) Vorſtellungs- 
Tebiete wie das Chriſtentum, daß auh ſie in der ſozialen Schich- 
tnumg der Geſellſchaft wurzeln. Wa3 insbeſondere das Chriſtentum 
gnlangt, ſo iſt feine ſoziale Wurzel zumal für die Zeit feiner Ent- 
ſtehnmnug verhältnismäßig leicht nachzuweiſen; aber an im heutigen 
Chriſtentunr find die geſellſc<haftlichen Fundamente nicht zu ver- 
fonnen, ivemt man nur das Unterſuchuma3objekt Jauber heraus- 
arbeitet und nicht, dem gewöhnlichen Sprachgebran< folgend, 
unterſchicdslos alle möglichen ſich <riſtlich nennenden Vorſtellungs- 
komplexe in jenen Sammelbegriff durcheinandermenat. Indeſſen, 
zu ſolchen Einzelunterſnchungen iſt hier nicht der Platz. Für heute 
fommt es m8 vielmehr darauf an, die <harakteriſtiſchen Merkmale 
der ſozialiſtiſchen Woltanſ<aumums in ihrem Gegenſaß zu anderen, 
die Geiſter beherrſchenden Weltanſchanungen zu entwickeln. 
Als ſolche vorherrſchenden Weltanſchammgen der Gegenwart 
baben wir bereits neben der jozialiſtiſchen die <wiſttiche und die 
viirgerüche genannt. Ytachdem wir im erſten Teil unſerer Dar- 
Nr. 6 | 
 
ſtellung den Begriff der Weltanſ<amuma nach ſemen allgemeinen 
WMerfmalen, ſeiner formalen Seite hin, entwiekelt haben, haben wir 
jeht alſo feſtzuſtellen, wie eine beſtinunte Weltanſchamung mum auch 
ren "'Hefonderen Inhalt mach zu erfaſſen ſei. Dieſes Ziel 
erreicht man, indem man zunächſt einmal die Antworten Revue 
paſſieren läßt, die eine ſolc<e Weltanſchamung unſerem grißbelnden 
Verſtand auf die Fragen gibt, die dieſer über die wichtigſten An- 
geſec genheiten. des Menſchenlcben8 aufzuzwerfen nicht müde wird. 
Man muß dann weiter das Gemeinſame in allen dieſen Auskiünften 
„ZU ernütteln und auf eine Forntel zu bringen ſichen, im Verhältnis 
„Zu der“ jene ein zelnen Ansfagen bloß Folgerungen und Ableitungen 
| ſind. “So hat man den Standpunkt fiziert, von dem *aus jene 
'z eltanſchanmmg. „alle Dinge zwiſchen Himmel und Erde Hetrachtet, 
und ian hat zugleich den oberſten Wert feſtgelegt, an dem ſie dieſe 
Dinge, vor allem auch die Handlungen des Menſch, zu meſſen 
ut . 
Zn der Weltanf icanung des Chriſtentu ms zum Bei- 
Tpiel wird man unſchwer erkennen, daß ſie uns bei all den Fragen 
nach dem Sinn der Welt und dein Zweck des: Lehens8 auf das 
„Jenſeits vorweiſt. Wenn auf das kurze irdiſche Daſein ein ewiges 
Leben der unſterblichen Seele folgt, jo iſt es klar, daß dieſes irdiſche. 
Soin mit ſeinen. Wechſelfällen nur eine belangloſe Epiſode in dem 
Schicfal. des Menſc<en an8macht.. Der. Standpunkt, von dem das 
Chriſtentun die Welt anſchaut, liegt alfo jenjeits der Welt, und. die 
dvberſte Forniel, aus der die einzelnen Säße der“ «hriſtlichen Welt- - 
anſhauung folgen, äſt die ſchrankenloſe Hingabe des Menſchen 
an "das “Jenſeit3-1md--die göttliche Macht, die es beherrſcht. Der 
Wahre: Chriſt wird des8halb allen irdiſchen Belangen mit abſoluter 
= Gleichgültigkeit gegenüberſtehen, und was ſein Handeln betrifft, 
j9 wird ihm das irdiſche Sein bloß ein Sprungbrett in die eigent- 
liche jenfeitige Heimat: ſeiter Seele bedeuten. -- All das- gilt, 
wohlgemerkt, nur für. das reine, unverfälſchte Chriſtentum, nicht 
Berlin, 23. März 
barmungsloie Konkurrenzfampf Aller aegen Alle, 
für Alle einzutreten, 
  
  
 
Expedition: Buchhandlung Vorwärts, Paul 
Singer G. m. b. H, Lindenſtraße 3, Alle Zü- 
ſchriften für die Redaktion ſind zu richten 
| an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Berlin SW, 63 
 
 
 
. «* 
für das von der Kirche zurchtaeſtußte Chriſtentum, das ſich be- 
kanntlich mit den irdiſchen Dingen vortrefflich abzufinden weiß 
und aus jeder Blüte dieſes Jammertals ſeinen Honig zu ſc<lürfeit 
verſteht, 
Lahingegen iſt die bürgerl? <e Weltanfc<hauung 
ganz auf das Diesſceits geſtellt. Im Mittelpunkt ihres Horizonts 
ſteht der Menſc<, der irdiſche Menſ<, der Menſch der Wirklichkeit, 
das Individuum (die Einzelperſon); wesShalb die bürgerliche Welt- 
anſchaunng aum al8 individualiſtiſche <arafteriſiert wird. Zhr 
oberſter Saß beſagt, daß man die Einzelmenſchen nur möglichſt 
ungeſtört ihren Geſchäften nacßacehen und ihre Intereſſen, ihren 
Vorteil verfolgen laſſen foll: die Geſamtheit, die menſchliche Geſell 
ſchaft werde ſich dann ſchon ganz von ſelbſt auf das vortrefflichite 
einzurichten wiſſen. Mit Stolz proflamiert darum die bürgerliche 
Weoltanſc<aunng als ihr Prinzip die Freiheit des Menſchen. -- 
Wa3 c3 mit dieſem Freibheitsbeariff der bürgerlichen Welt für eime 
Bewandtnis hat, zeigt ihre Geſchichte und zeigt der Zuſtand ver 
Geſellichaft, in dem wir uns befinden. Für die überwältigende 
Mehrheit der Menſchen bedeutet die bürgerliche Freiheit die 
Freiheit, zu verhungern, und mit dieſer Ordnung der Geſellichaft 
nach dem bürgerlichen FreiheitSbegriff wäre die Geſamtheit tod- 
ſicher einer allgemeinen Götterdammerung geweiht =- wenn ſich 
nicht dem Schoß der bürgerlichen Welt eine andere, ihr entgenen- 
gejeßte gefellſ<aftliche Macht entbunden hätte, die den riütckjichts- 
loſen „freiheitlichen“ Uebergriffen der Eimzolnen im IJniere)ſe der 
Gejamtheit Halt gebietet. 
Dieſe neue geſellichaftliche Macht iſt dex Soziali5muius, 
Sein oberſter Wert iſt die Geiellichaft ſelber, das Geſmintwool alter 
Goſellſchaft3alieder. Das freie Belieben des einzelnen, dieſer er- 
in dem die qcwalt- 
tätigſten, fkrupellofeſten Individuen die überwältigende Mehrheit 
ihrer Mitmonijchen unterdrücken und ausbenten, ſoll feine Schranfen 
finden an dent Wohl der Allgemeinheit, dem Geſamtintereſſe aller 
Goſellichaftsömitglieder. Die Freiheit, wie fie die bürgerliche Welt- 
anſc<aming proflamiert, ift in der Jozialiſtiſchen Weitamſcbaumung 
aufgehoben, ſo gut wie in jeder geſitteten Geſellſchaft die Willfür 
des lediglich von ſeinen egoiſtiſchen Trieben beherrichten Nainr- 
menſchen anfgehoven iſt: in dieſer Zähmung der natürlichen Wild- 
heit des Individuums beſteht ja eben das Weſen der Gefittung, 
aller Geſellſchaft ic<lechthin. LY die kapitaliſtiſc 
int Soztaliönmus, aufgehoben iſt, jo doc „nicht die Treiheit über- 
hanpt; dieſe iſt nur au einen höheren Träger übergegangen, der 
mit ihr koinen Mißbrauch nehr zu treiben imſtande iſt, an die 
Geſellſchaft ſelber, die, ſie gegenüber ihren Einzelmitgliedern zum 
Vorkeil aller Einzelnen aufrechterhält und verwaltet. So 
bedeutet der Sozialiamus8 die Veriwvirklihung des wahren Reichs 
der Freiheit, eines Geſellſchaft8zuſtandes, in dem 235 feine Unter- 
drüker und feine Unterdrückten gibt, weil eben die Geſaintl;eit 
folber dariiber wacht, daß die Freiheit des Tinzeinen, die Freiheit 
Aller reſpektiert. . 
Poſitiv, im bejahenden Sinyu, erfaſſen wir das: Weſen ves 
ſozialiſtiſchen Freiheitsbegriffs und damit den oberſten Wert des 
Svzfaliamus in dem Jdeal der Solidarität, zu deutſch: Ge- 
jamthaftung, Geſamtverbindlichkeit, Die Solidarität iſt das Sitten- 
geſeß, das Gewiſſen der ſozialiſtiſchen Geſellſchaft; ſie hält den 
Einzelnen nicht nur von Eingriffen in die Interoſſen- iind Freiheits- 
jphäre ſeiner Nebenmenſchen zurü>, ſondexn ſie gebietet ihm gerade- 
zu machtvoll, das Wohl der Geſamtheit mit allen ſeinen Kräften 
au fördern. So erweiſt ſich die Solidarität, die Pflicht des Einen, 
damit wiederum Alle für den Einen zu- 
“
	        
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