Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

 
 
Arbeiter-Iugend = | 47 
Sie begann mit der Eroberung und Veſiedlung Sibirien, 
die im Jahr 1581 einſezte und ſic in dem menſc<henarmen, von 
jeder Ziviliſation fernen Gebiet mit unglaublicher Schnelligkeit 
abſpielte. Ein halbe38 Jahrhundert ſpäter war bereit3 der Stille 
Ozean erreicht, ein halbe8 Jahrhundert früher als der Zugang 
zur Oſtſee und zum Schwarzen Meer. Das afiatiſche Rußland war 
alſo früher da als die wichtigſten Gebiete des europäiſchen Ruß- 
lands. Urſprünglich war es der Pelzhandel, ſpäter das Suchen 
nach Gold, das die Ruſſen, beſonder8 die Koſaken, nach Sibirien 
lockte, Erſt ſeit Beginn dieſes Jahrhunderts hat eine umfaſſende 
und ſyſtematiſche landwirtſchaftliche Koloniſation in den ſüdlichen 
fruchtbaren Steppengebieten eingeſetzt, die als Fortſezung der 
füdruſſiſchen Steppe ſich wie ein immer ſchmäler werdendes Band 
bi38 nahe an den Stillen Ozean quer durch ganz Sibirien erſtre>en. 
Das Beſtreben, Anſiedlung3gebiete zu gewinnen, hat dann 
auc< Rußland dazu veranlaßt, jich weitere Teile Aſiens anzu=- 
gliedern. Um 1800: brachte e8 auf friedlichem Wege Teile des 
Kaukaſusgebiet8s in ſeinen Beſit; die übrigen benachbarten 
Kaukaſusſtaaten wurden bald darauf gewaltſam unterworfen. 
Trans8kaukaſien ſtand im Jahr 1815 bereits unter ruſſiſcher Obor- 
hoheit, aber es bedurfte noc eines halben Jahrhunderts ſchwerer 
Käntpfe, bis die freiheitliebenden kaukaſiſchen Gebirg3völker nieder- 
Jezwungen waren. Teile von Armenien und Perſien folgten, und 
im Jahr 1878 war die biSherige Grenze hier erreicht. Troß kräf- 
tiger Anſiedlungstätigkeit hat aber das transfaukaſiſc<he Gebiet 
m „allgemeinen ſeinen orientaliſchen Charakter zu bewahren ge- 
wußt. 
CI:mfall3 zu Beginn des -19. Jahrhundert3 ſetzte die Erobe- 
rung der Kirgijenſteppe und damit das Vordringen gegen Inner- 
aſien ein. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war bereits die 
Verbindungslinie zwiſchen Kaſpiſchem Meer und Aralſee und öjt- 
lich davon der Unterlauf des Syrdarja erreicht; ſeit 1868 fließt 
der Syrdarja vollſtändig, der Amudarja faſt vollſtändig auf ruſſi- 
ſchem Gebiet: Buchara iſt ſeit derſelben Zeit ein ruſſiſcher Vaſallen- 
ſtaat, und Rußland: grenzt ſeit den achtziger Jahren ſüdlich an 
Perſien und Afghaniſtan und iſt damit Indien, der reichſten und 
wichtigſten Kolonie Englands, bedenklich nahegerü>t. Mit Hilfe 
aroßartiger künſtlicher Bewäſſerungsanlagen ſind hier weite 
Steppengebiete dem A&Xerbau und der Viehzucht erſchloſſen 
worden; immerhin befindet ſich aber der größte Teil des Lande3 
noh in den Händen der einheimiſchen Nomadenbevölkerung. 
In Oſtturkeſtan und der Mongolei, die ſeit jeher zum <imei- 
Ihen Reich gehören, iſt Rußland nur wenig vorgedrungen, troß- 
dem ſich ein gewiſſes Abhängigkeit8verhältmis dieſer Gebiete her- 
ausgebildet hat. Viel mehr bemühten ſich die Ruſſen um das Vor- 
dringen in Oſtaſien, wo ſie feit Mitte des vorigen Jahrhunderts 
nach hartnäckigen Kämpfen mit den Eingeborenen und Chineſen imm 
Amur- und Uſſurigebiet feſten Fuß faßten. Ebenſo zielten ihre 
Bemühungen ſüdlich auf die Mandſchurei und Korea. Hier aber 
traten die Japaner ihnen in den Weg. Rußland mußte, zu Waſſer 
und zu Lande geſchlagen, auf Korea, die Halbinſel Liautung und 
die ganze ſüdliche Mandſchurei verzichten; nur die nördliche Man- 
dſchurei blieb ruſſiſche Intereſſenſphäre. Danit hat Japan ſeinen 
Gegner von dent oſtaſiatiſchen Steppenbezirk faſt gattz in das 
nördliche Waldland. zurüfgedrängt und ſo die Entwieklung einer 
kräftigen bodenſtändigen ruſſiſchen Kolonie im äußerſten ' Oſteit 
im Keim unterdrückt. 
Das ruſſiſche Reich hatte ſich in wenigen Jahrhunderten über 
eine unglaublich große Fläche aus8gedehnt. Aber e3 verdankte feine 
Größe nicht ſeiner inneren Kraft, ſondern der Ohnmacht der er- 
oberten, größtenteils nur ganz ſchwach) beſiedelten Gebiete. Nun 
iſt 08 in den Stürmen der Revolution zerfallen und ſelbſt ohn- 
mächtig geworden; die Mittelmächte zerſtükeln e3 im Weſten, die 
Entente beginnt im Oſten und Süden ihre Intereſſenſphären zu 
beſezen. Ob aber dieſe beiſpielloſe Zertrümmerung von Dauer 
ſein wird, iſt ſehr fraglich. Wirtſchaftliche und geopolitiſche Kräfte 
werden, wenn au<h auf anderer Grundlage, wieder ein einiges 
Rußland aufbauen, | 
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Schlußergebnis. 
„Sage, was iſt am Ende der Bahn 
Als das Wahre, das Beſte: dir erſchienen?“ 
Nachdem verblichen ſo- manc<er Wahn, 
Das Leben durch Ar b eit abverdienen! 
- „Traurig!“ -- Jh weiß nicht, mir-iſt dabei 
So heiter zumut wie in Jugendzeiten, 
Die Seele befindet ſich hell und frei 
Im Dienſte des Ganzen, im Meer, im weiten. 
| “ Friedrich Theodor Viſcher, 
 
 
Oje Gegner an der Arbeit BY 
 
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Ein Verbandshaus der katholiſ<en Jünglingsvereine. 
Katholiſche Jüngling3vereine gibt es ſchon ſeit vielen Jahren, eine 
VerbandsSzentrale des Generalſekretariat8 der katholiſchen Jüngling23- 
Vereinigungen Deutſchland3 aber erſt ſeit 10 Jahren. Das General- 
ſekretariat hat ſeinen Sißz in Düſſeldorf. Erſt war e3 in ganz ärmlichen 
Räumen untergebracht, ſeit einiger Zeit benußt 28 aber ſchon ein Haus 
mit 25 Zimmern. Gine ganze Schar von Arbeitskräften iſt dort im 
Dienſt, um die Aufgaben der Verbandsleitung und Verband3verwal- 
tung, der Geichäftzführung und Herausgabe der zahlreichen Schriften, 
der Herſtellung und des Verſands der vielen Vereinsgegenjtände zu 
erfüllen. Nun aber tritt der Zentralvorſtand mit einem neuen großen 
Plan vor die Oeffentlichkeit: ex will in Düſſeldorf ein großes eigenes 
Verband3hau3 errichten. C3 ſoll drei Zweken dienen: 
1. foll es Siß de8 VerbandesZ mit ſeinen vielfältigen Gin- 
richtungen werden; ' 
2. ſoll e8 eine Au38bildungs3ſ<ule umſchließen für die 
Leiter und Mitarbeiter in den Vereinen; 
3. foll e8 ein Hoſpiz enthalten für die zahlreichen, gerad2 in 
Tüſſeldorf Avbeit ſuchenden Verband3mitglieder. 
Der Zentralvorſtand veranzialtet zu Oſtern einen großen S qm 2 
meltag. An die Fünglingsvereinler wird die Auffordecung ge- 
richtet: „Spart die Pfennige, um am kommenden Literfeſt, am gemein- 
ſamen Sammeltag, wenigjtens eine Mark als Bauſtein Eurem 
Präſes übergeben zu können! Außerdem ſollen die einzelnen Vereine 
durch beſondere Veranſtaltungen helfen. Noc<“ im Jahre 1918 will 
man ein Grundſtü> erwerben und gleich nach Beendigung des KKritges 
mit dem Bau beginnen. 
* Das iſt in der Tat ein großer Plain und ein neuer Bewc12, wie 
ſtark und zufunftsſicher die katholiſch? Jugendbewegung ſich fühlt, 
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Fromme Wünſche! 
In badiſchen Zeitungen war folgende Meldung zu leſen: 
An die badiſche Regierung, ſowie au die 1. und 2. Kammer haben 
der Diözeſanverband der katholiſchen Jugend=- und Jünglings3vereine, 
der fatholiſc<en GeſJellenvereine, der katholiſchen Jungfrauenkongrega- 
tionen und Mädchenvereinigungen, der oberrheiniſch? Jünglingsbund 
in Bretten, der evangeliſche Verband der weiblichen Jugend in Baden 
* annd der badiſche Jugendbund eine Denkſchrift gerichtet, in welcher ſie 
die Bitte. ausſprechen, den ReligionSunterricht in den Lehrplan der 
allgemeinen Fortbildungsſchule, dex gewerblichen Fortbildungsſc<hule 
und der Gewerbes und Handelsſchulen obligatoriſch aufzunehmen. 
- Hoffentlich hat man an den maßgebenden Stellen ſo viel Einſicht, die 
Eingabe [ſo zu behandeln, wie fie es ihrer rückſchrittlichen Tendenz nach 
verdient, Ob dieſe frommen Wünſche überhaupt den Anſichtew der 
Mitglieder der unterzeichneten Vereine entſprechen, iſt ſchr fraglich, 
denn maw weiß doch zu genau, wer in jenen Vereinen den Ton angibi. 
  
 
 
 
[SZ] Aus der Jugendbewegung [553 
 
Gründung eines Vereins „Arbeiterjugend Groß-Berlin“, 
Aus Berlin wird uns geſchrieben: Bei dem von Grund aus neu 
vorzunehmenden Aufbau der Groß=Berliner Jugendbewegung war es 
ſehr naheliegend, zu erwägen, ob die bisherige loſe Form der Bewegung 
nicht zwe>mäßiger in eine feſte VereinsSfoxrm umzuwandeln fei. Dabei 
iſt es nicht unintereſſant, feijtzuſtellen, daß ohne irgendwelchen Gedanken=- 
austauſch auch in anderen Orten dieſelben Abſichten auftauchtem In 
Berlin ſpeziell handelte es ſich ja um die Verwirklichung eines beinahe 
hiſtoriſchen Plans, Die Hauptfrage, über die bei der Erörterung des 
Verein3projekts zu entſcheiden war, ijt eigentlich nicht die geweſet?: ob 
die loſe oder eine feſte Form ziwe&mäßiger oder erfolgverſprechender ſei. 
Es galt vielmehr dem Jugendausſchuß wie auch der Jugend ſelbſt als 
eine bewieſene Tatſache, daß ein Verein der arbeitenden Jugend viel 
erfolgreicher arbeiten und die Intereſſew ſeiner Mitglieder vertreten 
fönne, Zu erwägen war bei dem Projekt nur die Frage, ob der Zeit- 
punkt für die Verwirklihung günſtig ſei. Die Widerſtände, die bis in 
die Zeit des Weltkriegs gegen eine feſte Verein8form beſtanden (und die 
ja bekanntlich auch zur Auflöſung der früheren „Jugendorganiſation“ 
geführt hatten), ſind nach den bisherigen Erfahrungen als nicht mehr 
vorhanden anzuſehen. Wiederum hat der Krieg ſelbſt Schwierigkeiten 
mit ſich gebracht, die vor allen Dingen in dem Funktionärmangel be= 
ſtehen. Aber dieſe Bedenken wurden. zerſtreut, und der biSherige Erfolg, 
der troß größten Mangels an Kräften bei dem Wiederaufbau der Be= 
wegung erzielt wurde, beweiſt, daß mam ſelbſt unter den jektigen Umz 
tänden den Ausbau der Organiſation in5 Werk ſetzen kann, 
Eine am 3. März tagende Konferenz der Groß-Berliner Jugend- 
ausſchüſſe und Funktionäre hatte ſi nun mit einem Antrag des 
Bezirk8-Jugendausſchuſſes, einen feſten Verein zu gründen, zu befaſſen. 
Gin Referat des Genoſſen Dommni> entwikelte in erſchöpfender Weiſe 
die Begründung des Antrag32. Der Antrag wurde in der Diskuſſion 
mit allſeitiger, freudiger Zuſtimmung, beſonder8 au<h dur< die zahl=- 
reich vertretene Jugend ſelbſt begrüßt. Die Redner traten fajt aus- 
nahmslo38 dew befürwortenden Gründen bei. Die Abſtimmung ergab 
dann die einſtimmige Anwahme des Antrags2. Die vom 
Jugendausſchuß ausgearbeiteten Statutew wurden na kurzer Aus» 
ſprache und mit geringer Abänderung ebenfalls einjtimmig angenomumten, 
Beſonders kam noch der Wunſch) zum Ausdrus, nunmehr rec<t bald mit
	        
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