Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

: vem Verein. „Arbeiterjugend Groß-Berlin“ an die Oeffentlichkeit zu 
treten. Eine Aenderung in den Aufgaben und Zielen unſerer Jugend- 
bewegung bedeutet die -Vereinsgründung natürlich nicht; ſondern um 
ärfolgreicher, intenſiver al3 bisher für die Intereſſen dex. arbeitenden 
Jugend zu wirken, iſt der Verein gegründet worden. Keiwo3wegs wird 
auch mit der Verwirklichung de3 Verein3projekt3 den bekannten Zer- 
iplitterungsverſuchen, die während der Kricgszeit unternommen wurden, 
frgendwic näher gerü>t. Der Verein „Arbeiterjugend Groß-Berlin“ 
hat ſich “nicht die Aufgabe. geſtellt, 
' Ziele zu verwirklichen, ſondern: er hält das alte Programm der: Be- 
wegung Loh. Naß wie vor gilt es, die wirtſchaftliche Lage: der 
arbeitenden Jugend zu beſſern und eine geiſtige Aufflärung zu betreiben, 
die unſere Jugend für den ſpäteren Lebensfkampf nötig hat. - 
Unter dem alten, bewährten Banner der „Arbeiter-Jugend" gilt 
c3 jeßt, dahin zu wirken, daß die arbeitende Zugend Groß-Berlins in 
ihrem neuen Verein möglichſt zahlreich erfaßt wird. Noch iſt der Beweis, 
daß ein Verein erfolgreicher arbeiten kann, nicht. erbracht, aber er wird 
erbracht. werden, wenn die Jugend, die ſich bereits unter dem Zeichen 
der „Arbeiter-Jugend“ geſammelt hat, mit Eifer an die Arbeit geht. 
Die Konferenz hatte. ſich weiter mit einem Antrag zu befaſſen, der 
aus der Mitte der Jugend geſtellt wurde. Dieſer Antrag, . der ein- 
itimmig der Zentralſtelle überwieſen wurde, fordert, daß .die not- 
wendigen Schritte unternommen werden, um der Jugend in den Jugend= 
ausſchüſſen wie in der Zentralſtelle die gleiche Vertreterzahl wie dew 
Erwachſenen einzuräumen. | " 
Infolge der vorgerüten Zeit mußte die beabſichtigte Bericht- 
erſtattung ſowie die Beſprechung der Agitation zur Schulentlaſſung 
zurücgeſtellt werden. 
Nebew den erfreulichen, einſtimmigen Beſchlüſſen von großer Ve- 
deutung muß noch die beſondere Sachlichkeit der Verhandlungen erwähnt 
werden, die bewies, daß bis in die Reihen der jüngſten Anhänger die 
Bedeutung unſerer Beſtrebungen erkannt iſt. Vorbei iſt die Zeit des 
Niedergangs! Alle Kräfte gilt es einzuſehen, um die Berliner Jugenö“- 
bewegung wieder zu einer machtvollen Organiſation zu geſtalten. Erſt 
dann kann der Verein ſeinen Aufgaben voll gerecht werden. 
. Friß Weber, 
 
 
% 
Au3 unſerer Verluſtliſte, 
%u8 Mittweida wird uns geſchrieben: Auch unſerer Betve- 
gung blieben herbe Verluſte dur< den Krieg nicht erſpart. Nachdem 
in Frankreich unfer unvergeßlicher Leiter Kurt Günter gefallea 
war folgten ihm die beiden Pioniere der hieſigen Jugendbewegung, 
Kurt Illgen und Alfred Fleiſcher. Und nun erhielten vir 
die neue Trauerbotſchaft, daß unſer lieber Freund und langjähriger 
Vorſigendexr Willy Kipſc<h im Weſten geſtorben ijt. - Gin junges, 
tatenfrohes eben ging mit ihm dahin. Seiner Intelligenz und 
Energie verdankte er es, daß er troß ſeines unſcheinbaren Aeußeren 
von ſeinen Alter3genoſſen als Führer betrachtet wurde. Sein An= 
denfen wird nicht nux in der Mittweidaer Arbeiterjugend leben, denn 
dur<h fein liebenSwürdige3, heiteres - Weſen war er auß in anderen 
Jugendgruppen ſehr beliebt. Sein liebſter Wunich, nac<ß dem Krieg 
im Kampf um die Jugend tatkräftig mitzuarbeiten, iſt ihm verſagt ge- 
vlieben, Dafür wollen wir anderen um ſo eifriger nach feinem Denkea 
handeln. H. M 
FP . EE. . k 
B Zur wirtschaftlichen Lage A 
Trug und Wirklichfeit. ' . 
Die hohen Löhne der Jugendlichen und ihre ſinnloſe Vorſchivendung 
bilden noch immer cinen Licbling8gegenſtand in den Spalten vieler 
Zeitungen. Man iſt alſo auf dieſem Gebiet längſt Gtliches 'gewöhnt. 
Zmmerhin wird man mit eimiger Verblüffung leſen, wa3 der Berliner 
Berichterſtatter der „Kölniſcheri Zeitung“ in dieſer Hinſicht leiſtet. Der 
Mann ſchreibt: | - ERTE - mn 
' * ViSweiſen trifft man jekt. bei uns (alſo in Berlin) in teuern 
Weinſtuben zu vorgerüeten Stunden Typen von jungen. Menſchen, die 
wan früßer nie dort kannte. Sie ſind ſcheinbar gut angezogen, forg- 
fältig raſiert, vergehren ganz allein eine teure Mahlzeit und eine noch 
teurere Flaſche Wein mit einem Ernſt und einer Wichtigkeit, die 
fomiſh) berührt, wenn man ſicht, daß ſie höchſtens 15 oder 16 Jahre 
. alt ſind. Man ſicht ihnen an, daß dex. Anzug noch ganz neu iſt, zu 
- neu, um iömen zu paſſen, daß ſie beim Prüfen der Weinkarte vor dem 
Oberkellner in eine leichte Verlegenheit geraten, und daß ſie ſich für 
 
 
- diefen Beſuch .in der Weinſtube „unter feinen Leuten“ haber extra - 
 
' Frijieren und, raſieren laſſet. Aber fie bemühen ſich, Figux zu 
' machen. Man hält den Betreffenden für einen Lehrling- oder - Tech- 
- miker, doch iſt das ein -Jrrtum; er ſtammt aus einer Fabrik. Gelernt? 
“ und' tehniſche Arbeiter werden ja Überhaupt immer ſeltenex, wie unſer 
- gewerbliches Leben wohl uoch lange nach dem Kriege ſpüren wird, 
' Läßt man ſich mit ihnen in ein Geſpräch zin, ſo erfährt man, daß ſie 
- 1400 ober 120'Mk, in der Woche verdienen und daß ſie ſich daher den 
Wein hier leiſten könnten; im übrigen ſei das ja noch nicht ſo ſehr 
„viel, andere verdienten viel mehr. „Und man will doc< .von ſeinem 
“Gelde etwas haben! Hier iſt's ja ganz feudal!" äußern ſie mit der 
Selbſtgefälligkeit ergrauter Lebemänner, , NETE 
-* "Der beave Bürger lieſt das mit feiner Frau am Kaffeetiſch und 
ſicht im Geiſt die gange Berliner Arbeiterjugend als: angehende Lebe- 
- männer vor ſich:: Hundertmarkſcheine in der Brieftaſche, tiptop friſiert. 
* Arbeiker-Iugend 
der Jugendbewegung fernkliegende . 
 
Boten: 
und ' raſiert, - in La>ſchuhen -und Glacehandſchuhen, cinen "Anzug für 
300 Mark auf dem L&b und beſchäftigt nur mit dem einen Gedanfen: 
„In welcher Weinſtube ſpeiſen wir heute zu Abend?" Daß äuc<h in 
Berlin die „höchſtens" Fünfzehn- bi3 Sechzcehnjährigen, die 100 biz 
120- Mk. die „Woche und „no< viel: mehr“ verdienen, ſo ſelten ſind wie 
Butterſemmeln, wiſſen die meiſten guten Leute nicht, die dieſe -Zeitungs= 
märchen leſen. - 
Alle aber ſollten darüber nachdenken, wie denn die „hoßen Löhne", 
von denen ſo“ viel geſprochen und Feſchricben wird, verdient werden.“ 
Unſere Sdcilderungen werden leicht als „verheßbend" abgetan. Laſſen 
wir daher einmal einen Pfarrer, Herrin Dr. Engelhardt aus &Köoln- 
Lindenthal, ſprechen. Dieſer Geiſtliche erzählt in ſcinen „Vildern aus 
einer rheinijchen Großſtadt“ 
'RüſtungsSinduſtrie: - - 
- In dieſer Hölle, aus der wir möglichſt raſch wieder herauszus- 
. fommen ſuchen, arbeiten ſie 10, 12, ja oft 14 Stunden. Wahrlich, 
wenn man die Möglichkeit, leben zu dürfen, mit ſolch teurem Prei2 
erfaufen muß, dann kann man ſich fragen, vb nicht der Preis zu 
hod) iſt für das Leben ſelbſt! Kein Wunder, wenn dieſe Leute müde 
und ſchwach werden, wenn ihre Kraft und ArbeitSsluſt erlahmen, wenn 
manche von ihnen erklären: „I< foll Tag und Nacht arbeiten und foll 
nicht reichlich genug zu eſſen haben?“ Dicſe Schwerſtarbeiter brauchen 
Fett, Butter, vor allem Kartoffeln, damit ſie arbeiten können, damit 
ſie arbeiten mögen. Helft mit, liebe Freunde, daß dieſes Notwendigſte 
ihnen zuteil wird! 
Teil3 verrichten 
ſind, und dies oft bei magerer, fettlofer Koſt. 
über ſeine Veſuche in Betrieben der 
ſie Arbeitzleiſtungen, die weit über ihre Kraft 
Viel an Kraft wird 
verau3gabt, wenig an Nahrungsfkraft wird eingenommen: ſo über- 
ſchreitet die Ausgabe teils die Einnahme und, wie immer in ſolchen 
Fällen, tritt ein Bankrott ein; hier der Bankrott der Geſundheit. Ich 
war furz vor meiner Reiſe hierher in der Geſchoßfabrik in Siegburg, 
. da werden in einer Nacht 26 Waggon3 von 20 Leuten geladen. Es 
- ſind lauter blutjunge Menſchen im Alter von 16 bis 18 Jahren. Die 
Arbeit überſteigt weit ihre Leiſtungskraft. (J< habe ſelbſt eine Gra- 
nate getragen, ich kann ſagen: mehr als drei brächte ich nicht in den 
Wagen, und dabei ſehe ich doch gewiß nicht ſchwach aus.) So iſt es 
kein Wunder, daß immer einige zuſammenbrechen, Der mich führende 
Offizier erzählte, daß gerade in der Nacht vorher wieder zwei zuU- 
ſanunenbrachen, einer am Blutſturgzg. Ganz ſicherlich treiben wir 
' - Raubbau mit der Geſundheit dieſer Jünglinge, . . 
So ſieht da3 Geldverdienen unſerer in der Rüſtungz3induſtrie be- 
ſchäftigten Arbeiterjugend in Wirklichkeit au3! Wie vft ſchon haben wir 
es in unſerem Blatte geſchildert, und iwie dringlich haben wir immer 
wieder die Wiederherſtellung des Jugendſ<hußes gefordert! Für ſolche 
Forderungen haben aber die bürgerlichen. Zeitungen, dic ihre Spalten 
mit dummen Geſchichten über dice Verſchwvendungsfucht der Jugend 
fülſen, wodexr Raum noch Verſtändnis, - 
. * 
Ein merkwiäirrdiger Vertrag. 
Auf Aufhebung des Lehrvertrags lautete die Klage, die vor kurzem 
gegen eine größere Firma vor dem Gewerbegericht in Chemnißtv 
angeſtrengt twvurde, Die Mutier eines jekt 17% Jahre alten Burſchen 
hatte Oſtern 1915 mit der Firma einen Vertrag abgeſchloſſen, 4vonach 
ihr Sohn drei Jahre als jugendlicher Arbeiter in dein Betrieb bleiben 
nwußte, Als Einſtellungslohn waren 12 Pf. für die Stunde feſtgeſecht. 
Eine Steigerung de38 Lohn3 war im dem „Lehrvertrag“ nicht vor- 
geſchen, ſo daß es ganz in die Willkür des Unternehmers geſtellt war, 
eine Lohnerhöhung vorzunehmen oder nicht. Da der junge Mann nun 
anderzwo unter günſtigeren Bedingungen Arbeit erhalten hatte, ſtand 
ihm dieſer „Lehrvertrag“ im Wege. Das Getwerbegericht erklärte den 
Vertrag für nichtig, aind zwar anit der Begründung, daß - Lehrverträge 
nur Gültigkeit haben, wenn ſie zum Ziwe> der AuWildung abgeſchloſſen 
vorder ſind, im 
 
 
  
 
Deſpot (griech, Ton auf der Endſilbe), Getvaltherrſcher. 
Expanſion (lat.), Ausdehnung, 
Kapitulieren (lat,), ſich ergeben, unterhandeln. 
Kodex (lat., Ton auf der erſten Silbe), Geſetzbuch, 
Komplex (kat., Ton auf der Gndöſilbe), Inbegriff. SEESEN 
Nevue (franz, ſprich: rewüh, Ton auf dex Endſilbe), Muſterung 
Hoexſchau. . Dun 
Schema (griech.), Abriß, Muſter, | 
Vaſall (franz.), Dienſtmann, Lehnömann. 
 
  
N [ ua Frman IM 
Lotte. DT ( [ 
ſchlecht. Gr Hat vor. den redaktionellen Leitartifeln ſo, wenig. Reſpekt 
wie vor den fürzeſten Berichten gelegentlicher Mitarbeiter. So hat er 
gleich in voriger 
Miaaterialiſt iſt, der Burſche. 
verſchiedenes. Wo 0 
 
 
-- - . anſtelt Paul-Singer & Co. Sämtlich in Verlin; . 
Nummer in dem -eiſten Aufſaß über die ſoziaſijtiſche - 
Weltanſchauüng (in der fünftlekbten Zeile) aus dem freien ſchöpferiſcham 
Belieben der felbſtherrlichen Perſönlichkeit einen Betrieb: gemäht. . 
- Woraus - Übrigens -auch aufs neue erhellt, daß er ein. ganz ort are 
Das Geiſtige ein Betrieb =-'da hört dos 
Da fennſt du aber den Burſchen (den. Drucfehlerteufel): n 
orxdinaver 
„t 
- Bexanſworltich für die Redallion: Karl Korn. = Verlag? Fr. Ebert (Fentralſtelle für Pie arbeitende. Jugend Dentſchlands). = Druck: Vorwärts Buchdruckerei ib Verlags.
	        
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