Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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Klare Köpfe und klare Sinne iſt die Loſung -der freien 
YXugendbewegung. Darum bekämpfen wir die Schundlite- 
ratur. Wir warnen die Jugeud vor jenen bunten Heften mit 
den ſchreienden Bildern, deren Jnhalt verderblid) auf Geiſt uns 
(Semüt einwirkt. Es gibt genügend gute und billige Litecatur. 
Aud) unſere Bibliotheken bieten dem Lejehunger der Jugend eine 
ichter unerſchöpfliche Nahrung. Wir ſagen euch ferner: Meidet 
den A llohol! Er iſt Gift und benebelt eure Sinne. „Das Trin- 
ken iſt keine Kunſt, das kann jeder, aber den Alkohol zu meiden, 
dazu gehört Willensfraft und Selbſtbeherrihmnng. 
Wie die Jugendbewegung ferner durch gut eingerichtete 
JIngendheime, die euch mit alken ihren Einrichtungen, 
Spielen und Büchern au den Abenden zur Verfügung ſtehen, durc 
Spiele im Freien und friſch-fröhliche Wanderungen, 
dur) zwangloſe und geſellige Zuſammenkünfte und auf 
ſonſtige Weiſe zum Beſten der Jugend wirkt, das können wir euch 
hier wahrlich nicht alles ausführlich ſchildern. Worte genügen da- 
ſir nicht. Kommt ſelbſt zu uns und Überzeugt euch mit 
eigenen Angen von dem Geiſt, der im unſeren Reihen lebt! Unſere 
Jugendbewegung iſt ſo recht die Gemeinſchaft der Arbeiterjugend, 
es iſt eure Welt, in der ihr mitraten und taten könnt, in der hr 
end) wohl fühlen ſollt. 
Anch eine eigene Jugendzeitung, die „Arbeiter- 
Jugend“, die ihr hier in der Hand habt, gibt unfere Bewegung 
beruus. Sie crſcheint alle vierzehn Tage und cnthält in jeder 
JYaummmer eine Fülle intereſſanten. und. belehrenden Stoffes. 
Ernſtes und Heiteres, Erzählungen und Reiſeſchildexrungen, Auf- 
jäße über Wiſſenſchaft und Kunſt, daneben auch gute Bilder, alle2 
das findet ihr in der „Arbeiter-Jugend“, deren eifrige Leſer ihr 
darum in enreit eigenen Jntereſſe werden müßt. 
Und nun Glück anf, junger Freund, junge Freundin! Zögert 
nicht, wemt unſere jugendlichen Kameraden und Kameradinnen 
zu euß kommen, mm euch als Anhänger für unfere Sache zu qs- 
winnen, ſondern folgt ihrem Ruf und tretet der Arbeiterjugend- 
beiwvegung dei! Damit werdet ihr nicht nur zu Mitgliedern unſeror 
Jugenmdvereinigung, ſondern ihr werdet eint Glied jener gewal- 
tigen Gemeinſchaft, die ſich die erwachſene Arbeiterſchaft in jahr- 
zehntelanger raſtloſer Arbeit geſchaffen hat. Jener herrliche Geiſt 
der Solidarität des Kampfmuts und der Opferwilligkeit, der die 
geſamte Arbeiterbeiveqgung qroß werden lich, er foll auch in eud 
lebendig werden, . 
Hohe Zille, qroße Aufgaben warten auf euch! Wir grüßen 
euch, ihr jüngſten Kampf- und Weggenoſſen und heißen euch in 
unſeren Reihen willkommen! Weit hat ſich vor en< das Tor des 
Lebens anſgetan: Zu nenen Ufern lockt ein nener Tag! 
Richard Weimanu. 
er 
Arbeiter-Zugend > = | -.- -- - 
„ 
“Wiſſenſchaft und Berufswahl. 
Von Dr. Albert May. 
während jeiner Lehrzeit die notwendigen Handgriffe 
jehr ſchwer und wird fortwährend von ſeinent Meiſter 
geſchimpft, daß er doch zu nichts tauge. Er möchte vielleicht gern 
etwas andere3 lernen, fürc<tet aber, dabei vom Negen in die 
Traufe zu kommen. Weil er nun feinen Beruf ohne aroße Freude 
nud darum vielleicht nicht 10 ganz gründlich erlernt hat, fommen 
ihm Häufig Fehler, Mißgriffe vor. Das iſt bei einem Schloſſer 
oder Schuhmacher nicht jo gefährlich; da muß evon ein anderer, 
geſchiterer Geſelle die Tür noch einmal anſchlagen, die Schulze 
nochmals nähen; den Leuten, die mit dieſem Lehrling oder dieſem 
Geſellen nicht in Berührung fommen, fann es ganz gleichgiültin 
jein (und iſt es anch), ob der etwas leiſtet oder alles falich macht. 
Anders iſt dies aber 3. B. bei einem Straßenbahnführer. Wenn 
der nicht geichic>t genug iſt und nicht gentigend aufpaßt, dani! 
paſſiert gleich ein Unglück: ein Wagen wird umgeworfen, oder cs 
gibt einen Zuſammenſtoß zwiſchen zwei Elektriſchen, oder es wird 
ein Kind oder eine alte Frau, die nicht aut hört, totgefahren. 
Wein alſo vin Führer einer elektriſchen Straßenbahn nicht go- 
Ichiet iſt oder feinen Wagen nicht richtig zu lenken iveiß, ſo geht 
das nicht uur ein paar Leute an, die dann über den Mann 7 
ichimpfen, fondern da iſt jeder darüber aufgebracht, daß man den 
Mann ain einen ſolchen verantwortungsvollen Poſten geſtellt hat" 
für den er fich dod gar nicht eignet. 
Da iſt es nun einem Straßenbahnführer wieder einntal 
paſſiert, daß er jemand totgefahren hat, und das Gericht hat ſich 
an einen Profeſſor der Pſychologicv (Scelenfunde) gewandt und 
ihn gebeten, den Mann doch einmal gründlich zu prüfen, ob der 
nicht durd) größere Aufmerkſamkeit das Unglück hätte vermeiden 
tfönnen. Ja, wie foll man aber ſo etwas herausbringen? Num, 
unfer Herr Profeſſor (er heißt W. Stern) hat ſchon mehr der- 
artiqe Aufgaben glücklich gelöft und deswogen hat jich auch das 
Gericht cn ihn gewandt. Da ſeid ihr nun ſicher nengierig, wie er 
das gemacht hat; denn wenn man 7iv etivas feſtſtellen fann, damn 
fann man ſchlicßlid) au) herausfinden, ob ſich einer 3. B. Zum 
Wechamfer oder zimt ' Schriſtjelzer oder zum Kaufmann oder zum 
Studieren beſſer eignet. Dann kann man gleich ſagen: „Was, 
dat willſt Schmied werden? Laß das bleiben, da bringſt du deiner 
Lebtag nichts Nichtige3 ;ertig! Aber als Mechaniker kommſt du 
ſicher einmal raſch vorwärts!“ Und jo weiter! | 
Unfer Herr Profeſſor überlegte ſich die Sache alſo einmal 
gründlich und machte dann mit diefem und zahlreichen anderen 
Straßenbahnführern 1. nachſtehend beſchriebene 3wei Haupt- 
verfüucße, Dabei ließ er ſich jedesmal vorher ſagen, ob dent be- 
treſfenden Straßenbahnführer ſchon wiederholt Ungliiksfälle vor- 
gefonmmen waren oder nur ganz ſelten, Damit vergli er das, 
was er bei den Verſuchen herausbrachte, und fand, daß, ver bei 
ſeinen „eerſuchen reihe geber machte, eu [Mon zahle 
Mid. bringt in ſeinem Beruf gar nichts" fertig, lernt 
 
 
 
 
Mein erſter Schulgang. 
Von H, Salzmann, 
ex Tag, der eine bedeutſamen Wendepunkt in deiit Daſein des 
D Kindes darſtellt --- der erſte Tag des Schulbeſuch3 --- war heran 
prfoninten. 
gemiſchten Gefühlen entgegengeſehen, da die biSherige goldene Freiheit 
nunmehr eine arge Ginſchränfuing erfahren ſoll, fo iſt das erſt recht auf 
dein Lande der Fall, wo dix Kinder ſich viel größerex Ungebundenheit 
erfreuen al3 inder Stadt. Die meiſt etivas lo>erc Zucht ves Eltern 
houſes ſoll jekt in vas ſtrenge Negiment des Lehrers übergehen. Div 
jungen zappeligen Glieder ſollen täglich ſtundenlang in die Schulvant 
geaiwängt werden. Dex err Lehrer, over wie bei uns in der ſüd- 
haumnoverſchen Venndart die Bezeichnung lautet? „der S4haumeſter“, lebt 
nach den Erzählungen 1110 Ginſchüchterungen der Erwachſenen in dein 
Gehirne dex Kleinen als ein Unhold, der feine andere Freude kennt, al3 
auf den Körperteilen ſeiner Pflegebefohlenen den Sto> tanzen zu laſſen, 
Was Wunder, wenn der Tog des erſten Schalgangs mit hoch- 
flopfendemn Herzen erwartet wird! Den Höhepuakt aber exreicht die 
Spannung, wenn der erſte Schritt in den Schulraum getan wird, Das 
kleine Wurm in den Geſichtsfrei8s des Geſtrengen ttviit und ſich dan't 
förmlich nur noch als ein zitterndes Bündelchen Angſt und Elend fort- 
zubeivegen ſc< veint, Erſt allmählich macht die neue Umgebung ihren Eiu- 
fluß geltend. Die Angſt ſchwindet, ja, macht ſogar Luſtgefühlen Plaz. 
ES ſtellt ſich) heraus, daß der „Schaumeſter“ durchaus nicht dex Werwolf 
iſt, als .welcher ex immer hingeſtellt wurde. Der Manmr kann ja ſogär 
lachen und macht hin unt wieder auch Iujtäge Späße! 
Lngſtmeiexr taut auf == die KindeSnatur iſt ja viel ſchnelleren Wand- 
« Lungen unterworfen al3 dex erwachſene Menſch. 
Wird ihm von den kleinen Menſchlein allgemein mit" 
Unſer fleiner 
Das ivar „auch bei mix der Fall. 
Ich) kann mix noch lebhaft vorſtellen, wie mix am Morgen des cexſten 
Schultag3 das Herz klopfte und die Angſt bis an den Hals ſtand, Weine 
Großmutter, die bei mix Mutterſtelle vertrat, konnte ſich nicht genug tun 
an ſchönen Grmahnungen, wie ich mich benehmen ſolle, Jh hörte infolgc 
dex Aufregung uur mit halbem Ohr oder überhaupt nicht hin. Ihre 
beſondere Sorge war, daß ich beim Betreten dex Schule ja nicht veor- 
gejſen ſolle, die Müße abzunehmen, Die Einſchärfung dieſer Scelbſt- 
verſtändlichfeit hie)» Re deshalb für notwendig, weil bei uns Kindern 
auf dem Dorf DER öbfbedeung ein Yüurus war, deit wir ſonſt nicht 
fannten. Da ich aber eigens 3 für des Schatlbeſucl) eine ſchöne Pudol- 
müße befommen hatte, ſo lag nicht? näher, als daß ich im fritiſchen 
Augenblick das Abnehmen vergeſjen würde. Ich verſprach natürlich, div 
Mahnung zu beherzigen. Ju der Angſt, die mich beſcelte, hätte ich 
übrigens alles verſprochen, was man von mix verlangte. 
Genug, endlich war ich-marſchfertig und konnte von dannen trollen, 
Als ich in dex Schule auſangte, ivollte es das Unglüc, daß der Untor- 
richt bereits begonnen hatte. Mit einem kräftigen „Morgen!“ betrat 
ich das Schulzimmer, in dem nicht nur die ABC-Schüßen, ſondern ſämt 
liche Alter sflajſen ohne Unterſchied des Geſchlechts. unterrichtet jivuUrdein 
Alles lachte. Dex Lehrer, der etwas fern von der Tür ſtand, ſah zur 
Seite und lachte ebenfalls, Dex Dreikfäſehoch mit dex Pudelmüße auf 
. den Kopfe mochte wohl auch eine gar zu poſſierliche Figue gemacht: | 
baben. Jh aber wußte in dem allgemeinen Gelächter vor Verlegenheit 
nicht, wohin ich die Augen wenden ſollte“ Da fam der Lehrer auf mich 
zu, blieb vox mir ſtehen und ſagte: „Abex, mein Junge, Du mußl die 
Müße abnehmen!“ 'Eiw Ru>, und die Müße war vom Kopfe herunter. 
Ich hatte allen Ermahnungen aum Troß doch vergeſſen, ſie vechtg? iin 
abzutun,
	        
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