Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

Arbeiter- Jugend | ar 
 
 
einem anderen Menſchen. Selbſt eine ganze Geſellſchaft, eine Nation, 
ja alle gleichzeitigen Geſellſchaften zuſammengenommen, ſind micht 
Eigentümer der Erde. Sie ſind nur ihre Beſiber, Nubnießer, und haben 
ſie als boni patres ſamilias (gute HausSväter) den nachfolgenden Gence- - 
rationen verbeſſert zu hinterlaſſen. 
- * 
Die nationalen Abſonderungen und "Gegenſäße der Völker wver- 
ſchwinden mehr und mehr ſchon .mit der Entwiklung der Bourgeoiſie, 
mit der Handelsfreiheit, dem Webtmarkt, der Gleichförmigkeit der 1in- 
duſtriellen Produktion und der ihr entſprechenden Leben5vevhältniſſe. 
Die Herrſchaft de8 Proletariat wird ſie no< mehr verſchwinden 
machen. Vereinigte Aktion, wenigſtens der zivilſierten Länder, ijt eine 
der erſten Bedingungen ſeiner Befreiung. 
' * 
Weil in den Lebens3bedingungen des Proletariat8 alle Leben8be- 
dingungen der heutigen Geſellſchaft än ihrer unendlichſten 'Spiße zu- 
fammengefaßt ſind, weil der Menſch in ihm ſich ſelbſt verloren, aber 
zugleich. nicbt mur das Bewußtſein dieſes Werluſte3s gewonnen hat, 
ſjonvern auch unmittelbar durch die nicht mehr abzuweiſende, nicht mehr 
zu beſchönigende, abſolut gebieteriſche Not --- den praktiſchen AusSdruck 
der Notwendigkeit =“ zur Emporung gegen dieſe. Unmenſchlichkeit ge- 
zwungen iſt, darum kann and muß das Proletariat ſich ſelbſt befreien. 
Es fann ſich aber nicht ſelbſt befreien, ohne ſeine eigenen Lebensbe- 
dingungen aufzwheben. (E3 hann ſeine eigenen Lebensbedingungen micht 
aufheben, ohne alle unmenſchlichen Lebensbedingungen der heutigen 
Geſellſchaft, die ſich in ſeiner Sitwation zuſammenfaſſen, aufzuheben. 
% - 
Sind im Laufe der Entwieklung die Klaſſenunterſchiede verſchwun- 
den und iſt alle Produktion im den Händen der aſſoziierten (vereinigten) 
- Individuen konzentriert, ſo verliert die öffentliche Gewalt den politiſchen 
Charakter. Die politiſche Gewalt im eigentlichen Sinne iſt die organmi- 
fiexrte Gewalt einer Klaſſe zur Unterdrückung einer anderen. Wenn 
das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoiſie ſich notwendig zur 
Klaſſe vereint, durch eine NRevohttion ſich zur herrſchenden Klaſſe macht 
und als herrſchende Klaſſe gewaltſam die alteu Produkbion35verhältmiſſe 
mufhebt, fo hebt es mit dieſen ProduktionSverhältuaiſſen die Exijtenz- 
bedingungen des Klaſſengegenfatßes, die Klaſſen überhaupt und damit 
' feine vigene Herrſchaft al8 Klaſſe auf. 'An die Stelle der alten bürger- 
lichen Geſellſ<aft mit ähren Klaſſen und Klaſſengegenſäßen tritt eine 
Aſſvziation (Vereinigung), worin die freie Entwicklung eines jeden die 
Bedingung für die freie Entwieklung aller äſt. 
* 
Die Menſchen machen ähre vigene Geſchichte, aber ſie machen ſie 
nicht aus freien Stücken, wicht unter ſelbſtgewählten, ſondern unter uns 
mittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten: Umſtänden. Die 
Tradition (Ueberlieferung) aller toten Geſchlechter laſtet wie ein Alb 
“ auf dem Gehirn der Lebenden. 
Wenn das Geld, nac Augier (franzöſiſ<er Dramatiker), „mit 
matürlichen Blutfle>en auf einer Ba>e zur Welt kommt“, ſo das Ka=- 
pital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut= und ſchmußtriefend. 
. % . 
Die Zeit äſt der Raum der menſchlichen Entwi>klung. Gin Menſch, 
der über feine freie Zeit zu verfiigen hat, deſſen ganze Lebens8zeit, ab- 
geſehen von den bloß phyſiſchen Unterbrechungen dur< Schlaf, Maßl- 
zeiten uſw., durch ſeine Arbeit für den Kapitaliſten un Anjpruch 82- 
nommen wird, iſt weniger als eim Laſttier. Er iſt eine bloße Maichine 
zur Erzewquug von fremdem Reichtum, körperlich gebrochen und geiſtig 
vertiert. Und doch zeigt die ganze Geſ«hichte der modernen Jnduſtrie, 
daß das Kapital, wenn nicht im Zaum gehalten, rücſichtslo8 und un: 
barmberzig daran arbeiten wirs, die ganze Arbeiterklaſſe auf dieſen 
äußeriten Stand der Herabwürdigung zu bringen. 
* 
In der Fapitaliſviſchen Geſellſchaft wird freie Zeit für eine Klaſſe 
produziert durch Verwandlung aller Lebenzzeit der Maſſen in Ar= 
brit8zeit, 
. | * 
Laßt die Toten ihre Toten begraben und beklagen, Dagegen iſt e3 
beneidenswert, die Erſten zu ſein, die lebendig ins neue Leben eingehen; 
dies ſoll unſer Los ſein, * 
Engels über Marx' Tod, 
Aus dem Brief von Engoets an Sorge, London, 15. März 1883, 
. . . Und de8wegen hatte ich ſeit ſechs Wochen jeden Morgen, wenn 
ich um die E>e kam, TyodeSangſt, die Vorhänge möchten heruntergelaſſen 
fein, Geſtern mittag um halb 3 Uhr, ſeine beſte Tag28beſuchszeit, 
fam ich hin -- das Haus in Tränen, es ſc<eine zu Ende zu gehen. I< 
erkundigte mich, ſuchte der Sache auf den Grund zu kommen, zu tröſten. 
Gine kleine Blutung, aber eim'. plößliches Zuſammenſinken war ecin= 
getreten. Unſer altes, braves Lenchen, das ihn gepflegt, wie keine 
Mutier ihr Kind pflegt, ging hinauf, kam herunter: er ſei halb im 
Schlaf, ih möge mitkommen. Als wir eintraten, lag er da, ſc<lafend, 
abex um nicht mehr aufzuwachen. Puls und Atem waren fort. In 
den gwei Minuten war er ruhig und ſchmerzlos entſchlummert. 
Alle mit Naturnotwendigkeit eintretenden Ereigniſſe tragen ihren 
Troſt in ſich, ſie mögen noch ſo furchtbar ſein, So auch hier. Die Doktoren- 
tfunſt hätte ihm vielleicht noch auf einige Jahre eine vegetierende Exiſtenz 
. ſichern fönnen, das Leben eines Hilfloſen, von den Aerzten zum Triumph 
ihrer Künſte nicht plößlich, ſondern gollweiſe abſterbenden Weſens. Das 
aber hätte unſer Marx nie ausgehalten. Zu leben mit den vielen uny- 
vollendeten Arbeiten vox ſich, mit dem Tantalusgelüſt, ſie zu vollenden, 
und der Unmöglichfeit, es zu tun -- va38 wäre ihm tauſendmal bitterer 
geweſen als der ſanfte Tod, der ihn ereilt. „Der Tod iſt kein Unglück 
für den, der ſtirbt, ſondern für den, der überlebt,“ pflegte er mit Epikur 
zu ſagen. Und dieſen gewaltigen, ':genialen Mann als Ruine fort- 
vegetieren zu ſehen, zum <xößeren Ruhme der Medizin und zum Spotte 
für die Philiſter, die er in ſeiner Vollkraft ſo oft zuſammengeſchmettert -- 
nein, tauſendmal beſſer wie e3 iſt, tauſendmal beſſer, wir tragen ihn 
übermorgen in das Grab, wa ſeine Frau ſc<läft. 
Und nach dem, wa38 voraufgegangen, und was ſelbſt die Doktoren 
nicht ſo gut kennen wie ich, war meiner Meinung nach nur dieſe Wahl. 
Dem ſei wie ihm wolle. Die Menſchheit iſt um einen Kopf kürzer 
gemacht, und zwar um den bodeutcndſten Kopf, den ſie heutzutage hatte. 
Die Bewegung de3 Proletariats geht ihren Gang weiter, aber der 
Zentralpunkt iſt dahin, zu dem Franzoſen, Ruſſen, Amerikaner, Deutſche 
in entſcheidenden Augenbliden ſich von ſelbſt wandten, um jede8mal den 
klaren, unwiderſprechlichen Rat zu erhalten, den nur das Genie und die 
vollendete Sachkenntnis geben konnte. 
Die Lokalgrößen und die kleinen Talente, wo nicht die Shwindler, 
befommen freie Hand. Der endliche Sieg bleibt ſicher, aber die Umz 
weg2, die temporären ufd lofalen Verirrungen -- ſchon ſo unvermeid- 
lich '= werden jeßt ganz ander3 anwachſen. 
Nun =“ wir müſſen's durchfreſſen, wozu ander3 ſind wir da? Und 
die Courage verlieren wir darum noch lange nicht, 
Dein 
[ZE] Aus der Jugendbewegung 
JIngendtag in Ketzin (Havel). “>. | 
Au3 Brandenburg aun der Havel wird uns geſchrieben: Einer 
Einladung des neugegründeten Vereins „Arbeiterjugend Groß-Berlin 
Folge leijtend, waren die Ortsgruppen Brandenburg und Rathenotv am 
zweiten Oſterfeiertag in Ketzin zufammengefommen, um einen Jugend- 
10g zu veranſtalten. Leider war der Ortsgruppe Luckenwalde zu [pat 
Mitteilung von der geplanten Zuſammenkunft gemacht worden, fo daß 
au3 Luckenwalde nur ein Vertreter anwefend war. Von allen drei be- 
teiligten Gruppen, war der erſte Feiertag zum Wandern in der ſchönen 
Mark Brandenburg benußt worden. So trafen denn am zweiten Fe1er- 
tag vormittag2 die Teilnehmer aus verſchiedenen Richtungen im dem 
 
 
- ruhigen Städtc<en Ketzin ein, von den bereits Antveſenden herzlichſt be- 
grüßt. Nachdem daa Frühſtüd> verzehrt war, verſammelten ſich um 
11 Uhr die Funktionäre der Ortsgruppen zu einer „zwanglofen Aus- 
ſprache über die unſere Jugendbewegung zurzeit intereſſierenden Fragen. 
Nach der Begrüßung dur den Vorſigenden, Genoſjen Wendelil- 
Brandenburg, folgte ein kleiner Vortrag des Genoſſen Web er - Berlin 
über die loſe und feſte Foxm der Jugendbewegung. zn Ungefähr drei- 
viertelſtündigen Ausführungen legte der Vortragende die Vor- und Nach- 
teile der einzelnen Formen klar. An den Vortrag ſchloß ſich eine Äu3- 
ſprache an, aus der ſich ergab, daß die Ausführungen des Redners zum 
größten Teil die Zuſtimmung der Anweſenden fanden. | 
Nach dem Mittagefſcn begann der unterhaltende Teil der Zuſammen=- 
funft. Mehrere Muſikſtürke, vorgetragen von Brandenburger Jugend- 
freunden, eröffneten das Programm. Ein ſinnreicher Prolog, dejjen 
Wirkung leider durch die im Saal herrſ<ende Unruhe etwas abgeſchväct 
wurde, ging einer Anſprache des Genoſſen Weber- Berlin voraus, Auch 
dieſer Anfprache wurde lebhafter Beifall gezollt. Als weitere Dar- 
bietungen ſind noch zu nennen: Rezitationen von Angehöxrigen der ein: 
zelnen Orts8grippen, Lieder zur Laute eines Rathenower Freundes und 
ein Reigen, aufgeführt von Brandenburger Freunden und Freundinnen. 
Mit dom erſten Ver3 de38 Licde3: „Dem Morgenrot entgegen ſchloß 
die ſc<hlic<te, dabei aber doh ſ<öue Feier. | 
Um 5 Uhr fand der Abmarſch ſtatt, und mit einem „FIUung Heil“ 
zegen die Teilnehmer in drei Richtungen von dannen, um wieder nach 
Hauſe zu gelangen. Da der Jugendtag viel dazu beitrug, alte Freund= 
ſchaften aufzufriſchen und neue zu ſchließen, war cs allgemeiner Wunſ<, 
öfters fol<e Zuſammenkünfte ſtattfinden zu laſſen. ES könnten dann 
auch, wie in dex Sißung am Vormittag, die Meinungeu und Erfahrungen 
. zwiſchen den Funktionären der einzelnen Gruppen ausgetauſcht werden. 
-E, Sch, 
* 
Die Frankfurter Arbeiterjugend! 
Aus Frankfurt a. M wird uns geſchrieben: Nachſtehend geben wir 
eine kurze Ueberſicht über die Entwieklung der Arbeiterjugendbewegung 
in Frankfurt a. M... DaS Jahr 1908 brachte au<h unſerer Stadt die 
Vereinigung der* ſ<nlentlaſſenen Arbeiterjugend unter dem Namen 
„Proletariſche Jugendbewegung“. Die gute Grundlage, auf die die Ar- 
beiterſchaft die Vereinigung ihrer Jugend aufbaute, hatte zur Folge, daß 
der Abonnentenſtand unſerer „Arbeiter-Jugend“ recht ſ<nell eine an- 
ſehnliche Höhe erreichte, Die Veranſtaltungen wurden mehrere Jahre 
hindurch in einem Saal de3 hieſigen Gewerkſchaft3hauſe38 abgehalten. Da 
dic Abonnentenzahl aber beſtändig wuch8 und ſich infolgedeſſen die Räume 
ve8 Gewerkſchaftshauſes al3 zu klein erwieſen, ſah man ſich genötigt, 
arößere Lokalitäten für unſere Zuſammenkünfte ausfindig zu machen, 
Im Jahr 1914 bezogen wir dann unſer eigenes Heim, dn8 vier Zimmer, 
eine Garderobe und einen ſehr großen Korridor umfaßt. Dieſe vier 
Zimmer ſind: ein Spielzimmer, ein Leſezimmer, ein Vortrag3ſaal und 
ein Erfriſchunggraum mit eigener Kantine. Alle Räume ſind aufs ges
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.