Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

74 | | - 
 
Linie entbrennen. Der neue, junge Geiſt wird gegen den alten 
ſtehen, in deutſchen Landen und ander8wo. Wie einſt auf Nord- 
land3 Feld. der kühne, junge Olaf anrannte gegen den alten Torce- 
hunt -- das, wa3 beſtehen ſollt, gegen da8, was vergehn ſollt. 
| Da dürfen unſere jungen Kameraden nicßt dem gefährlichſten 
Feind, dem Unverſtand, überlaſſen werden. EZ gilt, ſie zu reifen, 
zielklaren Kämpfern zu ſchulen, die für die Ueberzeugung und das 
Ideal das Lekte einſezen. Das Gefühl weltumipannender Arbeits- 
ſolidarität wollen wir ihnen erwecken, ſtolzes Klaſſenbewußtjein 
und herzliche, geſunde Freude an Leben und Wirken. 
Tun wir unentwegt unſere Pflicht, als Jünger des neuen 
Geoiſte3 von der Notwendigkeit ſeiner Sendung erfüllt, fo braucht 
un3 um die Zukunft nicht bang zu jein. Denn > 
Welchen Gedanken die Zeit 
GCinmal erkoren, 
Der iſt gefeit und beichworen 
Und wird ewig wiedergeboren, 
Troß allem Widerſtreit! 
dr 
Geburt des Geiſtes. 
Feuer aus der Höhe fallen, 
Flammen aus der Tiefe loh'n, 
Freſſen Hütten, zünden Hallen 
Und der Tempel lodert ſchon. 
Will die Glut ſich nicht verzehren, 
Bläſt kein Sturm die Brände aus, 
Kann kein Geiſt der Weihe wehren, 
Dieſem brünſtig wilden Graus? 
Aller Geiſt iſt Haß geworden, 
Schäumt als Blutmeer durch das Land, 
Und die Welt erſtickt im Morden, 
Hemmt kein neuer Sinn die Hand. 
Bis das ſtarke Wort erklungen, 
Tobt der heiße Racheſchrei, 
Und in wildverworr'nen Zungen 
Redet Geiſt am Geiſt vorbei, 
In der Luft zieht-ſtarkes Wehen 
Und ein Brauſen iſt erwacht. 
Bringſt du einendes Verſtehen, 
Neue Zeit? Rauſch auf mit Macdct! 
Wenn der reine Sinn entbunden, 
Der uns helle Wege weiſt, 
Sind die Feuer überwunden... 
Alles Blut wird wieder Geiſt. 
Meine erſte Reiſe. 
ie glücklich iſt der Menſch, wenn er achtzehn Jahre alt und durd) 
nicht8 in der Beſtimmung über ſich ſelbſt behindert iſt! Wenn 
ihm die ganze Welt offen ſteht! Wenn die lange verhaltene Sehn- 
ſucht, hinaus zu wandern, weit, weit hinaus, endlich auf Erfüllung 
boffen darf! | 
Ach, wie ich mich im Vorgefühl kommender ſchöner Tage dehnt? und 
r2odte, als mir an einem prächtigen Maientag de8 Jahre3 1900 der 
„Prinzipal“ die nicht ganz unerwartete Mitteilung machte, daß meine 
vierjährige Lehrzeit nun zu Ende, daß ich „frei“ ſei. Die kurze Aus- 
jvrache endete auf ſeiner Seite mit dem Wunſch, daß ich noch recht lange 
Zeit dem Geſchäft, dem ich meine Ausbildung verdanke, al3 Gehilfe treu 
bleiben möge. Wenn ter verehrte Chef ſicß mehr um mich gefümmert: 
hätte, würde ihm längſt klar geworden fein, daß ich ſchon als „Stift“ die 
feſte Abſicht gefaßt hatte, dieſe Erwartung zuſchanden zu machen. Und 
ich führte meinen Vorſaß aus. Schon drei Monate nach jenem für mich 
jo bedeutungsö3vollen Tag ſaß ich in der Eiſenbahn, um in3 Land mziner 
Sehnſucht, in die ſchöne Schweiz, zu fahren, Sehr angenehm Überraſcht 
hatte ich den Chef damit freilich nicht, Seinen Aerger ließ er im Zeugnis 
cus, nachdem ich das Angebot eines Zöheren Lohnes (biSher zahlte er 
gtnze zwölf Mark die Woche!) abgelehnt hatte, | 
Alſo ich ſaß nun in der Eiſenbahn. Einen Fahrplan hatt2 ich vor- 
her nicht ſtudiert. Wozu auch! J< wußte, daß die Schienenſtränge kreuz 
ind quer dur<s5 Land laufen und nahm an, daß ich auch „ſo“ ans 'Ziel 
nteiner Reiſe kommen würde, Heute würde ich freilich nicht mehr ſo 
ſorglos in die Welt kutſchieren. So führ ich alſo aufs Geratewohl lo8 
-=- natürlich ſtande3gemäß „zweimal Zweiter“! ' Als ich die Kirchtürme 
des Städt<ens entſchwinden ſah, fühlte ich mich ſo froh und frei wie nie 
zuvor, Nur al3 ich an meinem Heimatdörfchen vorbeiſauſte, in dem ich 
geboren war, die Schule beſucht hatte und nun eine alte, liebe Mutter 
zurücdließ, wurde mit dä38 Herz etwas ſc<wer, Aber bald feſſelten neue 
Artur Zicdler 
Karl Bröger. 
Arbeiter«Iugend . 
Ueber den Aberglauben. 
er die Ueberſhrift dieſes Aufſaße3 lieſt, der weiß, wovon 
hier die Rede ſein ſoll. Oder wer von den Leſern wüßte 
nicht, daß e8 Aberglaube iſt, wenn man der Zahl 13 eine 
beſondere, ſ<hlimme Bedeutung zuſchreibt, wenn man ſid) fürchtet, 
am Freitag zu reiſen, wenn man ſich freut, am Abend eine Spinne 
zu ſehen, während man das8 gleiche Tierchen, falls e3 einem ant 
frühen Morgen über den Weg krabbelt, als, Verkünderin kommen- 
'den Unheils verwünſc<t? Gewiß, wir ſind alle ſo aufgeklätt, hiec 
den Aberglauben zu ſehen. Aber darf ich annehmen, daß ſich alle, 
die dies wiſſen, nicht doch, eingeſtanden oder uneingeſtanden, rein 
ihren Gefühlen folgend, einmal dur. die Zahl 18, durc< ein harm- 
loſes Spinnlein, dur den unglücklichen Wochentag in ihrem Tun 
beſtinunkn laſſen? | 
So muß e3 dod) eine beſondere Bewandtnis haben mit dem 
Aberglauben. Was iſt der denn? Ein Glaube zweifellos -- das 
liegt im Wort. Und glaüben heißt: etwas für wahr halten, und 
zwar etwa3, was wir nicht wiſſen, nicht beweiſen können. Der 
Aberglaube unterſcheidet ſich aber vom Glauben, dem „rechten“ 
Glauben, al38 falſcher Glaube. Nennen wir alſo! jeden irrigen 
Glauben einen Aberglauben? Doch wohl nicht. Wie dann? . . 
Ich will es geſtehen: Selbſt die Gelehrten haben ſich die Köpfe 
darüber zerbrochen und tun e8 noch, in Worte zu kleiden, was 
alles unter die Bezeichnung „Aberglaube“ zu rechnen iſt. Am 
beſten kann es vielleicht ſo au8gedriickt werden: „Der Aberglaube 
iſt der Glaube an übernatürliche Urſachen ganz natürlicher Exr- 
eigniſſe oder an übernatürliche. Folgen natürlicher Urſachen.“ 
Wenn wir das feſthalten wollen, dann erhebt ſich aber gleich 
die Frage: Was iſt natürlich, was iſt übernatürlich? Und die 
Antwort auf dieſe Frage wird ganz verſchieden ausfallen, je nach- 
dem ſie an einen einfachen Landmann oder an einen Gelehrten 
geſtellt wird, je nachdem, ob man ſie heute ſtellt oder vor tauſend 
Jahren geſtellt hätte. Wa3 dem Ungebildeten dur<ar3 Über- 
natürlich vorkommt, das kann der Gebildete ſich erklären, oder ex 
weiß wenigſten3, daß es erklärbar iſt, und nimmt nicht gleich zum 
Uebernatürlichen feine Zuflucht. Und was unſeren Vorfähren ein 
durc<au3 unlös8bare3 Rätſel ſchien, wa38 von ihnen nur auf die 
Wirkung übernatürlicher Kräfte zurüdgeführt werden konnte, das haben 
uns die wiſſenſchaftlichen Forſchungenin ſeinen Zuſammenhängen klar- 
gemacht und haben es ſo jenen geheimniSvollen Schlers entkleidet. 
Damit iſt bereit3 mehr gegeben, al8 nur eine Erklärung des 
Wortes, Denn in der Tat, wenn wir das ganze weite Gebiet des 
. Aberglauben3 mit feinen unendlich zahlreichen Aeußerung3formen 
überbli>en, ſo finden wir faſt immer, daß es ſich dabei um 
Ueberbleibſel aus älteren, überwundenen 
Stufen menſc<lic<her Kultur handelt. Der Aberglaube 
von heute iſt vielfac) der Glaube von geſtern und ehegeſtern, den 
die Wiſſenſc<aft beſiegt hat. 4 
Eindrücke die Sinne, und die Schwermut wich wieder. jenem Hochgefühl, 
als freier Burſch m die Welt zu ziehen, 
' Nie zuvor hatte ich eine längere Eiſenbahnfahrt gemacht. Das war 
ganz gut fo, denn nun war ich wenigſtens nicht ſo verwöhnt, im Halten 
des Zuge3 auf jeder fleinen Station einen läſtigen Aufenthalt zu ſehen. 
Im Gegenieil: jede Station brachte ja neue Fahrgäſte und verhalf mir 
jo zu einer angenehmen Abwechſelung. Bald war die Grenze erreicht; 
ich mußte umſteigen und in einem X. u, k., öſterreichiſchen Staatsbahn- 
wagen Plaß nehmen. Die deutſche 4. Klaſſe erſchien mir aber erheblich 
bequemer als die öſterreichiſche dritte. : Andere Gefühle löſte der Grenz- 
Übertritt nicht aus, . . 
Um die Mittagsſtunde war ich abgefahren, bei Sonnenaufgang kam 
ich in Wien an. Die Fahrt war zuleßt recht unangenehm geweſen in- 
folge der v;elen Landleute, die ſich mit Körben und Kiſten in den Wagen 
drücten und die 3ffenbar ihre Erzeugniſſe in die Hauptſtadt brachten, 
Ich mußte - nach einem anderen Bahnhof und hätte dahin mit dem 
Omnibus fahren fönnen, aber ich zog es vor, zu Fuß zu gehen, um etwas 
von der ichönen Donauſtadt zu ſehen. Viel fah ich nun gerade nicht, da 
ich mich mühſam durchfragen mußte. Aber ich kam am Rathaus vorbei 
und an manchem anderen ſchönen Gebäude, Infolge der frühen Morgen- 
ſtunde war die Stadt noch ececht wenig belebt. Sehr lebhaft ging e3 da- 
gegen auf dem Weſtbahnhof zu, ſo daß ich Mühe hatte, zu meiner Fahr- 
farte zu kommen, Nun beſaß ich eigentlich keine genaue Vorſtellung von 
meinem Reiſeweg. Nach Luzern konnte ich keine Karte bekommen, wes- 
halb mir der Beamte eine ſolche für Zürich :in die Hand drüste. Jn 
ſ<hlimme Verlegenheit geriet ic<h- beim Bezahlen; der Preis war in 
Franfen aufgedru>t, meine knappe Barſchaft beſtand aber in deutſchem 
und öſterreichiſchem Geld, und weder die eine noc<h die andere Eorte 
reihte zur Bezahlung aus, Ich ſchüttete meinen ganzen Geldbeutel aus 
und der Beamte nahm die Umecehnung jäInell vor, 
ebbte einigermaßen ab, aber was ich zurükbekam, waren nur wenige 
- Groſchen, 
Mein Hochgefühl
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.