Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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Immer und überall iſt die Wiſſenſ<haft die Feindin des 
Glauben3; ſie macht ihm Stü für Stü den Boden ſtreitig, und 
er muß ſich ihr anpaſſen. Aber wenn ſie geſiegt hat, und. wenn 
der offene Kampf beigelegt iſt, dann flüchten ſic; die verſprengten 
Scharen aus dem Heer der Glaubenöſäße in verborgene Winkel 
und führen nun einen Kleinkrieg weiter, meiſt nicht mit offenem 
Angriff, ſondern mit hartnäkiger Verteidigung, und dieſe kleinen 
verſprengten Reſte, ſie ſind die Lehren des Aberglauben8 Frei- 
lich iſt ihnen mittlerweile neben der Wiſſenſchaft der Glaube ſelber 
Feind geworden; der weiß, daß er nur beſtehen kann, wenn er die 
Bodingungen des mit der Wiſſenſchaft geſchloſſenen Friedens inne- 
hält, und ſo muß er ſich an ihre Seite ſtellen und mit ihr gegen 
ſeine unfolgſamen, eigenwilligen Söhne kämpfen. So ſtehen dem 
Aberglauben Wiſſenſchaft und rechtmäßiger Glaube, d. h. die an- 
erkannten Religionen gegenüber. Da aber die Wiſſenſchaft nie 
ruht, ſo iſt jener Kampf ewig; ewig find die Friedensſc<lüſſe, ewig 
Grenzverſchiebungen. 
. Nur ein paar Beiſpiele ſollen das beweiſen. Unter den alten 
Völkern war vielfach der Sternglaube die anerkannte Re- 
ligion. Man freute ſich nicht nur der Pracht de3 geſtirnten 
Himmel3, ſondern glaubte an den Einfluß des Sternenlaufs auf 
die Geſchi>e der unter jenem Himmel wandelnden Menſchen. So 
achtete man auf- dieſen Gang der Geſtirne, und während man da - 
immer neue Beobachtungen machte, erkannte man Geſetmäßig- 
keiten, die mit Menſchen und Menſchenſchi>ſal nichts zu tun hatten. 
Die Weiſen unter den Sterngu>ern wurden ſchließlich Sternkun- 
dige, ſchufen eine Wiſſenſchaft, deren Bedeutung von Jahrhundert 
zu Jahrhundert wuchs, und die heute nichts mehr von ihrem Ur- 
ſprung ahnen läßt, wenn ſie mit Hilfe ſchärfſter Inſtrumente und 
unter Heranziehung der feinſten Rechenkünſte Weltenfernen er- 
kennt und erforſ<t und uns beſchreibend zugänglich macht. Aber 
lange noch ging neben der Sternkunde die Sterndeutung einher, 
die immer wieder Zuſammenhänge ſuchte zwiſchen dem Menſchen 
und ſeinem Stern, dem Stern, „unter dem“ er geboren war. Sie 
iſt noc<4 nicht lange überwunden, dieſe Sterndeutung, und hier und 
da gibt e3 auch jezt noch „Abergläubiſche“, die ihr huldigen, denen 
der Komet mit ſeinem auffallenden Schweif, denen die über den 
Himmel8bogen hinſchießende Sternſchnuppe, der zur Erde fallend 
Meteor mehr ſind al8 natürliche Erſc<emungen. u 
Oder ein anderes Beiſpiel. Lange, lange Zeit haben ſich 
Sunderte und aber Hunderte von Gelehrten dic Köpfe zerbrochen 
darüber, wie man den „Stein der Weiſen“ finden könnte. 
Wenn man den hätte, glaubten ſie, ſo müßte man mit ihm Krantk- 
heiten heilen und das Leben verlängern und vor allem aus un- 
edlem Motall Gold machen können. Während aber jene Gold- 
macher dieſem Ziel nachjagten und zu ſeiner Erreichung jahrein, 
jahrau8, Tag und Nacht mit brennendem Eifer Stoffe löſten und 
miſchten und verdampften, ohne doch ihrem Ziel um Haarcsbreite 
näherzukommen, ſchufen ſie die Grundlehren einer jeht blühenden 
Wiſſenſchaft: der Chemie, der wir Unendliches verdanken für unſere 
Natkurerkenntni8 und für unſer tägliches Leben. Wer heute ſo 
wie jene nach dem Stein der Weiſen ſuchen wollte, der gälte mit 
Rce<ht für geiſteskrank. Aber jene alten Goldmacher dürfen wir 
nicht einmal als abergläubiſc< bezeichnen, da ihre Auffaſſung ja 
dem Stand der damaligen Erkenntnis entſpra<ß. Abergläubiſch 
ſind nur die zu nennen, die heute no< wähnen, es gebe Säfte 
oder Kräutlein oder Pülverchen, die geeignet ſind, ſol<e Kräfte 
zu entfalten, wie man ſie vom geſuchten Stein der Weiſen er- 
wartete. . 
So kommt der Aberglaube zuſtande. Aber warum mußte 
er fommen? Warum lebt er ewig, bei allen Völkern, zu allen 
Zeiten? Man ſollte doch meinen, ſchließlich müßte ſich auch der 
Dümmſte durch die Macht der Wiſſenſchaft überzeugen laſſen. Aber 
dem iſt nicht ſo. Und das iſt nicht Zufall, es liegt in dermenſ<- 
lichen Seele begründet. Ein paar ihrer tiefſten Eigen- 
tümlichfeiten ſind ſ<uld daran. E3 iſt auf der einen Seite dic 
Jreude am Geheimnisvollen, am Myſtiſc<hen, wie man fagt. Es 
iſt auf der andern Seite der Wunſc<, Einfluß zu gewinnen auf 
Ereigniſſe, die ihrer Art naß unſerm Einfluß nicht zugänglich 
ſind, Zuſammenhänge zu erkennen, die uns in ihrem Weſen zum 
mindeſten heute, vielleicht aber für alle Zeiten dunfel jein werden. 
Die ganz gemeine Neugierde alſo, das Wiſſenwollen des Verbor- 
genen, dazu eine ungewiſſe Furcht vor dem Unbekannten und die 
eigennüßige Hoffnung, es zu unſern Gunſten beeinfluſſen zu kön- 
nen, das iſt die eine Quelle des Aberglaubens die andere iſt das 
Wohlbehagen an allem, was Grujeln erregt. Was einmal in3 
grelle Licht der Wiſſenſchaft gerü>t iſt, das wet kein Schaudern 
mehr; ja ſchon das, was in feſten Glaubensſäßen der Religion 
micdergelegt und in dieſen Gemeingut von Millionen iſt, hat nicht 
mehr dieſe prikelnde Wirkung. Endlich aber noch eine Urſache des 
Aberglauben3: die Trägheit des menſchlichen Geiſtes. Was Jahr- 
zehnte oder Jahrhunderte hindurc< gelehrt und geglaubt worden 
iſt, das ſollte durch irgendeine neue Erkenntnis der Wiſſenſchaft 
über den Haufen geworfen werden? Nein, das iſt doc; zu un- 
bequem. Statt umzulernen, iſt es doch viel einfacher, man hält 
am Alten feſt, wie e3 die Vorfahren geglaubt haben, die es nicht 
beſſer wußten -- man muß das nur nicht offen eingeſtehen. 
So friſtet denn der Aberglaube mehr oder weniger im Ver- 
borgenen ſein Daſein, rankt ſich, bald üppig, bald kaum noc erkenn- 
var, um alle3, was den Menſchen zu tiefit bewegt, um jein Denken 
über Leben und Tod, um ſein Kämpfen gegen Siechtum und Leid, 
um ſein Sehnen nach Liebe, um ſein Streben nach Reichtum und 
Macht; der Aberglaube ſoll ihm Wege weiſen ins unergründliche 
Dunkel der Zukunft; der Aberglaube muß ihm Eid und Ver- 
ſprechen tragen belfen. Im einzelnen iſt freilich die Form des 
Aberglauben3 ſehr verſchieden. Ob cs einen der ganzen 
enſchbheit gemeinfamen Abcralauben gibt, wer kann cs jagen? 
Aber über ganze Volksſtämme und Über weite Votfergruppen jind 
einzelne Acußerungen des Aberglaubens verbreitet. Daneben aibt 
ces freilich ſolche, die nur in kleineren Kreiſen, in einzelnen Familien 
 
 
 
Ganz benommen kletterte ich in den Zug, wo ich zur Nachrehnung 
Muße hatte und dabei die traurige Entde>ung machte, däß iM mindeſtens 
acht Mack zuviel gezahlt hatte. Am liebſten hätte ich darüber geweint. 
. Ich hatte mir nämlich keinen Biſſen zu eſſen mitgenommen und bisSher 
in meiner goldenen Sorgloſigkeit überhaupt no< nicht daran gedacht, daß 
der Magen auch beim Reiſen ſein Recht fordert. Nun erinnerte er mich 
recht empfindlich dacan. Aber ich hatte ja nur noc<) wenige Pfennige! 
Trozdem ich wußte, daß ich noch eine Fahrkarte löſen mußte, um ans 
Ziel zu kommen, kaufte ich mir auf der nächſten Station ein Butterbrot. 
Aber 9 weh! der Appetit kommt wirklich beim Eſſen! Um es kurz zw 
machen: ich blieb beim Butterbrotkaufen, und als der zweite Reiſctag 
zu Ende ging, war ich blank, blitßeblank! 
Troß de8 Aerger3 über das zuviel gezahlte Geld kehrte meine fröh- 
liße Stimmung bald wieder zucü>k. Gierig nahm ich die prächtigen 
Landſchaftsbilder längs der Donau in mich auf. Staunend betrachteic 
ich Linz, Salzburg und JInns8bru>, wo e3 Aufenthalt gab. Aber mit 
aufgeriſſenen Augen ſah ich in die Wunderwelt der Alpen. Oft fuhr 
der Zug hoch oben auf f<hmalem Pfad, während tief unter dem Schienen- 
ſtrang au2 ſonnenbeſtrahltem Grün idylliſche Dörfchen und Städtchen 
bervorlügten. Das war die Welt, die ſchöne Welt! Ja, ich hatte recht 
daran getan, die Heimat zu verlaſſen; ein Bli> in dieſe Schönheiten 
wog alles Ungemach der Reiſe auf. Hoch ſchlug mein Herz im Tirol, das 
mich an den Freiheit3zhelden Hofer erinnerte, höher ſ<lhig es, als die 
Schweizer Grenze näher kam, . . Dm 
Mitten in der Nacht exfolgte die Zollkontrolle, J< hatte nur ein 
kleine38 Köfferchen bei mir und kam ohne weiteres dur<. Unteriveg8 
ſagte mir ein Schaffner, daß es keinen Zwe hätte, wenn ich bis Zürich 
im Zuge blieb. Ich ſollte in Thalwyl ausſteigen und dort ven Zug mac 
Luzern abwarten, Da3 tat ich auch, aber blank, wie ich war, hatte ich 
kein Gold zu einer neuen Fahrkarte, Was tun? Sorgenvoll drüäte ich 
mich auf dem kleinen Bahnhof herum. In den Warteſaal wagte ich nicht 
81! gehen; dort gab es ſichex etwas zu eſſen. und mein Magen knurrte 
"Zimmer fand. 
ohnchin geradezu böSartig, denn cer hatte ſeit mindeſtens zwölf Siunden 
nichtz mehr zu bearbeiten befommen. Plößlich kam mir cin Gedanke, 
und im nächſten Augenbli> hatte ich ihn ſchon ausgeführt. I< trat auf 
einen Bahnbeamten zu, ſchilderte ihm meine Lage, ſagte ihm auch, daß 
ich eine feſte Stellung hätte und bot ihm gegen ein kleines Darlehen 
meine Uhr zum Pfande an. Offen geſtanden: obwohl die Uhr neu war, 
fa ſtellte ſie doch keinen großen Wert dar. Aber der menſchenfreundliche 
Mann ging auf meine Bitte einz; ic< bekam fünf Franken und er meine 
Uhr. (Ih habe ſie übrigens nach 14 Tagen prompt zurüerhalten.) Zu- 
erſt holte ic< mir nun eine Fahrkarte, und dann ſtärkte ich mich, aber 
gründlich! : 
Boi Sonnenuntergang kam iH in Luzern an =- drei Tage war ich 
unterwegs geweſen. Es war ein. herrlicher Sommerabend; über dem 
Rütli und dem Pilatus lagen die lebten goldenen Strahlen, al8 ic vor 
dem Bahnhof ſtand und nicht wußte, wohin. Zehn Gepädträger ſchrieen 
zu gleiher Zeit auf mich ein. I< verſtand kein Wort, J< erklärte 
einem der Männer, daß .ich ein billiges Logis brauchte, aber auch fie 
ſchienen mich nicht zu verſtehen. I< ſprach franzöſiſH: ſie verſtanden 
mich noch viel weniger. Schließlich entriß mir einer den Koffer und fait 
willenlos -- e3 war mir wirklich alle8 egal und ich fühlte mich hunde- 
müde -- folgte ich dem Koffer und dem Mann. Wir landeten im „Grünen 
Baum“. Nach einem reichlichen Abendbrot legte ich mi< zu Bett und 
ſchlief faſt fünfzehn Stunden. Am nächſten Morgen ſiellte ich mich dem 
neuen Chef vor, der mich zwei Tage früher erwartet hatte, ging dan? 
mit deutſchen Kollegen in ein deutſche3 Speiſchaus, wo im auch ein 
Dorthin brachte ich meinen Koffer, naHhdem mir ein 
Kollege etwas Geld vorgeſhoſſen hatte, 
Nun begann ein neuer Abſchnitt in meinem Leben: foine ſorgende 
Mutter mehr in der Nähe, keine altbekannten Freunde, in fremdem Land 
auf mich allein angewieſen! Aber ich war ja jung, und ich müßte lügen, 
wenn ich ſagen vürde, daß ich mir über alle dieſc Dinge Sorgen gemacht 
hätte, Ernſt Mehlich. 
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