Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

78 " Arbeiter- Iugend 
 
 
 
- 
bedenklicß lichtete, ſei e8 =- wa3 wahrſcheinlicher iſt --, daß der 
Urwald ſich infolge einer Klimaänderung in einen Steppenwald 
mit vereinzelten hohen Bäumen verwandelte: ſie mußten ſich dieſer 
neuen Lebenslage allmählich anpaſſen und gingen dabei von dem 
Greifklettern, das ſie nur noch in den Wipfeln ausüben konnten, 
zum Gehklettern über. Hierdurc< entwickelte ſich bei ihnen die oben 
beſhriebene Durchbiegung der Wirbelſäule, und dieje wieder er- 
möglichte e3 ihnen, den Weg von einem Baum zum andern dur 
das hohe Steppengras in aufrechter Haltung zurückzulegen. Die 
fortgeſetzte Uebung und Gewöhnung befeſtigte die körperliche Um- 
bildung und verſtärkte ſie; ließ den Greiffuß in einen Stüß- und 
Gehfuß ſic< verwandeln und führte zu der wunderbaren Ausbildung 
der menſchlichen Hand und zur Entwieklung der Sprache. 
Ob die heutigen Menſchenaffen no<& einmal auf demſelben 
Wege zu Menſc<hen werden können? Nein. Sie ſind ſchon allzu jehr 
ſpezialiſiert. Die Menſchwerdung iſt ihnen verbaut; ſie ſind mit 
ihrer Urwaldanpaſſung in eine Sagaſſe geraten, aus der ſie nicht 
mehr heraus können. Dadurch erklärt es ſich auch, daß ſie im A1uU8- 
jterben begriffen ſind, - 
Im Mai. 
Aus der Erde Schoß an das goldne Licht 
Drängt ſich alles hervor, nur die Toten nicht; 
- Doch laß ſie! Und denk', wie die Träne noch rinnt: 
Nicht alle ſind tot, die begraben ſind! 
Nicht alle ſind tot, die nicht auferſtehn, 
- Wenn Lüfte wieder gelinder wehn 
Und die Zeit der Lieder und Roſen beginnt; 
Nicht alle ſind tot, die begraben ſind. 
Nicht alle ſind tot, die der Raſen bede>kt, 
Kein Oſtergeläute zum Leben erwetdct, 
Kein Pfingſtgeläute dur& Wald und Flur = 
Nicht alle ſind tot, ſie ſchlummern nur. 
Nicht alle ſind tot, ob auch immerhin 
Vergebens die Sonne ihr Grab beſchien; 
Nicht Vater, noch Mutter, noch gar ein Kind! 
Nicht alle ſind tot, die begraben ſind. 
Nicht alle ſind tot, deren Hügel ſich hebt! 
Wir lieben, und was geliebt wird, das lebt; 
Das lebt, bis uns ſelber das Leben zerrinnt; 
Nicht alle ſind tot, die begraben ſind. 
Und du auch, o Freiheit, auch du biſt nicht tot, 
Du ſchlummerſt entgegen dem Morgenrot, 
Doh leiſ' durc< die Zweige ſchon ſäuſelt der Wind: 
Nicht alle ſind tot, die begraben ſind. Stolze. 
SKF 
Im Kampf um die Welkanſchauung. 
Jugenderinnerungen von R. Kempkens. 
eine andere Partei benußt die Religion ſo ſkrupello3 und in 
ſolhem Maße zu Agitationszwe>den wie die Zentrumspartei, 
Wenn dieſen Leuten die Religion wirklich ſo heilig wäre, wie ſie 
behaupten, ſo würden ſie ſie nicht täglich auf den Markt zerren. Ganz 
beſonder38 ungeniert verwenden ſie die Religion bei ihrem Jugenvfang. 
Schon daß ſie behaupten: „CE3 gibt keinen Erfolg in Jugendpflege 
und Jugenderziehung ohne die Religion!“ iſt eine ke&e Anmaßung und 
bewußte Unwahrheit. Die Herren ſind nämlich über die großen Erfolge 
der ſozialiſtiſchen Erziehung3- und Bildungsbeſtrebungen, die ja ohne 
religiöſe Hilfsmittel wirken, ſehr genau unterrichtet; denn ſie verfolgen 
dieſe ihnen ſo unerwünſchte Kulturarbeit mit ſchärfſter Aufmerkſamkeit. 
Sie laſſen ſie keinen Augenbli> unbeachtet, weil ihre eigene Tätigkeit 
auf dem Gebiet der Jugendorganiſation faſt ausſchließlich gegen die 
Unſrige gerichtet iſt. 
Aus dem beiſpielloſen Gifer, den die ZentrumsSkatholiken bei ihrer 
Jugendwerbung entwickeln, können wir ihnen natürlich keinen Vorwurf 
maden; wir verweiſen ſogar rühmend auf die klerikale Nührigkeit, um 
unſere Freunde und Freundinnen zur Nacheiferung anzuſpornen,. Wos=- 
gegen wir aber allerſchärfſten Einſpruch erheben müſſen, das iſt die 
tückiſche und gehäſſige Art, wie die ehrliche Anſchauung Andersdenkender 
beſchimpft und verächtlih gemacht wird, Das tun vieſe Herren auf 
religiöſem Gebiet no< viel mehr als auf politiſchem; Wenn man ſo 
einen richtigen Zentrumsmann hört, dann gibt es außerhalb ſeiner 
Partei und außerhalb der katholiſchen Kirche keinen eingigen anſtändigen 
Menſchen. Der Auswurf der Menſchheit aber, das ſind die „Gottloſen“, 
die „Ungläubigen“. Jeder, ver nicht das gleiche glaubt wie dieſe Kleri- 
kalen, iſt nämlich ein Ungläubiger, Vor Jahrhunderten nannie man 
oder der Zuchthäusler, 
dieſe Ketzer und hat ſic auf Scheiterhaufen verbrannt. Das geht ja nun 
heute nicht mehr an. So behilft man ſich mit Gift. Aber nicht mit ehr 
lichem <JHemiſchem Gift, ſondern mit dem Gift der Verleumdung. 
Der Ungläubige iſt nicht anders zu werten wic die Straßendirne 
So kann man e83 hören vom kleinſten Kaplan, 
und ſo lieſt man es regelmäßig in den Hirtenbriefen der Kirchenfürſten, 
'Wenn in dieſen Veröffentlichungen die Uebel der Zeit aufgezählt 
werden, ſo erſcheint immer ver „Unglaube“ mitten zwiſchen der Unſitt- 
lichfeit und dem Verbrechen. 
Sogar in die unberührten Herzen der Schuljugend wird dieſes Gift 
geſät. Entſeßlich auszudenken, daß ſolche ahnungsloſen Kinder nachher 
vielleicht entde>en müſſen, vaß der eigene Vater ſolch ein „Scheuſal“ iſt. 
Und ohne daß der Vater es ahnt, betet dann das gepeinigte Kind in 
Seelenqualen für die „Bekehrung“ de8 Verworfenen,. 
Sehen wir uns ſo einen Gottloſen oder Ungläubigen cinmal 
näher an! 
. Im Anſchluß an die geſeßlihe allgemeine Schulpflicht muß jedes 
Kind in der Lehre einer der ſtaatlich anerkannten Religions8gemeinſchaf- 
ten unterrichtet werden. In der Regel verläßt alſo jeder Deutſche die 
Schule al3 ein religiös unterrichteter Menſch, der an das Daſein Gottes 
glaubt. 
Jedes denkende Weſen verlangt für alle3, was 28 mit ſeinen Sinnen 
wahrnimmt, eine Erflärung. Darin unterſcheiden wir uns von den 
Tieren. Dem Kinde genügt vie Behauptung, daß alles von Gott komme, 
daß Gott alle3 gemacht hai und alles bewirkt. Später aber, bei dem 
einen ſhon im frühen Jünglingsalter, bei dem andern erſt in den 
Mannezjahren, will ſic der fragende und forſchende Verſtand damit 
nicht mehr begnügen. Statt widerſpruchslo8 zu glauben, was andere 
ihm erzählt haben, möchte der Verſtand begreifen, das heißt für 
alle3 Vorhandene und Geſchehende eine in ſich harmonierende Erklärung 
' haben. Der denkende Menſc< verlangt nac< einer möglichſt abgerundeten 
Vorſtellung von der Welt und ihrem Weſen. 
Statt aller lehrhaften Erörterungen will ich verſuchen, meine eigenen 
Kämpfe um die Weltanſhauung aus meinen Jugenderinnerungen zit 
ſchilvern. . 
I<h entſtamme einer erzkatholiſ<en Familie und wurde ſtreng kirch- 
li< erzogen. Den Religionzunterriht nahm ich aufmerkſam hin, und 
„die kir<lichen Gebote erfüllte ich mit großer Gewiſſenhaftigkeit, Mit 
dem Eintritt in8 ſechzehnte Leben3jahr aber begannen die Zweifel an 
der Möglichkeit deſſen, was man mich gelehrt hatte. An einem Be- 
rater, an den ich mich hätte wenden können, fehlte e8 mir; Bücher 
waren mir damals in der kleinen rheiniſchen Stadt zunächſt nicht zu- 
gänglich. I< wollte-gern glauben, aber ich fonnte e3 nicht. Nie 
wieder im Leben habe ich ſo gelitten wie dazumal unter den Ge- 
wiſſenöängſten und Seelennöten. Oft habe ich draußen an dem großen 
Strom bi8 in die Nacht hinein geſeſſen und zu den Sternen hinauf- 
geſtarrt, Wahrheit heiſchend. Wenn ich ruhelos im Bette lag, habe ich 
wohl bi3weilen gebetet: „Lieber Gott! Wenn du da biſt und alles ſiehſt 
und alle3 kannſt, ſo- erleu<hte mich! Befreie mich von meinen Zweifeln 
und Seelenqualen und laß mich erfennen, wa3 die Wahrheit iſt! Hilf 
mir, an dich zu glauben, und ich will dir bis an mein Ende ein treuer 
Diener ſein!“ 
Er hat mich nicht gehört. Einen vertrauten Freund, der ein. Jahr 
älter war al3 ic<h, hatte ih mit meinen Zweifeln angeſte>t, und wir 
berieten nun oft gemeinſam. Unſere, wenn auch geringen aſtronomiſchen 
Sculkenntniſſe ließen die landläufige Vorſtellung von Himmel und 
Zölle nicht zu. Mit einem Weſen, das überall iſt, den ganzen Welt- 
raum umfaßt, alles kann und da iſt, ohne jemals entſtanden zu ſein, 
wußte unſer einfacher Verſtand troß aufrichtigen Wollens nichts anzu- 
fangen. . “ . 
- Unſer Religionslehrer hatte einmal, geiſtreich, wie ſolhe Herren 
zumeiſt ſind, ſich über diejenigen luſtig gemacht, die ſagen: „I< glaube 
nur, wa38 ich ſelber ſehe.“ „Niemand von uns,“ ſo meinte der Kaplan, 
„hat Amerika geſehen, und doch glauben wir alle, daß es exiſtiert, 
Wa3 ich ſehe, weiß ich, brauche e3 alſo nicht zu glauben.“ 
In unſerer Nachbarſchaft wohnte ein alter Seidenweber, der lange 
Jahre-in Amerika gelebt hatte und nun zurükgekommen war, Gr be- 
richtete macherlei von drüben. Aber vom Himmel her war noch niemand 
zurücgekommen, und träte eines Tages jemand mit dieſer Behauptung 
auf, ſo käme er al3 Schwindler ins Gefängnis oder als Geiſtesgeſtörter 
in ein Aſyl, , 
Mein Freund wußte ſi von einem älteren Berufskollegen das 
Bebelſch? Buch „Die Frau und der Sozializmus“ zu verſchaffen. Wir 
laſen e8 mit warmer Aßteilnahme, aber für unſere Zweifel gab es 
natürlich keinen Aufſchluß. | 
- Da erfuhr ich, daß ein berühmter Kanzelredner in amſer Städichen 
kommen werde, um zu den Männern und Jünglingen über den modernen 
Unglauben und ähnliche Dinge zu reden, Wir gingen mit großen 
Erwartungen zu der Abendpredigt; aber nie wieder haben wir eine 
ſolche Enttäuſchung erlebt. Von dem, was uns bis in die Tiefe bewegte 
und worüber wir Ausfunft haben wollten, ſagte der mit dem Profeſſor- 
titel ausgeZeichnete Pater kein Wort» In der Hauptſache befaßte er 
ſic) mit dem Bevelſchen BuHe. Aver wie! Wir hatten infolge unſrer
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.