Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

un Arbeiter- Iugend un - 79 
 
 
großen Jugend und nur gerimgen Beleſenheit zwar nicht alle Einzel- 
heiten des Werk3 in un3 aufnehmen können, aber dex Eindrud>, daß 
in dem Buch Gedanken niedergelegt wären, die alle ohne AuSnahme auf 
höchſter ſitiliherx Reinheit ruhten und das Beſte für die Menſchheit 
wollten, war in uns3 tief haften geblieben, und das köonnt2 uns der 
Prediger nicht ausreden. Dies aber war nicht das Aergſte: der Mann 
log in ſchamloſer Art in das Bud) hinein und aus dem Bud) heraus, 
wa3 Bebel nie geſchrieben und geſagt hat. Wir waren erſchro>en und 
empört. Noch ehe die Predigt ganz zu Ende war, ſagte ich zu meinem 
Freund: „Komnt, ich kann das nicht mehr anhören!“ Nie wieder haben 
wir eine Kirche zu religiöſem Zwe> betreten. 
Bald nachher fiel mir ein Aufſaß eines freigeiſtigen Unterhaltung2- 
blatt3 in die Hand, dex die Unmöglichfeit dex Gott zugeſchriebenen 
Eigenſchaften nachwies, Gott könne nicht zugleich allmächtig und all- 
wiſſend ſein; ſei er allwiſſend, ſo könne ex nachher an dem VorauZ- 
gewußten nicht38 mehr ändern; auch ſei es nicht mit der Allgüte zu 
vereinbaren, daß durch die göttliche Allwiſſetheit ſhon von Geburt an 
beſtimmt ſei, ob der Menſ<) gut.oder cin Verbrechex ſein werdea, Dann 
konnte i< mir aus der Bibliothek des Freidenkerverein38 der benach- 
barten großen Stadt Büchner3 „Kraft unv Stoff“ beſchaffen. Dieſes 
Buch befreite mich von meinen Zweifeln und gab mix die Möglichkeit 
einer verſtande3zmäßigen Vorſtellung von den Dingen der Welt, I< 
wußte nun, daß ich kein Unrecht tat, wenn iG nicht an Gott 
glaubte, -- 
Wie mir, ſo iſt e8 ungezählten Jünglingen und Mädc<en, Männern 
und Frauen ergangen. Sie alle haben ſich in ehrlihem Seelen- und 
Gewiſſensfampf abgemüht und ſich Anſchauungen erkämpft, die an ſitt: 
licher Reinheit unv edler Menſchenliebe den religiöſen Anj<auungen 
zum mindeſten nicht nachſtehen. Daß die Kapläne und Kirchenfürſten 
dieſe anderen Anſchauungen für unerwünſcht oder auch für unrichtig 
halten, gibt ihnen nicht das Ret, ſie zu beſchimpfen. Wir können ver- 
langen, daß man einer ſolchen Anſchauung die gleiche Achtung entgegen. 
bringt wie dem widerſpruchszloſen Glauben derer, die anvere für ſich 
denfen laſſen, - 
[2] Aus der Jugendbewegunt 
| Die freie Jugendbewegung in Lübec> 
iſt, wie der Bericht über ihr zehnte3 Geſchäftsjahr dartut, dur< die Gin: 
berufungen des Jahrgangs 1899 auch im vergangenen Jahr vieler 
tüchtiger Kräfte beraubt worden. Der Abonnentenſtand der „Arbeiter 
Jugend“ betrug durchſchnittlich 260, iſt aber zurzeit auf rund 350 ge- 
biegen; 35 (Gxemplare werden regelmäßig an . ehemalig? Funktionäre 
in3 Feld geſandt. Der Jugendausſchuß erledigte ſeine Geſchäfte in 
8 Sikungen. Ferner fanden ſtatt: 17 Sizungen der Arbeitskommiſſion 
der Jugendlichen, 15 Sizungen der Wanderkommiſſion und 8 Monat3- 
beſprechungen. Die Einnahmen betrugen ini abgelaufenen Jahr 1934,14 
Mark, denen 1527,69 Mk. Aus8gaben gegenüberſtehen. Zur körperlichen 
AuSdildung fanden r= außer Teilnahme an den Turnabenden des Ars 
beiter-Turnvereins == im Bericht&jahr 19 Nachmittag3= und zwei Mor- 
genwanderungen, fech8s Tage3- und zwei Nachttouren ſtatt. Außerdem 
wurden im Sommer an zwei Werktagösabenden Bewegungsſpiele im 
 
Sreien und 20 Rergemübungs3abende abgehalten. Vom Ueberſchu de3 
Sommerfeſte3 wurde ein Betrag von 107,45 Mk. an das Rote Kreuz 
abgeführt. Auch eine Weihnachtsfeier und eine Begrüßungsfeier der 
. Schulentlaſſenen wurden veranſtaltet. | 
Da3 Jugendheim war an 108 Tagen geöffnet und wuride von 3250 
männlichen und 3060 weiblichen Jugendlichen beſucht; im Durchſchmtt 
waren alſo an jedem Abehd-30 männliche und 29 weibliche Jugendliche 
zugegen. Vom Spirelſchranf wurden 850 Spiele der verſchiedenſten Art 
ausgegeben. (Daneben fanden Tiſch- und Geſellichaft8iprele ſtatt und 
wurden Geſang3- und Rezitatbionzübungen, ſowre Diskutnerabende ver- 
anſtaltet. Der Mandolinenchor beſißt zehn Inſtrumente, darunter zwe1r 
Lauten. Zur geiſtigen Ausbildung wurden folgende 21 Vorträge g2- 
halten: Die Aufgaben unſerer Jugendbewegung“, „Plattdeutſche Vo.ks- 
märchen“, „Die weibliche Jugend“, „Die Neformation"“, Lichthildervor- 
trag, „Gine Rheinreiſe“, „Arbeiterjugend und Alkohol", „Das Zeitung3- 
weſten“, „Urjachen und Folgen de8 Weltkrieges“, „Die ReichSverjiche- 
rung3ordnung", „Die öſterreichiſche Adruaküſte und öhr Hinterland" mt 
Lichtbildern, „Die Buchdruckerkunſt", „Gmile Zola", „Das Koalitions 
' recht“, „Moderne Friedhofskunſt“, „Friedrich Hebbel“, Lichtbildervortrag, 
„Der Steinkohlenbergdau", „Die Grundlagen der Ethrk", „Aus der 
Jugendbewegung", „Das geplante Reichsjugendwehr-Geſes", „Jugend 
und Wandern“, „Unſere Aufgaven“", Außerdem hatten eme große Zahl 
Jugendlicher Gelegenheit, eine Theatervorſtellung von Emil Noſenows 
„Die im Scatten leben“ zu beſuchen. Die Bibliothek des Jugendheims 
umfaßt 280 Bände, die fleißig benußt werden. - Der Broſhürenvertrieb 
ergab einen Umfaß von etwa 100 Mart, 
Am 24, Februar fand eime Beſprechung mit den übrigen Ausſchüfſſen 
de3 Bezirk3 Mecklenburg-Lübe> imm Kleinen ſtatt. Außerdem nahm der 
Au3ichuß an zwei Sizungen de8 Lübecker Ausſ<uſſes für Jugend-Her- 
bergen teil, Der Touriſtenverein der Naturfreunde hat einen ſtändigen 
Vertreter am Jugendausichuß. Lebhaft beklagt wurde, daß wegen des 
. Mangels an Helfern die Leitung des Jugendheims ſtark Überlaſtot: it. 
Darum kann nicht oft genug an die Parteigenoſſen und Gewerkichaft5- 
mitglieder appelliert werden, daß Genoſſew, die Luſt und Liebe für die 
Arbeit im der Jugendbewegung haven, fi< zur Verfügung ſtellen mögen. 
- “ : W. Br, 
Eine Konferenz der Jugendausſc<hüſſe de38 Bezirk3 Medlenburg-Lübe> 
fand am 14, April ſtatt. Vertreten waren die AuSſchüſſe von Noſtoc, 
Lübe>, Shwerin, Güſtrow umd Wi8mar. Auf der TageS3ordnung jtand: 
„Die nächſten Aufgaben unſerer Jugendbewegung“. Der Bezirk3vor- 
ſißende, Genoſſe Kröger-Noſto>. wies darauf hin, daß der Bezirk erſt 
Anfang des Jahres 1914 inZ Leben gerufen worden ſJei und die Leitung 
wegen de3 Kriegs, auch vox allem wegen Mangel8 an Mitteln, eine 
nennen3werte Tätigkeit nicht habe entfalten können. 'Mit Ausnahme 
von Lübe> und Schwerin konnten Parte! und Gewerkſchaften keine Zu- 
'chüſſe leiſten. Auch in Zukunft würd2 es nec< ſc<wer halten, die Aufs- 
gaven, die wir erfülſen möchten, durc<zuführen. Vor dem Krieg be=- 
ſtanden, außer in den vertreienen Orien, noh Ausſchitſſe in Parchim, 
Ludwäigs!uſt. Malchin, Friedland und Strelit. Dieſe find leider jämt- 
iich wieder eingegangen. E53 ſind eden keine Kräfte für die politiſche 
Bewegung vorhanden und ſomit erſt recht feine für: die Jugend. In 
manchen Orten ſind die Parteimitglieder bis auf den letten Mann ein= 
berufen JInfolgedeſſe:: werden wir wäßrend des Kriegs in den meiſten 
Orten nicht3 au3srichten können. E:n Antrag Lübe>, bald nach dem 
Krieg. nachdem wieder normale Verhältmiſſe eingeireten jind, auch in 
den fieineren Städten Mecktienburgs zu veriuchen, JFugendausſchüſſe zu 
gründen, wurde angenommen. Gin anderer Antrag, eine Bezirkskaſſe 
anzulegen, in die jeder Ausſjc<uß 10 Prozent feiner Goſamteinnahmen 
abzuführen habe, wurde abgelehnt, und dafür ein Antrag des Genoſſen 
Bromme-Lübe>k angenommen, von jeder verkauften Nummer der 
„Arbeiter-Jugend“ 2% Pfennig an die Bezirkskaſſe abzuführen. Vorher 
wurde ein Antrag Schwerin angenommen: Der Preis der „Vrbeiter- 
Jugend“ foll 'im Bezirk einheitlich 15 Pf. betragen. E3 wurde ferner 
beſchloſſen, alljährlich eine Bezirkskonferenz abzuhalten. Teß-xXuüber> 
wünſchte lebhaftere Propaganda für die Jugendvewegung in Partei: und 
Gewerkſchaften und ferner, daß die Zentra!ſtelle auf den Konferenzen 
der Bezirke vertreten ſei. Er ging dann d23 näheren auf das Verhältnis 
mit den Arbeiter-Turnvereinen ein. Das harmoniſche Zuſammen=- 
arbeiten leide vielfach daran, daß die Turner unjere Jugendbichen =- 10 
ange fie nicht die Mitgliedſchaft bei dem Turnverein erworben haben -- 
nicht allzu gern ſehen, Auch ſeien die Wanderungen der Turner an= 
jtrengender als die unſrigen. Schul z-Roito> berichtete, daß Die. 
Jugendbewegung dort mit den Einnahmen nur auf Ueberſchüſſe von 
Veranſtaltungen angewieſen war. Von einer Organiſierung in Ver- 
einen, worüber Bromane - Lübe> ber;<htete, wurde Abſtand genommen 
und die loſe Form (Abonwrenten der „Arvbeiter-Jugend“) beibehalten. 
7 * 
Frühling8feier de3 Magdeburger Jugendbunde3 „Freiheit“, 
Aus Magdeburg wird uns geſchrieben: „Dieſer Tag gehört der 
Freude“ =-- lautete das Motto für unſere Frühäangsfeier, die am 
20. April im Zirkus ſtattfand. Der Himmeol nahm allerding38 auf die 
Bedeutung, die dieſer Tag für uns hatte, keine Rückſicht, denn den 
ganzen Tag regnete und ſchneitz es ununterbrochen. Unſerer Feier 
fonnte da3 Üble Weiter nur hinſichilich de3 Beſuch3 einigen Abbruch tun, 
denn dieſer blieb hinter den geſtelltzn Erwartungen etwas zurü>. Aber 
auf die Stimmung der Erſchienenen Jatte 5a3 Wetter keinen Ginfluß; 
äberall ſah man fröhliche Goſichter. 
Kurz vor 8 Uhr wurde die Feier, zu der ſich ungeſähr 1500 Bejucher 
eingeſtellt hatten, mit einem ſ<hönen Hiede unſeres Damenchor3 eröffnet. 
Gin Jugendgenoffe begrüßte darauf die Erſchienenen mit herzlichen Wor- 
ten, während eine Freundin dem Sinn und Zwe> des Äbend3 in den 
Worten eines Prologs unſfere3 Jürgen Brand Ausdru> gab. Nun 
wecyeiten Geſangsvorträge und die Rezitationen zweier bewährter 
hieſiger Künſtler mit ſchönen Darbietungen des Damenchors in bunter 
Neihenfoige ab, Standen ſo die erſten Teile des Programms3'im Zeichen 
der Wort- und Tonkunſt, ſo zeugte der lebte Teil von der lebenſprühen- 
den Fröhlichfeit der Jugend. Unter der Leitung unſeres allverehrten 
Vorſigtenden, Genoſſen Müller, veranſtalteten zirka 100 Jugendliche. und 
Kinder einen großen Reigen, der boi allen Anweſenden einen lebhaften 
Eindruck hervorief. Beſonder3 der Kinderreigen löſte in feiner drolligen 
Natürlichkeit wahre Lachſtürme aus. Unſere Jugendmujiker taten Das 
Jyrige, um durc< ſchöne Lieder den guten Gindru> Des Äbends zu 
vollenden; ein von ihnen vorgetragenes Marſchlied dildete den Abſchluß 
der erſten Frühlingsfeier unſeres Bundes. Für uns Jugendliche war 
die Feier ein neuer Anſporn zu friſcher Mitarbeit an dem weiteren 
Ausbau des "Vereins, Unſere Frühlimgsfeier hat uns den erſten ſchönen 
Beweis erbracht, wie erfolgreich und nüßlich die Gründung einer feiten 
Organiſation für die Jugendbewegung am Ort war, CO. 
4+*+ 
Ritterlichkeit im Geiſteskampf, 
Wenn wir in jüngſter Zeit -un3 wiederholt gegen" hämiich-unſachliche 
Herabſezung unſerer Fugendarbeit wehren mußten, jo wollen wir gern 
auch von Bemerkungen äus dem gegneriſchen Lager Kenntnis nehmen, 
zie uns bei aller Ablehnung unſerer Grundanſchauungen doch volle Ge- 
rechtigfert widerfahren laſſen. Jm Verlag von Julius Springer än 
Berlin hat Dr. Herta Siemering einz ſftoffreiche Arbeit Über 
die Fortſchrifte der deutſchen Jugendpflege von 1913 bis 1916 ericheinen 
laſſen. Die Verfaſſerin ſagt darun von unſerer Tätigkeit u. a.: 
„Dazu kam ein blühendes Vortragsweſen, das gewiß zum er- 
vehlichen Teil, das heißt mindeitens ſoweit Themen aus dem Gebiet 
ver Volks8wirtſchaft, der Geſchichte und der Arbeiterbewegung behandelt 
werden, leßten Endes der Erziehung von Sozialdemokraten dient, 
im übrigen aber, wie manches andere, 5er ſozialiſtiſchen Jugendarbeit 
(ihre Leiſtungen für die körperliche Ausvildung,- für Geſchmads- 
bildung und Erziehung zum Kunſtgenuß, Kampf gegen die Schund- 
literatur, Konzertveranſtaltungen und dergleichen) dur<aus5s als 
vofitiv polksoerzieheriſc<h? Leiſtung zu werten iſt. E3 
kann nicht verfonnt werden, daß die Veröffentliichungen der Zentra!»
	        
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