Full text: Arbeiter-Jugend - 10.1918 (10)

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Eingetragen in die Poſt» Zeitungsliſte. 
 
Berlin, 
Jugendverfehlungen und Jugendgericht. 
ie vier Krieg8jahre haben bei allen beteiligten Völkern eine 
D wachſende moraliſche Verwilderung zur Folge gehabt. Auch 
in Deutſchland begegnen wir dieſer Verwüſtung der Sitten 
auf Schritt und Tritt. WaS8 in den Schlachtfronten an Maſſentod 
zund Maſſenverſtümmelung, an Vernichtung und Zerſtörung ſich 
ereignet, wird auch in der Heimat dem Denken und der Phantaſie 
zur Gewohnheit und ſtumpft das Gewiſſen ab. Bei uns im Lande 
ertötet der Kanmtpf um die knappe Nahrung in unzähligen Fällen 
edlere Negungen. Der Tanz um den Mammon, die Anhäufung 
von Reichtünern durch rückſichtsloſeſte Auswucherung des Volkes 
treten hinzu, um die Herzen kalt und hart zu machen. Neben Beo- 
richten über Schlachten ohne Ende ſind es Meldungen über Ein- 
brüche und Raubanfälle, über Wucher und Schleichhandel, über 
Hehlerei und Betrug, die unſere Zeitungen anfüllen. Dieſen 
Ichlechten Einflüſſen iſt unfere heranwachſende Jugend nun ſeit 
Jahren ausgeſetzt, und in den Jugendjahren wirkt die Umwelt, 
fie ſei gut oder böſe, beſonders ſtark auf unſere geiſtige und ſitt- 
liche Entwicklung ein. Dazu die Auflöſung des Familienlebens in 
weiten Kreiſen: der Vater im Felde, die Mutter in der „WMuni- 
tion“, die heranwachſende Jugend häufig auch während der Nächte 
im Dienſte der Fabrik! 
Groß iſt die Zahl der Opfer dieſer Zuſtände, die wir vor 
den Jugendgerichten wiederfinden. Bei uns in Köln urteilte das 
Jugendgericht im Jahr 1914 nur 693 Fälle ab, 1915 waren es 982, 
1916 ſchon 1612, im vorigen Jahr 2048, und in dieſem Jahr wer- 
den rund 3009 Jugendliche vor dem Jugendrichter ſtehen. Aus 
allen Landes8gegenden werden ähnliche Steigerungen gemeldet. 
In dem induſtriellen Oberlande8gericht8bezirk Hamm zun Weſt- 
falen hat ſich während der Kriegszeit die Zahl der ſtraffälligen 
Jugendlichen verſech8faht. 
Wa3 haben dieſe jungen Sünder verbrochen? Sohen wir von 
'den glüklicherweiſe do<; immer noh ſeltenen Fällen von Mord 
und Totſchlag ab, ſo ſind es vor allem Diebſtähle, vielfach Obſt- 
diebſtähle, die zur Anzeige geführt haben. Viel geringer iſt dio 
Zahl der Mißhandlungen und Sachbeſchädigungen (vor allem 
Zorſtören von Laternen), Beleidigungen, Tierquälerei, Waffen- 
tragen, Waldbrandſtiftungen und ähnliche Torheiten; ſelten ſind 
auch jeht noch Sittlichkeit3vergehen der Jugendlichen. Auch dice 
Zahl der Sünder und Sünderinnen gegen die militäriſchet 
Jugenderlaſſe (Verbot des Nauchen3/ Wirt8hausbeſuches, Kino- 
laufen3 und des Aufenthalts am ſpäten Abend auf den Straßen) 
iſt nicht eben groß. Die Eigentumsvergehen ſind vorherrſchend. 
. Was droht nun den Jugendlichen, die wegen 'Geſeize8vert- 
legungen angezeigt werden? Wiege ſich kein Jugendlicher in den 
Gedanken, er könne wegen ſeiner Jugend überhaupt nicht oder 
doch nur milde beſtraft werden! Wer bei Begehung einer ſtraf- 
baren Handlung das zwölfte Lebens8jahr vollendet hat, kann ſtraf- 
rechtlich verfolgt und nicht etwa nur in eine Beſſerungsanſtalt 
oder in ſonſtige Ziwangserziehung, ſondern auch in das Gefängnis 
gebracht werden. Nur vor der Todesſtrafe und der Zuchthaus- 
ſtrafe iſt der Jugendliche geſhüßt. Gefängnis Fann iHhm aber 
bis zu fünfzehn Jahren zuerkannt werden. Er ſſt nur dann frei- 
zuſprechen, wenn er bei Begehung der ſtrafbaren Handlung die 
zur Erkenntnis ihrer Strafbarkeit erforderliche Einſicht nicht be- 
jeſſen hat. Dieſe Vergünſtigung wird aber nur in verhältn1s8- . 
mäßig ſeltenen Fällen gewährt. Kommt es zur Verurteilung, ſo 
kann auf einen Verweis, auf Geldſtrafe oder auf Gefängnis er- 
kannt. werden. - | . 
Expedition: 
Singer G. m. 
ſchriften für 
an Karl Korn, 
1918 
Der Verweis wird von vielen Jugendlichen und ihren 
Eltern ſehr mißverſtändlich aufgefaßt. Man ſchätzt ihn nicht höher 
ein, als etwa den Tadel eines Fortbildungsſchullehrers8. Das iſt 
ein ſ<werer Irrtum. Der Verweis iſt zwar die leichteſte Strafe, 
aber doch eine Strafe. Er kann ſtrafverſhärfend wirfen, wenn es 
das Unglüc will, daß der Jugendliche bald wieder vor dem Richter 
erſcheinen muß. Der Verweis wird in die Akten des Gericht3 
und der Polizei eingetragen und kann bei den Moralbegriffen, 
die nun einmal noc< vorherrſchend ſind, dem ſo Beſtraften lang2 
als Makel anhängen. Damit foll nicht geſagt ſein, daß es ſich 
wirklich immer um einen Makel bandelt. Wer in ſeiner Jugend 
auch einmal geſtrauchelt iſt, kann doch noc< ein tüchtiger, aea- 
teter Menſch werden. Nur den Mut und den Glauben an ſich darf 
er nicht verlieren. | 
Auch dem zu Gefängnis verurteilten Jugendlichen winkt 
manchmal noch eine Gelegenbeit, ſich vor der Strafanttalt zu 
retten. Der Georichtshof kann den Verurteilten der „bedingten 
Begnadigung“ empfehlen. Das heißt, die Strafe wird ihm go- 
ſc<enkt, wenn er ſi< in einer beſtimmten Friſt, meiſt in zwo 
Jahren, gut geführt bat. Wird er aber in dieſer Zeit wieder ſtraf- 
fällig, ſo muß er nicht nur die neue, ſondern auc<h die bedinat 
begnadigte Strafe abbüßen. Dasſelbe gilt auch für Geldſtrafe. 
Bis vor etwa einem Jahrzehnt wurden auch die jugendlichen 
Straffälligen überall vor den gewöhnlichen Gerichten abgeurteilt. 
Denkt euch: zwölfjährige Kinder, ſeczehnjährige Burſchen und 
Mädchen auf denſelben Anklagebänken mit den abgefeintteſten 
Gaunern und Spitbuben, vor denſelben Richtern, die an die Ab- 
urteilung berufsmäßiger Verbrecher gewohnt md! Da wirde 
nicht viel Federleiens mit den armen Jungen gemacht, die ein- 
mal leichtſinnig geweſen waren. Der Richterſpruch traf ſie raſch 
und mit voller Wucht. Oft genug kamen ſie in den Gefängniſſen 
mit Verbrechern und Verbrecherinnen zuſammen, die die empfäng- 
lichen jugendlichen Scelen in ihre ſchlimme Schule nahmen und 
ſie für immer verdarben. 
Um das zu verhüten, ſind ſeit etwas länger als zehn Jahren 
auch in Deutſchland in wachſendem Maße Jugendaec richte 
eingeführt worden. Dieſe Gorichte jollen grundſätlich darauf 
Rücſicht nehmen, daß in dem Jugendlichen nicht ein ferttgor, jon» 
dern ein werdender Menſch vor den Richtern ſteht. Der Jugend- 
richter ſoll, ehe er urteilt, in der Seele des Jugendlichen zu leſen 
füchen. Er foll den Gründen und Urſachen nachgehen, die den 
jungen Menſchen ſtraffällig gemacht haben. Wenn der Richter ein 
Mann von Menſchenkenntnis iſt, von Wiſſen über die Not unſeror 
Zeit und von Empfinden für die in geiſtiger und leiblicher Armut 
Aufgewachſenen, ſo wird er oft zu der Erkenntnis konunen, daß 
der angeklagte Jugendliche ein Opfer der Verhältniſſe, nicht aber 
ein .Shuldiger iſt. Um dieſe ſc<wierige Frage zu klären, ſolten 
die Beamten der Staatsanivaltſchaft vor der Verhandlung bai 
Eltern und Erziehern über den angeklagten Jugendlichen 11115 
ſein Leben Erkundigungen einholen. Mehr als bisher ſoll dein 
jugendlichen Leichtſinn und der Unerfahrenheit ſolcher Angeklag- 
ten Rechnung getragen werden. Kommt es zur Hauptvorhand- 
lung, ſo iſt auf jeden Fall zu vermeiden, daß der jugendliche An- 
geflagte während des Aufenthalts in den Räumen des Gerichts 
mit verbrecheriſhen Menſchen in Berührung kommt. Wo es 
„irgendwie möglich ſt, ſollen alle Strafſachen gegen Jugendliche 
einem beſonders dazu geeigneten und beſonders dafür beſtimmten 
Richter überwieſen werden. Es gilt dies namentlich für Gerichie 
in größeren Städten, wo jekt wohl überall eigentliche Jugend- 
richter ihre Tätigkeit ausüben.
	        
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