Full text: Arbeiter-Jugend - 12.1920 (12)

 
 
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Abonnement vierteljährlich 3,-- Mark 
Eingetragen in die Poſt-Zeitungsliſte 
Nr. 12 
Berlin, 15. Juni 
Expedition: Buc<handlung Vorwärts, Paul 
Singer G. tn. b, H, Lindenſtraße 3. Alle Zu- 
ſchriften für die Redaktion ſind zu richten 
an Karl Korn, Lindenſtraße 3, Bern SW. 63 
1920 
 
 
 
Werdet Mitglieder Eurer Gewerkſchaft! 
ereint ſind auch die Shwachen mächtig!" Wor hat die Wahr- 
heit dieſe8 Dichterwort3 nicht am eigenen Leibe verſpürt? 
Haben wir es nicht ſchon häufig in Fabrik und Werkſtatt 
erlebt, wie ſHwach der einzelne iſt2 Wenn wir irgendwelche Miß- 
ſtände im Betrieb abgeſtellt haben oder gar einen höheren, zum 
Leben38unterhalt notwendigen Lohn erreichen wollten, ſo mußten 
wir e3 bald merken, daß wir al3 einzelne, und beſonders als jugend- 
liche Arbeiter und Arbeiterinnen, nicht38 bedenteten, daß man uns 
ſ<hnöde abwie8. Mit dem Lehrling vollend38 ließ man ſich über- 
haupt in keine Verhandlungen ein, man verwies ihn kurzerhand 
auf den Lehrvertrag. Und meiſt wagt der Lehrling gar nicht erſt, 
Wünſche zu äußern. Darum werden wir den Unternehmer und 
Meiſter immer erſt dann zu Verhandlungen bewegen, wenn wir 
eine Macht darſtellen, wenn hinter uns und unſeren Forderungen 
eine ahtunggebietende Körperſchaft ſteht, 
Ihr werdet nun ſagen: wir ſind ja organiſiert in der „Ar- 
beiterjugend“ und hinter unſeren Forderungen ſteht ja unſer ge- 
ſamter Verband! -- Gewiß, Ihr habt ſ<on re<t damit, daß wir 
eine ſtolze, ac<htunggebietende Organiſation haben, doch ſind wir 
lange, lange nicht jo mächtig, um dem Kapital nun etwa Furcht 
einzujagen, um unſere Forderungen reſtlos durc<zuſcken. Wir um- 
faſſen aum bei weitem niht alle unſere Arbeit8brüder und Ar- 
beitsſ<weſtern und werden ſie auc?) nie alle für uns gewinnen, 
wenn wir auch hoffen und erwarten, noc< recht viele al8 Mit- 
kämpfer in unſeren Reihen begrüßen zu dürfen. 
Aber iſt c3 denn überhaupt unſere Aufgabe, wirtſchaftliche 
Kämpfe und Lohnforderungen durchzufechten? Iſt nicht dazu ſchon 
längſt eine andere Organiſation vorhanden? Selbſtverſtändlich! 
Genau ſo, wie jeder Arbeiter neben der politiſchen. Partei auch noch 
ſeiner Geowerkſ<aft angehört, genau ſo müſſen auch wir 
jugendlichen Arbeiter zugleich Mitglieder unſeres Arbeiterjugend- 
vereins und unſorer Gewertſäaft ſein. In unſerer Jugendorgant- 
ſation werden wir immer das Hauptgewicht auf die HeranbildunI 
von Sozialiſten, auf Spiel und Sport, Wandern und Geſelligkeit 
legen müſſen, und ſelbſtverſtändlich auch auf den Kampf gegen feind- 
liche Jugendvereine. Da wir aber nicht nur Angehörige eines 
Berufs in unſeren Vereinen haben, werden wir natürlich nie die 
Antereſſen de38 einen Berufs, ſondern ſtet3 nur die allgemeinen 
Intereſſen unſerer ſämtlichen Mitglieder vertreten können. 
Ihr ſeht alſo ſchon jekt, daß e38 notwendig iſt, ſich der Gewerk- . 
jhaft anzuſchließen, wenn wir eine Beſſerung unſerer wirtſchaft- 
lichen Verhältniſſe erzielen wollen. Der junge Sc<loſſer wird na- 
türlich auch Auskunft haben wollen über alle möglichen theoretiſchen 
Fragen ſeine3 Berufs, über den Werdegang des Eiſen3 uſw., wäh- 
rend dem Bäcer-, Tiſchler- oder Schneiderlehrling naturgemäß 
ganz andere Fragen naheliegen, und es wäre unmöglich, das alles 
„unter einen Sut zu bringen. 
Die Gewerkſchaften ſind de8halb auc< in immer ſteigendem 
Maße dazu übergegangen, für ihre jugendlichen Mitglieder Ju - 
gendſektionen zu bilden und Jugendorgane zu ſchaffen. 
Die Jugendſektionen ſowie auc< die Zeitſchriften verfolgen haupt- 
ſächlich den Zwe, die jungen Mitglieder für die gewerkſchaftliche 
Arbeit zu ſchulen und die Berufsausbildung zu vervollkommnen. 
E3 werden in den Jugendſektionen Vorträge über alle möglichen 
beruflichen Fragen gehalten, um dadur< den theoretiſchen Unter- 
richt der Fortbhildungs- und Fachſchule zu unterſtüßen. Die Gewerk- 
jc<aften werden ſich natürlich auch der wirtſchaftlichen Intereſſen 
viel wirkung3voller annehmen können, al8 un38 das imnöglich iſt; 
hinter ihnen ſteht ja die geſamte, in den Gewerkſchaften organi- 
ſierte Arbeiterſ<Haft. So ſind denn auch in einzelnen Berufen ſchon 
ganz erhebliche Verbeſſerungen und Lohnerhöhungen für jugendliche 
Arbeiter und auh für Lehrlinge durc<geſeßt worden. 
Jugendfreunde, e3 liegt alſo an Euch, durc<ß den Eintritt in 
die Gewerkic<aften Eure Lage zu verbeſſern, und zwar dadurch, daß 
Ihr bei allen Tarifabſchlüſſen und Lohnforderungen Eure Stimme 
erhebt und verlangt, daß auc< für Euc<h Beſtimmungen feſtgelegt 
werden. Aber au bei alen anderen Mißſtänden in Eurem Be- 
trieb wird Euro Gewerkſ<haft eingreifen. Sie wird nicht nur für 
höheren Lohn ſorgen, ſondern auch dafür, daß Ihr unter menſc<en- 
würdigen Bedingungen arbeiten könnt und daß Eure Arbeitszeit 
nicht über Gebühr aus8gedehnt wird. 
Weiter wird von faſt allen Verbänden bei Arbeitsloſigkeit,. 
Maßregelungen, Krankheit uſw. Unterſtüßung gezahlt; ſämtliche 
Verbände gewähren bei wirtſchaftlichen Streiks Streifunterſtükung. 
Für Arbeitsloſenunterſtüßung wurden während de3 Krieges 2115 
Millionen, für Unterſtüßung der Kriegerfamilien nahezu 15 Millio- 
nen Mark aus8gezahlt. Auch daran iſt zu erinnern, daß die Gowerk- 
ſchaften während des Krieges gemeinſam mit der Zentralſtelle der 
arbeitenden Jugend gegen die Bildung von Jugendwehren 1:ad 
gegen den Sparzwang gewirkt haben. Ausgiebig hat ſich ſchlichiich 
auc der loßte Gewerkſchaft3kongreß, der im Juni 1919 in Nürn- 
berg abgehalten wurde, mit dem Lehrling5wejen befaßt umd eine 
Regelung getroffen, die ſich zum größten Teil mit den von unſerem 
Verband aufgeſtellten Forderungen dect. 
Auf dieſen Gewerkſchaft8kongreß iſt auch der Zujammenſchluß 
ſämtlicher freien Gewerkſ>aften zum „Allgemeinen Deutſchen 
Geowerkſ<aft8bund“ erfolgt, und die Macht der Gewerkj<aften iſt 
dadur< noch bedeutend geſtärkt worden. Einige Zahlen mögen 
die Bedeutung der Gewerkſchaften noch klarer zutage treten laſſen. 
Während der Mitgliederbeſtand der Gewerkſchaften Ende 1913 
2145, Millionen betrug und dieſe Zahl während des Krieges bo- 
trächtlich geſunken iſt, ſtieg ſie nach der Revolution ſprunghaft und 
beträgt heute ungefähr 7 Millionen. Eine ſtolze Zahl, eine 
gewaltige Macht! Das Vermögen der Gewerkſchaften beträgt un- 
gefähr 70 Millionen Mark. 
Aber auß die Widerſacher der freien Gewerkſ<haften ſind ſchon 
in der arbeitenden Jugend am Werk. Auf der einen Seite ſind e3 
die evangeliſchen und katholiſchen Jüngling3vereine, unter deren 
Mitgliedern Propaganda für die „<riſtlichen Gewerkſchaften" ge- 
macht wird, um die wirtſchaftliche Front der Arbeiterklaſſe ins 
Wanken zu bringen. Die Führer dieſer Gewerkſchaften gehören 
vielfoch dem Zentrum und anderen bürgerlichen Parteien an. Wa3 
wir von dieſen Richtungen zu erwarten haben, umd daß ſie nicht 
ausſchließlich dis Intereſſen der Arbeiterklaſſe vertreten, iſt klar. 
Wir werden alfo die geborenen Gegner dieſer <riſtlichen und 
ſonſtigen Gewerkſchaften ſein. Für uns können nur die freien Gez. 
werkſchaften in Betracht kommen. . 
Auch von unſeren links3radikalen „Brüdern“ droht den Go= 
werkſchaften Gefahr. Abgeſehen von den „ganz Linkſen“ wollen 
ſie freilich nict aus den Gewerkſchaften austreten, auch (keine 
neuen gründen, ſondern ſie wollen die Gewerkſchaften „revolu- 
tionieren“, von innen „aushöhlen“. E3 ſoll in den Gewerkſchaften 
der Kampf aufgenommen werden gegen alle die, die ſich nicht zum 
reinen Räteſyſtem bekennen, die eine andere als die kommuniſtiſche 

	        
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