Full text: Arbeiter-Jugend - 12.1920 (12)

-.6 . Arbeiter» Iungenb | | 
 
 
 
Was uns not fut? 
u38 Fvankfurt a. O. ſchreibt uns ein Jugendgenoſſe folgende3: Die 
%( Zerſplitterung uater der arbeitenden Jugend greift immer weiter 
um ſich Ein gerad2zu beſchämende38 Beiſpiel von Unverſtand wird 
durch die von „überradikalen“ Parteifanatikern betriebene Verhebung 
der Jugend gegeben. Statt gemeinſam für die ſchnellſte Durchſchu 1g 
unſerer Ziele und Forderungen einzutreten, glaubt die „Freie ſozta- 
liſtiſche Jugend“ eine Beſſ2zrung der Not unſerer arbeitenden Jugend 
durch gogenfeitige Bekämpfuiug und Zerfleiſhung erreichen zu können. 
- Jeder Jugendgenoſſe müßte erkennen, daß uns nur eine geſchloſj2ne 
ſtorke Organiſation helfen kann. 
Wenn nun behauptet wird, daß die Ford2 rungen unſere38 Verbandes 
nicht weitgehend genug ſind, ſo trifft dies auf: keinen Fall zu. Wa3 
nüßen uns übermäßige, viel verlangende Forderungen, wenn ſie auf 
dem Papier ſtehen und nie durchgeſetzt werden können? Es liegt doch 
flar auf der Hand, daß diz im Prozramm der Arbeiterjugend aufs 
geſtellten Forderungen, wenn ſie durchgeſc6t ſind, eine weſentliche Er- 
leichterung unſerer jebigen Notlage bedeuten. 
Was uns heute mehr denn. je not tut, iſt Geſchloſſenheit nach außen 
und nach innen. Nah außen muß dem in l2bter Zeit ſich immer dreiſter 
gebärdenden Unternehmertum immer wieder gezeigt weden, daß unſfere 
Jugendorganiſation kein Klemkinderverein oder dergl. iſt. Nach innen 
dagegen muß allen Abſplitterungsbeſtvebungen cin Damm entgegengeſeßt 
werd2n. 
Wa3 tut uns ferner not? Klare Erkenntnis unſerer gegenwärtigen 
Lage, das Uſt es, woran es dei den meiſten hapert. Mitarbeit eines 
jeden Jugendgenoſſen am Aufbau unſerer Organiſation iſt das „Gebot 
der Stunde“. Um wid?viel weiter wären wir, wenn die Jugend ſelbſt 
mit mehr Jdealizmus und größerer Arbeitsfreudigkeit an der Entwic 
lung unſerer Bewegung mithelfen würde! Gewiß gibt es Jugendgenoſſ2n, 
die, weil ſie den Zwe> der Jugemdorgäniſation erfannt haben, mit ganzer 
Kraft beſtrebt ſind, unſ2re Ziele zu fördern. Jmmer wieder aber muß 
geſagt werden, daß. die Mathilfe jedes einzelnen notwendig iſt, damit wir 
wirklich poſitive Erfolge m unſerer Arbeit erzielen. 
Nachſtehende Nichtlinien für die Mitglieder dürften, wenn ſie allge- 
mein beachtet würden, ihren Zwe> nicht verfehlen. 
Was jede38 Mitglied zu beachten hat: 
1. Sobald das Mitglied in den Beſiß eines Mitglied8buchs gelangt 
iſt, hat es Pflichten und Rechte in der Organiſation. Um darüber auf= 
geflärt zu werden, hat e8 an allen Verein3« und Monat282verijammläangen 
teilzunehmen. 
 
 
(Schluß von S. 3.) 
Am meiſten herrſchte die Phraſe in einer Kaiſerred2, der erſtem und 
einzigen, die ich gehalten habe. Sie „ſtieg“ an unſerem Stiftungsfeſt 
im Jahre 1902. Wenn ich ſie jest nachleſe, finde ich, daß ich die ge- 
ſchwollene und verſticgene NRedeweiſe Wilhelms I1l. getreulich nachgeahmt 
Hatte, ſogar bis auf das dreifache Hurra am Schluſſe. Um dieſes Hurra 
hatte ich einen zähen Kampf geführt. Hoch- und Hurrarufe am Schluß 
de3 „Kaiſerſpruches"“ hatden bisher auf unſeren Jünglingsvereinsfeſt :n 
für zu „weltlich“ gegolten. Der Redner hatte ſonſt mit einem Scegen3» 
* wunſch geſchloſſen, und der Poſaunenchor hatte feiorlich intoniert „Vater, 
fröne du mit Segen". Ich fand, daß ein ſolcher Abſchluß zu dem hinz 
reißenden Schwung mzimer Kaiſerrede nicht paßte und ſeßte das dreifache 
Hurra mit „Heil dir im Siegerkranz“ durch. Die Mitglieder hielten es 
nicht mit dem Pfarrer, ſondern mit mir. Sie brüllten wie ein Garde- 
regiment „Hurra! Hurra! Hurra!“ und ſangen das Lied vom Siegeskranz 
fo fortiſſimo, als gelte e8 ein2 Militärkapelle zu übertönen. I< aber 
'berauſchte mich an meinem redneriſc<hen Erfolg 
Das war meine let» Rode im Jünglings8verein. Im Winter 1902 
auf 1903, der im Kampf um den neuen Zolltarif politiſch ſehr bewegt 
war, geriet ich unter den Einfluß der Sozialdemokratie. Vorbei war es 
qmit Haiſerreden und Jüngiingsverein, vorbei tinſtweilen auch mit dem 
Redehalten überhaupt. Ich fühlte vor der Größe und geiſtigen Tiefe 
der ſozialdemokratiſchen Bewegung mein fümmerliche3 Wiſſen und ſeßte 
mich zum Stüdium' in mdin Kämmerlein, wenn ich an den Abenden 
nicht Vorträge und Vorleſungen anderer hörte. Erſt nach Jahren ſtand 
ich wieder am Rednerpult, nun beſſer gerüſtet und innerlich gereift genug, 
um die Grengen meiner Begabung 2inigermaßen. beurteilen zu können, 
'So wurde ic denn wirklich Redner, aber meine redneriſche Lehrzeit war 
im Jünglingsverein,. und Du, lieber Hans, haſt mich auf die Bahn 
geführt, die meines Leben38 Schiſal beſtimmt hat!“ 
Wir ſprachen noch lange, ehe wir uns auf dem Berliner Friedrich3- 
“bahnhof trennten. Er ſagte mir, daß die Pfarrer unſerer Gemeinde 
damals den Plan gehabt hätten, mich Heidenmiſſionar werden zu laſſen. 
Daraus iſt nun nichts geworden, und ich bereue e38 nicht. Als Sozialiſt 
ſehe ich ſoviel Barbav2i, Unvernunft und. Aberglauben auch in. unſerem 
Vaterland, daß ich als ſozialdemokratiſcher „Miſſionar“ um Arbeit nicht 
verlegen zu ſein brauche, N. N. 
2. Jede3 Mitglied hat das Recht und die Pflicht, an allen Veran- 
ſtaltungen der Jugendorganiſjation teilzunehmen. Soweit es ſeine - 
Zeit erlaubt, iſt e8 zu möglichſt regelmäßigem und pünktlichem Erſcheinen 
verpflichtet. 
Gin ordentliches und gewiſſenhaftes Mitglied entſchuldigt ſi< über 
begründetes Fernbleiben von den Verſammlungen. 
3. Jode3 Mitglied iſt verpflichtet, ſich nach beſtem Können und mit 
Gifer am AusSbau unſ2rer Organiſation zu beteiligen. 
4. Bei den Zuſammenkünften hat jedes Mitglied für Ruhe und Ord»- 
nung zu ſorgen und anderen Mitgliedern mit gutem Beiſpiel voran= 
zugeben. 
5. Jedes Mitglied bat als vornehmſt2 Aufgabe die Werbung ncuer 
Anhänger unſerer Jugendorganiſat! on zu betrachten. 
6. Cin jedes Mitglied müßte die Meidung aller Tanzg- und ronftigen 
- Vergnügungen, bei denen öffentlich getanzt wird, als moraliſche Pfiicht 
anſehen. 
T. Die jedem Mitglied zur Verfügung ſtehende B.bliothek iſt eifrig 
zu benutzen, denn das Leycn guter Bücher iſt für jeden vorwärtSſtreben- 
den WVemſchen unentbehrlich. 
8. Jedes Mitglied bat ſeine Beiträge pünktlich und vegelmäßig zu 
gahlen, 
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Cin Betriebsunfall und ſeine Folgen. 
«Wie es vem Peter in den erſten 13 Wochen nac dem Unfall eigittg ) 
einen Unglück5raken nennt. Ven langer Krankheit gene- 
jen, wird er von cinem neuen Schlag betroffen. Er gerät 
mit der Hand in das Getriebe der Drehbank, an der er beſchäuf- 
tigt iſt. Der Zeige- und der Mittelfinger der rechtem Hand ſind 
arg zerquetſcht. Der Sanitäter der Fabrif bringt den halboh1- 
mächtigen Jungen nach dem z&rankfenhaus, wo er ſich ſofort einer 
Operation unterziehen muß. Wieder iſt er zur Untätigkeit ver- 
dammt. Am nächſten Bejuchstag fordert er ſcine Mutter auf, 
nach der Krankenkaſſe zu gehen und fir ihn das Krankeng-ld ab- 
zuheben. Al3 ſie wiederfommut, erfährt er zu ſeinem Schmerz, 
daß ſie nichts erhalten hat. Ex iſt gqnz untröſtlich; weiß er doch 
nur zu genau, daß jeine Mutter das Geld ſehr notwendig 
braucht, Wie eine Erlöſung begrüßt er den Beaich ſeines Freun- 
des Karl, der ſich ja für derartige Dinge intereſſiert und immer 
Jiat weiß. Nach der Begrüßung ſtellt cx ihn gleich zur Nede. 
„Du, Karl, fag' mal, wie kommt es denn, daß meine Mutter 
kein Kianteungebd für mich erhält? Da bezahlen wir jede Woche 
allerlei Beiträge in die Kaſſe, und wenn man mal was haben Dill, 
bLoefonnunt man nicht3.“ 
„Nanu, weißt Du denn nicht mehr, daß wir vor noch nicht 
allzu langer Zeit davon geſprochen haben? I< ſagte Dir doch 
damals, daß ich wöchentlich 84 Pfennig zu zahlen habe, und wäh» 
rend der lezten Wochen wurden mir gar 43 Pfennig abgezogen.“ 
„Das iſt richtig. Ich kann mich noch ſchr gut erinnern. Als 
Du noch 34 Pfennig gezahlt haſt, warſt Du noch nicht. 16 Jahre 
alt. Bis zu dieſem Zeitpunkt haſt Du nur Krantengeld gezahlt. 
Seitdem Du aber ſechzehn Jahre alt biſt, biſt D Du auch in der 
Invalidenverſicherung verſich.rungspflichtig, in der Du die Hälfte 
der Beiträge zu tragen haſt. Die 43 Pfennig, die Du jeßt jede 
Woche zu zahlen haſt, ſeen ſim? folgendermaßen zuſammen: 
Zweidrittel von 51 Pfennigen Krankengeld, allo 34 Pfennig, die 
Hälfte von 18 Pfennigemn Invalidenverſicherungsbeitrag -- da3 
iſt die niedrigſte Stufe-- alſo 9 Pfennig, macht zuſammen 43 
deuktiche Neich8pfennige.“ 
„Ra ſiehſt Du, da haſt du e38 doch! I< zahle Invalidenver- 
ſicherungs8beiträge, und nun, wo ich invalide bin, erhalte ich nicht3! 
Für ſolche Kaſſen danke ich ichön.“ 
„Beruhige Dich doch, lieber Junge, und hör' mal zu: Die In- 
. ND: Ma'imenbauerlchrling Peter Möller iſt das, wrn3 man 
„validenverſicherung iſt ganz wa3 anderc3 als die Unfollverſiche- 
rung. Während wir bei der Kranken- und Invalidenverſicherung 
einen Teil der Beiträge zahlen müſſen, kei der erſteren zwei 
Drittel und bei der lekteren die Hälfte der Beiträge, zahlt der 
Arbeitgeber die Unfallverſicherung allein. Er verſichert nicht den 
einzelnen Arbeiter, ſondern ſeinen Betrieb, Jeder Betrieb wird 
nach der Anzahl der beſchäftigten Arbeiter zur Unfallverſiherung 
herangezogen.“ 
„Das verſtehe, wer wil. Zn der Krankenverſicherung zahlt 
der Arbeitgeber ein Drittel der Beiträge, in der Inwvalidenver- 
ſicherung die Hälfte und in der Unfallverſicherung das Ganze! 
Warum hat man denn nicht alles gleichmäßig goſtaltet?.“ . 
„Da8 in wenigen Worten auseinanderzuſezen iſt ſehr - 
I< will e38 aber denno< verſuchen, vorau8geſetßt na-. 
ſchwieri. 
türlich, daß e3 Dich nicht zu ſehr anſtrengt.“
	        
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