Full text: Arbeiter-Jugend - 15.1923 (15)

Arbeiter-Jugend - 11 
zivar etwas verſchieden beurteilt wird, von dem wir aber die Ueberzeugung haben, daß er als 
theoretiſc)e Durcharbeitung unſerer Geſamtorganiſation für vie einzelnen Teilnehmer von 
großer Bedeutung war, weshalb wir jedenfalls auch dieſe Kurie im nächſten Jahr wieder- 
holen werden. =- Den Höhepunkt unſerer Erlebniſſe bildete unſer Bezirksjugendtag, der in 
Hamburg abgehalten wurde. Faſt alle Ortsvereine waren vertreten und wir yaben ungefähr 
4500 „Jugendliche während dieſer Tage in Hamburg geſehen. Ein herrlicher Auftakt war die 
Begrüßungsfeier mit dem Reichspräſidenten, Genoſſen Ebert, die wir unter freiem Himmel 
an der Elbe abhielten. Die kernigen Worte des Genoſſen Evert und ſeine Begrüßung durch 
einen Jugendgenoſſen hatten die Teilnehmer gut auf die kommenden Ereigniſſe unſeres 
Jugendtages eingeſtellt. Auf romantiſchem Platz hinter der St. Georgskirche wurde in der 
eben hereinbrechenden Dunkelheit ein Teil aus der „Wandlung“ von Toller geſpielt. Unend- 
liche Fakelzüge bewegten ſich nach Beendigung des Spiels von dieſem Platz dur die Straßen 
Hamburgs. Am nöchſten Tage wurden Betriebe, Kunſthalle, Rathaus und anderes mehr 
befichtigt, Hafen» und Alſterrundfahrten unternommen und Ausſtellungen der Ueberſeewoche 
angejehen. Der Nachmittag aber fand uns zuſammen im wunderſchönen Altonaer Volkspark 
Um 3 Uhr begannen dort Spiele aller Art, Freilichtaufführungen, Schlagball» und Fauſtball» 
ſpiele. Stark beſezte Kapellen ſorgten dafür, daß die Tanzluſt der Jugend befriediat wurde. 
Cin großer Bücherverkauf und ein Vertrieb von Crfriſchungen waren eingerichtet. Hierher 
war unſerem Ruf ein großer Teil der Hamburger Arbeiterſchaft gefolgt. Als wir abends 
durc< Altona zogen, zählte unſer Zug an 12 000 Teilnehmer. Vor dem Altonaer Nathaus 
batten wir noch eine gewaltige Kundgebung für die Republik. Der Genoſſe Senator Lampl 
Dielt die Anſprache von dem Goel des Kaiſer-Wilhelm-Denkmals. Das Denkmal ſelber 
aver war bis zu den höchſten Spißen umflatiert von roten und ſchwarzrotgoldenen Fahnen. 
Nach der Kundgebung ſeßte der rieſige Zug jeinen Weg fort durch die Straßen Alionas und 
Hamburgs, um ſic) endgültig auf dem Heiligengeiſtfeld aufzulöſen. Müde, innerlich aber 
ſtark und froh, gingen die Iugendgenoſſen auseinander, und den großen Erfolg dieſer Tage 
ernten wir jezt in dem Aufblühen aller Ortsvereine des Bezirks. Heute: 31 Vereine mit 
4300 Mitgliedern. Dü. 
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Der Brief an den Großvater. 
Eine Geſchichte aus dem „alten“ Rußland von T. Tſ<e<off. 
r w EW Fanjka Schukoff, ein neunjähriger Knabe, der ſeit drei Monaten beim Edhuhmadzer 
y 3 H Aljachin in der Lehre war, legte ſich in der Weihnacgt5nacht nicht ſchlafen. Nachdem 
MAopfaps der Meiſter, ſeine Frau und die Geſellen zur FTrühmeiſſe gegangen waren, holte er 
aus vem G<rank des Meiſters ein Flüſchehen mit Tinte und den Federhalter mit der ver» 
ſeſteten Feder hervor, legte ein zerknittertes Stück Papier vor ſic< hin und fing an zu 
ſchreiben. Bevor er den erſten Buchſtaben aufs Rapier brachte, bli>te er einigemal furchtſam 
nach der Türe und den Fenſtern, warf einen Seitenblick auf das dunkle Heiligenbild, zUu 
Deſſen beiven Seiten ſich mit Leiſten gefüllte Regale hinzogen, und ſeufzte ſchwer. Das 
Papier lag zum Schreiben bereit auf einer Bank, vor der er kniete. 
„Lieber Großvater Konſtantin Makarytſch!“ ſchrieb er. „Ih ſc<reibe Dir einen Brief. 
Gratuliere zu Weihnachten und wünſche Dir alles vom lieben Gott. Ich habe weder Bater, 
noc< Mutter, und da biſt Du mir allein geblieben.“ 
'Wanjka blikte auf das Fenſter, in vem der Wiederſchein ſeines Lichts fc<himmerte, und 
ſtellte fich lebhaft ſeinen Großvater Konſtantin Motkarytſch vor, der als Nachtwächter bei 
Herrn Schiwareff diente. Er iſt ein kleines, ſehr hageres, aber ungewöhnlich flinkes und 
lebhaftes altes Männ<en von 65 Jahren mit ewig lächelnden Geſicht und blinkenden Trinkgro 
augen. Am Tag ſchläft er in der Geſindeküche oder treibt ſeinen Scherz mit den Köchinnen, 
in ver Nacht aber geht er, eingehüllt in einen weiten Pelz, um den Sutshof und ſchlägt 
auf ſein Brett. Hinter ihm ſchreiten mit geſenkten Köpfen und hängenden Eddhwänzen zwei 
Hunde, die alte braune „Kaſchtanka“ und ver „Schwarze“. Der „Gehwarze“ iſi ungewöhnlich 
ehrerbietig und zörilic<h, ſiehi alle Menſchen, die bekannten wie die fremden, gleid) freundlich 
an, genießt aber trozdem kein Vertrauen. Unter feiner Ekrerbietigkeit und Demut verbirgt 
fig jeſuitiſche Niederiracht. Niemand verſteht beſſer als er, zur richtigen Zeit ſich heran- 
 
  

	        
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