Full text: Arbeiter-Jugend - 15.1923 (15)

 
Wonatsſhriſt des Verbandes der 
„Sozialiſtiſchen Arbeiterjugend Deutſchlands 
 
 
Heft 1 11 Serlin, ovember 1923 | 15. „Jahrg. 
 
Zum neunfen November! 
n ſchwerſter Bedrängnis begeht das deutſche Volk, begehen zumal die arbeiten» 
"Jau Maſſen des Volkes den fünften Jahrestag der Revolution. Die wirtſchaft- 
liche Not hat einen Grad erreicht, den zu ertragen ſchier über Menſchenkraft 
hinausgeht. Zahlloſe Hunderttauſende vermögen no< nicht einmal den dritten oder 
vierten Teil des Exiſtenzminimums aufzubringen, das in normalen Zeiten ihr hartes 
Los geweſen; die primitivſten Bedürfniſſe, Brot, Kartoffeln, Kleidung, Licht, Wärme, 
ſind für ganze Schichten der Bevölkerung unerſchwinglich; die Arbeitsloſigkeit ſteigt 
von Woche zu Woche, das Geſpenſt der Hungersnot ſchleicht durch die Lande. Kaum 
minder düſter als die wirtſchaftliche iſt die politiſche Situation. Immer noch ſteht 
der Feind des Weltkriegs auf deutſchem Boden; troß bedingungsloſer Kapitulation 
der "zweimal Beſiegten dauert die franzöſiſche Gewaltherrſchaft an Rhein und 
Ruhr ſort und ſperrt der geſamten deutſchen Produktion die unentbehrlichſten 
Rohſtoffe. Der innere Feind wittert Morgenluft. Längſt haben ſich die Anhänger 
und Nußtnießer des alten Zuſtands von ihrem ,„Novemberſchre>“ erholt und formieren 
'auf offenem Markt ihre Hakenkreuzkolonnen, die im Bürgerkrieg die neue Staats- 
form beſeitigen und den Obrigkeitsſtaat, das Wilhelminiſche Paradies der Säbelraßler 
und Bureaukraten wiederherſtellen ſollen, Im zweitgrößten Bundesſtaat bekennen 
ſich die Spißen der Regierung zur Monarchie und treffen Vorkehrungen, die Einheit 
Deutſchlands zu zerſitren, Bayern vom Reiche loszureißen. 
"Die Herrſchaft der wirtſchaftlichen Machthaber braucht nicht wiederhergeſtellt zu 
werden, denn ſie war nie geſtürzt geweſen. Nach wie vor der Revolution verfügen 
ſie über den Reichtum des Landes, über die Produktionsmittel in Induſtrie und 
Landwirtſchaft und damit über die Nahrung und alle Exiſtenzbedingungen des Volkes. 
Als Beſitzer des Grund und Bodens ziehen ſie noch aus dem Elend, aus dem Hunger 
der Maſſen ihren Profit, und ſelbſt der Bankerott des Reichs, die Zerrüttung der 
Finanzen dient ihrer Bereicherung. Erſt kürzlich haben ſie den Verſuch gemacht, 
ſich auch der ſtaatlichen Gewalt zu bemächtigen, um die kümmerlichen Schranken, 
die die Verſaſſung der Ausbeutung der Maſſen ſetzt, vollends hinwegzuräumen. Die 
Koalitionsregierung wurde geſtürzt, an Stelle der Vertreter des arbeitenden Volkes 
ſollten die Agenten der Schwerinduſtrie und des Großgrundbeſitzes treten, der Sieg 
der politiſchen und wirtſchaftlichen Reaktion ſtand unmittelbar bevor. Noch in 
letzter Stunde wurde die Gefahr abgewendet und damit unſer Volk vor dem äußer- 
ſten Unheil bewahrt, denn es unterliegt keinem Zweifel, daß die Arbeiter, wollten 
ſie nicht politiſch und wirtſchaftlich völlig verſklavt werden, nicht daran denken konnten, 
ſich ihren Klaſſenfeinden auf Gnade und Ungnade zu ergeben. So barg die Rechts- 
regierung die Gefahr des Bürgerkriegs in ſich, und der Ausgang des Bürgerkriegs 
wäre bei den wirtſchaftlichen Machtmitteln der beſitzenden Klaſſe, die auch die 
Republik noch nicht anzutaſten gewagt hat, kaum zweifelhaft geweſen.
	        
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