Arbeiter-Jugend 7
was Anlaß zur Entſtehung verſchiedener Verwaltungsämter gab. Und draußen
wurde der ganze Umfang der Grundherrſchaft in Bezirke eingeteilt, in deren jedem
ein Bauer damit betraut war, von allen übrigen die Abgaben in Empfang zu
nehmen und ſie mit dem Herrenhof zu verrechnen ſowie die Leiſtung ihrer Fron»
dienſte zu beaufſichtigen. Das war alſo gewiſſermaßen der „Oberbauer“ in ſeinem
Bezirk. Er führie in der Regel den Titel „Major“ (erſte Silbe betonen). Das iſt
ein lateiniſches Wort, das ſoviel wie „der Größere“, alſo der Vorgeſetzte bedeutet.
Mit der Zeit iſt daraus das Wort „Meier“ geworden.
So ſah das Wirtſchaftsſyſtem aus, unter dem in jenen Zeiten das deutſch?
Bolk lebte.
Bierie Periode: Handwerk und Handel.
Oben (im 2. Abſchnitt, „Naturalwirtſchaft und Geldwirtſchaft“) iſt bereits ge-
ſchildert worden, wie auf und aus der großen Grundherrſchaft das Handwerk, d. h.
die berufsmäßige Verarbeitung der Grundſtoffe zu Gebrauchsgegenſtänden,
entſtanden iſt. Hier kann man einmal mit beſonderer Deutlichkeit etwas ſehen, das
natürlich für alle Zeiten und alle hiſtoriſchen Uebergänge gilt: nämlich, daß die
neue Wirtſc<haſtsform zunächſt keine neue Periode bedeutete, ſondern ſich ganz lang-
jam und allmählich aus dem Schoß der alten heraus entwickelte. Sie -Tief alſo
gewiſſermaßen viele Jahrhunderte lang neben ihr her, bis ſie allmählich das Ueber-
gewicht erlangte. Die Zeit, da ein großer Teil der Deutſchen ſeine Exiſtenz und
ſeinen Wohlſtand vornehmlich auf dem Handwerk und dem dazugehörigen Handel
baſierte, kann man nicht eher als allerfrüheſtens ſeit etwa 1100 datieren. War doch
die Zahl der Städte -- in denen Handwerk und Handel dann erſt ihren eigentlichen
Auſſchwung nahmen --- ſogar um das Jahr 1300 noch gering und ihr Umfang eben-
falls noc unbedeutend. Als größte deutſche Stadt galt damals --- um 1360 ---
Lübed, deſſen Bewohner auf nicht mehr als ungefähr 23 000 geſchäßt werden. Die
Stadt Bregenz aber hatte ſogar im Jahre 1409 nur 376 Einwohner. Auf der andern
Seite finden ſich Spuren eines berufsmäßigen Handwerks auf den grundherrlichen
Höfen ſchon im 5. Jahrhundert. Schon in ſo früher Zeit kam es vor, daß ein
Grundherr ſeine Handwerker auch für Fremde arbeiten ließ. Wir müſſen daraus
ſchließen, daß die Arbeitsteilung =- die dann zum Handwerk führte --- ſich zu ent-
wideln begann, ſobald nur irgend auf einem Herrenhof größere Menſchenmengen
ſich anſammelten. Dann aber hat es noch rund tauſend Jahre gedauert bis zu der
Periode, die man als die Wirtſchaftsperiode des Handwerks bezeichnen kann; denn
deſſen Blüte fällt erſt ins 14. bis 16. Jahrhundert. Das erſt iſt die Zeit, da die Meiſter.
werke des deutſchen Handwerks geſchaffen wurden, die Zeit, da insbeſondere auch
eine höhere geiſtige Kultur auf der durch das Handwerk gelegten wirtſchaftlichen
Grundlage ſich entwickelte. In dieſelbe Periode fällt auch die außerordentliche Ent-
widlung des mittelalterlichen Handels, wie die Geſchichte der deutſchen Hanſe beweiſt.
Dagegen befand ſich ſeit ſpäteſtens dem 14. Jahrhundert die große Grundherrſchaft
im Niedergang.
Nun aber darf das nicht ſo verſtanden werden, als ob in dieſen Jahrhunderten
alle Deutſchen oder auch nur die meiſten von ihnen ausſchließlich vom Handwerk und
Handel gelebt hätten. Die Grundlage der Exiſtenz bildete immer die Landwirtſchaft.
An fich waren ja die Städte, wie oben bemerkt, nur klein; der weitaus größte Teil
der Deuiſchen lebte immer noch auf dem flachen Lande und betrieb dort die Land-
wirtſchaſt. Aber ſogar die Stadtbewohner beſaßen ein jeder innerhalb oder außer-
halb der Giadtmauern ihr A&erland, von dem ſie einen großen Teil ihrer Nahrung
bezogen, wenngleich fich freilich mit dem zunehmenden Reichtum der Kaufherren die