X Arbeiter-JIJugend 43
Emil Zola.
| Von Friedric) Wendel.
Hi, ic zweite Hälſte des 19. Jahrhunder!s ſieht die Vollendung des Sieges der
8 gbürgerlichen Klaſſe auf wirtſchaftlichem und politiſchem Gebiet. Das bedeutet,
SxxzS vaß neben vem zweiſfelloſen . Plus, das der bürgerliche Gedanke in der Ent-
ſeſſelung einer in früheren Zeiten nie geahnten Ergiebigkeit der geſellſchaftlichen
Produktionskräfte aufzuweiſen hat, auch das Minus des bürgerlichen Gedankens,
nämlich die tiefgehende innere Zerriſſenheit der Geſellſchaft, ſchärjer und ſchärfer in
Erſcheinung tritt. Je ſchärfer das aber in Erſcheinung tritt, um ſo aufdringlicher wird
„die Geiſtigkeit der Bourgeoiſie auf literariſchem und. künſtleriſchem Gebiet zu einer
Art widerwärtiger Tünche, die einen faulen Boden übergleißen ſoll. |
Mit Emil Zola“) ſeßt die erſte Erſchütterung der ſo beſchaffenen Geiſtigkeit der
niodernen Bourgeoiſie ein. Sein Werk gehört zu den Fundamentalwerten, auf denen
das anvreczende Zeitalter der Nichtbürgerlichkeit ſich auſbaut. Der junge Proletarier,
will -er ſein proletariſches Weltbild formen und vertiefen, muß ſich mit Zola be-
ſchäftigt haben.
Das äußere Leben ves großen Schriftſtellers iſt ſchnoll erzählt. Gedoren am
2. April 1840 zu Aix,*) einem kleinen, verſchlafenen Neſt in der Provence,?) als Sohn
eines aus dem Militärſtand zur Induſtrie hinübergewechſelten Ingenieurs, kommt er
mit jüngjien Jahren ſchon nac< Baris, das ſein dauernder Wohnſitz werden ſollte.
Die Schule, die er genießt, iſt mäßig, eine umfaſſende Bildung erwirbt er ſich ſelber.
Die Jünglingsjahre verbringt er in Kreiſen des Kunſtzigeunertums. Dieſe Bohäme*)
war erheblich anders beſchaffen, als man in den verkitſchenden Darſtellungen der
Unterhaltungsblätter glauben macyen wollte, Die „unverwüſtliche Laune“ des
„heiteren Künjſtlervöllc<ens“ exiſtierte lediglich in der Phantaſie oberflächlicher
Feuilletoniſten. Man rang mit den Problemen der Zeit, wie man mit dem Hunger
rang. Die Pariſer Bohöme begann damals, um 1869, ſich loszulöſen von ven Tra-
ditionen der literariſchen Reaktionsperiode und fühlte ſich taſtend hinüber in die
geiſtige Atmojphäre ſozialer Problemſtellungen. Im Mittelpunkt des künſtleriſchen
Intereſſes der Zungen ſtand Edouard Manet,*) der Impreſſioniſt, der die Augen
bffnete für die Dinge ver Gegenwärtigkeit, des greifbar Lebendigen. Im Jahr 1864
erſchienen in Pariſer Zeitungen und Zeitſchriften Kunſtkritiken, vie in klarer, ein-
dringlicher Form und in einem ungewohnten, unfeuilletoniſtiſchen Ton mit Ent-
ſchiedenheit für die Tendenzen der ſich um Manet gruppierenden Neuen Partei
nahmen. Gie ſtammten von dem damals 24jährigen Zola. In eiſerner, ſleißiger
Arbeit hatte er ſich das Fundament ſeiner künſtleriſchen und ſozialen Einſtellung g2-
legt. Weiierbauend erkannte er nun bald, daß das dichteriſche Schaffen nicht vor-
wärts kommt, wenn es ſich nict durch die bedeutſame Entde ung des Jahrhunderts,
durc< die Erklärung des Einzelweſens und ſeiner Stellung in der geſellſchaftlichen
Umwelt, orientieren laſſe. Tatſachenſinn und abermals Tatſahenſinn war, was nötig
war. Aus ihm mußte der ſoziologiſche Tiefblick ſich ergeben, der allein zur dichteriſchen
Meiſterung der Probleme der Gegenwart führen konnte.
Zola hatte ſein künſtleriſches Programm, das man gemeinhin als Naturalismus
bezeichnet, in kühl wägender, aber heiß ringender Arbeit theoretiſch erfaßt, bevor er
Aena
2) ſprich ſola, mit ſc<arfem jf; 2) ſprich äh; 2) ſprich prowangs; ) ſprich ho-ähm, wöortlic)
„Böhmen“, Vezeichnung der Studenten, Literaten und Künſiler des Variſer Quartier latin
(ſprich kartie) latäng), tes Gludentenvizrtels; *) jprich edwahr maneh) --- Impreſſieaiſt, Maler,
ver Ten uninittelbaren „Eindru>“ (impression) ver Natur wiederzugeben verſucht,