Full text: Arbeiter-Jugend - 19.1927 (19)

Ur. 1 
 
6 Arbeiter-Jugend 
 
 
 
* Aus dem Reichstag, >* 
Das „Schundaeſeg“. . 
Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit . .. lebte gine Er- 
innerung in mir auf, als im Rei<stag der Kampf um das 
Shund- und SH4mußgeſez wogte. Dor beinahe zwanzig 
Jahren ſ<on hat die damals von dem jeßigen Rommu- 
niſten Stoe>ker und mir geführte Iugendorganiſation in Köln 
eine Aktion gegen die Shundliteratur eingeleitet. Wir liefen 
freilich nicht zur Polizei, die uns auch ſofort hinauSsgeworſen 
hätte, ſondern riefen die Burſchen und lädel Rölns zum 
-- Bonkott, alfo zum Käuferſtreik gegen die Geſchäfte 
mit SGund- und Shmußbüchern auf. Anderwärtis ging die 
ſozialiſtiſm<e Iugend ähnlich vor. Vleint ihr aber, die Be- 
hörden und die Kir<hen, die patriotiſchen Zeitungen und alle 
anderen, die jezt naH dem ſc<harfen Geſeß gegen die S<hund- 
ſchriften gerufen haben, hätten uns damals geholfen? Uiet 
die Spur. Die einzige Anerkennung für unſeren Kampf gegen 
Shmuß und Sdqund, gegen Suff und Sigaretten war ein 
ſtrenges Derbot unſerer umſtürzlerij<en Iugendorga- 
niſation dur< die königlic<e Polizei. - 
Alſo: ſ<ärffte Gegner der Shund- und Schmußhefte ſind 
wir, die Sozialdemokraten und ihre Jugend, allezeit geweſen. 
Ia, warum haben wir denn nun nicht ſür das „Geſeß zur 
Bewahrung der Jugend vor Sdhund- und Shmußſdriften“ 
geſtimmt? Weil die Meinungen über das, was „Sc<hund und 
Shmuß“ iſt, himmelweit ausSeinandergehen, je nahdem, ob 
 
 
ein Kapitaliſt oder ein Arbeiter, ein Paſtor oder ein Frei- - 
denker, eine Shläafmüße oder ein Revolutionär, ein Sqön- 
heitstrunkener oder ein Sdqnüffler, ein Rünſtler oder ein' 
Barbar ſein Urteil abgibt. Alle Erfahrungen. aber lehren, 
daß die bürgerliche Welt lieber h un dert verlogene, ſüßliche, 
kitſ<mige Romane und Geſ<hi<ten in ſ<ledchteſtem Deutſch 
erträgt als einen jungen Feuerkopf, der die Glut ſeiner 
Seele in Worte und Lieder hau<t und leuchtende Brände 
entfa<ht, wo Finſternis die menſchlichen Hirne umdüſtert. 
Was enthält nun das neue Geſez? Es bringt keine Be- 
ſrimmung, was „Schund und Schmußz“ eigentlich iſt. Die Ent- 
ſcheidung darüber liegt bei den „Prüfſtellen“, die wahr- 
Ih<einli< zunächſt in Berlin, Münden, DreSden und Hamburg 
errichtet werden. Jede Prüfſtelle wird aus einem beamteten 
Dorſizenden und a < t Sachverſtändigen beſtehen, unter denen 
jim auH zwei Dertreter der Iugendwohlfahrt und der 
Jugendorganiſationen befinden müſſen. Eine be- 
ſondere Beſtimmung räumt den Kird en gegenüber außer- 
kir<lihen Weltanſchauungen bei dex Auswahl 'der Sadver- 
jtändigen eine bevorzugte Stellung ein. | 
Wenn mindeſtens je<s von den neun Ulitgliedern einer 
Prüfſtelle eine Schrift als „Shmuß und Sund“ betradten, 
wird ſie auf eine Liſte geſest und damit für das ganze Reich 
verboten. Für die Jugend unter a<htzehn Jahren gilt Idas 
Derbot in erdenkli<ſter Strenge; die Sd<rift darf ihnen 
nicht einmal unentgeltlid überlaſſen werden. Für 
die Erwachſenen kommt na< den verwickelten und dehnbaren 
Beſtimmungen praktiſ< ebenfalls ein volles Derbot heraus. 
Gegen die Entſ<eidung einer Prüfſtelle kann eine Beſchwerde 
bei der Oberprüffſtelle erfolgen, die naH Leipzig 
kommen wird. Die Oberprüfſtelle beſteht aus ſieben Der- 
ſonen, die ſhon mit Stimmenmehrheit über das S<idſal des 
Buches entſcheiden. - 
In jeder der Prüfſtellen werden beſtimmt diejenigen in 
der Mehrheit ſein, die nie ein völkerverheßendes, ein Kriegs- 
lüfternes, ein moralheu<hleriſ<mes Buh verbieten werden. In 
jeder der Prüfſtellen werden diejenigen in hoffnungsloſer 
Minderheit ſein, die ein Buch nur na< ſeiner Seele, nad 
dem Bekennermut und der Spradgeſtaltung ſeines Derfaſſ2rsS 
beurteilen. Jeder der aanz Großen unſeres Shrifttums, von 
Schiller mit ſeinen umſtürzleriſ;Gen und. „unſitilihen“ 
Räubern angefangen, wäre zu ſeiner Zeit auf die Shmuß- 
und Schundliſte geſeßt worden, wenn ſie damals [Hon er- 
funden geweſen wäre. Die parlamentariſ<en Däter und 
Mütter des Geſeges geben zwar allerlei beruhigende Zu- 
ſiherungen, aber. es kommen einem böſe Ahnungen, wenn 
in der „Kreuzzeitung“ (4. Dezember 1926) ſj<on angekündigt 
wird, daß die evangeliſ<e Innere Miſſion und die 
katholiſ<e Rüuüritas „Shundkampfitellen“ einrichten 
wollen. Da wird auc unſere Iugend auf- dem Poſten ſein 
müſſen. Das Geſeß iſt da. Uun gilt es-erhöhten Kampf gegen 
alles, was wir als Schund und S<hmuß betrachten, und 
leidenſ<aftliche Derteidigung alles deſjen, was die anderen 
vielleicht treffen wollen, jedo< nie erreichen dürfen. 
Wenn eudhy aber einer draußen ſagt, wir ſeien Freunde 
des „Sd und kapitals“ und Feinde des „Iugendſ<ußes“, ſo 
ſagt ihnen: Wer es gut mit der Jugend meint, muß ſie vor 
der AuSbeutung und der Derderbnis dur< jegli<hes KRa- 
pital und dur<q) jede Roheit ſ<hüßen. | 
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Schließli< ein praktiſcher Dorſhlag: 100 Vlillionen für den 
'Reic<Swehretat weniger und dafür gute Schriften und Kunſt 
ins Dolk, das wäre vaterländiſcher und <Hriſtliher geweſ2n 
als dieſer Geſegentwurf; aber gerade darum darf man niht 
erwarten, daß die Wortpatrioten und die Lippen<hriſten einen 
ſolG;<en Weg gehen. Wilhelm Sollmann, M.d.R. 
 
 
Jugend in der Geſeßgebung 
Ein UVotgejes über den Adctiſtundentag. 
Die nun ſc<on über ein Iaghr anhaltende außerordentlich 
große Arbeitsloſigkeit hat die Gewerkſ<aften aller Ri<H- 
tungen veranlaßt, ein Tiotgeſes Über den Aktſtundentag mit. 
ſofortiger Wirkung zu verlangen. Die jezt geltende Arbeits- 
zeitverordnung vom 21. Dezember 1923 mit den vielen Aus- 
nähmebeſtimmungen, die eine Derlängerung des Arbeitstages 
über a<t Stunden Hinaus ſehr leicht macht, hat zu einem 
Heberſtundznunfug geführt, der geradezu ſkandalös iſt. Auf 
der einen Seite ſtehen Millionen, die viele Ylonate, ja über 
ein Jahr darauf warten, wigder in Cohn und. Brot zu 
kommen, während die in den Betrieben Tätigen Ueberarbeit- 
leiſten. Da infolge der ungünſtigen Beſchäftigungsverhältniſſe 
dor Widerſtand der Arbeiterſhaft gegen die: zugemuteten 
Ueberſtunden geſchwächt iſt, fo muß ein. goſeßlicer. Zwang 
gefordert werden. Ua den Forderungen der Gewerkſc<haſten 
ſoll ſofort das Tlotgeſeß erlaſſen werden. Die Regierung hat 
bis heute keine nennenswerten Schritte unternommen, um 
dieſer Fordgrung zu vntſprechen. | 
So ſehr das Derlangen der Gewerkſ<aften zu begrüßen iſt, 
daß gegen das Ueberſtundenweſen geſetzlich vorgegangen wird, 
ſo wenig können wir uns mit dor im Goſezontwurf der Geweork- 
Ihaft2n vorgeſehenen Vögliekeit, durm Tariſvertruüge die 
Arbeitszeit für IJugendliHe2 bis zu ſe<zehn Iahren auf täglich. 
neun und für alle übrigen Arbeitnehmer auf täglich zehn 
Stunden auszudehnen, einverſtanden erklären. Seit Jahr und 
Tag fordern alle deutſcqen Iugendverbände eine Shußalters- 
grenze von a<tzehn Jahren, und ſeit langem ſind ſich die 
Jugendverbände einig in -der JForderung, daß die acHtund- 
vierzigſtündige Arbeitszeit für die arbeitende Iugend bis zum- 
 
 
a<zehnten LebensSjahr dur< keinerlei Ausnahmebeſtim-- 
mungen verlängert werden darf. 
Ein Arbeitsſchußageſeß. 
Der Reihstag wird ſi< in Kürze mit einem Geſet befaſjen, 
das unter dem Titol „Arbeitsſhußgeſcz“ in umfaſſender Weiſe 
den Sqhus vor Betriebsgefahren, die Qrbeitszeit, die Sonn- 
tagsruhe, den Cadenſ<luß und die Arbeitsaufſicht regeln ſoll. 
Die hier bis jezt geltenden Beſtimmungen der Reichsgewerbe2- - 
ordnung und: der Arbeitszeitverordnung vom 21.. Dezoembor 
1923 ſollen dur; das neu zu ſchaffende Geſez außer Kraft 
geſebt werden. | 
Uns intereſſieren in der Hauptſache die Beſtimmungen, die 
ſim mit dem Re<t des Iugendli<en und Lehrlings befaſſen. 
Sie ſollen nachſtehend kurz ſkizziert werden. Als Krboit- 
nehmer ſollen naß dem Entwurf auc< die Lehrlinge gelten. 
Selbſt Kinder gelten als Arbeitnehmer, auc wenn ſie nicht 
auf Grund eines Arbeitsvertrages beſchäftigt werden. In 
erhöhtem Maße ſoll der Unternehmer verpflichtet werden, 
befondore Maßnahmen zum Sduße der Iugenölichen unter 
18 Jahren und der weiblichen Arbeitnehmer im Betriebe 
- osgen Gefahren für Ceben, Geſundheit und Sittlimkeit zu 
treffen. Der Reihsarbeitsminiſter, bzw. die oberſtes Landes- 
behörde kann die Beſchäftigung von Iugendlichen unter 
18 Jahren und weiblißen Arbeitnehmern in beſtimmten Be- 
trieben oder zu beſtimmten Krbeiten vollſtändig verbieten, - - 
fälls dieſs mit beſonderen Gefahren - für Leben, Geſundheit 
und Sittli<keit verbunden- ſind. - -- - .
	        
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