Full text: Quartalheft der Katholischen Schulzeitung - 2.1879 (2)

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deutlich den Finger Gottes, Seine erbarmende Liebe und Seine strafende Gerechtigkeit. 
So lange die Israeliten die Wege des Herrn wandelten, lebten sie ruhig und glücklich 
in ihren Hütten und im Schatten, ihrer Weinberge. Uebertraten sie aber Gottes Gebote, 
dann wandte sich auch der Herr von ihnen ab; sie wurden von ihren Feinden, den benach 
barten Völkern bedrängt, überfallen, ausgeraubt und dezimirt. Kehrten sie aber wieder 
zu Gott zurück, so erweckte Er fromme Helden unter ihnen, welche sie von ihren Feinden 
befreiten, ihre Grenzen sicherten und sie wieder zu Glück und Wohlstand führten. 
In der Geschichte der sieben makkabäischen Brüder treten den Kindern ausgezeichnete 
Muster und Beispiele von Glaubensmuth, Glaubenstreue und Charakterfestigkeit zur 
Nachahmung entgegen. 
Kurz, die biblische Geschichte des alten Testamentes ist in ihrer plastischen Anschau 
lichkeit, reizenden Einfalt und Wahrheitstiefe ein Lebensbaum, von Gott in die Mitte der 
Menschheit hingestellt, an dessen Früchten wir erkennen, was recht uud unrecht, was liebens 
würdig und verabscheuenswerth, was gut und bös ist. Auf diesen Baum kann man 
bei der Erziehung nicht oft genug hinweisen. 
Die höchsten Erziehungsmuster, die größte Fülle erziehender Ideen jedoch 
finden wir im neuen Testamente. Der Mittelpunkt und Träger dieser Ideen ist 
Jesus Christus, der Gottmensch, hochgelobt in Ewigkeit. Es ist die erziehliche Aufgabe 
des Lehrers, den Schülern Sein Leben, Sein Wirken und Leiden vorzuführen. Dadurch 
wird er ihre Gesinnung veredeln, sie zu einem selbstbewußten Streben nach dem Guten 
anleiten; und das ist der Triumph der Erziehung. Hiezu bieten sich zunächst aus dem 
Leben des Knaben Jesus die schönsten Momente. Seine stille Zurückgezogenheit, Sein 
williger Gehorsam, Sein Gebetseifer (Er blieb drei Tage im Tempel), Seine Wiß 
begierde und Sein tiefer Sinn, womit Er als zwölfjähriger Knabe sogar die Schrift 
gelehrten in Erstaunen setzte, sind für die Kinder ebenso belehrend, als zur Nachahmung 
anregend und anspornend. 
Die biblische Geschichte ist und bleibt neben und mit dem Religionsunterrichte 
Fundament, Material und Werkzeug für den Bau, an welchem wir arbeiten 
sollen — für die gute Erziehung der Kinder. Ich erlaube mir nur noch bezüglich 
der Ertheilung des biblischen Geschichtsunterrichtes zu bemerken, daß man die Kinder 
mit den sogenannten Nutzanwendungen nicht quälen soll. Die treffliche Geschichte wirkt 
von selbst trefflich; die Erzählung hebt schon den Punkt hervor, auf den es ankommt. 
Der belehrende und erweckende Hinweis sei daher einfach und kurz, wie er sich von 
selbst ergibt. — Auch die 
Profangeschichte 
kann in ausgezeichneter Weise der Erziehung dienen. „Die Geschichte ist die Lehrmeisterin 
der Menschheit" sagt ein Philosoph. Die Geschichte zeigt uns an Personen, an Ereig 
nissen, an erschütternden Katastrophen, wie Gott mit mächtiger Hand die sittliche Welt 
ordnung leitet, wie Er das Gute lohnt uud das Böse straft. Die Geschichte ist 
das Weltgericht, heißt cs weiter. Die Geschichte zeigt uns gleichsam wie in einem 
Spiegel, daß die Lügenhaftigkeit, die Bosheit, die Ungerechtigkeit zuletzt immer zu Grunde 
gehen und daß Gott der Wahrheit, der Gerechtigkeit immer zum Siege verhilft; und 
hierin liegt die tiefeBedeutung d es Geschichtsunterrichtes für erzieh 
liche Zwecke. Wir können freilich aus der Geschichte wenig nehmen; denn einestheils 
fehlt es uns an Zeit hiezu und anderntheils dürfen wir den ohnehin so umfangreichen 
Unterrichtsstoff, welchen wir zu bewältigen haben, nicht noch mehr vergrößern. Von 
dem verführerischen Streben nach Vollständigkeit und von einer Belastung der Schüler 
mit unfruchtbarem Notizkram über unwesentliche Einzelheiten kann also durchaus keine Rede 
sein. Aber das können wir thun, daß wir den Geschichtsstoff so auswählen und so 
zurechtlegen, überhaupt die Geschichte so vortragen, daß dadurch bleibende Eindrücke auf 
das Gemüth, auf den Charakter und Willen der Kinder hervorgebracht werden. 
„Die Hauptaufgabe des Geschichtsunterrichtes, sagt Kehr, ist das, daß er sittlich 
erhebend wirkt, sonst ist das Beste verfehlt."
	        
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