Full text: Pharus - 6.1915, Halbjahrband 1 (6)

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Rundschau. 
beiten, ist der Lehrer unmittelbar be 
rufen. 
Wer in dieser Erwägung nicht volle 
Beruhigung findet, der sage sich noch, 
daß jeder, der heute vom Dienst mit der 
Waffe gegen seinen Wunsch ausgeschlossen 
ist, es aus einem gesetzlichen Grunde 
ist. Unsere Pflicht dem Vaterlande 
gegenüber aber besteht darin, daß wir 
ihm dienen an der Stelle wo wir nach 
Recht und Gesetz hingestellt sind, nicht 
an der, wohin wir uns gerade wünschen 
und sehnen. 
Professor Zr. w. Zoerster über Urieg 
und Erziehung. 
Der bekannte Münchener Universitäts- 
Professor sprach jüngst auf Wunsch ver 
schiedener Organisationen in mehreren 
größeren Städten über seine Auffassung 
der Behandlung des Weltkrieges 
in Schule und Haus. Auch in 
München selbst behandelte er das Thema/ 
indem er davon ausging, daß einerseits 
die Jugend gegenüber all dem grauen 
haften Geschehen von heute nicht ohne 
besonders sorgfältige Führung bleiben 
dürfe. Dazu sei Positiv hinzuweisen auf 
die „Oeffnung aller Kelche der Seele", 
die erziehlichen Einfluß jetzt besonders 
wirksam macht. 
Als Hauptaufgaben für die Behandlung 
der Kinder und Jugendlichen bezeichnet 
Förster dem Erzieher: Zum ersten muß 
er die ethischen Werte und Vorbilder in 
der Jugend zur vollen Geltung bringen, 
sodann ist er berufen, den Gefahren 
vorzubeugen, die für die jungen Seelen 
entstehen können aus den Vorkommnissen 
draußen, noch mehr aus allerlei Kriegs 
berichten, die in Wort und Bild unter 
die Jugend gelangen. Weiter müssen die 
neugewonnenen Güter der nationalen 
Einheit zu innerem Besitz der Jugend 
werden. Die Auswertung für staats 
bürgerliche Erziehung ist außerordentlich 
bedeutsam. Endlich darf der Erzieher der 
Jugend in Schule und Haus nie jene 
Gedanken übersehen, die auf eine Wieder 
vereinigung der Völker abzielen. 
In seiner geschickten Art, die Ereignisse 
des Lebens als Gleichnis, Symbol und 
* Im Wortlaut wird der Vortrag mit zwei 
anderen Ansprachen im Furche-Verlag, 
Kassel, erscheinen. 
Antrieb in ethische Werte umzusetzen, gab 
Förster sodann eine Reihe von Anre 
gungen, von denen hier nur Beispiele 
stehen können. 
Die stärksten pädagogischen Kräfte ruhen 
in den verschiedensten Begriffen, die von 
Kampf und Krieg bei den Kindern le 
bendig sind. Jede Todesnachricht vom 
Schlachtfeld kann Anlaß geben, der Ju 
gend zu zeigen, daß nicht das Leben Ziel 
ist, sondern das Opfer: „Nicht trauern, 
sondern handeln." Diese Worte des 
bayerischen Kronprinzen knüpfen sich an 
jene Erkenntnisse an. Und welch starke 
Motive gibt die Einleitung der Todes 
nachrichten: „Auf dem Felde der 
Ehre ist gefallen . . .". Wie muß da 
jeder Sohn, der den Vater so verloren, 
jeder Junge und jedes Mädchen, die 
den Bruder so betrauern, ergriffen werden, 
daß sie fürs ganze Leben sich vornehmen, 
niemals das Feld der Ehre zu verlassen. 
Die Beispiele der Helden sollen nicht 
verstauben, ihre Eisernen Kreuze nicht 
an der Wand hängen, sondern in die 
Seelen der Jugend dringen. 
Ersatzreserve! wie viel läßt sich im 
Anschluß an dieses vielgehörte Wort über 
Verantwortlichkeit mit der Jugend reden. 
Wie draußen in den Kämpfen an der 
Front das Kommando von den gefallenen 
Offizieren oft auf Junge und die Aller 
jüngsten übergeht, so müssen nun die 
Söhne daheim oft Vaterstelle vertreten, 
die Familie mit ihrer Arbeitskraft stützen 
und die Verantwortung des Vaters auf 
sich nehmen. Das wirkt segensreich! Aus 
den Knaben werden plötzlich Männer und 
aus der Frage des Kindes: „Wie werde 
ich behandelt?" wird die männliche, kraft 
volle Frage: „Wie handle ich?" Und 
wenn wir wieder hinausdenken in die 
Schützengräben, so soll man die Jugend 
daran erinnern, wie die draußen die große 
Sorge haben, daß sie bei ihrer Heimkunft 
nicht Kriegsschwätzer finden, welche be 
dauern, daß ihnen jetzt der Stoff ausgeht, 
sondern Männer und Frauen. Nicht mit 
Kriegsschwätzen und Fahnenschwenken ist 
es getan, Ernst ist zu lernen von denen 
da draußen, und wenn wir daran denken, 
wie sie stürmen, dann soll man an diesem 
Beispiel der Jugend lehren, eherne Stand 
haftigkeit und unüberwindliches Zielbe 
wußtsein gegenüber allen Anstürmen auf 
unsere Seele in den sittlichen Kämpfen.
	        
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