Full text: Pharus - 6.1915, Halbjahrband 1 (6)

378 :: 
Rundschau. 
Agrammatismus, Agraphie, Akrophobie, 
Alexie, Anästhesie, Anamnese, Anaudie, 
Angophrasie, Anthropophobie, Anti 
nomie, Aphasie, Aphonie, Apraxie, Ataxie, 
Chorea, Daltonismus, Debilismus, De 
mentia, Dinophobie, Diplopie, Dyslogie, 
Eklampsie, Emmetropie, Emotional, Hebe- 
Phrenie. So geht es weiter mit ie, 
a, al, ion, us durch acht lange Spalten. 
Dabei heißt Adaptation nichts weiter 
als Anpassung, Agoraphobie Platzangst, 
Agraphie Schreibunfähigkeit, Akrophobie 
Schwindelangst, Algobulie Schmerzbe 
dürfnis, Anästhesie Empfindungslähmung, 
Aphonie Stimmlosigkeit, Chorea Veits 
tanz, Dementia Schwachsinn usw. Wir 
sehen, wir haben fast durchweg allbe 
kannte deutsche Wörter als Ersatz, und 
wo ein wissenschaftlicher Ausdruck un 
umgänglich oder erwünscht ist, könnte er 
ja neben den deutschen gesetzt werden. 
In der pädagogischen Presse war öfters 
das Wort kinästhetisch zu lesen. Es 
gehört mit in die Sprache der Neu 
psychologen. Es heißt den Muskelfinn 
betreffend. Warum wurde dieser einfache 
Sinn nie genannt? Das Kind wächst 
in einem besonderen Milieu groß, es 
gibt nur noch eine Differenzierung der 
Geschlechter, eine fixierende und fluk 
tuierende Aufmerksamkeit, motorische Ele 
mente und Aktionen, Intensität, Modi 
fizierung, Extensität, Impuls, Suggestion 
und statt der Fragen die Enquete. 
Die Pädagogik, die wir früher gelernt 
haben, mit ihrer psychologischen und lo 
gischen Grundlegung, hielt sich möglichst 
frei von Fremdwörtern. Die Seminarien 
waren auch in dieser Hinsicht deutsche 
Schulen. Die Herbartianer brachten dann 
die Formalstufen mit der Analyse, Syn 
these, dem System und der Methode, 
was sehr gelehrt klang, aber schlecht zu 
verstehen war, da sich die Deutung wieder 
in einer besonderen Schulsprache vollzog, 
die nicht weniger schwierig war. Das 
wurde als „Zunftsprache" mit Recht ge 
rügt. Unsere modernsten Pädagogen 
haben auch ihre Zunftsprache, aber noch 
viel reicher mit Fremdwörtern durchsetzt, 
die in keinem Wörterbuch stehen. Sie 
werden sich entschließen müssen, deutsch 
und gemeinverständlich zu sprechen. Das 
erfordert die Sache, und das erfordert 
der deutsche Sinn. Deutsch heißt nichts 
als volkstümlich, klar, einfach, auch „völ 
kisch" ist nicht volkstümlich, so wenig 
wie „Psyche" und „Ertüchtigung". Die 
Krämer haben ihr Kauderwelsch, die 
Gauner ihre Diebessprache, die Gelehrten 
ihr Latein. Der deutsche Schulmann, 
besonders der deutsche Bolksschullehrer, 
soll deutsch sprechen und schreiben, das 
gehört zu seiner Berufspflicht. Er soll 
es auch in der für seinen Beruf grund 
legenden Wissenschaft, der Psychologie, 
auch der „modernen"." Wenn man auch 
nicht einer radikalen Aenderung unserer 
pädagogisch-psychologischen Terminologie 
das Wort reden will, wird man die vor 
stehenden Ausführungen doch insofern 
beachtenswert finden, als man von frem 
den Bezeichnungen absieht, wo immer es 
möglich ist. 
Kbschliehende Mädchenbildung. 
Man hat auch in der Bildung der 
Mädchen namentlich auf höheren Schulen 
mehr und mehr das Bedürfnis empfun 
den, die dort anfallenden Belehrungen 
auf den Boden der praktischen Uebung 
zu stellen. Einen beachtenswerten Bor- ' 
schlag, der in größeren Städten ohne 
große Schwierigkeiten durchzuführen wäre, 
finden wir in Heft 9 des 4. Bandes der 
bei Schnell in München erscheinenden 
„Praxis der Arbeitsschule" des näheren 
dargestellt. Es ist dort gesagt: „Manche 
der heutigen Bildungsanstalten für Mäd 
chen von 14 bis 18 Jahren verfolgen 
neben anderen Zwecken auch die ver 
nünftige Absicht, ihre Zöglinge so heran 
zubilden, daß diese später einmal ihre 
eigenen Kinder richtig pflegen und er 
ziehen können. Vielfach kommt aber die 
Erziehungskunde nicht weit über theo 
retische Unterweisungen hinaus; mit eini 
gen „Führungen" ins eigentliche Arbeits 
gebiet begnügt man sich meist. 
Wo das Leben selbst gut unterrichtet, 
mag die theoretische Ergänzung durch 
die Schule genügen. Eine kinderreiche 
Familie — geordnete Verhältnisse vor 
ausgesetzt — gewährt ja den älteren 
Töchtern eine vorzügliche natürliche Er 
ziehung. Das heranwachsende Mädchen 
ist da der Mutter Stütze und Helferin 
wie in vielen häuslichen Pflichten, so 
besonders in der Pflege und Erziehung 
der jüngeren Geschwister. Es lernt des 
kleinen Bruders, des Schwesterleins 
Reinlichkeits-, Nahrungs- und Kleidungs
	        
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