Full text: Pharus - 6.1915, Halbjahrband 1 (6)

Das Spiel unserer Kinder. 
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Lernens fast immer fehlt, (daß wir den frühen Zwang der ernsten, harten Arbeit 
fordern, wenn die Natur des Kindes noch lauter Spielfrohsinn ist. Der gesamte 
Elementarunterricht sollte vielmehr das Gepräge des Spieles annehmen, ohne in 
Spielerei zu verfallen. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß die Resultate am 
Schlüsse des Jahres auch so gut wären als jetzt. „Der Geisteszustand unmittel 
barer Hingabe an den Unterrichtsstoff, der in der Arbeit als solcher selbst Reiz 
und Belohnung findet,-das unmittelbare Interesse, das nach Herbart als Ziel 
alles Unterrichtes zu gelten hat, ist seinem innersten Wesen nach eng mit dem 
durch das Spiel erzeugten lustbringenden Bewußtseinsinhalt/ierwandt, sodaß also 
aller Unterricht, der in diesem Sinne arbeitet, von selbst immer in einer gewissen 
Nachbarschaft zum Spiel bleibt. Aber die Schule sollte meiner Anficht nach auch 
unmittelbar spielende Tätigkeit nicht von sich weisen und zwar nicht nur in der 
reicheren Ausgestaltung des Schullebens, das meist in erschreckender Armseligkeit 
und Dürftigkeit verläuft, sondern auch im Unterrichte selbst. Dramatische Nach 
ahmungsspiele sind beispielsweise nicht nur für die tiefgehende Aufnahme des 
Unterrichtsstoffes außerordentlich wirkungsvoll, sondern verschaffen auch dem jüngeren 
Schüler bereits einen Vorgeschmack von dem höheren Genuß der ästhetischen Ein 
fühlung. Epische Gedichte sollten, wo immer es möglich ist, mit verteilten Rollen 
deklamiert werden, und auch andere Unterrichtsgegenstände, wie z. B. der Geschichts 
unterricht, bieten vielfach Gelegenheit, die Schüler in der anregenden Form von 
Rede und Gegenrede untereinander sich an der Erarbeitung des Unterrichtsstoffes 
beteiligen zu lassen. Dabei könnte auch dem Drange nach motorischer Betätigung 
Rechnung getragen werden, z. B. in der Nachahmung einfacher Bewegungen und 
Handlungen, über die im Unterricht gesprochen wird. Wir begnügen uns über 
haupt im Unterricht zu viel mit Worten; wo immer es möglich ist, sollte zu ihnen, 
in einzelnen Fällen sogar an ihre Stelle, die nachahmende Tat, die einfache Hand 
lung treten. Der Unterricht braucht dadurch nicht das mindeste von seiner Würde 
und seinem Ernst einzubüßen."'. 
Es gibt ja manches Gedicht, das direkt wie zum Dramatisieren geschaffen ist; 
ich erinnere nur an „Klein Hänschens Wanderschaft", „Der weiße Hirsch" von 
L. Uhland u. a. m. Gar reizend gestalteten Heuer meine Buben die biblische Er 
zählung, wie Joseph und Maria zur Volkszählung nach Bethlehem mußten (Vor 
bereitung zur Wanderung!), dort in verschiedenen Herbergen um Unterkunft an 
fragten, bei der einen wegen Platzmangel, bei der anderen wegen ihrer Armut 
abgewiesen wurden und endlich in einem Stalle vor der Stadt sich zur Ruhe legten. 
Auch in anderen Gegenständen läßt sich das Spiel unterrichtlich verwerten. Das 
Schusserspiel kann im ersten Rechenunterrichte leicht entsprechende Verwendung 
finden. Der Spielwürfel, vom Kinde selbst geformt, bietet eine ganze Reihe von 
Uebungen aller Rechenarten usw. 
So wächst im Schulunterrichte die Arbeit naturgemäß aus dem Spiele heraus 
und da das Spiel die Kraft des Beharrens entwickelt, so gesellt sich zu dem 
Arbeiten-können auch noch der feste Wille zur Tat, was von allergrößter Wichtig 
keit ist für die sittliche Erziehung und nationalen Gesundung. 
1 Muthesius, Die Spiele der Menschen, Pädagogisches Magazin, Langensalza, Hermann 
Beyer und Söhne.
	        
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