Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

.04 
mächtigen Roman „pelle der Eroberer" des Dänen Martin Andersen: 
Nexö — die Art seiner Stellungnahme zu den sozialen Problemen 
bleibt hier außer Betracht — neben die „Buddenbrooks" oder den 
„Tod in Venedig" oder neben irgendein anderes Werk der führenden 
impressionistischen Dichter des letzten Menschenalters in Deutschland 
zu halten, um dieses ästhetenhafte Abseitsstehen fast aller führenden 
Dichter dieser Generation aufs lebhafteste zu empfinden. Die meisten 
von ihnen kultivierten einen krankhaft übersteigerten, lebensfremden 
Individualismus, und so fühlen wir mit schmerzlicher Enttäuschung 
den ungeheuren Abstand zwischen dieser künstlichen, engen, tatenlosen 
Welt der Träume, zwischen diesem nichtigen, spielerischen Rult des 
kranken Ich. dieser eitlen Selbstbespiegelung auf der einen und dem 
gewaltigen Ernst und der bedrängenden Wucht der uns umgebenden 
Wirklichkeit auf der anderen Seite. 
Mit diesen Feststellungen sollen jedoch die wahren und bleibenden 
Verdienste dieser Generation nicht verneint oder verkleinert werd-n. 
wir find diesen Dichtern dankbar für ihren strengen Dienst in der 
Werkstatt unserer Muttersprache, die manche von ihnen in einer 
schlimmster Sprachverwirrung wie ein Rronjuwel unseres Volkes 
gehütet, deren Reichtum sie gemehrt, deren Adel sie vervollkommnet 
haben, wir bewundern ihr hingebendes zuchtoolles Ringen um die 
Erfüllung des Gesetzes der Form. wir wissen insbesondere auch zu 
schätzen, daß sie durch ihre dichterisch tiefdringende und frappierende 
Darstellung eben jenes maßlos übersteigerten und dekadenten In- 
dioidualismus, an dem die Menschen der modernen Buchbildung meh» 
oder weniger alle kranken, uns zur Erkenntnis dieser Entartung 
verholfen, daß sie in uns ein Entfremdungsgefühl gegenüber dieser 
geistig-seelischen Haltung geweckt und uns so auf den „Standort einer 
Betrachtung aus der geistigen und historischen Vogelperspektive em 
porgeworfen"* haben, von dem aus wir Abstand gewinnen zu der 
Welt, in deren Atmosphäre wir schicksalhaft hineingeboren und ge- 
bUdet wurden. 
von diesem Standorte aus bieten sich uns der wert und die 
Bedeutung der mannigfaltigen Strömungen, Persönlichkeiten und 
Werke in der Entwicklung der neueren deutschen Literatur in ganz 
anderem Lichte dar, als es in den meisten herkömmlichen geschicht- 
Kchen Darstellungen verteUt ist. wir gewinnen allmählich ein ganz 
anderes Verständnis für jene Dichtung, die aus der Welt des christlich, 
deutschen Volkstums organisch herausgewachsen ist, für die volkhafte, 
die volksechte Dichtung. Und wir erkennen, daß es nicht eine 
Dichtung minderen Grades ist, eine Literatur für die Jugend, für 
„das Volk", für die Einfältigen, geistig Zurückgebliebenen, sondern 
schöpferische Leistung des Genius der Nation und gerade für die 
Menschen der vuchbildung von besonderem werte, denn sie sind von 
dem Schicksal der geistigen Entwurzelung, der individualistischen Ver 
einsamung am schwersten betroffen, und gerade ihre Seelen entbehren 
am meisten die Sättigung mit einer geistigen Speise, die das Er 
wachen ihrer verkümmerten sozialen Anlagen zu neuem Leben her 
beiführen oder vielleicht doch fördern kann. (Schluß folgt.) 
Die Neuordnung der preußischen höheren Schulwesens. 
von Erna Schulz, Berlin. 
Anfang März hat das Ministerium für Wissenschaft, Runst und 
Volksbildung eine Denkschrift über die lange geplante Neuordnung 
des höheren Schulwesens in Preußen herausgegeben. In verschiedenen 
Reden hatte der Rultusminister seine Absichten bezüglich der Reform 
bereits bekanntgegeben. Auf dem Gebiete des Mädchenschulwesens 
war der Gberlyzeumserlaß vom 21. 3. 13 ein Vorläufer der Reform. 
Die Gesichtspunkte, die bei der Neuordnung grundlegend sind und 
die beabsichtigten Änderungen sind in der Denkschrift zusammengefaßt. 
Die Schwierigkeiten, die sich der Unterrichtsverwaltung bei der 
Inangriffnahme einer Neuordnung entgegenstellten, waren groß; 
denn ungezählte Ansichten. Richtungen, Pläne und Ideen wollten 
berücksichtigt werden, die Jugendbewegung verlangte ihr Recht. Auch 
mußte die höhere Schule in das System der Einheitsschule ein 
gegliedert werden; denn sie ist die organische Verbindung zwischen 
der Volksschule und der Hochschule. Da die Reform gerade in der 
Zeit der vom Staat ausdrücklich geforderten Sparmaßnahmen zur 
Durchführung kommen soll, liegt die Vermutung nahe, daß sie durch 
1 Scheler, Der Bourgeois, abgedruckt in vom Umsturz der werte. 
2. ttufl. Leipzig 1919. §. 248. 
den Abbau beeinflußt sei. Gegen diese Auffassung wendet sich dar 
Kultusministerium ausdrücklich, indem es von neuem betont, daß 
„die Neuordnung des preußischen Schulwesens in ihren organis'atori- 
schen Grundgedanken und ihren Bildungszielen keine mit schönen 
Worten verschleierte Sparmaßnahme ist", sondern daß sie auch in 
glücklicheren Zeiten „aus denselben sachlichen Gründen in gleicher 
Richtung und gleicher Zielsetzung erfolgt wäre." D,e Unterrichts- 
Verwaltung will bei der Reform im geschichtlichen Zusammenhang 
der bisherigen Entwicklung bleiben. Die Schulreformer haben sich 
in den letzten Jahrzehnten besonders gegen die früher geltende „All- 
gemeinbildung" gewandt, ohne in ihren Bestrebungen Erfolg 
gehabt zu haben. Die Unterrichtsverwaltung gibt jetzt diesen Bildunas- 
grundsatz auf, da alle großen Strömungen der pädagogischen Be 
wegung den 'ntellektuallstischen Charakter unserer höheren Bildung 
ablehnen, „der durch die Kulturbewegung der Gegenwart, durch die 
Psychologie der Wertgebiete, durch die Ziele der Jugendbewegung, 
durch das neue persönlichkeitsideal überwunden ist, das alle An 
lagen im Menschen, auch seinen Körper, den willen, das Gefühl, 
dos Irrationale im Leben zu einer Harmonie der Gesamtpersönlich 
beit ausgestalten will." Die Aufgaben der Gegenwart für die Ge 
meinschaftserziehung, die Kunsterziehung, die staatsbürgerliche Er 
ziehung, die stärkere Betonung der spezifisch nationalen Bildungsstoffe 
für alle Schularten werden besonders hervorgehoben. Die Unterrichts- 
Verwaltung lehnt jedoch die „elastische Einheitsschule", wie sie in 
der Dberrealschule zum Dom in Lübeck verwirklicht worden ist, 
ab; denn bei der Mannigfaltigkeit der Wahlfächer bleiben die Kern 
fächer ohne innere Beziehung und Konzentration, so daß durch die 
Vielseitigkeit der Interessen der Schüler die Vertiefung ausgeschlossen 
ist. Trotzdem die Unterrichtsverwaltung dieser elastischen Einheits 
schule gegenüber für die feste Schulform eintritt, will sie doch durch 
die Reform Raum schaffen für die Freiheit, Selbstbestimmung uns 
Selbstverantwortung von Lehrern und Schülern. Die Hemmnisse der 
Freiheit, die Starrheit der Lehrpläne mit ihren durch Prüfungen 
sicherzustellenden Unterrichtszielen, sollen beseitigt werden. Die Lehr 
pläne sollen nur mehr Richtlinien und Anregungen sein. Die Starr 
heit der Stundenpläne wird gemildert. Ein Fach kann zeitweise 
zugunsten eines anderen zurücktreten; „Aufgaben der staatsbürger 
lichen Erziehung, der Kunsterziehung, der philosophischen Vertiefung 
können auf verschiedene Fächer verteilt werden". Der Lehrkörper 
wird mehr als je eine Arbeitsgemeinschaft, in der jeder seine be 
sonderen Fähigkeiten voll entfalten kann. 
Die Schulreform geht von gewissen Voraussetzungen aus: Bei der 
Gleichwertigkeit und der Gleichartigkeit der vier geschichtlich ge- 
wordenen Schularten, von denen jede zur Hochschulreife führt, wird 
jeder Schulart ein besonderer Kulturbezirk zur besonderen Pflege 
überwiesen. Die Hauptforderung ist, daß bei der Arbeitsteilung die 
Bildungseinheit gewahrt bleiben muß. Dies geschieht hauptsächlich 
durch die Gruppe der kulturkundlichen Fächer, die bei jeder Schul- 
art im Mittelpunkt steht. Durch die nichtsdestoweniger durchzuführende 
Differenzierung der Bilrmngsanstalten soll die qualitative Überbürdung 
der Schüler beseitigt werden. Zugleich wird eine Reform der Haus 
arbeiten angestrebt. Die Dauer der einzelnen Unterrichtsstunden 
wird voraussichtlich statt auf 43 auf 50 Minuten festgesetzt werden. 
Gesundheitliche Gründe sprechen für freie Nachmittage. Ern arbeits. 
freier Spielnachmittag, der der körperlichen Ertüchtigung dienen soll, 
wird in die Pflichtstundenzahl der Lehrer und Schüler einbezogen. 
Besonders hervorgehoben wird bei der Reform immer wieder die 
Herabsetzung der pflichtstundenzahl der Schüler auf 30. 
So weit die allgemeinen Gesichtspunkte der Reform des höheren 
Schulwesens. Die Denkschrift äußert sich dann zu den Grundsätzen, 
die bei der Stundenverteilung auf die einzelnen Unterrichtsfächer 
maßgebend waren. Bei den kulturkundlichen Fächern stehen an 
erster Stelle Deutsch, Geschichte und Erdkunde. Dem Unterricht in 
der Philosophie wird in jeder prima eine Stunde eingeräumt. Er 
besteht im wesentlichen in philosophischer Lektüre und soll je nach 
der Schulart mit dem einen oder anderen Unterrichtsfach verbunden 
werden. Es ist von katholischer Seite oft darauf hingewiesen worden, 
daß die philosophische Lektüre, wenn sie nicht Verwirrung im Denken 
der Schüler anrichten soll, mit ihrer religiösen Weltanschauung harmo 
nieren müsse und daß ein philosophischer Unterricht, von ungläubigen 
Lehrern erteilt, zu einer Gefahr für die Jugend werden kann. 
Besonderes Interesse nimmt die Darstellung -der Gründe in Av»
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.