Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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fprud}, die zu einer Herabsetzung der Zahl der Religionsstunden 
eführt hat. Zuerst wird hervorgehoben, daß die Religion zu 
en kulturkundlichen Fächern, also zu den wichtigsten jeder Schulart, 
zu rechnen fei. und daß die Unterrichtsverwaltung nicht daran gedacht 
habe, den Religionsunterricht etwa ganz zu streichen oder wesentlich 
zu verkürzen, sondern im Gegenteil die pflege des religiösen Lebens 
für durchaus notwendig halte, da „auch das Verständnis jeder Kultur- 
epoche nur mit voller Einsicht in die Zusammenhänge aller tieferen 
Geistesbewegungen mit der Religion möglich sei", und daß dieses 
Fach gerade für die heutige Jugend äußerst wertvoll ist. Umsomehr 
nimmt es wunder, daß trotz all dieser Gründe die Unterrichts 
verwaltung zwei Wochenstunden für alle Klassen für genügend er 
achtet, obgleich wenigstens in Sexta seit 1856 drei Religionsstunden 
in der Woche gegeben wurden. Zur Erklärung - es klingt fast 
wie eine Entschuldigung — wird angeführt, daß der Religions 
unterricht „damit eine feit Jahrzehnten befürwortete Verkürzung 
erfährt" und „daß alle Fächer ohne Ausnahme im Interesse der 
Reform haben Gpfer bringen müssen". Wenn von religionsfeind 
licher Seite eine Verkürzung der Stundenzahl befürwortet worden 
rst, so hätte das Kultusministerium beachten müssen, daß von gläu 
biger Seite dies niemals geschehen, im Gegenteil eine Heraufsetzung 
der Stundenzahl befürwortet worden ist. wir wissen, daß mit dem 
evangelischen Kirchenrat wegen der Zahl der Religionsstunden ver 
handelt worden ist, mit den zuständigen katholischen Stellen dagegen 
nicht. Dies muß die Katholiken um so mehr verletzen, als noch 
in einem Schreiben an den Kultusminister vom 29. Januar d. Is. 
der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, der hochwürdigste 
Herr Fürstbischof von Breslau, auf das dringendste darum gebeten 
hat, „im Interesse einer tüchtigen und für das Leben ausreichenden 
sittlich-religiösen Schulung von der Verminderung der Zahl der 
Religionsstunden Abstand zu nehmen". Auch den zweiten Grund, 
„daß alle Fächer ohne Ausnahme haben Gpfer bringen müssen", 
vermögen wir nicht einzusehen, wenn wir den Stundenplan des 
Oberlyzeums, der im Anschluß an den Erlaß vom 21. 3. 25 auf- 
gestellt wurde, mit dem jetzt geforderten vergleichen, so sehen wir, 
daß manche Fächer nicht von diesen „Opfern" betroffen worden 
sind. So hat z. B. die erste neue Fremdsprache in beiden Plänen 42, 
Geschichte 29 Stunden. Überhaupt ist es eine sonderbare Sache um 
die vielgerühmte Herabsetzung der Wochenstundenzahlen auf 30. 
Rach den neuen Plänen schwanken bei allen Schularten — mit 
Ausnahme der Aufbauschule — die Wochenstundenzahlen zwischen 
27 und 30 in den einzelnen Klassen. Damit wäre die Forderung 
der 30»Stundenwoche voll erfüllt; aber in diesen Stunden sind die 
Turnstunden nicht mit eingerechnet, und der den Plänen angefügte 
vermerk „in allen Schulgattungen treten zu den vorstehenden Stunden 
tafeln hinzu für VI — 0 I je vier Stunden Leibesübungen" bringt 
ein merkliches Überschreiten der 30 Stunden. 
Im letzten Teil der Denkschrift werden die einzelnen Schul 
arten : das altsprachliche Gymnasium, das Realgymnasium, die Ober 
realschule, die deutsche Oberschule, charakterisiert. Dre Mädchen» 
schulen werden kurz abgetan. Es wird erwähnt, daß „in dem 
Oberlyzeum ein besonders wertvoller und einheitlicher Schultypus ge 
staltet ist, der den Bildungsgedanken des neusprachlichen Gymnasiums 
in voller Klarheit verwirklicht". Bei der Gleichartigkeit, die die 
einzelnen Typen der Mädchenbildungranstalten mit den entsprechenden 
Knabenschulen haben, ist es — nach Ausfossung des Ministers — 
„innerlich nicht begründet, für die Mädchen in der Religion eine 
größere Stundenzahl in VI —IV des Lyzeums anzusetzen". Alle 
Eingaben, die immer wieder gezeigt haben, daß den religiösen Be- 
dürfnissen der Mädchen durch mehr Religionsstunden entgegen 
zukommen ist, sind also unbeachtet gelassen. Auch hierfür gibt die 
Denkschrift eine Begründung: „Cs erschien nicht angängig, die 
anderen wissenschaftlichen Fächer noch weiter zu schwächen, oder den 
Mädchen im sechsstufigen Lyzeum, das ohnehin stärkere Forderungen 
an ferne Schülerinnen stellen mutz, eine größere Stundenzahl als den 
gleichaltrigen Knaben zuzumuten". Endlich wird zugegeben, daß das 
sechsjährige Lyzeum eine stärkere Belastung für die Schülerinnen 
bedeutet, wir können da nur wieder fragen: warum ging das 
Kultusministerium auf unsere Forderung, das siebenjährige Lyzeum 
allgemein beizubehalten, n-chi ein? Wir haben seine Zweckmäßigkeit 
im Snteresse der Gesundheit der Mädchen wie aus erziehlichen Gründen 
unzähligemal bewiesen. 
Das preußische Staatsministerium hat der Denkschrift der preuß, 
schen Unterrichtrverwaltung über die Neuoronung des höheren Schu 
wefens zugestimmt. Nunmehr soll die Arbeit an den Lehrpläne, 
beginnen. Die Richtlinien für die Mitarbeit an den Plänen solle- 
demnächst bekanntgegeben werden. Es ist Ehrenpflicht katholische: 
Fachleute, sich daran zu beteiligen, um Gefahren, die für die Käthe 
lischen Schüler in der Denkschrift liegen (wir verweisen besonder 
auf die Betonung der Kantischen Philosophie, wie auf die oben e> 
wähnten Punkte) nach Möglichkeit zu beseitigen und ihre Interesse - 
voll zu wahren. 
Gesetz über dle vorläufige Regelung der Gemei«dewah!e-. 
in Preußen. 
von Elisabeth Diese, m. d. L. 
Im Februar 1919 fanden in Preußen im allgemeinen die letzten 
Kommunalwahlen statt. Inzwischen haben sich die Stärkeverhältnissr 
der politischen Parteien arg verschoben, und stellenweise sind du 
Wahlvorschlagslisten für die Stadtparlamente feit langem erschöpft, 
so daß die heutige Zusammensetzung der Gemeindevertretungen de: 
politischen Anschauungen der Einwohnerschaft in Städten und Kom 
munen nicht mehr entspricht. Der Ruf nach Neuwahlen wurde in 
folgedessen schon seit geraumer Zeit immer dringlicher. Zwar hatten 
Ministerpräsident Braun und der Minister des Innern Severine 
Anfang 1922 im Hauptausschuß des preußischen Landtages erklärt. 
Neuwahlen würden, wenn eben möglich, herbst 1922, spätestens 
aber im Frühjahr 1923 stattfinden. Januar 1923 kam und inst 
ihm ein schwerwiegendes Hindernis für die Gemeindewahlen. Durch 
den Einmarsch der Franzosen ins Ruhrgebiet mußte der Gedank'. 
an eine Neuwahl der Gemeindeparlamente vorläufig zurückgeftell« 
werden. 
Dies brachte die Mehrheit des 22.-Ausschusses des preußischer- 
Landtages zum Ausdruck, als bei Gelegenheit der Beratung der 
preußischen Städteordnung sich am 25. Januar 1923 eine allgemeine 
Besprechung über die Neuwahlen der Gemeindevertretungen entwickelte 
veranlaßt durch einen Antrag der Kommunisten, den 8 129 de« 
preußischen Städteordnung vorweg zu verhandeln und ihm folgende 
Fassung zu geben: 8129. „Die Wahlen zur Stadtverordnetenversamm 
lung finden zum 1. April 1923 statt". 
Der 22.-Ausschuß des preußischen Landtages beschloß zunächst 
die Entscheidung über die Frage der Neuwahlen zu vertagen uni 
lehnte dann den Antrag, „die Frage einer einheitlichen Gemeinde 
Verordnung bei der Besprechung der preußischen Städteordnung vor 
weg zu behandeln", ad. Am 21. Februar 1923 brachten dann dst 
Veutschnationalen beim 22.-Ausschuß einen Antrag „Notgesetz übe 
die Neuwahlen der Gemeindeparlamente" ein, der einem Unter 
ausschuß zur Vorberatung überwiesen wurde. Das Ergebnis de: 
Besprechungen des Unterausschusses lag dem 22.-Ausschuß am 12. Mär 
I92Z vor. In dreitägiger Sitzung wurde der Entwurf dieses Not 
gefetzes durchberaten und dem preußischen Landtag als „Gesetz 
entwurf über die vorläufige Regelung der Gemeinde 
wählen" überwiesen. Das Haus beriet den Gesetzentwurf in feine 
Sitzung vom 20. März 1923 mb verabschiedete ihn ohne wesem 
liche Veränderungen. 
Das Gesetz, das 18 Paragraphen umfaßt, enthält folgende wick 
iige Bestimmungen: 
8 1. Die Gemeindevertretungen der Städte- und Landgemeinde 
sind bis 30. November des Kalenderjahres 1923 neu zu wähle« 
(Inzwischen ist der 4. Mai 1924 zum Wahltag bestimmt worden. 
Durch Aufgabe des passiven Widerstandes im Oktober vor. Jahre 
war die Verschiebung des Wahltermins notwendig geworden. D 
die Reichstagswahlen ebenfalls am 4. Mai stattfinden, ist es nicht ur. 
wahrscheinlich, daß die Kommunalwahlen noch um eine kurze Spann 
Zeit hinausgeschoben werden. Jedenfalls liegt ein diesbezüglicher An 
trag bereits dem preußischen Landtage vor. Die Wahlzeit derjenigen 
Gemeindevertretungen, die nach dem I. Januar 1923 neu gewähr 
sind, endigt vier Jahre nach der letzten Neuwahl. Das Wahlreck 
(bei eurem Alter von 20 Jahren) und die Wählbarkeit (bei eine« 
Alter von 25 Jahren) sind an eine Wohnsitzdauer von wenigster, 
sechs Monaten im Gemeindegeöiete geknüpft. Diese wohnsitzklaufi 
mußte ins Gesetz hineingebracht werden, damit neben den poli 
tischen auch die örtlichen Interessen bei den Gemeindewahle«
	        
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