Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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erücksichtigt werden. Nur diejenigen, die durch eine gewisse Dauer 
}rer Ansässigkeit die Drtsoerhältniffe genügend kennen gelernt haben, 
vnnen im allgemeinen in Gemeindefragen erfolgreich mitarbeiten. 
Betreffs dieser Wohnsitzdauer ist für die verdrängten aus den 
besetzten Gebieten eine Ausnahme zugelassen. Sie sind unbeschadet 
)rer Wahlberechtigung und Wählbarkeit an ihrem Wohnsitz, auch 
a wahlberechtigt und wählbar, wo sie sich am Wahltage aufhalten, 
anz gleich, ob sie dort bereits sechs Monate wohnen oder nicht, 
later den verdrängten sind nicht nur diejenigen zu verstehen, die 
»ffiziell von der Entente ausgewiesen, sondern auch all die anderen. 
>tc durch Maßnahmen der Entente arbeitslos geworden sind und 
rfolgedeffen im besetzten oder unbesetzten Gebiet sich einen neuen 
Wohnsitz haben suchen müssen. 
Line ähnliche Ausnahmebestimmung bringt § 11 des Gesetzes, 
lach diesem Paragraphen können die durch Maßnahmen der Lntente an 
er Ausübung ihres Amtes verhinderten Gemeindevertrcter, sowie 
ie Vertreter der Bürgermeisterei- und Amtsversammlung, die Kreis- 
agsabgeordneten, Kreisdeputierten und die Mitglieder der Kreis- 
usschüsse durch die Lrsatzoertreter so lange ersetzt werden, bis ihnen 
ie Ausübung ihres Mandates wieder möglich ist. 
8 4 des Gesetzes sieht eine Verringerung der bisherigen 
iaht der Stadtverordneten namentlich in Großstädten vor. Ls hat 
ch gezeigt, daß zu große Stadtparlamente ein schnelles Arbeiten 
schweren und allzu kostspielig sind. In Zukunft muß die Zahl 
er Stadtverordneten elf betragen. Diese Grundzahl kann durch 
9rtssatzung nach bestimmten Vorschriften erhöht werden, aber nicht 
ibzx hundert hinaus. 
während bei den Kommunalwahlen 1919 Listenverbindungen 
gestattet waren, erachtet das Gesetz in 8 5 die Verbindung von 
Oahlvorschlägen und die Bildung von Wahlbezirken *37 unzulässig; 
«lässig bleibt nur die Bildung von AbstimmungsbeztrKen. 
Lme wesentliche Neuerung betreffs der Nahrückstellen der 
vahloorschlagslisten bringt 8 8. In diesemparagraphen heißt es: „Die 
Reihenfolge, in der die Bewerber zu berufen sind, kann durch die 
Mehrheit der noch wahlberechtigten Unterzeichner des Wahlvorschlages 
geändert werden. Die Änderung muß dem Gemeindevorstand bis 
jum Ablauf von zwei Wochen nach Erledigung der Stelle mitgeteilt 
verden." hierdurch wird ermöglicht, daß beim Amscheiden eines 
Gemeindevertreters, oder auch sofort nach der Wahl für jeden ein 
zelnen Gemeindevertreter durch die Unterzeichner des wahloorschlagss 
ün Ersatzmann bestimmt werden kann. Bisher rückte immer der 
nächstfolgende Ersatzmann der Wahlvorschlagsliste ein, was meist für 
ms Frauen unvorteilhaft war bei der geringen Zahl unserer Ver 
treterinnen auf der Wahlvorschlagsliste. Ferner soll durch diese 
Sestimmung dem Übelstande abgeholfen werden, daß Ersatzmänner 
nachrücken, die inzwischen zu einer anderen Partei übergegangen 
ind, wie dies seit 1919 nicht selten der Fall war. 
Gleichzeitig mit der Wahlzeit der jetzigen Gemeindevertretungen 
mdigt die Wahlzeit der unbesoldeten Magistratsmitglieder, Bei- 
jeordnet'en, Gemeindevorsteher und Schöffen. Dergleichen endigt 
fleichzeitig die Wahlzeit der Bürgermeisterei- und Amtsversammlungen, 
ln Zukunft müffen die Abgeordneten der Bürgermeisterei- und Amts- 
Versammlungen gleichzeitig nflt den Gemeindevertretungen durch eine 
direkte Wahl nach dem Verhältniswahlsystem neu gewählt werden, 
dagegen die unbesoldeten INagistratsmitglieder usw. durch eine in 
direkte Wahl alsbald nach der Neuwahl der Gemeindevertretungen, 
und zwar diesmal bis spätestens 1. Juli 1924. 
Da das Gesetz über die vorläufige Negelung der Gemeindewahlsn 
bereits am 9. April 1925 in Kraft getreten ist, hat 8 12 dieses 
Gesetzes, der sog. Sperrparagraph, besondere Bedeutung erlangt. 
!r beantwortet die Frage: „Dürfen die Stellen der besoldeten 
Zürgermeister, INagistratsmitglieder, Beigeordneten, Gemeindevorsteher 
und Schöffen von den bisherigen Gemeind'Vertretungen, ehe Neu 
wahlen stattfinden, noch besetzt werden?" Über diese Frage ist im 
12. Ausschuß des preußischen Landtages lange hin und her beraten 
worden. Schließlich einigte man sich dahin, daß diese Stellen nur 
-dann besetzt werden dürfen, wenn die Wahl eine Mehrheit von 
mindestens 2 / 3 der talsächlich vorhandenen Mitglieder der Gemeinde 
vertretungen ergeben hat. Diesem Beschluß stimmte der preußische 
Landtag zu, für die Wiederbesetzung erledigter Stellen von Land 
bürgermeistern und Amtmännern wurde derselbe Beschluß gefaßt. Die 
Amtszeit der lebenslänglich angestellten besoldeten Landbürgermeister 
und Amtmännern in Rheinland und Westfalen, Magistratsmitglieder, 
Beigeordneten, Gemeindevorsteher und Schöffen ist auf zwölf Jahre 
beschränkt worden. Nach Ablauf der zwölf Amtsjahre müffen sie 
neu gewählt werden. 
Unter den Bestimmungen des Kommunalwahlgesetzes hat 8 8 
für uns Frauen die größte Bedeutung, wenn wir unseren Einfluß 
>n den Gemeindevertretungen beibehalten und stärken wollen, müffen 
wir uns mit aller Kraft dafür einsetzen, daß die Unterzeichner des 
Wahlvorschlages, zu denen möglichst eine Frau gehören soll, seiiens 
ihrer Partei gehalten sind, bei Erledigung eines Frauenmandates 
eine Frau als Ersatz in die Gemeindevertretungen nachrücken zu 
lassen. 
Abbauhilfe. 
von Erna Schulz, Berlin. 
„Einer trage des anderen Last!" Mehr als je gilt dieses Wort 
unter den Beamten in der Zeit des Abbaus, wer die Lehrerzeitungen 
verfolgt, liest darin, daß von fast allen Organisationen Vorkehrungen 
getroffen werden, um den abgebauten Kollegen zu helfen. Der 
preußische Lehreroerein richtet eine Abbaukasse ein, durch die seine 
abgebauten Mitglieder unterstützt werden, sofern sie auch Erwerbs 
losenunterstützung beziehen. Der Deutsche Philologenverband fordert 
seine Mitglieder auf, monatlich 5% ihres Einkommens für die ab 
gebauten Kollegen in die Abbau-Hilfskasse zu entrichten. Und der 
Verein katholischer deutscher Lehrerinnen? Ist er weniger um das 
Wohl seiner stellenlosen Mitglieder besorgt als die anderen Vereins? 
Gewiß nicht! Auch in unserem Vorstand ist beraten worden, wie 
am besten zu helfen sei, und die Frage erwogen, ob es zweckmäßig 
sei, eine eigene Kaffe zur Hilfe für die Abgebauten zu schaffen; jedoch 
ist davon Abstand genommen worden. Nachdem unsere Mitglieder 
in so großzügiger weise in der Urabstimmung den Vereinsbeitrag 
auf das vierfache erhöht haben, will der Vorstand sie nicht von 
neuem zu einer monatlichen Abgabe zwingen, sondern rechnet damit, 
daß die Hauptversammlung die Zustimmung dazu gibt, daß von dem 
Vereinsbeitrag eine größere Summe der Karitaskasse überwiesen 
wird. Dies allein kann natürlich nicht genügen, alle Not zu lindern. 
Daher setzt der Vorstand in alle Vereinsschwestern das vertrauen, 
daß sie es für ihre Standespflicht ansehen, nach ihrem vermögen 
den Stellenlosen zu helfen. Die großen Bezirksvercine tun dies am 
zweckmäßigsten in ihrem Bezirk. Die Namen und die wirtschaftliche 
Lage der abgebauten Kolleginnen zu erfahren, ist ja leicht. Eme 
Vertrauensdame muß sich ihrer annehmen. Durch Sammlungen oder 
regelmäßige Abgaben bei der Gehaltszahlung mutz ihnen geholfen 
werden. Nun sollen sich aber nicht alle Bezirksoereine auf sich 
beschränken, sondern in Gegenden, in denen glücklicherweise wenige 
oder keine Kolleginnen abgebaut sind, müssen sie der anderen Not 
leidenden gedenken und der Karitaskaffe namhafte Zuschüsse zu 
kommen lassen, wie notwendig diese find, erhellt daraus, daß bei 
der Vorsitzenden der Karitaskasse täglich Bittschriften eingehen, die 
von äußerster Not diktiert sind. 
vor einigen Wochen hatte ich einige Anregungen in unserer 
Zeitschrift gegeben, auf welche weise den abgebauten Kolleginnen 
vielleicht zu helfen sei. Einige derselben sind zu unserer großen 
Freude auf fruchtbaren Beden gefallen. So schreibt eine Kollegin: 
„Ich bin gerne bereit, eine stellenlose Kollegin als .arbeitenden 
Gast' aufzunehmen und ihr ein gemütliches heim zu bieten und 
Gelegenheit zu prioatstundsn zu geben. Sie müßte dann aber 
Klavierspielerin sein, da ich selbst ein Klavier besitze und nicht spiele. 
Dadurch kann die Betreffende sich ein schönes Taschengeld verdienen. 
Salär Kann ich bei den heutigen Verhältnissen nicht zahlen, oder 
wenig. Sie hat freie Station, dabei ist ihr der Aufenthalt in einem 
Luftkurort geboten. Es geht mir nur hauptsächlich darum, daß 
ich nicht so viel allein bin. Der Arbeit ist nicht viel. Maschinen 
nähen wäre auch erwünscht. Anstatt eine andere fremde Perlon, 
kann es nun auch eine Standesgleiche sein, die aber nicht zu jung 
sein soll. Ich bin 30 Jahre und wünsche eine Kollegin so zwischen 
25 und 30 Jahren mit etwas Lebenserfahrung, damit man auch 
schon mal ein Wort reden kann, wenn die Berufsarbeiten sauer 
und schwer gemacht werden. Dann hat man gegenseitig halt und 
Stütze. . . Line andere schreibt: „Meinen Beruf habe ich lieb, 
sehr lieb gehabt. Aber in kaum 13 Jahren hat er mich, mein»
	        
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