Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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cm Mittwoch, grünen Donnerstag und am Karfreitag. Und andere 
folgten und immer andere, und ward ein leuchtendes Werk im 
Jammer. Da kamen sie, mehr denn zweitausend verlorene, auf 
Sankt Sebaldi Kirchhof, wo der feurige Bruder Johannes Kapistranus 
cuf dem Predigtstuhl stehet, und saßen nieder nach der Ordnung 
zu Tisch, und ward eine Stiftung im ersten Eifer für alle Zelten, 
der Sondersiechen Stiftung, und ward nach Recht und Billigkeit 
Len Weibern die Führung gegeben. Deren Alteste aber ist der 
Londersiechen Mutter genannt worden." 
Es wird jedem ein leichtes sein, eine lange Reihe solcher Beispiele 
anzuführen. Nicht vergessen wollen wir. daß ehemals die Erziehung 
der Mädchen ganz in den Händen der Frau lag und ihr un 
bestrittenes Gebiet war. Erst die öffentliche, staatliche Volks 
schule gab die Mädchenerziehung in die Hand des Mannes. 
Noch ein kleines Beispiel dafür, daß „rein weibliche" Arbeiten 
euch von Männern ausgeführt wurden: „wir kennen alle die alten 
hübsch:n, behaglichen Bilder, auf welchen am Tor mittelalterlicher 
Städte der Stadtsoldat auf der Bank unter dem letzten Ldikt seines 
Senatus populusque, die Brille auf der Rase, den Bierkrug zur 
Rechten ... in idyllischer Ruhe und Beschaulichkeit an seinem Strumpf 
strickt." (Raabe, Stopfkuchen.) 
Ruch an der geistigen Kultur ihrer Zeit hat die Frau lebhaften 
Anteil, wir können uns in keiner weise das Leben der „höfischen" 
Zeit vorstellen, wenn wir die Frauen dabei ausschalten. Und später, 
als man Bücher druckte, da „besteht eine Leserschast, die sich seit 
dem 16. Jahrhundert an Zahl und Zusammensetzung ungemein 
erweitert hat, besonders durch das Einzutreten des .Frauen 
zimmers'. Line Reihe von Schriftstellern in Versen wie Prosa wendet 
stch an .das Frauenzimmer', an erster Stelle harsdörffer mit seinen 
Frauenzimmer-Gesprächspielen". (E. Engel, Geschichte der Deutschen 
Literatur, Leipzig 1912, I. Bb., S. 210.) 
Und die Frauen zu Goethes Zeit und in der Romantik! Niemals 
ist geistvollere Geselligkeit gepflegt worden als zu dieser Zeit. 
Richt vergesien werden darf auch der wenigen Frauen, die 
berufen waren, das Geschick ihrer Völker zu leiten, wenige sind 
es nur, aber alle haben Namen von vollem Klang, man denke nur 
an Elisabeth von England, Maria Theresia, Katharina von Ruß 
land. Richt alle sind sympathisch, die meisten sind in vieler Be 
ziehung den Gefahren der absoluten Macht für den Charakter 
erlegen, ober sie haben die politische Fähigkeit der Frau bewiesen, 
von Maria Theresia schreibt der Freiherr von Fürst: Rls die Kaiserin 
Maria Theresia den Thron bestieg, fand sie alles in größter Un 
ordnung, und ein achtjähriger Krieg konnte den Finanzen nicht 
aufhelfen; welch ein anderer Herrscher würde es vermocht haben, 
die Dinge auf dem Fuße herzustellen, auf dem wir sie jetzt (1756) 
sehen? Bis in die späteste Zeit wird man anerkennen, daß Maria 
Theresia eine der größten Fürstinnen der Welt war; das Haus 
Österreich hat ihresgleichen nicht gehabt." (Rach Zwiedineck-Süden 
horst, Österreich unter Maria Theresia, Joseph II. und Leopold II ) 
(Schluß folgt.) 
Der Beamten- und Lehrerabbau in Österreich. 
von Bezirksschulrätin Emma Kapral, Wien. 
Im folgenden will ich nach Aufforderung der Schriftleitung zum 
Beamtenabbau in Österreich im allgemeinen und zum Abbau der 
Lehrer und Lehrerinnen im besonderen Stellung nehmen. Ruch die 
Frage, welche Wege mit und welche ohne Erfolg beschritten wurden, 
toill ich berücksichtigen. 
was den Abbau im allgemeinen betrifft, haben wir in Österreich 
mit dem freiwilligen Abbau die besten Erfahrungen gemacht. 
Zu diesem meldeten sich vor allem jene, welche infolge ihrer günstigen 
finanziellen Lage auf ihre Anstellung verzichten konnten. Bei 
Beamten (Beamtinnen) waren es solche, die einen zweiten Beruf 
hatten, wie Wirtschaftsbesitzer, Geschäftsinhaber, Geschäftsteilhaber; 
bei Beamtinnen und Lehrerinnen viele Ehefrauen, welche die Tätig 
keit in der Familie dem Berufe vorzogen usw. Es ist darum ent 
schieden zu raten, vor Beginn eines Zwangsabbaues den frei 
willigen Abbau in den Vordergrund zu stellen und diesen Abbau 
möglichst zu begünstigen. In Wien meldeten sich von den Lehrern 
Und besonders den Lehrerinnen, fo viele zum freiwilligen 
Abbau, daß die Stadt auf den Zrvangsabbau verzichten konnte. 
Gewiß waren für diesen Entschluß der Gemeinde noch andere 
Gründe maßgebend, aber das Angeführte war jedenfalls ausschlag 
gebend. In manchen Ämtern konnte man gar nicht alle Ansuchen 
um freiwilligen Abbau berücksichtigen. 
viele verlockte zu einem freiwilligen Abbau die zu erwartende 
Abfertigung. Diese wurde in der mannigfachsten weise verwendet, 
vielen jüngeren Beamtinnen und Lehrerinnen bot sie Gelegenheit 
zur Anschaffung einer Aussteuer, zum Gründen eines eigenen Haus 
haltes. (Ich weiß auch einen Fall, wo die Gelegenheit benützt 
wurde, um in ein Kloster einzutreten; die Abfertigung diente teils 
zur Ausstattung, vielleicht auch zur Ausbildung jüngerer Geschwister 
oder zur Schaffung einer Rente für die Mutter.) von den Männern 
wurde das Geld in ein schon bestehendes Unternehmen gegeben oder 
zu einer Reugründung benützt. Mit der Verwertung der Abferti 
gungssummen, welche auch zwangsweise Abgebaute erhielten, wurden 
mitunter sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Leichtgläubige fielen 
Schwindlern zum Opfer, andere verspekulierten die Gelder, Leicht 
sinnige verspielten, vertranken oder verjuxten das Erhaltene in 
vergnügungslokalen usw. 
Bundeskanzler Prälat Dr. Seipel hat zur Beratung und zur 
Hilfe für Abgebaute eine „Zentralstelle für Abgebaute" ins Leben 
gerufen, in der auch Frau Dr. Alma Motzko-Seitz tätig ist. Durch 
verschiedene Schulungskurse wurde den Abgebauten auch Gelegenheit 
geboten, entweder umzulernen, um einen neuen Beruf ergreifen zu 
könmn, oder um zuzulernen und durch Vielseitigkeit die Verwend 
barkeit und die Möglichkeit einer Reuanstellung zu vergrößern. 
Die Auszahlung großer Abfindungssummen ist nicht zu emp 
fehlen. vorteilhafter erschiene mir die Auszahlung einer, wenn auch 
bescheidenen Rente. Die früher erwähnten Mißstände würden weg 
fallen und der Staat müßte nicht auf einmal solche Riesensummen 
aufbringen. Selbstredend müßte wegen einer eventuellen Entwertung 
eine gewiffe Sicherung geboten werden. (Goldkronen - Goldmark.) 
Beim Beamtenabbau wurde mitunter etwas zu radikal vorgegangen. 
Es kam vor, daß in manchen Dienstzweigen so viele abgebaut 
wurden, daß man pensionierte wieder einberief und mit Vertrag 
neu anstellte (als Provisorium). Auch gänzlicher Mangel an er 
fahrenen Leuten machte sich da und dort fühlbar (beim Verkehr — 
Bundesbahnen). 
Run zum Zwangsabbau, dem eigentlichen Abbau, welchen ich 
besonders vom Standpunkte der Schule behandeln will. Das 
Bundesgesetz betreffend Maßnahmen zur Verringerung der Zahl 
der Bundes- (Bundesverkehrs-)angestellten (Angestellten-Rbbaugesetz) 
erschien 24. Juli 1922, B.G.Bl. Nr. 499. Dazu wurden am 
9. Februar 1923 und am 14. Februar 1923 je eine Verordnung 
wegen Abänderung und Ergänzung erlassen. (Enthalten im 18. Stück 
d. Bundesgesetzbl. unter Nr. 82 und im 21. St. d. Bundesgesetzbl. 
unter Nr. 91.) Dieses Gesetz bezieht sich zunächst auf die Bundes 
angestellten; für die Lehrer und Lehrerinnen wurden über Gesetzes- 
oorlagen der Bundesländer eigene Lehrerabbaugesetze beschlossen, da 
die Schule in Österreich nicht nur dem Bunde, sondern auch den 
Landesregierungen untersteht. 
Gegen den Zwangsabbau der Lehrerschaft und die Sparmaß 
nahmen auf dem Gebiete der Schule setzte eine heftige Abwehr 
aktion ein. Am 3. Februar 1925 fand in der Volkshalle des 
Wiener Rathauses und wegen des Massenbesuches auch vor dem 
Rathaus, eine große Versammlung statt. Der pflichtoerband der 
Mittelschullehrer (bei uns Mittelschule — Gymnasium, Realschulen u. a.) 
hatte angeregt, daß sich sämtliche großen Lehreroerbände aller Rich 
tungen zwecks Abwehr einigen. Volks- und Bürgerschullehrer sowie 
Mittelschullehrer Wiens, aber auch Vertreter der Länder waren zur 
Versammlung erschienen. 
Die Gsterr. pädag. warte v. Febr. 1923 schreibt darüber: „Cs 
war ein historischer Moment in der Geschichte der Lehrerbewegung, 
daß die großen Lehrerverbände der verschiedenen Weltanschauungen 
zu gemeinsamer Abwehr zusammentraten. Die einstimmig an 
genommene Entschließung bedeutet deshalb eine Stellungnahme der 
gesamten Lehrerschaft Österreichs zu den Abbaumaßnahmen und eine 
kräftige Stütze des Aktionskomitees der Gesamtlehrerschaft." 
Bereits am 27. Dez. 1922, als die ersten Nachrichten über den 
Schul- und Lehrerabbau bekannt wurden, sprach eine Abordnung 
des kath. Lehrerbundes bei dem Ersparungskommiffär hornik vor-. 
Vas Bestreben aller Länder ging dahin, an der Schule kräftigst
	        
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