Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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zu lesen, wäre dies auch der Fall, wenn das Lesestück, wie sonst 
üblich, vorerzählt worden wäre? Der Schüler hätte wohl bei 
packender vorerzöhlung die Sache miterlebt, aber das Lesen hätte 
nachher keinen Reiz mehr für ihn gehabt, es wäre langweilig 
geworden; denn die seelische Lösung war nicht mehr nötig. Cr 
mußte Erlebtes lesen, und unser Grundsatz soll doch heißen: Geh, 
lies und erlebe selber! 
Das Lesestück ist einmal gelesen; die Rinderherzen haben ihren sofort 
erregbaren Gefühlen von Mitleid und Mitfreude Ausdruck gegeben. 
Nun folgt eine Aussprache über den Inhalt des Stückes, dann die 
Worterklärung, aber nicht durch mich, sondern durch die Rinder selbst. 
„wißt ihr alles?" Und die Rinder fragen nach Inhalt und 
Wörtern. Nach der früheren Methode sagte ich den Rindern Wörter, 
die sie nicht verstanden, und erklärte ihnen diese; sie brauchten nur 
zuzuhören, heute müssen sie die schwierigen Wärter selbst suchen 
und, wenn äußerst möglich, sich selbst erklären. Ein Schüler meldet 
sich: „Ich verstehe das Wort X Zeile 5 nicht." Ist es ein leichtes 
Wort, so melden sich sofort eine Anzahl zur Erklärung. Anfangs 
gaben sie meistens ein anderes Wort dafür an, das dem Sinne des 
erfragten Wortes gleichkam; sie umschrieben das Wort mit einem 
anderen. Ich fragte dann z. B. nach dem gleichlautenden Haupt- 
oder Zeitwort, die Bedeutung, der Sinn des Wortes wurde fest 
gestellt, es wurde abgeleitet, sein Ursprung wurde gesucht, und zwar 
alles durch die Rinder ohne Hilfe, heute suchen und forschen die 
Rinder schon ganz allein. Ein Beispiel: wir lasen „Der Reiter und 
der Lodensee". Nachher fragte ein Rind: „was bedeutet das: 
rüstigem Roß?" Lin Schüler gibt Antwort: „Das kommt wohl 
von Rüstung her, das Roß war vielleicht gerüstet, wie wenn es in 
den Rrieg ziehen müßte. Ls hatte Sattel, Steigbügel. Die Ritter 
zogen früher auch Panzer an, Helm auf, nahmen den Schild, das 
war ihre Rüstung, so konnten sie in den Rampf ziehen, sie waren 
dazu gerüstet, man konnte sie nicht so leicht töten." (Rechtschreib 
übung : Rüstung, gerüstet; wurde angeschrieben.) Ein anderes Rind 
meldet sich: „Ich glaube nicht, daß das Pferd einen Panzer an 
hatte." Mit größter Spannung schaut nun die ganze Rlasse auf 
mich. Da, ein „Ah", zwei Mädchenaugen leuchten auf, und eine 
Schülerin erklärt: „Es ist vielleicht ein kräftiges Roß gemeint; man 
sagt doch auch von alten Leuten, die noch alles schaffen können, 
sie sind noch rüstig, und meint damit, sie sind gesund und stark. 
Also hatte der Reiter wohl ein kräftiges, starkes Roß unter sich." 
So kamen wir dann zu dem Schluffe: das Roß war rüstig, es war 
kräftig und stark. 
Dadurch, daß wir immer der Wortbedeutung nachgehen, ge 
wöhnen sich die Schüler, schon die kleinsten, ähnliche Wörter zu 
suchen und damit das betreffende zu erklären. Sie erleben den 
Begriff und erarbeiten ihn. Bei den Kleinen müssen natürlich 
Zwischenfragen gestellt werden, sonst ersetzen sie das Wort nur durch 
ein anderes. Durch diese Worterklärung ist natürlich für das 
Sprachverständnis viel gewonnen. 
Ist irgend etwas Beachtenswertes nicht beachtet worden, lese ich 
den betreffenden Satz vor, ohne etwas hervorzuheben. Dadurch 
wird die Aufmerksamkeit der Rinder auf ein kleines Gebiet be 
schränkt. Ein paar Augenblicke herrscht große Stille; dann kommt 
aber gewiß aus irgendeinem Munde ein „Ah", und das beachtens 
werte Wort oder der Sinn ist gefunden, der gewünschte Erfolg ist 
da. Im allgemeinen aber habe ich mir abgewöhnt, Erklärungen 
zu erpressen, was der Schüler nicht erklärenswert findet, das 
versteht er auch. Und die Lesestunde ist doch schließlich keine 
Sprachlehrstunde, in der nur Wortbildung getrieben wird. Der 
Zweck der Worterklärung ist immer nur der, das Gelesene bewußt 
zu erfassen. Daß die Worterklärung diesen Zweck erfüllt, hat die 
Praxis bereits bewiesen. Schon manchmal äußerte sich ein Rind, 
es habe vorhin etwas fragen wollen, aber jetzt wisse es, warum 
das so sei, das schwierige Wort habe den Gedanken erklärt. Die 
Vorstellungen, die noch im Unterbewußtsein des Rindes waren, sind 
durch das Miterleben während des Lesens und durch die Wort 
erklärungen zur Mitarbeit aufgerüttelt worden. Die Einstellung ist 
da, die Rinder erfragen nun selbst den Inhalt des Gelesenen, 
warumfragen bilden meistens den Anfang, und fast immer kommen 
verschiedene Antworten auf eine Frage. Sind die Schüler mit einer 
Antwort durchaus nicht einverstanden, so führt der eine oder andere 
immer sehr schön den Beweis, warum es nicht möglich sein könne. 
welches ist nun aber die Aufgabe des Lehrers bei dieser selbst 
tätigen Schülerarbeit? Darf er nur zuhören? Keineswegs, denn 
die Schüler sind erst dann zufrieden, wenn sie an seinem Gesichte - 
ablesen und merken, daß auch er mit der gegebenen Antwort ein 
verstanden ist. Im heißesten Frage- und Antwortkampf beobachten 
sie scharf das Gesicht des Lehrers. Lin Gesichtsausdruck genügt, 
um sie aufmerksam zu machen, daß sie z. B. auf falschem Wege 
sind; ebenso lesen sie den zustimmenden Ausdruck ab. Lin dazwischen 
geworfenes: „Stimmt das?", läßt sie tiefer nachdenken und nach 
anderen Gründen suchen. Manchmal äußere ich auch eine Ver 
mutung, und die Rinder äußern ihre Meinung dazu. Dadurch 
werden sie oft vor großen Abschweifungen bewahrt oder von einem 
Irrweg zurückgeleitel. Ich muß mir also das Lesestück gut ansehen, 
mir überlegen, was kann geftagt werden, welche Antworten sind 
ungefähr möglich. 
Neue Fragetechnik! wenn so das Lesestück erfragt ist, soll es 
doch auch erzählt werden. Bei den Begabteren ist das nun nicht 
schwierig; aber auch die Schwächeren erzählen eifrig mit; denn wir 
bieten der Jugend doch nur das, wofür sie reif ist. Mit einem 
Heißhunger wurde das Stück gelesen, verschlungen, und nun brennen 
die Rinder darauf, es wiederzugeben. Mit welchem Eifer und mit 
welcher Freude erzählen sie! Alle sind dabei! Macht der Erzähler 
einen Gedankmsprung, sofort meldet sich eine Anzahl. Ein Name 
wird gerufen, und in ganz freundschaftlicher weise wird der Erzähler 
auf seinen Fehler oder die gelassene Lücke aufmerksam gemacht. 
wie steht es aber mit den sprachlichen Fehlern, die beim Er 
zählen gemacht werden? Soll der Lehrer fortwährend bekritteln 
und verbessern? Nein, denn selbst Erwachsene wenden, wenn sie 
eifrig und angeregt erzählen, selten ein ganz reines Deutsch an; es 
klänge auch unnatürlich. Der Schüler aber soll's auf einmal können! 
wenn nun der Lehrer fortwährend verbessert, so wird er verzagt, 
mutlos und verschüchtert, wenn er auch keinen Satz recht sagt, und 
schließlich Kommt er überhaupt nickt mehr vom Fleck, weil er in 
seinem Gedankengang zu oft unterbrochen wurde. Grobe Verstöße 
verbessern übrigens meine Rinder (viertes Schuljahr) von allein. 
Meistens sagt es das eine oder andere halblaut richtig vor sich hin. 
Der Erzähler hört es fast immer und verbessert sich dann von selbst. 
Ganz verunglückte Ausdrücke werden nachher von den Schülern 
verbessert. (Die Schüler merken sich das Falsche im Ropf oder 
schreiben Stichwörter auf ihre Tafel.) Auf diese weise muß sich 
jeder Schüler am Erzählen beteiligen; jeder gibt acht; daß ja nicht 
vergessen wird; jeder einzelne ist also gezwungen, mitzudenken und 
mitzuarbeiten. Manchmal beteiligen sich die Rinder zuviel, so daß 
ich dämpfen muß; aber lieber das, als eine verschlafene Rlasse auf 
rütteln müssen. Einschlafen können die Rinder bei einem Lesestück 
jetzt nicht mehr. Mit Handbewegung und wechselndem Gesichtr- 
ausdruck wird erzählt, oft wird das Stück von den Schülern dar 
gestellt, entweder mit verteilten Rollen erzählt, oder es entstehen 
lebende Bilder, und einzelne Schüler geben die Erklärungen dazu 
ab. Gedichte! Das finden jetzt meine Schüler, hauptsächlich im 
vierten Schuljahr, schon von selbst beraus, wie sich ein Stück oder 
ein Gedicht am besten darstellen läßt. Anfangs ging freilich Zeit 
auf diese Art des Lesens. Sind die Schüler aber einmal darauf 
eingestellt, so überraschen sie den Lehrer am Morgen mit der Bitte: 
„Dürfen wir das Gedicht oder Lesestück auch spielen?", oder: „wir 
haben aus dem Blättchen (Bogenlesebuch) ein Gedicht gelernt, dürfen 
wir's schnell spielen?" In der Pause oder auf dem Schulweg haben 
sie sich die Sache zurechtgelegt, die Rollen verteilt, und in ganz 
kurzer Zeit sind die Vorkehrungen getroffen und der Inhalt dramatisch 
wiedergegeben. Die Schüler sind hoch erfreut und betteln schon wieder 
um ein neues Gedicht oder Lesestück, wenn sie sich nicht bereits 
selbst ein neues ausgesucht haben. 
Ist das nicht die beste Deutung des Textes, das Nacherleben 
durch die Schüler, die mimische Darstellung? Ist das verlangen 
nach Darstellung nicht auch ein Beweis, daß der Inhalt des Stückes 
seine Wirkung getan, daß er Gefühle wachrief, die nach Ausdruck 
verlangen? Und die bis jetzt vielleicht noch nichts empfanden, 
werden durch das Mitwirken beim Spiel oder durch das bloße 
Zuschauen aufgerüttelt; eine ganz neue Welt zeigt sich ihnen. Die 
Darstellung von etwas Gelesenem, sei es nun durch Zeichnungen — 
denn gezeichnet wird auch viel — oder durch plastische Darstellung,
	        
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