Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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So, liebe vundesschwester, fei Führer,n! verwirkliche in vir Var 
Idealbild der müiterlichen deutschen Frau; damit dein Leben den anderen 
zum Leitstern werde überall da, wo der Herrgott dich hinstellt. Nicht besser 
kannst du dich bereit halten für deinen schönen Beruf. Einmal muß doch 
die Schule dir ihre Tore öffnen, dann zieht mit dir die Mutter ein und 
erlöst von aller hast und Unruhe und Angst. Dann wird deine Schule ein 
Reich des Friedens, in dem Natur» und Märchenfreude blüht, Gottes- und 
Menschenliebe gedeiht und unter dem Himmel der Heiterkeit die kindlichen 
Rräfie in sreudigem Wetteifer sich regen und entfalten: dann hilfst du mit, 
die deutsche Schule schaffen, die bewußt oder unbewußt die Sehnsucht des 
deutschen Volkes ist. ' Maria May. 
Erziehung zu lünstlerischcm Empfinden. 
(Zugleich eine Buchbesprechung). 
Je mehr wir uns mit der Erkenntnis, daß das heil nicht im bloß 
verftandesgemäßen liegt, vom rein Stofflichen. Greif- und Meßoaren, vom 
äußerlich Nützlichen abwenden zu Höheren Zielen, desto mehr gewinnt der 
Gedanke der Kunsterziehung an Iverbekrast. Die Richtlinien der Reichs, 
fchulkonferenz, die Richtwege einer zeitentsprechenden Pädagogik zeigen 
wollte, sagen: „Die Schule hat die Rufgabe, künstlerische Gestaltungskraft 
und die Empfänglichkeit für Runst zu wecken. Jedem Lehrer soll in seiner 
Rusbildung die Möglichkeit gegeben werden, künstlerische Rnlagen nach 
Begabung und Neigung zu entwickeln. Für b'e Übergangszeit ist zu 
fordern: 1. daß die Schule in ihrer gesamten vildungsarbelt mehr als 
bisher die Sinne, die Rusdrucksmittel und das Formgefühl der Jugend 
entwickelt; 2. daß die Runstfüch r den wissenschaftlichen Fächern gleichwertig 
geachtet werden, vie Schüler sollen auf allen Stufen mit Werken der Runs: 
in lebendige Fühlung gebracht werden * — Jeder, der erkannt hat, wie 
groß der Einfluß veredelnder Gemütsbildung auf die Lebenshaltung eines 
Menschen ist. wrrd die Erziehung zur Runst um der inneren werte willen, 
mit denen sie die Seele bereichert und erhebt, pflegen. Christian Reller 
sagt in seinem Bache, ver weg zum vildgenuß: „Ver Mann aus dem Volke 
braucht einen Schutzgeist, der ihn vor Gemeinem bewahrt, fo notwendig, 
wie die wohlverdiente Ruhe nach des Tages Last und Rrbeit; denn dre 
Wirklichkeit wäre furchtbar und das Maß der Pflichterfüllung unerträglich, 
wenn sich unsere Gedanken nicht in eine Welt flüchten könnten, die einen 
verklärenden Schein auf die Schattenseiten des Lebens wirft*. 
wenn wir eine Entwicklung anstreben, so müssen wir zuerst fragen, 
ob Möglichkeiten, Rnlagen zu solcher Entwicklung vorhanden sind. Solche 
Rnlagen führen wie alle Reime in der Seele ein zum großen Teil mibe, 
wußtes Leben. Daß künstlerische Rnlagen im Rinde ruhen, beweisen u. a. 
sein starkes Gedächtnis für Gesich'seindrücke, feine namengebende Schöpfer 
kraft. die jedem Erwachsenen auffällt, die B'ldk.aft der kindlichen Sprache, 
die Rraft zu personifizierender Gestaliung. Var alles find Grundlagen zum 
Dichter. Für eine streng wissenschaftliche Erforschung der ästhetischen Ver. 
unlagung kommen unsere Schüler nicht in Betracht. „In der Schule von 
heute verkümmern die Rufnahmeorgane der Seele, und das Erinnerungs 
vermögen für die Erscheinungen an sich wird nutzlos im Dienste der Bücher- 
Weisheit aufgebraucht * (Reller.) Lobjien hat eoenfalls nachgewiesen, daß 
die Entwicklung des ästhetischen Instinktes vom sechsten Lebensjahr an eine 
Storung erleidet, von der er annimmt, daß sie mit dem Einfluß der Schule 
zusammenhängt. Oft Hort man die Frage, ob künstlerische Begabung mit 
der Intelligenz in engem Zusammenhang stehe. Eine sichere Rntwort daraus 
hat die Forschung bis heute nicht ergeben. Ebensowenig ist nachzuweisen 
daß zeichnerische Begabung ein Zeichen künstlerischer Veranlagung sei; nia' 
neigt heute sogar eher zur aegenteiligen Rnnahme. Überhaupt scheint 
zwischen diesen Dingen wenig Zusammenhang zu bestehen. Nur eines steh: 
fest: das unverdorbene, echte Rind besitzt ein instinktives künstlerisches 
Empfinden, und in diesem Sinne sagt Hartlaub, daß in jedem Fall die Ent 
wicklung des heranwachsenden Menschen nicht nur ein Fortschritt sei, sondern 
auch ein Rückjchreilen, ein Verlust. — Man darf sich die künstlerische Rn- 
laze des Rindes nun beileibe nicht denken als Fähigkeit zum künstlerischen 
Urteil. Vie darin liegende Rbstraktion fehlt ihm noch. Jedoch hat es 
eine starke Anlage zum gebärdenhasten Beleben der Formen; das weiß 
jeder, der Gelegenheit hatte, Landjchoftsbilder von 9 —l0 jährigen Rindern 
gemalt, zu betrachten. Da ist das Charakteristische erstaunlich stark zum 
Ausdruck gebracht. Man hat die Empfindung, als o't hier jedes Ving als 
Person, jede Gestaltung als Geste gesehen sei. Ebenso lebt in den Rindern 
ein starker Sinn für Symmetrie, für Reihung und Rhythmus, auch ein ganz 
ausgesprochener Instinkt für reine Farben als Schmuckwerte. 
Wenn also künstlerische Rnlagen im Rinde ruhen, so dürfen wir auch 
auf einen Erziehung;- und vildungseinfluß hoffen. Rls Ziel sieht hartlaub, 
das heranwachsende Rind dahin zu führen, daß es auch unter den ver 
änderten Umständen des Lebens fein Bestes und Eigenstes bewußt bewahrt; 
so hofft er das „Rrnü im Manne" zu retten. Unsere Rufgade ist vorerst 
eine „Schulung der Seele, der inneren Erlebnis- und Rusdrucksfähigkeit, 
eine Erweckung des Gemütes". Nur darf man nicht in den Fedler manche! 
Pädagogen verfallen, daß man die Früchte gleichsam aus dem Erdboden 
herausheben will; man mutz sie in Gedu ö und treuer Pflege wachsen lasten 
und sie durch den Sonnenstrahl vertrauender Aufmunterung wecken, wir 
sehen den Reim in jeder echten kindlichen Rusdrucksform. als da find: 
Spiel, Gesang, Zeichnen, Basteln, hartlaub sagt von diesen Tätigkeiten: 
„Ihre Aufgabe ist im Gegensatz zum wissenschaftlichen Unterricht keine vor 
bereitende. sondern eine bewahrende, und damit legen wir ein heilsames 
Gegengewicht in die Wagschale unserer Bildung. E; gilt hier, dem Rinde 
eine glückliche, wahrhaft kindeswürdige Rindheit zu schenken, indem der 
Erzieher das Rind mit seinen besonderen Gaben in »hm wach hält, und sich 
betätigen läßt". In dieser „Bewahrung" besteht die ganze Rufgabe künst 
lerischer Bildung m den vier ersten Schuljahren. Sin bewußies Lernen 
tritt erst in späteren Jahren hinzu, hier gilt er dann zuerst, die Freude 
an allem Schönen im kindlichen Gemüte zu wecke". Reller weist uns den 
naturgemäßen weg dazu, wenn er sagt: „Vie Ehrfurcht, die uns mehr 
denn je noitut, Mi,ß erst an den kleinen und großen vingen der Natur 
geübt werden, ehe sie sich vor den geistigen werten unseres Daseins beugt. 
Es ist sür den Menschen ersprießlicher, sich über ein Blatt >m winde 
freuen, als es unter das Mckrochop zu legen. . . viele Harmlase Freude 
stellt bereits erstes Keimhaftes Runstintereste dar. und wir sollten uns wohl 
hüten, die wunderbauten der kindlichen Phantasie aus solch primitiven 
Dingen mit nüchierner Weisheit zu zerstören'. Und darum tadelt Reller 
unsern Naim kr'.ndeunteri ich», der meist nur die Wesen der Natur nach ihrem 
Nutzen, ibrec Sweckmäß gkeit betrachtet, ohne dem Schönen ein Wort oder 
einen Blick zu widmen, vieselden Vorwürfe treffen mit Recht auch den 
Grchichls- und Erdkundeunterricht. Ja, wenn w,r Lindes wertvolle Rn- 
regungen vom anschaulichen Lernen stets beachteten, dann würde das Ge 
mütsleben unseres Rindes viel weniger zu kurz kommen, h. Rempinsky 
zeigt uns in seinem Buche „ver Winter in der Dichtung", wie man die 
Sinne des Schülers auf das Schöne richten loll. „wre schauen die ver 
schiedenen Bäume unter der Schneelast aus?" Ferner lerne die Juoeno 
auf die Farben achten. Wie mannigfach ist das scheinbar so einfache weiß! 
Ruch zum einfühlenden Sehen muß das Rind kommen. Remgin-Ky leitet 
sie an, kleine Bilder aus der winterlichen Natur herauszuschneiden, vno 
ihnen einen Titel zu geben. „Im Schnee ertrunken" heißen sie den Anblick 
einer fchneeoerwehten Tannrnbäumchens, das Bild des schneeumvülllen 
Pumpe» stock; betiteln sie „Im neuen winterrock". Doch auch Horen lernen 
muß die Jugend: hören auf die Wintermusik des Schnees unter unsern 
Fkßen, auf das Schlittengeläute und dar Snmmengemirr der eislaufenden 
Schar. Dann versteht man vielleicht auch bald di« Mannigfaltigkeit des 
winterlichen Schweigens. — Ruf eines kommt es an: die Rmder auch mit 
dem Gemüt an die Dinge zu führen. Und auch die Schulstube selbst loll 
freundlich zu ihnen sprechen, und auch ihr Gesicht soll mit den Jahreszeiten 
wechseln, weil ja auch sie eine lebendige Welt sein soll. Für die rechte 
Rrt des Bildschmuck; in der Schule finden wir sehr gute hinweise bei Reller. 
vie Hinfühlung vom rein gefühlsmäßigen zum bew ßt wertenden 
künstlerischen Empfinden erfordert ratürlich auch eine gew sse Einführung 
in die Technik der Runstformen. Rrllrrs Buch zeigt uns diesen weg auf 
dem Gebiete der Biidkunst; Rempinsky weist »hn uns in den Garten der 
Dichtung. 
ver Gedanke, in unserer Jugend das künstlerische Empfinden zu wecken, 
ist bei manchem ost von neuen Bestrebungen der letzten Jahr«, oft auch 
von einer einseitig gerichteten Rrbeitsschuivädagogik in den Hintergrund 
gedrängt worden. Und doch darf er im Rahmen einer auf allseit ge Sr- 
fa,ung und Erweckung der kindlichen Rräfie gerichteten Lrzieberarbeit 
nicht fehlen, vor allem aber gilt auch hier das Wort Lichtwarcks: „6lle 
Schulreform steht und fällt mit dem Lehrer, vie besten Stundenpläne 
können ihn nicht beflügeln, die schlechtesten ihn nicht hemmen, ver Rern 
feiner wirkungsfähigkeit liegt in der lebendigen Rraft, d,e er entfaltet, 
und in der Rraft, die er in fernen Schülern entwickelt". Clara wirtz. 
vie dem Rufsatz zugrunde liegenden Werke, die jeder Lehrerin warm 
empfohlen feien, heißen: 
Hartlaub: ver Genius im Rinde. Verlag F. Hirt. Breslau. 
Christian Reller: ver weg zum vildgenuß. Eine E nführung in di» 
künstlerische Erziehungsarbeit der Schule. Verlag Michael Prögel, 
Rnsbach. _■ 
Heinrich Rempinsky: vie Führung der Jugend zur Dichtkunst. (Der 
Winter in der Dichtung) Verlag vürc, Leipzig. 
Line Winterwanderung. 
„Rinder, wenn es morgen schön ist, wollen wir eine kleine Wanderung 
machen." Vas freudige „Rh" zeigte mir, daß ich großen Beifall fand. 
Rm anderen Tage hatte es zur allgemeinen Überraschung bart gefroren. 
Eine feine Schneedecke hatte die ganze Natur eingehüllt. Vas war dos 
richtige Weiler für unseren Ru-flug. In warme Mantel gehüllt, die Mützen 
über die Ghren gezogen, Irrten wir unseren Gang an. war das schon, 
eine Freute, ein Jubel! „wir gehen zur wakeley". 
Den breiten Bergweg ging es hinauf, der ziemlich glatt war. Vas 
aber tat der Freude keinen Abbruch. Schon konnten wir einen Bl'ck in 
das langgestreckte Tal zu unserer Rechten werfen. Mehrfach teilten sich die 
verschneiten Wege, die sich um die hohen Berge wenden. Ganz hinten 
ragte ein Bergkegel mit dunklen Tannen hervor, die sich scharf von det 
weiß:n Umgebung abhoben. 
„D wie herrlich," rufen entzückt einige Rinder. 
Schon deklamiert eine: „ver Schwarzwald steht voll finstrer Tannen." 
„Recht, das ist ein ganz kleines Stückchen Schwarzwald, fo mag et 
wohl auch jetzt aussehen," sagte ich. 
Ein kleiner Bach, der sich tief zu unseren Füßen in einen größeren 
ergoß, gab uns Gelegenheit, «ine Mündung zu beobachten. 
Wir nehmen unsere Wanderung wieder auf. va erhebt sich zu unserer 
Linken, etwas hoch gelegen, die Fliedenskapelle. 
Schon erklettern die ersten den steilen Pfad. In der trauten Rapcue 
singen wir das alte Muttergotteilied: Maria zu lieben. Nun sehen wir 
uns einmal um. Vas uralte Rreuz vnd die Figuren betrachten wir: „G. 
wie schade, dieser Figur fehlt das Händchen," sagt eine. „Vas ist aber 
häglick " eine andere. Var gibt mir Rnlaß. die Rinder darauf hinzuweisen, 
wie schändlich es ist, solche Sachen zu beschädigen, von außen sehen wir 
uns das zierliche Rirchlein an. va wir in der Woche etwas von der 
Runst im Mittelalter gelernt hatten, ruft eine: „vie Rapelle ist im gotischen
	        
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